Kolumne mit Peter Walsh

Von Edinburgh nach Edinburgh

Ich habe im Laufe der Jahre viel Zeit in Schottland verbracht, aber die meiste Zeit davon saß ich hinter einem Pult im Studio. Diesen Sommer dachte ich mir, dass es mal Zeit ist, mehr von diesem faszinierenden Land und seiner atemberaubenden Landschaft, vielfältigen Kultur, einzigartiger Tradition und großem musikalischem Erbe zu entdecken. Mitten in der rekordverdächtigen Hitzewelle starteten wir in London und landeten eine Stunde später in Edinburgh, wo am Eröffnungstag von The Fringe, dem größten Kunst-Festival der Welt, etwas kühlere Bedingungen herrschten. Schätzungen zufolge besuchen zu diesem Zeitpunkt mehr als 2,5 Millionen Menschen die Stadt. Das ist mehr als das Fünffache der Einwohnerzahl. Es schien, als würde an jeder Straßenecke ein Dudelsack Scotland The Brave schmettern. Untersuchungen haben ergeben, dass es in Schottland über 10.000 Dudelsackpfeifer gibt, und es hörte sich so an, als seien sie alle in Edinburgh, um uns zu begrüßen.

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Meine erste Erfahrung mit der Aufnahme eines Dudelsacks machte ich für die britische Synth-Pop-Band »Kissing the Pink« im Jahr 1985. Wir haben in den Union Studios in München gearbeitet und einen Pfeifer aus Glasgow eingeladen, um das Solo für einen Song namens Can You Hear Me einzuspielen. Wir hatten viel Spaß dabei, mit den vielen verschiedenen Sounds, die aus den Rohren kommen, zu experimentieren und ein Stereobild aus den Drohnen sowie das Multi-Tracking für die singenden Melodien zu erstellen, um die Illusion einer Band, die über die Hügel marschiert, zu kreieren. Die Session ging bis weit bis in die Nacht.

Als ich am nächsten Morgen ins Studio zurückkam, fand ich eine leere Flasche Johnny Walker … und ein paar leere Lederstiefel. Wie gut der Pfeiffer nach all dem Whisky gespielt hatte, werde ich nie verstehen, und ich werde mich auch immer fragen, wie er am nächsten Tag ohne Schuhe nach Hause gereist ist. Die Schotten haben jedoch den Ruf, hart zu sein, und ich denke, das hat er bewiesen!

Zurück in Edinburgh machten wir, um den Massen des Festivals − und den Pfeifern − auszuweichen, eine Wanderung über den Arthur’s Seat, einem 250 Meter hohem Hügel mit spektakulärem Blick über die Stadt. Auf halber Strecke des steilen Hügels wurde ich von einem jungen Mann mit beeindruckender Geschwindigkeit überholt, der ein Gitarren-Gigbag um den Rücken geschnallt hat. Als wir 45 Minuten später dem Gipfel näher kamen, war er wieder da: Wir wurden von der Musik des Akustik-Trios Doran Mara (Violine, Bratsche, Gitarre) und durch die kühle Luft begrüßt. Ich liebe Folk, und ich habe schon einige Folk-Alben aufgenommen, aber ich hatte nie das Vergnügen, davon eine Darbietung auf dem Gipfel eines Berges zu erleben. In einem solchen Rahmen steigt die musikalische Performance zu einem höheren Niveau! Musik, die von dem Land inspiriert und dem Land zurückgegeben wurde. Straßenmusik in bester Art und Weise − weit weg von den erstickenden Gängen der Londoner U-Bahn. Die Hügel waren an diesem Tag »lebendig durch den Klang der Musik«!

Wir fuhren weiter nach Nordwesten in Richtung Balquhidder, einem winzigen Dorf in der Näher mehrerer kleiner Seen im Trossachs Nationalpark. In dieser Gegend von Schottland habe ich die meiste Zeit mit Recordings verbracht − mit den Simple Minds in den 80ern und 90ern −, und ich freute mich, mit meinem alten Kumpel Jim Kerr (Leadsänger und Komponist von Simple Minds; Anm.d.Red.) in seinem Landsitz Mittag zu essen. Jim wuchs in einem der ärmsten Viertel Glasgows auf und erzählte mir Geschichten über die frühen Jahre der Simple Minds, wie er und der Gitarrist Charlie Burchill auf der Suche nach einem Plattenvertrag per Anhalter nach London gefahren sind. Es war schwierig, mit einem A&R zu sprechen, also überließen sie die Demobänder den Sekretärinnen, die, wie sich herausstellte, ihre Musik liebten und ständig im Büro abspielten. Jim kehrte zwei Wochen später nach Hause zurück und stellte fest, dass das Telefon permanent wegen der Einladung zu einem Vorspielen in London geklingelt hatte. Er lehnte die Angebote ab und schlug den leitenden Mitarbeitern der Plattenfirma höflich vor, nach Glasgow zu reisen, um die Band live zu sehen. Schottland, Glasgow, Fans der Heimatstadt … hier erfährt man den wahren Geist der Musik und woher sie kommt!

Es war faszinierend, mit Jim über sein Leben zu sprechen und insbesondere darüber, wie verbunden er sich als Teil dieser Welt fühlt. Er war die meiste Zeit der 40 Jahre seiner Karriere unermüdlich in der ganzen Welt auf Tour gewesen. Jim fühlt sich mehr zu Hause, wenn er in dem Land ist, das die Musik der Simple Minds so beeinflusst und inspiriert hat.

Von Balquhidder und den Ufern des Loch Tay setzten wir unsere Reise querfeldein zum Küstenort Fort William fort, wo der Weg uns in Schottlands berühmteste Schlucht, Glen Coe, führte. Es ist kein Wunder, dass diese Gegend Kulisse für so viele Filme war, einschließlich Monthy Pythons Holy Grail, Harry Potter und den James-Bond-Film Skyfall. Die Landschaft ist sensationell, die Farben unvergesslich − egal bei welchem Wetter. Umgeben von einer solchen Weite und imposanten Landschaft bekommt man eine ganz andere Perspektive davon, wie klein und unbedeutend wir doch sind.

Wir folgten der Straße nach Norden in Richtung Iverness und hielten für eine Nacht in einer Hütte hoch oben am Drumnadrochit (versuch das mal nach ein paar Whisky zu sagen!) mit Blick auf die riesige Weite an Wasser namens Loch Ness. Schottland hat im Laufe der Jahre viele klassische Pop-Songs inspiriert, darunter den Ohrwurm Mull Of Kintyre von Paul McCartney and Wings. Paul beschrieb es als »ein Liebeslied, inspiriert von Land und Meer, indem wir uns entfernen und zurückkehren wollen«. Und genau das tut Schottland! Es erfüllt dein Herz und lässt nicht los. Rod Stewarts Every Beat Of My Heart ist ein weiterer Love-Song: »And the swirling pipes. How they make a grown man cry.«. Liebe sie oder nicht, es ist schwer zu leugnen, dass diese Songs und die Präsenz eines Dudelsacks die Enormität und die Macht mit großer Wirkung des Landes zum Ausdruck bringen. Peter Gabriels epischer Song Biko mit seiner bewegenden und herzzerreißenden Melodie verwendet den Klang von Dudelsäcken, um die Empörung und Trauer nach dem Mord an Stephan Biko zu betonen, einem der prominentesten Aktivisten der Anti-Apartheid-Bewegung. Ich habe an vielen verschiedenen Versionen von Biko gearbeitet, und es treibt mir jedes Mal die Tränen in die Augen. Ein Dudelsack ist auch in Gabriels Come Talk To Me zu hören, einem Song, durch den er seine Frustration über menschliche Beziehungen und familiäre Kommunikation ausdrückt. Bob Dylans Song Highlands soll von Schottland und seinem berühmtesten Dichter Robert Burns inspiriert sein. In der Tat könnten die einleitenden Worte »My heart’s in the Highlands« aus einem Gedicht von Burns aus dem Jahr 1789 stammen. Dylan fährt fort mit: »Gentle and fair, honeysuckle blooming in the wildwood air.« 2004 verlieh ihm die Universität von St. Andrews den Ehrendoktortitel. Mit diesen Melodien im Kopf und vielem mehr, was uns auf unserer Reise über Hügel und durch die Täler begleitete, fuhren wir weiter. Nächstes Ziel: Buckie an der Nordküste.

Das Akustik-Trio Doran Mara

Und zu diesem Zeitpunkt fing es an zu gießen. Wir hatten glücklicherweise den größten Teil des schlechten Wetters in Großbritannien vermeiden können, aber hier holte es uns ein. Macht nichts! Burgen in Hülle und Fülle sowie antike Ruinen boten uns Rettung. Um das echte Gefühl davon zu bekommen, wie es vor 500 Jahren gewesen sein muss, gibt es nichts Besseres, als im strömenden Regen um eine alte Ruine zu laufen. Hab ich übrigens schon immer gesagt!

Wir besuchten den Ort Pennan an der Küste von Banffshire, wo ein Großteil des Films »Local Hero« gedreht wurde, mit seinem wunderschön eindringlichen Soundtrack, komponiert und aufgeführt von dem in Glasgow geborenen Mark Knopfler (Dire Straits). Songs wie Going Home, The Mist und Covered Mountain erinnerten uns an Schottlands magnetische Anziehungskraft. Ich habe Mark aufgenommen, als er 1984 seine berühmte National-Resonator-Gitarre für das Album Climate Of Hunter von Scott Walker einspielte.

Die letzte Etappe unserer achttägigen und 750 km langen Reise führte uns durch den Cairngorms National Park in ein kleines Bauernhaus in der Nähe von St. Andrews, das weitgehend als Geburtsort des Golfsports gilt und Heimatstadt der University of St. Andrews ist, der dritt ältesten Universität im englischsprachigem Raum und die älteste in Schottland. Hier traf ich Sarah aus New York, die außerhalb der Ruinen einer der größten und bekanntesten Kathedralen im Land Dudelsack (und das sehr laut!) spielte, um ihr Chemiestudium zu finanzieren.

Das Reisen durch Schottland hat viele Erinnerungen an meine Zusammenarbeit mit Künstlern und Musikern geweckt, mit denen ich zusammengearbeitet habe und die entweder von diesem faszinierenden Ort stammen oder stark von ihm beeinflusst wurden. Unterwegs habe ich junge Musiker getroffen, die in ihre Fußstapfen getreten sind. Das zeigt, dass dieses Land immer noch eine neue Generation künstlerischen Schaffens inspiriert und fördert. Möge dies noch lange anhalten!

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