Legenden, Götter, Trash

Vintage Recording Gear – Highlights der Redaktion

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Was niemand essenziell benötigt, der Normalanwender kaum kennt, aber jeder Eingeweihte unbedingt haben will, das nennt man Kult. Doch wie wird ein Gerät zum Kultobjekt? Und welche Recording-Tools sind die ultimativen Kultgeräte unserer Zunft?

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Laut Wikipedia bezeichnet Kult die Gesamtheit religiöser Handlungen; wichtig sind drei Aspekte: ein Kultobjekt, eine Personengruppe und eine Anzahl mehr oder weniger ritualisierter Handlungen. Auf Recording bezogen, muss man den Begriff Kult etwas tiefer hängen. Kultobjekte gibt es hier ganz sicher, und auch eine Kultgemeinde. Aber ritualisierte Handlungen? Hmm … Ich persönlich kenne niemanden, der einen Tanz vollführt oder einen Gong schlängt, bevor er den 1176 anwirft. Aber wer weiß schon, wie die Engineers in Tibet oder Burkina Faso ticken?

Gehen wir aber mal davon aus, dass der Kultbegriff in der Audiotechnik eher umgangssprachlich gebraucht wird, ähnlich wie man von Kultbüchern spricht. Oder von Kultfilmen wie jenem, der diesem Artikel seinen Titel leiht: Dieses obskure Objekt der Begierde des spanischen Kultregisseurs Luis Buñuel. Kennzeichnend für solche Werke mit Kultcharakter ist, dass sie weder dem Massengeschmack noch dem der erlauchten Elite entsprechen.

Charles Bukowski findet sich bis heute auf kaum einer Lektüreliste, und ich erinnere mich dunkel, dass die frühen Tarantino-Filme anfangs als »unmoralisch« abgetan wurden. Der große Erfolg stellte sich erst ein, als die Wenigen, die diese Werke für sich entdeckten, kraft ihrer Begeisterung einen Kult schufen.

Kult in diesem Sinne ist eine Form von Gegenkultur, die sowohl den Kitsch des gemeinen Volkes als auch den Snobismus der selbsternannten Eliten ablehnt. Bisweilen geht die Ablehnung etablierter Vorstellungen so weit, dass offensichtlicher Trash als Kult neu entdeckt wird. Beispielsweise Ed Woods Plan 9 aus dem Weltraum, der als »schlechtester Film aller Zeiten« erst verachtet, dann gefeiert wurde. Häufig spielen Mythen um die Entstehung eine Rolle, und nicht selten werden einstige Schwächen zu »kultigen« Schrullen uminterpretiert. Continuity-Fehler, ins Bild ragende Mikrofone, wackelnde Filmkulissen − macht das den Film nicht umso liebenswerter?

All das gibt es im Recording-Sektor auch. Die neue Toleranz für Fehler und Unregelmäßigkeiten dokumentiert, wo wir heute stehen. Technische Perfektion ist so allgegenwärtig, dass wir keinen besonderen Genuss mehr daraus ziehen. Einst gab es keinen spannenderen Moment, als die Plattennadel auf die neuste Scheibe von Alan Parsons zu senken. Jede Note fein ziseliert, kein Rauschen, kein falscher Ton! Heute ist das langweilig. Im Zeitalter von 24-Bit-Recording, Melodyne und verlustfreiem Editing ist Perfektion commonplace − und, schlimmer noch, ein Indiz für Manipulation! Was heute aus der Masse heraussticht, ist das originär Schräge, das Charakterstarke, das Kultige.

Kult kann also vieles sein: Götterverehrung oder Gegenkultur. Un erreichbare, von Mythen umrankte Kultobjekte oder trashige Kultklassiker; seltene Preziosen oder unterschätzte Allerweltgeräte. In jedem Fall entsteht aber eine Kultgemeinde, eine Gemeinschaft von Nutzern, die eines vereint: ihre Verehrung für Geräte, die die Allgemeinheit nicht kennt, geringschätzt oder für veraltet, ja nutzlos hält. Kult ist das Gegenteil von Mainstream. Kult, das heißt: Wir gegen den Rest der Welt.

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Technik-Kult durch Kult-Technik

Kultstatus erlangt ein Gerät nicht zuletzt durch seinen einzigartigen Klangcharakter. Wann immer ein Gerät nicht einfach »Dienst nach Vorschrift« macht, sondern bewusst klangformend und -färbend agieren soll, dann liegt der Gedanke an Röhrentechnik in der Luft. Tatsächlich arbeiten viele Kultgeräte mit Röhren. Also, was ist dran am Röhrenkult?

Kult hat immer auch eine psychologische Komponente. Erstrebenswert ist das, was man nicht besitzt oder seltener vorkommt. In Phil Ramones lesenswerter Autobiografie Making Records kann man nachlesen, dass einer seiner frühen Kunden das Label Solid State Records war, das seine Platten zu 100% auf transistorisiertem Equipment produzierte. Mitte der 1960er war Halbleitertechnik aufregend und neu, sauberer Sound hip und erstrebenswert. Heute, da wir von quietschsauberer Transistortechnik umgeben sind, sehnen wir uns nach dem weichen Wohlklang der Röhrentechnik.

Fast hätte ich »zurück« hinzugefügt, aber die wenigsten von uns sind ja noch mit Röhrentechnik aufgewachsen. Röhren-Nostalgie ist eine Art Phantomschmerz, denn die »gute alte Zeit« verortet fast jede Generation vor der eigenen Geburt. Kult fängt im Kopf an; es wäre aber ein Fehler, Kult als reine Sentimentalität abzutun. Wenn Geräte zu Kultobjekten werden, liegen in der Regel reale Qualitäten vor, die lange unterschätzt oder unterschlagen wurden.

Dass Röhrengeräte anders klingen als Transistorgeräte, liegt keineswegs nur an den Röhren selbst. Studiogeräte mit Röhren sind in aller Regel mit Übertragern symmetriert, die deutlich zur Klangfärbung beitragen. Vor allem aber arbeiten Röhrenschaltungen mit viel weniger aktiven Bauelementen. In vielen Röhrenvorverstärkern sind gerade mal zwei Röhren pro Kanal verbaut. Ein heutiger Transistorvorverstärker besteht dagegen aus einer Vielzahl von Einzeltransistoren und/oder etlichen Operationsverstärkern, deren Chips Dutzende von Transistoren beinhalten. Ein Großteil der zur Verfügung stehenden Verstärkung wird zur Gegenkopplung verwendet, d. h., ein Teil des Ausgangssignals wird phaseninvertiert auf den Eingang zurück gegeben, quasi zur Fehlerkorrektur. So lassen sich außerordentlich hohe Linearität und extrem niedrige Verzerrungswerte erreichen.

In klassischen Röhrenschaltungen steht dagegen kaum mehr Gain zur Verfügung, als für die primäre Verstärkungsaufgabe benötigt wird. Entsprechend gibt es wenig oder sogar gar keine Gegenkopplung, und das bedeutet, dass die Artefakte der passiven Komponenten kaum oder gar nicht kompensiert werden. Die Klangfärbung dieser Geräte liegt also längst nicht nur in der Röhrentechnik selbst, sondern auch daran, dass die färbende Wirkung der verschiedenen Komponenten nicht unterdrückt wird.

So ergibt die Gesamtheit der Nichtlinearitäten aller Bauteile eine komplexe Textur, die dem Signal seinen Charakter aufprägt. Damit der Moschus dieser Klangtextur nicht allzu streng wird − soll ja nicht miefen wie der komplette Moschusochse −, bestehen die meisten Vollröhrengeräte durchweg aus sehr hochwertigen Bauteilen. So sind die Koppelkondensatoren meist teure Folientypen, während in modernen Transistorschaltungen häufig billige Elkos zum Einsatz kommen. All das macht Röhrengeräte teuer. Und sexy.

Götterdämmerung

Genau das richtige Stichwort, um den ultimativen Kult-Röhrenvorverstärker zu küren. Offensichtliche Kandidaten wären die Rundfunk- Verstärkermodule der 50/60er wie der legendäre V72 oder der seltenere V76. Diese Geräte wurden ohne Rücksicht auf Kosten konstruiert − GEZ sei Dank.

Es gibt aber auch geniale Vollröhrengeräte aus aktueller Produktion, die besser auf die heutigen Wünsche und Bedürfnisse abgestimmt sind. Mein persönlicher Liebling war lange der A-Designs MP-2, der aus feinsten Komponenten aufgebaut ist. Eingangsseitig kommt ein leckerer Jensen-Übertrager zum Einsatz, ausgangsseitig ein Custom-Übertrager, so groß wie Klitschkos haarige Männerfaust. Dazwischen eine zweistufige Röhrenschaltung völlig ohne Gegenkopplung.

Noch mehr fasziniert mich aktuell die sagenumwobene Manley Voxbox. Ein vollausgestatteter Channelstrip mit allem, was den Röhren-Enthusiasten sabbern lässt wie Pawlows Hund. Da außer dem Mikrofoneingang auch der Line-Input und sogar die beiden Inserts trafosymmetriert arbeiten, bringt es dieses Mono-Gerät auf fünf (!) Übertrager, allesamt von Manley selbst gewickelt.

Zur Klanggestaltung gibt es einen Induktor-basierten 3-Band-EQ, der auf dem legendären Pultec Midrange-EQ basiert, jedoch um zusätzliche Frequenzbereiche erweitert wurde. Die Dynamik kontrolliert ein optischer Kompressor, der gewisse Parallelen zum Universal Audio LA-2A aufweist, den Pegel allerdings nicht wie üblich hinter, sondern vor der Röhreneingangsstufe abfängt − eine Manley-Spezialität. Zusätzlich verfügt die Voxbox über eine Baugruppe, die es in der goldenen Röhren-Ära der 50er/60er noch gar nicht gab: einen De-Esser. Genau das macht den Reiz der Manley Voxbox aus. Sie verkörpert alle Tugenden eines Vollröhrengeräts, ist aber keine bloße Kopie eines Vintage-Klassikers, sondern orientiert sich an den Bedürfnissen der heutigen Musikproduktion.

Vor allem aber klingt die Voxbox sehr edel. Das Klangbild ist geschmeidig, seidig, fett und teuer. Ganz anders, als man es von Möchtegern-Röhrengeräten kennt, die einen einsamen (LED-beleuchteten) Glühkolben für schnöde Verzerrungseffekte nutzen. Charakter ist aber kein Effekt, sondern eine Eigenschaft. Die Voxbox ist frei von Effekthascherei. Im Gegenteil, es ist bemerkenswert, wie natürlich und unverstellt das Signal bleibt, selbst wenn alle Bearbeitungsstufen beherzt zugreifen.

Kultstatus erlangt die Voxbox allerdings auch durch ihren Preis von 5.592,− Euro (UvP), der sie für viele Anwender zum unerreichbaren Traum macht.

Die coolen Filtern mit Spulen

Röhrentechnik ist keine zwingende Voraussetzung, um zu Kultstatus zu gelangen. Tatsächlich besitzt das obskurste Objekt der Begierde in meinem eigenen Studio weder Röhren noch irgendwelche Halbleiter. Es handelt sich um ein rein passiv, d. h. aus Widerständen, Kondensatoren und Spulen aufgebautes Hoch/Tiefpassfilter der Firma Wandel & Goltermann vom Typ HTP-8078. Bei einem Besuch bei Echoschall in Berlin hat mir Carsten Lohmann diese seltenen Geräte vorgeführt. Tags darauf sah ich zufällig eines auf eBay, welches ich spontan kaufte. Ich habe nie wieder eines gesehen.

Das gute Stück, eigentlich ein Laborgerät, wiegt 27 Kilo und besteht im Innern aus mehreren vergossenen Filtermodulen, jedes so groß wie eine Autobatterie, die kunstvoll mit zwei riesigen Drehschaltern verdrahtet sind. Alleine das glockenhelle »Ping« beim Umschalten ist ein Erlebnis. Die Klangbearbeitung erst recht. Die Passivfilter greifen mit einer enormen Flankensteilheit von 35 dB/Oktave, und zwar nahezu ohne Pegelverlust! Damals eine technische Meisterleistung. Aus heutiger Sicht bemerkenswert ist, wie natürlich und hochwertig das verbliebene Nutzsignal im Passband klingt.

Ein Kultgerät ganz anderer Art, aber ebenfalls mit Spulenfiltern, ist der Vermona E 2010. Dabei handelt es sich um einen zweikanaligen Grafik-EQ aus DDR-Produktion. Im Westen arbeitete man ab Mitte der 70er bereits mit rein halbleiterbasierten EQ-Schaltungen, aber im Osten Deutschlands waren Operationsverstärker wohl teurer als Induktorspulen. Tatsächlich arbeiten im E 2010 pro Kanal nur drei diskrete Transistoren. Die damalige Mangelwirtschaft beschert dem Vermona-EQ heute einen Klang mit Kultcharakter.

Das Gerät klingt herrlich knarzig und irgendwie charmant. Ein Trabbi für die Ohren! Der Vermona E 2010 ist das ideale Gerät, um langweilige oder »digital« klingende Signale interessanter und »analoger« zu machen. Die zweikanalige Ausführung ermöglicht außerdem Pseudo-Stereoeffekte, indem man die EQ-Bänder komplementär einstellt. Drastische Eingriffe sind möglich, wenn man beide Kanäle kaskadiert.

Der E 2010 ist preisgünstig auf dem Gebrauchtmarkt zu finden. Ich besitze selbst zwei Exemplare. Bei einem habe ich die antiken Ost-Elkos in den unteren EQ-Bändern durch neue, eng tolerierte Folienkondensatoren ersetzt. Mit dem Ergebnis, dass der EQ nun sehr sauber klingt − vielleicht auch ein bisschen langweilig. Wer also den wunderbaren Knarz bewahren will, sollte lieber die originalen Billig-Elkos drin lassen.

Was sich jedoch lohnt, ist, die Ausgangs-Elkos zu vergrößern (im Schaltbild C604). Diese sind mit nur 1µF für eine ordentliche Tiefenübertragung völlig unterdimensioniert. Hier kann man ruhig 47 µF oder mehr einlöten (min. 35V). So erhält der olle EQ zeitgemäßen Wumms.

Von Kompressen und Klonen

Kaum eine Gerätegattung ist so kultverdächtig wie Dynamikkompressoren. Nicht genug, dass fast jeder Vintage-Kompressor seine eigene Fangemeinde hat, Kompression an sich ist bereits Kult. Längst geht es nicht mehr nur darum, dynamische Signale unter Kontrolle zu bekommen; Kompressoren sind Klanggestalter geworden. Viele Mix-Engineers greifen fast reflexartig zu bestimmten Kompressoren, um eine besondere Textur zu erzielen; mitunter sind Inserts schon mit bestimmten Geräten fest verdrahtet, weil etwa die Snare immer durch den 1176 muss. Quasi als rituelle Handlung. Na, wenn das kein Kult ist!

Kultkompressoren gibt es in allen Bedeutungen des Wortes, vom Trash-Kult des Valley People Dyna-Mite bis hin zum Götterkult des Fairchild 670. Und dann natürlich der Kultkompressor schlechthin, der Universal Audio/Urei 1176. Ein 50 Jahre alter Vintage-Klassiker, der ob seiner ultraschnellen Regelzeiten und des charakterstarken Sounds nie aktueller war als heute. Der 1176 ist vielleicht das meistverwendete Studiogerät überhaupt. Und wohl auch das am häufigsten geklonte, sowohl als Hardware-Nachbau wie auch als Software-Plug-in.

Womit wir zu einer wichtigen Frage kommen: Sind Clones und Emulationen von Kultgeräten ebenfalls Kult? Nein. Denn es fehlt ihnen die Aura des Originals, um einen Begriff des Philosophen Walter Benjamin zu stehlen, den dieser in seinem Aufsatz »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner Reproduzierbarkeit« prägte. Zwar sind ein 1176 oder Fairchild 670 keine Kunstwerke im engeren Sinn, aber wenn jener Kultfaktor dazu kommt, sind es nicht mehr bloß technische Gerätschaften. Kultgeräte sind unnachahmlich.

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Man kann eine Frontplatte noch so fotorealistisch rendern, sogar Verschmutzungen und Rostflecken nachmalen, und doch bleibt ein Plug-in eine Nachahmung, die sich noch dazu in beliebig vielen Instanzen vervielfältigen lässt. Ähnlich wie ein Kunstdruck der Mona Lisa, der immer nur eine Nachbildung ohne Eigenwert bleibt. Bei Hardware-Clones ist der Vergleich zum Original enger. Man hat tatsächlich ein »echtes« Gerät zum Anfassen. Aber es ist immer noch kein Original. Es ist ein Gerät, das wie ein anderes klingen und agieren soll. Ein Kultgerät zeichnet sich aber gerade durch einen eigenen Charakter aus. Kult klingt nicht wie, Kult klingt. Punkt.

Der Clone eines Kultgeräts ist daher ein reines Arbeitsgerät, nicht mehr und nicht weniger. Das sollte man sich vor dem Kauf klarmachen: Geht es mir rein um die Funktion, dann tut es ein Hardware-Clone, vielleicht sogar ein Plug-in. Habe ich dagegen eine emotionale Bindung zu einem bestimmten Gerät, ist es für mich ein Kultobjekt, dann wird mich nur das Original restlos zufriedenstellen.

Mikrofon-Kult: Alltagshelden

Noch mehr Kult als um Kompressoren gibt es allenfalls um Mikrofone. Immerhin sind es die »Ohren« unserer Aufnahmen. Jedes akustische Signal, das auf Band bzw. Festplatte landet, wurde von ihnen sozusagen »vorgehört«. Zu Kultmikrofonen und wie sie unsere Recording-Welt geprägt haben, könnte man eine ganze Artikelserie schreiben. Aber welches wäre − aus meiner Sicht − das ultimative Kultmikrofon?

Bändchen-Liebhaber (wie Jack White, selbst eine Kultfigur) werden das Coles 4038 anführen. Außer durch seinen unnachahmlichen Klang fällt das einst von der BBC entwickelte Bändchen durch diverse Schrullen auf. Beispielsweise wird es unverändert mit einem antiken, völlig obskuren Steckverbinder ausgeliefert. So konservativ können nur Briten sein!

Aber auch die Shure-Klassiker SM57 und SM58 sind Kult. Ein Mythos, der sich um das SM57 rankt, ist, dass man es im Grunde für alles verwenden könnte. Und mancher Sänger hat tatsächlich seine Stimme um das SM58 herum entwickelt, sodass man sich schwer tut, ein besseres Mikro für ihn zu finden.

Kult ist sicherlich auch das Sennheiser MD 421, das sogar noch etwas älter ist als die beiden Shure-Klassiker − und vielleicht sogar noch ein bisschen vielseitiger. Einer der Mythen um das MD 421 ist, dass die älteren Modelle, insbesondere die mit SchreibschriftLogo, besser klängen als die aktuellen Modelle.

In meinen persönlichen Vergleichen hat sich das nicht unbedingt bestätigt. Zwar klingt das aktuelle schwarze MD 421 II ein wenig höhenreicher (zum Missfallen der VintageFreaks), größer ist der Unterschied allerdings in den Bässen: Das aktuelle MD 421 II macht deutlich mehr Druck.

Da die Flohmarktsaison eröffnet ist, möchte ich auf das wohl günstigste Kult-Mikrofon aufmerksam machen, das Beyerdynamic M 81. Von Trash-Kult möchte ich dennoch nicht reden, denn dieses eigentlich fürs Tonbandhobby entwickelte Tauchspulmikrofon klingt wirklich famos. Seit ich diesen »Sleeper« vor einigen Jahren publik machte, sind zwar die eBay-Preise etwas angezogen, aber auf Flohmärkten findet man das M 81 noch immer häufig für unter 20,– Euro. Zudem ist es wirklich robust; selbst schlecht gelagerte Exemplare funktionieren in der Regel tadellos.

Das ultimative Kultobjekt

Aber das ultimative Kult-Mikrofon? Da kann’s nur eines geben, das Neumann U 47. Es bietet einfach alles, was Kult ausmacht: eine Nutzergemeinde, die es mit nahezu religiösem Eifer verehrt, einen Initiationsritus, um dieser Gemeinschaft beizutreten (massiver Aderlass); ja sogar eine rituelle Handlung gibt es: das andächtige Lauschen beim Einschalten.

Das U 47 produziert nämlich ein charakteristisches, einminütiges Hörspiel: lange Stille, dann ein Rauschen, das sogleich wieder schwindet, während sich das Nutzsignal herauskristallisiert. Der wunderbar ausgewogene Klang bezaubert immer wieder aufs Neue durch seine unvermittelte Klarheit. Stimmen und Instrumente scheinen förmlich greifbar.

Neumann U47
Das ultimative Kultmikrofon: Neumann U47 — von Mythen umrankt und keineswegs nur ein Museumsstück. Sein Klang bleibt unerreicht.

Ein bisschen Angst ist auch dabei. Bei jedem Einschalten hofft man inständig, dass die Röhre weiter ihren Dienst tut. Die VF14-Stahlröhre wird seit 50 Jahren nicht mehr produziert, und es gibt keine Röhre mit den gleichen elektrischen Daten (vom Sound gar nicht zu reden). Glücklicherweise handelt es sich aber um eine sehr, sehr langlebige Röhre.

Mein eigenes U 47 hat auf der Innenseite des Gehäuses eine krakelige Inschrift, die besagt, dass die Röhre 1964 gewechselt wurde. Sie arbeitet noch immer perfekt. Die VF14-Röhre ist auch Gegenstand zahlloser Mythen, die sich um das U 47 ranken. Ein paar kann ich an dieser Stelle dementieren: Die VF14 ist keine Wehrmachtsröhre, und sie kam auch nie in Volksempfänger-Radios zum Einsatz, denn sie wurde erst nach dem zweiten Weltkrieg auf den Markt gebracht, etwa zwei Jahre bevor das U 47 1949 vorgestellt wurde.

Dementieren darf ich auch, dass das U 47 stark rauscht oder dumpf klingt. Mit einem Eigenrauschen von nur 15 dB-A (im Nierenmodus) ist das U 47 rauschärmer als viele neuere Röhrenmikros, ja sogar etliche Transistormodelle! Das U 47 hat wunderbar weiche, aber keineswegs unterbelichtete Höhen. Da fehlt nichts! Lediglich die Tiefbässe sind bei 30−40 Hz bewusst beschnitten, um Körperschall zu unterdrücken.

Übrigens: Das Gehäuse besteht aus Aluminium. Trotz seiner Größe ist es daher leichter als viele kompaktere Mikrofone. Ansonsten bietet das U 47 auch technisch alles, was zum Kult gereicht: die ultraseltene Röhre, einen dicken, fetten Ausgangsübertrager und dazwischen einen ebenfalls klangformenden Bosch MPKondensator. Das war’s auch schon, viel mehr ist nicht im Signalweg: wenige Komponenten, alle geil. Ultralecker!

Finale 

Kann man überhaupt Musik machen, ohne ein solches Kultgerät zu besitzen? Aber ja! Keines der hier erwähnten Kultobjekte ist in irgendeiner Weise essenziell. Aber unnötig sind Kultgeräte deswegen noch lange nicht! Sie sind ein wunderbarer Luxus, der unser Leben schöner macht. Und − zumindest in Teilbereichen − sogar ein für jeden erschwinglicher.

Kultgeräte aller Preisklassen geben uns etwas Wertvolles, das in Zeiten des ein – samen DAW-Recordings droht, verloren zu gehen: Gemeinschaft. Und einen Sinn für Kontinuität, das Gefühl, einer langen Reihe von Menschen anzugehören, die über die Jahrzehnte an diesen Geräten Freude hatten − und noch in Zukunft haben werden, sofern wir sie pfleglich behandeln. Seid nett zu euren Kultgeräten!

Kommentar zu diesem Artikel

  1. “Was sich jedoch lohnt, ist, die Ausgangs-Elkos zu vergrößern (im Schaltbild C604). Diese sind mit nur 1µF für eine ordentliche Tiefenübertragung völlig unterdimensioniert.”

    Eckfrequenz; 16Hz bei 10kOhm Eingangsimpedanz. Das war doch ein sehr praxisgerechter Wert, gerade im Kontext einer Livebeschallung, für die das Gerät ja wohl primär gedacht war. An Eingängen mit 600Ohm-Übertragern wird das Gerät damals wohl kaum jemand eingesetzt haben…und heute???

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