Kolumne mit dem Tonbuff

Umzug auf den neuen Audio-Rechner

(Bild: s Yana Heinstein, Wolfram Buff, Matthias Reinsdorf, Holger Vogt, Mark Craig)

Ich bin digital umgezogen.

Das Geschäft läuft gerade gut, mein kalifornischer Werkzeugkasten wird dieses Jahr stolze acht, und da dessen herstellende Obstfirma zur Abwechslung mal wieder was für Profis und nicht für Designliebhaber auf den Markt gebracht hat, sagte ich mir: »Herr Buff«, sagte ich, »es ist Zeit – gehe hin und kaufe dir einen neuen Tragrechner.« Billig war er natürlich nicht, der Rechner, aber wer sein Gerät zum Broterwerb nutzt, darf selbst bei funktionierendem Altgerät in regelmäßigen Abständen an einen Neukauf denken.

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Dass das jetzt abgelöste so lange zum Inventar bei Buffs gehörte, hat mehrere Gründe. Nicht nur den, dass mir die seither neu angebotenen Kandidaten nicht wesentlich schneller schienen und ich auch gerne mal in Eigenregie einen Boden abschraube und Eingeweide tausche. Es liegt, ganz ehrlich, an meinem Geiz.

So ein neues Gerät bietet zuverlässig einen Kometenschweif an Kontobewegungen und Lernerfahrungen, die keiner mitbestellt hat; die eifrigen Kalifornier haben hundertprozentig wieder irgendeinen Wunderstecker in ihre Kiste geschraubt, der mit allen Wundersteckern der letzten drei Geräteanschaffungen nichts mehr anfangen kann, außerdem geht knapp ein Fünftel der Programme, die auf den neuen Rechner umziehen, einfach nicht mehr auf. All das ist beim Kauf mit mönchhafter Gelassenheit als unausweichlich zu akzeptieren wie der Tod und die Steuern, und deswegen zögere ich selbst bei vollem Konto, bevor ich selbst den tollsten Rechner bestelle.

Ich weiß einfach, dass mir mindestens 300 Euro für Stecker und Upgrades ins Haus stehen, und vor allem weiß ich, dass ich für die Entdeckung und Behebung der Probleme des Umzugs von einem Computer auf den anderen samt Erlernen von deren Lösungen nicht weniger als drei volle Tage plus zwei Wochen kleinerer und größerer Nachbeben einplanen muss.

Aber was hilft’s. Nu isses halt soweit, von Kundenwünschen unabhängige Zeit wurde im Kalenderbudget vermerkt, und jetzt wird sie verprasst. Und wenn ich schon verprassen muss, will ich’s zumindest genießen.

Ich genieße es, mal ohne Zeitdruck auszumisten. Ich gehe alle meine Programme durch und frage mich bei erstaunlich vielen, warum ich die überhaupt habe. Auch unglaublich viele überflüssige Kleinteile finden sich beim Ausmisten – ein sonst zuverlässiges und auch für das neue Rechnerzuhause taugliches Programm zickt plötzlich, und, siehe da, es findet sich ein dick verstaubtes Kleinteil eines anderen, längst vergessenen und unnötigen Programmes, welches das sonst zuverlässige Programm bei der Arbeit stört. Raus damit!

Wie schon erwähnt, gehen ganz schön viele Programme, die gehen müssen, erst mal überhaupt nicht mehr, und viel zu viele davon geben im neuen Rechnerzuhause ganz den Geist auf. Von denen haben die Programmmacher irgendwann die Segel gestrichen, vielleicht auf der Webseite noch den einen oder anderen Abschiedstipp hinterlassen, aber neu gebaut wird nix. In diesem Falle muss dann Ersatz her, und das macht mir tatsächlich Spaß. Im besten Falle wird einer gefunden, der dann auch noch frischer ist und mehr kann als das verflossene Programm. Oder es wird kein Ersatz gefunden, und man findet irgendeine Umgehungsstraße, mit der man genauso schnell oder schneller als mit dem bisherigen Weg ans Ziel kommt. Wenn all dieser Aufriss unerwartet käme, wär’s tierisch nervig, aber nachdem die Zeit eh den Ausgaben zugeschrieben wurde, kann man den Inhalt ja wenigstens als Lerngewinn verbuchen.

Noch eine schöne letzte Sache ist beim Rechnerumzug genauso wie beim Hausumzug: Die Kumpels kommen endlich mal wieder vorbei. Alle packen bei einem Stapel Pizzen und einem Kasten Bier beim Umzug an; einer weiß, wie man dieses Programm neu aufbaut, einer hat die letzte Beta-Version für ein schwächelndes als Behelf. Und wenn die weg sind, das virtuelle Wohnzimmer langsam nach gemütlich aussieht, das Arbeitszimmer in Richtung brauchbar tendiert und die Teller im Schrank sind, dann is’ gut. Rom ist auch nicht an einem Tag umgezogen, und die letzten Kisten kommen einfach in den Keller.

Werden die auch noch ausgepackt? Nö. Vielleicht beim nächsten Umzug.


Hans-Martin Buff

Über den Autor

Wer bereits mit musikalischen Größen wie Prince, Zucchero, No Doubt und Mousse T. gearbeitet hat, darf sich ungestraft »Tonbuff« nennen. Hans-Martin Buff ist ein erfahrener Recording-Engineer und Producer und arbeitete viele Jahre in den Prince’ Paisley Park Studios in Minneapolis. Oder sollte man ihn Parkwächter nennen? Denn zurück in Deutschland arbeitete er in Mousse T.s Peppermint Park Studios. Sei’s drum: Unzählige berühmte Produktionen erfreuen sich heute unverfälschter Bufftonqualität. Als Kolumnist in SOUND & RECORDING macht er reinen Tisch mit Recording-Mythen und Audio-Lügen …
www.buffwerk.com

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