Studiotipps − Kniffe, die die Welt verbessern

Der Soundcheck kommt später …

»Mach mal schnell …« oder »Wir haben keine Zeit für einen ausgiebigen Soundcheck, das kannst du später noch im Mix machen.« Wir alle mögen solche Momente nicht gern. In dieser Situation kannst du nur alles abrufen, was du als größtmögliche Gemeinsamkeit für einen guten Sound durch deine Praxis-Erfahrung abgespeichert hast. Es ist in diesen Momenten völlig egal, ob es noch besseres Equipment gegeben hätte. Du nutzt einfach nur das, was du seit Jahren kennst und bei dem du dir sicher bist, dass es funktioniert.070002

Sicher, wir wachsen in unseren Erfahrungen auch durch einsame Abende im leeren Studio: Einfach mal ein Mikro nach dem anderen aufbauen und testen, wie sich der Sound verändert. Ausprobieren, welche Mikrofonkombination und Position was bewirkt. Wann wird das Signal vom Gitarrenamp zu spitz und lässt sich auch mit viel Mühe nicht mehr mischen? Welche Kombination passt auf Anhieb?

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Auch vor dem Rechner kann man jede Menge tüfteln: Welches Plug-in klingt nun besser? Wenn ich identische Einstellungen vornehme, wo liegen dann die Unterschiede? Wie klingt die Software im Vergleich zu echter Hardware?

Klappt immer: Studio-Standard

In hektischen Zeiten stelle ich immer mehr fest, dass ich zu bekannten Studiostandards zurückkehre. Wenn ich Zeit habe, experimentiere ich mit vielen unterschiedlichen Mikros für Stimmen. Heute baue ich unter Zeitdruck einfach ein Neumann U87 auf und verlasse mich darauf, dass die Aufnahme gut wird. Es gibt wohl keine Stimme, die mit diesem Mikro schlecht klingt!

Bestimmt gäbe es den einen oder anderen Fall, bei dem ein anderes Mikro passender wäre … Aber mir fehlt schlicht die Zeit, das alles auszuprobieren.

In den kommenden Folgen der Studiotipps möchte ich einige Plug-ins und Bearbeitungen vorstellen, die genau für solche Fälle gedacht sind. Das ist teilweise einfache InstantKost, aber die Sachen klingen im Endeffekt auch schnell gut oder man löst damit zumindest auf die Schnelle ein paar klangliche Probleme. Es spricht ja nichts dagegen, später eine andere Lösung detaillierter zu erarbeiten.

Oft sind das auch Plug-ins, die ich auf einem neuen Computer als Erstes installiere oder die ich in beinahe jedem Studio antreffe. Manche Software mag schon älter sein, aber diese Klassiker geraten bei der ganzen Flut an neuen Plug-ins, die jährlich über uns hereinbricht, völlig zu Unrecht in den Hintergrund.

Waves Renaissance Bass

Ich wollte in so einem Zusammenhang schon immer mal etwas über Waves Renaissance Bass schreiben. Denn angeblich benutzt niemand dieses Plug-in. Egal, wen ich frage, alle haben ihre Bass-Obertöne ganz anders erzeugt. Da wird angeblich mit Bandmaschine und Röhrenverstärkern, alten Mikros und Vintage-EQs genau der Sound gezaubert, den wir dann auf dem Album hören … Waves Renaissance Bass oder MaxxBass sind jedoch, dezent abgestimmt, wahrscheinlich auf mehr Aufnahmen zu hören, als wir auf Anhieb ahnen.

Manche Kompressoren tendieren dazu, Bass-Sounds durch unpassendes Regelverhalten regelrecht auszudünnen. Da bleiben die ersten Millisekunden laut und danach sinkt der Pegel so schnell ab, dass der Sound im Ergebnis eher dünn klingt. Sicher könnte man das alles anders einstellen und kompensieren. Ein MaxxBass-Plug-in dahinter geschaltet funktioniert aber oft ebenso gut und ich weiß nicht, in wie vielen angeblich so authentischen Akustik-Sessions ich dieses Plugin dann doch irgendwo im Kanalzug entdeckt habe.

Synthesizer-Sounds, E- und AkustikBässe, Schlagzeug und E-Gitarre − viele Einzelsounds können von den Obertönen dieses Plug-ins profitieren. Es hat seine Stärke für mich nicht unbedingt auf der Summe, sondern vielmehr in der Abstimmung mit Kompressor und EQ auf Einzel-Kanälen.

Was manche im Endmix als typisch analoges Bassfundament bezeichnen, dürfte bei einigen CDs oder Soundtracks schlicht einem der beiden Plug-ins geschuldet sein. Ich habe vor Jahren sogar mal ein Lob für einen typisch analogen Mix bekommen, der damals aus Zeitgründen komplett im Rechner entstanden war − mit Bandsättigungssimulation und RenaissanceBass für den zusätzlichen Wumms!

Mehr Raum für Samples

Wie bekommt man eigentlich etwas Tiefe für eher trockene Sounds oder sehr nahe mikrofonierte Signale in einen Mix? Es gibt dazu viele kleine Kniffe, aber es gibt ein Plug-in, dass ich seit Jahren häufig als Instantlösung für solche Tricks benutze:

Mit dem Eventide 2016 Stereo Room geht das phänomenal einfach, und ich benutze es in beinahe jedem Mix. Es funktioniert für Drums ebenso gut wie beispielsweise für ein Solo-Saxofon oder Chorgesang. Einfach Predelay, Position und Decay stark reduzieren und das Ergebnis ganz dezent dem Signal hinzumischen − eigentlich kann das Eventide dabei nie richtig schlecht klingen.

In den vergangenen Jahren habe ich das Plug-in als Ergänzung auf vielen eher trockenen Synthesizer- und Sampler-Sounds eingesetzt, weil der Raumanteil später im Mix nicht störend auffällt, sondern einfach nur die gewünschte Tiefe erzeugt.

Manches teure Hall-Plug-in tritt hier mit einem deutlichen Eigenklang hervor, dezente Einstellungen beim Eventide Reverb 2016 klingen jedoch oft so, als hätte das Signal schon seit eh und je ganz genau so klingen müssen. Selbst bei perkussiven Klängen grandios!

Drumsounds schnell anpassen

Mit SPLs Transient Designer kannst du den Attack- und die Sustain-Phase von Klängen später kontrollieren. Bei Drum-Sounds benutze ich das Plug-in häufig, vor allem, wenn es schnell gehen soll.

Wir verwenden eh Kompressoren zur Klangformung, manchmal sogar mit sehr kurzen Relase- und Attack-Zeiten zum Verzerren von Klängen. Aber es gibt Situationen, da passt der Sound einfach nicht zum Kompressor. Egal, wie du Attack- und Release deines Kompressors einstellst, manchmal klingt es einfach nicht musikalisch, weil das Regelverhalten auch mit viel Schrauberei nicht perfekt zum Sound passt.

Wenn ich aber weiß, dass der Kompressor an sich für Drums gut funktioniert und ich das Regelverhalten eigentlich mag, dann schalte ich einfach das Transient Designer vor diesen Kompressor, verändere damit den generellen Klangeindruck und stimme diesen gegen den nachgeschalteten Kompressor ab.

Analyzer im EQ

Viele EQs bieten heute eine integrierte Analyzer-Funktion. Somit sehen wir sofort optisch, wie sich unsere klangliche Veränderung auswirkt, und erkennen auch sofort problematische Stellen in unserem Signal. Wenn’s mal wieder schnell gehen soll, tendieren wir vielleicht dazu, einfach auf die Grafik zu schauen und loszuschrauben. Die Bassdrum hat einen Peak bei 110 Hz, also senken wir dort ab. Die Gitarren haben bei 5 kHz eine Delle, also heben wir dort an.

Vor Jahren habe ich mit so einem EQ auf dem großen Studiobildschirm mal den tadelnden Satz zu hören bekommen: »Du mischst ja gar nicht richtig! Du schraubst ja einfach nur den Klang so, dass er gut klingt!«

Die Sätze finde ich bis heute unglaublich, weil ich mit dem EQ natürlich nicht gegen Täler und Berge im Analyzerkämpfen möchte, sondern doch erreichen will, dass es insgesamt gut klingt. Wir sitzen nicht vor einem Computerspiel, bei dem man mit einer EQ-Walze alles begradigen muss! Ein Bass-Sound darf einen überhöhten Bass-Anteil haben, ja warum denn nicht? Wichtig ist doch nur, wie sich das Signal nachher in den Gesamtmix einfügt!

Selbst die Feinabstimmung eines LoCut-Filters kannst du nicht nur per Analyzer machen. Der Unterschied zwischen 6 dB und 18 dB Absenkung bei einer bestimmten Frequenz kann entscheidend im Mix sein und ist grafisch eventuell kaum zu sehen!

Auch wenn’s schnell gehen soll: Unsere Ohren sind nach wie vor der Maßstab, ein Analyzer kann uns lediglich einen Eindruck der generellen Frequenzverteilung geben.

Signale verbiegen

Manchmal gibt es Signale, bei denen wir wissen, dass wir sie ohnehin verbiegen und verfremden müssen. Beispielsweise ganz bewusst platzierte Raum-Mikros für eine Drumset-Abnahme oder eben auch die paar Mikros, die drumherum noch eher zufällig im Aufnahmeraum herumstanden. Zuweilen kann es ja richtig gut klingen, sie einem eher trockenen Sound hinzuzumischen und zur Klanggestaltung eines fetteren Drumsounds zu nutzen. Aber hier geht es meist nicht um einen möglichst authentischen Sound, sondern um kreatives Arbeiten.

Wenn ich so etwas vorhabe und schnell ein gutes Ergebnis haben möchte, benutze ich fast immer Metric Halos Channelstrip. Das Plug-in zeigt Gate- und Kompressor-Einstellungen und die jeweiligen Sidechain-Parameter auf einer gemeinsamen Oberfläche zusammen mit dem EQ an. Bei anderen Channelstrips muss man für eine gute Sidechain-Lösung erst Routings bearbeiten oder gar zusätzliche Plug-ins bemühen und sie über die DAW verknüpfen! Zischelnde S-Laute, übersprechende Signale, das Filtern von Störgeräuschen beim Gitarrenamp oder kreative Klangformung vor einem Effektgerät − hier finde ich beinahe immer eine schnelle Lösung.

Fazit

Wenn’s mal wieder schnell gehen muss: Natürlich sind die genannten Tools keine Allheil- und Wundermittel. Wenn der Bass furchtbar klingt, wird man mit MaxxBass daraus keinen perfekten Sound schrauben, sondern vielleicht alles nur noch viel schlimmer machen.

Von den genannten Plug-ins gibt es aber Demoversionen. Solltest du eines für einen bestimmten Einsatzzweck noch nicht ausprobiert haben und vielleicht auf der Suche nach einer zeitsparenden Lösung sein, dann ist ja vielleicht bei den genannten Tipps der eine oder andere für dich dabei. Viel Spaß beim Experimentieren!

www.soundandrecording.de/studiotipps

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