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Studioszene: Vinylschnitt-Studio Duophonic in Augsburg

Duophonic-Hauptstudio - links eine alte Neumann VMS-70-Schneidemaschine, rechts eine Maschine für Einzelschnitte
Duophonic-»Hauptstudio«: links eine alte Neumann VMS70-Schneidemaschine, rechts eine Maschine für Einzelschnitte (Bild: Caro Dentler )

Duophonic in Augsburg bietet seit 15 Jahren Vinyl-»Rundum-Service«, darunter Mastering, Folienschnitt fürs Presswerk und das Herstellen von Einzel-Schallplatten, etwa für DJs zum Auflegen oder als individuelle Kleinauflage. Zu den Kunden zählen größtenteils kleine Labels und einzelne Bands, aber auch Udo Lindenbergs Vinyl-Remaster wurden hier geschnitten. Ein prominentes internationales Projekt: ein Album von Bud Spencer, aufgenommen kurz vor dessen Tod.

Das Augsburger Vinylschnitt-Studio feierte letztes Jahr 15-jähriges Bestehen. Moritz Illner, der Duophonic mit seinem Kollegen David Jahnke betreibt, arbeitete in den 1990ern in einem Tonstudio, später bei einem Label. »Wir haben damals personalisierte Compilation-CDs angeboten: Die wurden mit einem Brennroboter gebrannt und verschickt. Das Konzept ging nur kurzfristig auf, die Firma wurde aufgelöst. Zuvor hatte ich die Idee, den Service mit Vinyl-Einzelstücken anzubieten. Die Idee blieb hängen: David und ich haben die erste Schneidemaschine gekauft, zwei Jahre später habe ich in Budapest unsere Neumann VMS 70 gefunden − dann ging es richtig los. Damals bestand Bedarf für Vinylschnitt, gerade im Münchner Bereich gab es keine anderen Dienstleister.« Sie bieten nicht nur den eingangs erwähnten Vinyl-»Rundum-Service« inklusive grafischer Gestaltung der Hüllen und des Presswerk-Auftrags, sondern auch die Betreuung von CD- und DVD-Produktionen.

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Am Abend war eine englische Band zu Gast. »Die Musiker waren gerade in der Gegend. Für Zuschauer ist der Folienschnitt oft ein ›Aha-Erlebnis‹ − jeder filmt mit seinem Handy, wie die Platte geschnitten wird. Eigentlich ist das nichts anderes als eine Kassette aufzunehmen«, meint er lachend. »Wenn der Schnitt läuft, sind alle Einstellungen vorgenommen − ich muss nur hoffen, dass alles gut durchläuft. Gelegentlich passieren kleine Unfälle: Heute kam ich beim Einmessen an die Lautstärke-Einstellung, beim Schnitt war das Ergebnis plötzlich 1 dB leiser. Ich muss abbrechen und von vorne anfangen.« Damit ist ein Folien-Rohling im Wortsinne »verschnitten«. »Wenn ich Glück habe, kann ich die Rückseite noch für Testschnitte verwenden.« Ein Rohling kostet rund 40 Euro, für eine LP-Produktion braucht er zwei Exemplare. »Im Presswerk wird der Rohling versilbert, eingespannt und in ein Galvanik-Bad gelegt. Auf dem feinen Silberfilm lagert sich Nickel ab, daraus entsteht eine dickere Nickelfolie − ein ›Positiv‹ der Rillen. Das Gleiche brauche ich auch für die B-Seite einer LP, aber durch das Einspannen in der Galvanik ist die Rückseite nicht nutzbar.«

Illner zeigt einen alten, sogenannten »Nickel-Stamper«. »Die Acetatfolie und die Nickelfolie werden getrennt. Die Galvanik im Presswerk entscheidet über Nebengeräusche; über Knistern, Rauschen und Knacksen − Vinyl-typische Artefakte. Die Versilberung muss wahnsinnig fein sein, sie soll jeden noch so feinen Oberflächen-Unterschied der Schnittfolie abbilden. Die Rillengeometrie ist manchmal recht kompliziert. Beim Trennen der beiden Materialien − das kann man sich wie das Öffnen eines Klettverschlusses vorstellen − reißen manchmal mikroskopische Kleinigkeiten ab. Das sind typische Knackser, wenn die Versilberung nicht exakt passt.« Der Pressvorgang im Presswerk? »Oben den Nickel-Stamper einspannen, unten den Stamper der Rückseite, dazwischen kommt die Plastikmasse − fertig ist die Schallplatte.«

»Direkt-Sound«

Der Klang der direkt geschnittenen Acetatfolie? »Dort sind noch keine Vinyl-Nebengeräusche hörbar − kein Knistern oder Knacksen, nur minimales Rauschen. Aber: So gut wird es nie mehr! Das Material ist sehr weich − ich kann das zwar abspielen, aber bei Folien, die ins Presswerk gehen, mache ich das nicht, weil die Rille zerstört werden kann.« Ein Hörtest eines »verschnittenen« Rohlings bestätigt: Im Direktvergleich mit dem digitalen Original sind nur geringe Unterschiede hörbar, etwa eine minimal »abgeschmirgelte« Transienten-Wiedergabe.

Einzel-Exemplare

Neben Folien für Pressungen bietet Duophonic auch Einzelexemplare auf PVC an, sogenannte Dubplates. Dazu steht rechts neben Illners DAW-Tisch ein zweiter, kompakterer Schneidetisch. »Das Produktionsprinzip ist das gleiche, allerdings sind die PVC-Rohlinge widerstandsfähiger und deutlich günstiger. Der Rohling wird ohne Rillen geliefert, ich schneide direkt rein. Das sind praktisch fertige Platten. Der Schneidekopf dafür muss viel stärker sein, weil das Material härter ist − als Nadel wird eine schärfere Diamantnadel benutzt statt Saphir oder Rubin bei den Folien.« Eine weitere Einzelschnitt-Maschine befindet sich im Studio 2. »Dort laufen die meisten Einzelschnitte.«

Arbeitsweise

»Der Unterschied zu einem normalen Mastering-Job oder Mixdown: Beim Vinylschnitt kommt es auf Zeit an. Entscheidungen, ob ein Signal zu viele Höhen hat, ob es zerrt oder zu wenig Bässe auf der Platte landen, muss ich idealerweise zwischen fünf und 15 Sekunden gefällt haben: Jede Schnitt-Minute auf einem Rohling kostet Geld. Dazu kommt: Der Sound ändert sich über die Länge. Wenn ich zehn Minuten zur Entscheidung brauche, bin ich bereits viel weiter hinten − meine Einstellungen wären für die eigentliche Stelle auf der Platte nicht ideal. Daher schalte ich intuitiv schnell hin und her. Leute, die auch sonst im Studio arbeiten, sind immer perplex, wie man das nervlich durchstehen kann!« (lacht)

Vinyl-Bearbeitung

Eine typische Signalbearbeitung für den Folienschnitt? »Ich verwende oft einen De-Esser, um ›zischende‹ Höhen herauszunehmen − eine uralte Digitalfishphones ›Spitfish‹-Freeware-Plug-in. Für meine Anwendung funktioniert das am besten. Dann: ein Korrektur-EQ für die Maschine − bei 11, 12 kHz hat die Maschine konstruktionsbedingt einen Resonanz-Peak. Ich ziehe 2 dB raus, um das auszugleichen. Im Verlauf der Plattenseite nehme ich den langsam über 18 Minuten durch eine Automationskurve heraus, weil die Höhen durch die engeren Rillen Richtung Platten-Innenseite ohnehin abnehmen. Dann kann ich das Enhancement, das die Maschine mit ihrer Obertonverzerrung macht, für mich nutzen. Es würde eher auffallen, wenn ich darauf verzichten würde.«

Er verweist auch auf analoge ADT Tool-Mod-Module, darunter eine M/S-Matrix: »Die kann ich einerseits zur Monosummierung unter 80 oder bis 300 Hz verwenden, gleichzeitig aber auch als Stereo-Widener, um das Signal über 300 Hz zu verbreitern. Ich habe noch kein digitales Tool gefunden, das das Ergebnis so musikalisch shapen kann.«

Mastering-Equipment

Für »herkömmliches« Mastering verwendet er beispielsweise einen Gyraf Gyratec X-Kompressor und einen Gyratec XIV-EQ, beides Röhrengeräte. »Mir gefällt der Sound, und menschlich finde ich den Entwickler sehr angenehm − den Enthusiasmus möchte ich unterstützen. Ich finde es auch interessant, Spezialisten zu haben − wenn jeder einen Manley Massive Passive nutzt, klingt die Kette sehr ähnlich.« Letzteren weiß er trotzdem zu schätzen: »Den Massive-Passive-Sound verwende ich gerne, um 10 kHz schmalbandig rauszudrehen. Das bekomme ich mit dem Gyraf klanglich so nicht hin. Mir gefiel die Nebula-Software-Version allerdings besser als das Manley-Original, das ich mal zum Vergleich hatte.«

Delay-Signal

Die Schneidemaschine benötigt ein verzögertes Signal zum Schneiden. Das »Echtzeit«- Signal wird verwendet, um die kommende Rille zu berechnen. »In den 1970ern wurde die Maschine mit einer Bandmaschine samt zweitem Wiedergabekopf mit Bandschleife zur Verzögerung gefüttert. In den 80er-Jahren haben viele ein Weiss-Digital-Delay als Schneidesignal benutzt.« Die Effektgeräte arbeiteten nicht unbedingt linear. »Deswegen klingen die Platten aus der Zeit nicht gut! Ich kenne einzelne Kollegen in den USA, die heute noch ein Digital-Delay verwenden! Ich gehe schlicht mit einer verzögerten Stereo-Spur parallel aus meinem Wandler raus.«

Für Analog-Überspielungen nutzt er eine Otari BX56-Viertelzoll-Bandmaschine. Ein Verzicht auf Digitalwandlung, auch ohne analoge Bandschleife, wie sie nur wenige Schneide-Dienstleister noch anbieten? »Wenn der Kunde mit etwas weniger Spielzeit oder leiserem Pegel leben kann, dann kann ich ohne Vorhör-Signal direkt vom Band schneiden. Mein Schnitt fällt dann ›konservativer‹ aus, weil ich die Latenz der Maschine berücksichtigen muss.«

Vinyl-Boom

Die aktuelle Marktsituation? »Schnitt, Galvanik, Presswerk, Druckereien für Etiketten und Hüllen sind mit einer Situation konfrontiert, in der Major-Labels den Markt überfordern. Das beginnt mit erhöhten Lieferzeiten und endet mit Qualitätskontrolle.« Aktuelle Wartezeiten? »Heute liegt die Wartezeit zwischen vier und fünf Monaten.« Sein Kollege David Jahnke erinnert sich: »Als wir vor 15 Jahren angefangen haben, dauerte es zehn bis zwölf Arbeitstage, inklusive Testpressung.« Illner: »Die Jahres-End-Rallye, um noch im Weihnachtsgeschäft veröffentlichen zu können, findet normalerweise im September statt. Die war letztes Jahr im August, und keiner hat’s mitbekommen! (lacht)

Letztendlich ist das schade für kleine Labels, Verlage und Künstler im Eigenvertrieb, die Vinyl am Leben erhalten haben. Die sind die Leidtragenden, weil sich Majors die Kapazitäten in den Presswerken einkaufen. Auch wir profitieren von dem Major-Boom nur selten.« Eine Ausnahme: »2016 wurden fast alle Udo-Lindenberg-Platten neu aufgelegt, dafür haben wir die neuen Vinyl-Master geschnitten.«

Illners Mastering-Arbeitsplatz
Illners Mastering-Arbeitsplatz: eine Samplitude-DAW, dazu unter anderem ein Gyraf Gyratec X-Kompressor, Gyratec XIV-Equalizer, API 2500-Kompressor, Kush Audio Clariphonic Parallel Equalizer sowie ADT ToolMod-Module. (Bild: Nicolay Ketterer)

Kunden

Die eigene Kundschaft? »Kleinere Indie-Labels − wir machen viel Hip-Hop und Indie im weitesten Sinne, Krautrock. Jazz findet oft im Bereich der Einzelschnitte statt. Gerade haben wir von Hank Jones, ein verstorbener Jazz-Pianist, eine 30er-Sonderauflage für einen Verlag geschnitten: eine Dreifach-LP-Box, mit gemalten Liner-Notes und handsignierten Originalfoto-Abzügen. Ich habe auch schon eine 100er-Serie mit unterschiedlichem Inhalt gemacht. Da bin ich beschäftigt!« (lacht) Für Einzelschnitte kämen auch Hobby-Bands, »… zum Beispiel als Geschenk zum 40. Geburtstag des Schlagzeugers oder für eine Hochzeit. Kürzlich habe ich 40 unterschiedliche Platten für eine Theater-Performance geschnitten. Wir haben auch eine Platte für einen Scratch-Europameister gemacht, der sich einzelne Samples schneiden ließ, als Tool.« Andere DJs ließen sich neue Tracks schneiden. »Cocoon Recordings mit Sven Väth, dazu DNS, der nur Platten auflegt. Bei Einzelschnitten ist Techno ein größeres Thema.« Illner erinnert sich zudem an ungewöhnliche Vinyl-Ausführungen: »Zwei Parallelrillen, oder von innen nach außen [das erinnert an die Jack White Lazaretto-Vinyl-LP, S&R Ausgabe 1.2015; Anm.d.Red.]. Wenn ein Kunde mit einer verrückten Idee ankommt, ist er bei uns an der richtigen Adresse.«

Referenzen

Referenzen abseits der erwähnten Udo-Lindenberg-Schnitte? Illner erwähnt das HipHop-Album »Center Of Attention« von Pete Rock/InI, dazu ein klassisches Gitarren-Album von Evgeny Beleninov, Paris, Buenos Aires … und eine Bud-Spencer-Platte: »Er war auch Musiker, Komponist und Filmkomponist. Er selbst konnte nicht singen, aber hat viele Songs für den Sänger Paolo Conte und andere italienische Barden geschrieben. Die Platte enthält Demos, die er in den 1960ern und 70ern für Verlage aufgenommen hat, um seine Songs zu verkaufen. Das sind Songs, die nicht abgenommen wurden − ein Bekannter hat ihn zur Veröffentlichung überredet. Das war auch eine witzige Mastering-Aufgabe: Teilweise gab es nur Kassetten, andere Aufnahmen waren schon vernünftig digitalisiert. Die Platte war ein, zwei Wochen fertig, bevor er 2016 gestorben ist. Er hat die Testpressung noch gehört und freigegeben.«

www.duophonic.de

 

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