Weniger ist mehr

Studioszene: Tonstudio Jordi Büchel, Königswinter

»Wagnis« Tonstudio: Nach seiner Ausbildung bei der Akademie Deutsche Pop eröffnete Jordi Büchel nahe Bonn ein kleines Studio und setzt dabei auf qualitativ hochwertige Komponenten zur Einzel- und Summensignal-Bearbeitung. Büchel setzt damit seinen eigenen Traum um. Ein Blick auf den Sprung ins »kalte Wasser« nach der Ausbildung und den Versuch, auf einem schwierigen Markt Fuß zu fassen.

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Königswinter gilt als beliebter Ferienort − der Rhein fließt dort geordnet, fast malerisch entlang, daneben eröffnen sich weitläufige Panoramalandschaften, die zu Spaziergängen einladen. Am äußeren Stadtrand, fast an einem Berghang, befindet sich Jordi Büchels Tonstudio – ganz in der Nähe tummeln sich Pferde auf einer Koppel. Viel mehr beschauliche Idylle geht eigentlich nicht, ohne jeglicher Zivilisation zu entsagen.

»Tontechniker ist kein geschützter Beruf, das kann im Prinzip jeder machen«, erklärt Büchel. Dadurch sei es schwierig, als unbedarfter Interessent Qualität einstufen zu können. »Auf der Webseite mancher Studios wird schlicht SSL als Equipment gelistet − dabei bleibt offen, ob es sich um eine Konsole für eine Viertelmillion Euro oder ein Plugin-Bundle für 49,90 Euro handelt«, meint er lachend.

Tonstudio-Gründer Jordi Büchel

Wie man heute noch zu einem Tonstudio kommt, wenn alle anderen dicht machen? »Vielleicht genau deswegen. Der Raum war früher mein Wohnzimmer − das ist mit 72 m2 zum Glück groß genug, um Regie- und Aufnahmeraum unterzubringen. Zwar habe ich kein richtiges Wohnzimmer mehr, brauche aber im Moment keine Studiomiete zu zahlen. Alteingesessenen Studiobesitzern, die große Räumlichkeiten gemietet haben, fällt das immer schwerer − weil jeder irgendwie eine Aufnahme machen kann. Genau hier liegt das Problem − irgendwie!« Ein Unterschied sei vielen nicht bewusst. »Kürzlich habe ich meine Dienstleistungen zum Test bei eBay-Kleinanzeigen inseriert. Dadurch erreiche ich viele, aber nur wenige wissen das Angebot zu schätzen.«

Ausbildung in Köln

Der sympathische Rheinländer hat eine Ausbildung bei der Akademie Deutsche Pop in Köln absolviert. »2002 habe ich Abi gemacht. Damals wollte ich noch Rockstar werden, nicht Tontechniker! (lacht) Das ist mittlerweile rum. Zuerst habe ich Jura studiert, allerdings wurde mir bewusst, dass ich das nicht mein Leben lang machen will. Das Studium habe ich später abgebrochen und ging zur Akademie Deutsche Pop. Dort habe ich die Ausbildung als Tonassistent, Tontechniker, schließlich Technischer Tonmeister und Mastering Engineer durchlaufen, je ein Semester. Ich würde allerdings nicht behaupten, dass man sich nach einem Kurs als Mastering Engineer bezeichnen kann, das benötigt Zeit und Erfahrung. Technischer Tonmeister beschreibt die technische Seite des Tonmeisterberufs.«

Linkes Rack, u. a. mit Manley Massive Passive Mastering Edition-Equalizer und Shadow Hills Mastering Compressor

Nach dem ersten Semester hat er Stipendien bekommen, erzählt Jordi Büchel: »Im Gegenzug habe ich einmal pro Woche im Büro mitgeholfen und als Techniker und Betreuer für die Studenten gearbeitet. Das war eine schöne Zeit, habe ich bis vor zwei Jahren gemacht. Anschließend habe ich mir das Studio eingerichtet, und habe es einfach versucht − da bin ich sehr dankbar für die Unterstützung meiner Eltern. Insbesondere mein Vater hat seine Begeisterung für Studio-Equipment entdeckt.« Im September 2016 hat er mit dem Aufbau begonnen, hat einige Tage bei Thomann verbracht, um Equipment testzuhören und den »Grundstock« aufzubauen − darunter Millenia HV-3D und Focusrite ISA 828-Preamps, einen Manley Massive Passive EQ, je ein Neumann U87Ai und KM184 Stereo-Set, ein Shure SM7B, seine Neumann KH310-Monitore sowie ein Paar Auratone 5C −. Spezielles Boutique-Equipment – etwa ein Bock Audio 251-Mikrofon, seinen Avedis MA5 Neve-Style-Preamp, Pulse Techniques Equalizer oder einen Shadow Hills Mono-Gama-Preamp sowie deren Mastering Compressor − hat er von Erwin Strich von ES-Pro Audio in Ingolstadt gekauft. Er muss lachen, denn zum Shadow-Hills-Gerät fand er über Umwege: »Ich wollte ursprünglich einen Universal Audio 1176-Kompressor. ›Geht nicht!‹, meinte Erwin. ›Der darf mittlerweile nicht mehr importiert werden, da der Hersteller bei dem Gerät noch Lötzinn verwendet, der keine EU-Anforderungen erfüllt.‹ «

Im rechten Rack: u. a. ein Rupert Neve Designs Portico II-Kompressor, zwei MEQM5-
Midrange-EQs, zwei Pulse Techniques Equalizer als Mastering-Ausführung mit gerasterten Potis sowie zwei EQM-1S3. Ein Trinnov ST2-Pro-Prozessor dient zum Einmessen der Monitore.

Recording-Signale ohne Patchbay

Räumlich konzentriert sich Büchel vor allem auf die Aufnahme von Einzelsignalen, er hat eine 10 m2 große Aufnahmekabine der Firma Musikon für Gesang und Gitarren-Amps angeschafft. Büchel, selbst Rock-Gitarrist, nutzt entweder seinen Engl-Halfstack oder ein Kemper Amp-Modeling-System für Aufnahmen. »Das klingt wie ein ›richtiger‹ Amp.«

Hinter dem Regiebereich steht neben den Sofas ein Roland V-Drum-Set an der Wand. Damit nimmt er Schlagzeugspuren bei Bedarf in Pro Tools auch als MIDI-Signal auf, aber auch akustische Drumkits können mikrofoniert und trocken in der Kabine oder mit Raumanteil außerhalb aufgenommen werden.

Sein High-End-Werkzeug, ein Bock Audio 251-Mikrofon. Dabei stehe die Anwendung im Vordergrund: »Dir wird oft vermittelt: Wenn du ein geiles, teures Mikro hast, musst du das verwenden. Das stimmt nicht − es geht darum, was der Kunde erreichen will und wie das Ergebnis am Ende klingen soll. Das kann auch ein Shure SM57 sein!«

Bei Mikrofon- und Monitorkabeln setzt er auf Vovox. »Man muss den Klang nicht mögen, aber ich spare mir damit viel ›Aufräumarbeit‹ im Mix.« Der Klang sei definierter. Auf eine Patchbay oder Stage-Box zur Verbindung mit der Aufnahmekabine verzichtet er bewusst, um die Kabelwege möglichst kurz zu halten und keine zusätzlichen Steckkontakte zu verwenden.

Karaoke bis Hardrock

»Es ist immer schwierig, an Kunden zu kommen, wenn man anfängt«, resümiert Büchel den Start des Studios. »In erster Linie richte ich mich an Interessenten, die wirklich etwas können − egal ob eine kleine Band, Sprecher für Hörbücher oder Einzelmusiker − der Bereich zwischen Hobby- und Berufsmusikern. Im Zweifel mache ich auch Karaoke-Aufträge − dagegen kann ich mich gar nicht verweigern, das kann ich mir nicht erlauben. Das ist auch nicht immer furchtbar, sondern bisweilen sogar spannend, wenn Laien plötzlich der Ehrgeiz packt.

Ich bin froh um jeden Kunden, der weiß, was er möchte, und das entsprechend umsetzen kann. Solange Kunden einen Plan von ihrem Projekt haben und nicht meinen, alles könnte vom Computer gerettet werden, bin ich sehr dankbar«, meint er schmunzelnd. »Ich habe überhaupt kein Problem damit, wenn jemand schief singt, nehme auch Leute auf, die nicht singen können, wie sie möchten − dahinter sollte allerdings nicht der Anspruch stehen, dass das im Radio zum Hit wird, sonst gehen Wunsch und Wirklichkeit zu weit auseinander.«

Blick auf die Gesangskabine

Darüber hinaus spricht er Musiker selbst an, erzählt Büchel. Aktuell arbeitet er mit Anthony Afonso, einem R&B- und Soul-Sänger aus Südafrika und dem bulgarischen Reggae- und Crossover-Gitarristen Bob Vogston an einer EP mit Gastmusikern. Büchel schätzt die stilistische Herausforderung und das hohe Niveau der Musiker. Mit Vogston hat er kürzlich dessen Konzept-EP THE22ND mit instrumentaler, gitarrenlastiger Musik über M/S-Bearbeitung gemastert.

Das »reine« Überleben mit dem Studio gestaltet sich noch als Herausforderung. Seit Kurzem arbeitet er wieder einmal pro Woche an der Deutschen Pop in Köln, unter anderem als Vertretungsdozent im Tontechnikbereich. »Der Job ist fachbezogen und macht Spaß. Das Studio soll aber der Hauptjob bleiben, nach dem sich alles richtet.« Den eigenen Enthusiasmus fasst Büchel entsprechend zusammen: »Nicht alles, was in-the-box produziert wurde, ist State-Of-The-Art. Deswegen habe ich das alles gemacht. Ich hoffe darauf, dass die Leute irgendwann wieder der Meinung sind: ›Das kann auch besser klingen.‹ Dann bin ich da!«, meint er lachend.

www.buechel-tonstudio.de

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