Achtung Landluft!

Studioszene: High Tide Tonstudio, Hennef

High Tide Tonstudio
(Bild: Simon Wegener)

Das High Tide Tonstudio wurde im Jahr 2011 in den Räumlichkeiten der ehemaligen Coconut Studios gegründet, wo unter anderem Haddaway, Wolfgang Petry und die Weather Girls produziert wurden. Ende 2013 wurde das Gebäude verkauft, und im Oktober 2014 zogen der aktuelle Betreiber Lennart Damann und sein High-Tide-Team in das nicht minder traditionsreiche Studio von Helmuth Rüßmann, das sie dafür komplett entkernt und neu gebaut haben. Es kann sich sehen und hören lassen!

Auf der Fahrt von Köln nach Hennef zum High Tide Tonstudio tut es gut, mal rauszukommen – raus aus der Stadt und der Hektik entkommen. Nach der Abfahrt von der Autobahn geht es über Land durch eine Idylle aus kleinen Ortschaften mit Fachwerkhäuschen, Bauernhöfen und sehr viel Grün − das bestätigt, dass man angekommen ist, angekommen im Siegburger Land.

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Das Navi schickt mich durch einen Wald über kurvige Straßen, die mich gefühlt ins Niemandsland schicken. Doch dann bin ich tatsächlich da, am Wippenhohn 2. Ich stehe im Hof eines kleinen Bauernhofs, wo mir ein Schild mit der Aufschrift »Das High Tide Tonstudio befindet sich ein Tor weiter!« zeigt, wo ich lang muss. Am Ziel werde ich auch schon von Lennart Damann begrüßt, den ich noch aus meiner Zeit an der SAE Köln kenne. Stolz führt er mich durchs Studio.

Analoge Geschichte

In der Regie A steht eine AMEK Hendrix, ein analoges Pult, das aus den alten Coconut Studios übernommen wurde. »Das ist das Pult, mit dem Haddaway, Wolfgang Petry und Co produziert wurden. Wir haben es recht günstig abgekauft, weil es damals nicht funktionsfähig war. Wir haben es dann innerhalb von drei Monaten neben unserem täglichen Geschäft zerlegt und wirklich jeden Kondensator ausgetauscht!«, erzählt Lennart und gesteht danach: »Ich bin eine absolute GearSlut. Ich brauche Knöpfe, an denen ich drehen kann, und je mehr, desto besser. Ich habe schon ein paar Schätzchen im Rack wie den LA-2A, den 1176, den Massive Passive und Co. Aber da stehen auch noch ein paar Spielsachen auf meiner Wunschliste, wie der Vertigo VSC 2 Kompressor oder ein Kush Audio Clariphonic. Die Dynaudio-M3A-Monitore hatten wir bereits im alten Studio als Main-Speaker und konnten uns da schon reinhören. Deshalb haben wir die auch jetzt wieder gekauft und installiert.

Die Akustik wurde von mbAkustik durch das Team von Markus Bertram geplant. Bis auf die Helmholtz-Resonatoren, die bei mbAkustik im Labor eingemessen und gebaut wurden, haben wir alle Elemente wie beispielsweise die Holzdiffusoren an der Decke selbst gebaut. Insgesamt haben wir für die Herstellung der Diffusoren für das ganze Studio über 4.700 Klötzchen nach Vorgabe von mbAkustik gesägt und geschliffen. Das Farbdesign der Stoffbezüge hatten sie uns auch vorgegeben, wir sind allerdings zum lokalen Stoffhändler gegangen und haben eine Farbe ausgesucht, die uns gefällt. Seitdem sind wir die besten männlichen Kunden, die der Laden jemals hatte, weil wir immer direkt 20 bis 50 Meter Stoff gekauft haben. Das Team von mbAkustik kam dann am Schluss nur noch zur Endabnahme.

Aufnahmestall

»Das Studio war früher ein Stall, deshalb gibt es hier auch überall Stufen, auf die man aufpassen muss«, warnt Lennart und erklärt, dass zwischen den Stufen ein Gitter war und auf der einen Seite eben die Schweine standen und auf der anderen der Bauer mit seiner Schubkarre vorbeifuhr und das Futter brachte. Das hat Flair, ist gemütlich und passt zur Wohlfühlumgebung!

»Hier war mir wichtig, dass das Ganze entspannt ist. Wenn die Musiker hier 10 bis 12 Stunden am Tag über mehrere Wochen sitzen, dann muss natürlich auch der Raum eine gewisse Atmosphäre bieten, damit man hier auch längere Zeit am Stück arbeiten kann. Der Raum misst 55 m2, und hier haben wir die riesen Bassfallen, die von Markus geplant wurden. Der Raum ist nicht riesig, aber ich habe lieber etwas Kontrolliertes als etwas Riesiges, was dröhnt. Und hier dröhnt wirklich nichts; das einzige, was hier resoniert, sind die Klaviere.«

Niedrige Decken, hohe Reflexionen

»Dieser 12-m2-Raum ist eine Raum-in-Raum-Konstruktion, die wir zusätzlich eingebaut haben. Für uns war es wichtig, dass wir mit zwei Regieräumen auch in getrennten Aufnahmeräumen arbeiten können. Jetzt kann der eine in Regie A hier eine Sängerin aufnehmen und der andere in Regie B und dem großen Aufnahmeraum mit einer Band arbeiten. Vor allem auch bei Live-Aufnahmen macht es Sinn, die Musiker zu trennen. Mit unseren zwei Räumen sind wir sehr flexibel. Wir haben hier aber auch schon Drums aufgenommen, aber normal ist das der Standard Amp- oder Vocal-Raum. Das funktioniert unter anderem auch nur deshalb, weil wir zwischen den Räumen eine sehr hohe Schalldämmung haben.

Damit der Raum trotz seiner geringen Größe und der niedrigen Decken nicht dumpf klingt, haben wir die High-Reflection-Platten installiert, mit denen die S-Laute trotzdem noch natürlich klingen. Für eine bessere Kommunikation zwischen Regie und Aufnahmeräumen verwenden wir ein System aus Kameras und Fernseher. Im alten Studio hatten wir Fenster, aber eigentlich habe ich die nur genutzt, um zu sehen, ob der Musiker da ist oder ob ich ins Leere rede. Wenn wir hier Fenster eingesetzt hätten, hätte das die Akustik massiv beeinträchtigt. Wir haben uns dann für die Akustik und gegen Fenster entschieden.«

Spürbares 3D-Erlebnis

In der Regie B ist Lennarts Partner Florian Richter Herr der Fader. Hier steht eine Sony Oxford, die vorher bei Ralph Siegel in München stand und praktisch unbenutzt ist. Lennart: »Flo hatte gerade überlegt, die Konsole zu uns in die alten Coconut-Räume zu stellen. Dann kam der Verkauf des Gebäudes, und wir haben ihm angeboten, eine Regie in unseren neuen Räumen mit seiner Konsole zu planen. Jetzt ist die Konsole von Anfang an dabei!« Florian Richter: »Wir haben hier das 3D-System SpatialSound Wave installiert, das vom Fraunhofer Institut für digitale Medientechnologie IDMT entwickelt wurde und das es auch unter dem Namen Astro Spatial Audio zu kaufen gibt. Dabei handelt es sich um ein rein objektbasiertes System mit dem die 3D-Mischung auf einem in Anzahl und Position der Lautsprecher nahezu beliebigem Setup hergestellt bzw. wiedergegeben werden kann. Das Lautsprecher-Setup in unserer Regie B ist ein 28.1-System aus Eve Audio SC205-Monitoren. Ich wollte zuerst eine Nummer kleiner, aber war mir nicht sicher, ob wir damit genügend Schalldruck produzieren können. Deshalb haben wir uns doch für die größere Variante entschieden, und ich habe die Entscheidung nicht bereut!«

Bei der Vorführung des Systems spielt Flo mir eine 3D-Mischung von Michael Jacksons Billy Jean vor – die originalen Spuren wurden von den Westlake Studios in L.A. zu Promozwecken Astro Spatial Audio zur Verfügung gestellt. Alleine deshalb war das 3D-Erlebnis etwas ganz Besonderes. Aber auch ein Trailer zu »Game Of Thrones« machte deutlich, welches Klangerlebnis ein 3D-System in diesem Format liefert − beeindruckend!

High Tide Tonstudio
Florian Richter (Bild: Simon Wegener)

Idylle pur

Draußen auf der Terrasse erzählt Lennart mir, dass die neuen Nachbarn total entspannt sind und sie tagsüber sogar mit offener Tür mischen und aufnehmen können. »Die Nachbarn freuen sich sogar darüber, dass hier endlich mal was los ist. Als David Guetta hier war, um die letzten Vorbereitungen für die Fußball-EM 2016 zu treffen, stand der Innenhof voll mit Transportern und Bussen, das hat hier niemanden interessiert«, erzählt er. Das passt zum Bild von dieser puren Entspanntheit, die sich auf das Musikmachen im Studio definitiv positiv auswirkt. Urlaub ist die Studiozeit nie, aber das High Tide Tonstudio bietet neben den technischen Voraussetzungen eben auch die Möglichkeit, neben der harten Studioarbeit abzuschalten und zu entspannen.

 

 

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Hi, was haltet ihr von Mehrkanal (dts-hd ma) 5.1/7.1 ?
    es gibt so viele Blu-ray Heimkinoanlagen für Surround Sound, aber kaum Musik.
    Oft nur Filme oder Musikvideos aus eng./usa.
    Ich habe mir meine LP’s (wav 192/24) encodiert (DTS-HD-Encoder Suite) auf dts-hd ma 5.1 und im m2ts auf AVCHD Blu-ray gebrannt.
    Ein super Sound.
    Warum geht das in Deutschland nicht?

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