Verstehen lernen

Studioszene D – Interface Studios, Köln

Interface Studios — der Name weckt mitunter Assoziationen mit Audio-Interfaces und Projektstudios. Genau das ist es nicht: Das Studio existiert seit 1982, weit vor der Homerecording-Ära, ausgestattet mit großem Zähl-Pult, Outboard und zugehörigen Räumlichkeiten. Ursprünglicher Schwerpunkt war Filmton samt Synchronisation.

 

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Abb01 - Interface Studios
Interface Studios-Regieraum (Bild: Nicolay Ketterer)

»Interface« beziehe sich auf die Verbindung zwischen Tontechniker und Musiker, erzählt Eigentümer Hayo Stahl. Sein Kollege, der Tontechniker Julian Midhaftann, ergänzt: »Für mich bedeutet der Name, dass wir alles sehr familiär gestalten. Andere Studios sind teilweise hyper-sterile Umgebungen, was vielen als modern gilt. In sterile Studios komme ich rein und fühle mich wie in einer Zahnarztpraxis. « Im »Interface« vermitteln orange – farbene Wände »heimelige« Wärme. Der Regieraum sei gefühlt ein »Wohnzimmer mit Mischpult«.

»Im Regieraum verwenden wir das Live- End/Dead-End-Prinzip, bei dem der vordere Abhörbereich lebendig bleibt und Reflexionen im hinteren Teil des Raums bedämpft werden.« [siehe auch Pimp My Studio, S&R 2.2016] Das Mischpult des deutschen Herstellers Zähl ist ein Einzelstück. Daneben finden sich in den Racks mehrere Lexicon-Hallgeräte, zwei PCM70 und ein 480L. Zum Komprimieren dient unter anderem ein Urei 1178: »Für mich das Nonplusultra für Bass.« Ein SSL-Rack samt Preamp, Equalizern und Kompressoren stellt Midhaftanns Schlag – zeug-Setup im Mix: »An der Bassdrum verwende ich den Mono-EQ. Den 30-Hz-Regler reiße ich voll auf,« lacht er. »Danach gehe ich in den Mic-Preamp und benutze den Low- Cut.« Durch die gegensätzliche Bearbeitung finde eine Verschiebung im Bassbereich statt, ähnlich der Pultec-Arbeitsweise. »Den Bus- Kompressor lege ich auf die Schlagzeug-Subgruppe, davor oder dahinter den SSL-Stereo- EQ.« Ein Vorteil: »Das Rack ist Recall-fähig.« Generell arbeitet er gerne am Pult: »Auch wenn man ›in the box‹ meiner Meinung nach sehr gute Ergebnisse erzielen kann, die mit einem Pult mithalten können: Bei einer Mischung am Pult komme ich viel schneller zu guten Ergebnissen − ich kann alle Elemente schnell bewegen, habe alles im Zugriff. Gerade bei Equalizern orientiere ich mich nicht an der Bildschirm-Optik, sondern höre nur die Veränderung.«

Im hinteren Bereich der Regie stehen Gitarrenverstärker, darunter ein Marshall Plexi von 1973, um Musikern entsprechende Sounds zur Verfügung zu stellen. Im Mikrofonbestand dienen zwei Neumann U87 als Arbeitspferde: »Stimmen mag ich damit unheimlich. Auch unter der Snare auf Achter-Charakteristik oder vor der Bassdrum klingt das Mikrofon gut.« Auch zwei U89 und U47fet finden sich im Bestand. Zu weiteren Besonderheiten zählen ein Neumann- Gefell UM57 und zwei Schoeps CMCU- Systeme mit unterschiedlichen Kapseln. Auch das Sennheiser-Mikrofon MD441 empfiehlt Midhaftann: »Sehr geil an der Snare − für eine »Red Hot Chili Peppers«-Funk-Snare oder für die Snare-Unterseite.«

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Aufnahmeraum 1. Midhaftann: „Der Raum klingt trocken, das mag ich bei Stimmen eher.“ Die Wandgestaltung? „Die Absorber sind mit grüner und silberner Folie verkleidet.“ (Bild: Adam Blazeowsky)

Bandmaschinen sind ebenfalls im Studio vorhanden: Die Rundfunk-Mastermaschine Telefunken M15A besitzen sie gleich drei Mal, samt eingebauter Monitoring-Sektion. Die Maschinen nutzt er beispielsweise zur Summenbearbeitung. »Wir digitalisieren auch viele Bänder für Kunden.« Die Geschichte des Studios? Eigentümer Stahl hat Musik studiert, war auf Tournee. »Die Musik dauert nur solange, bis das Konzert verklungen ist. Deshalb wollte ich meine Musik lieber festhalten.« Auf einem Bauernhof bei Düsseldorf hat er sein erstes Studio »Freistil« aufgebaut, zog später nach Köln, wo die Interface Studios entstanden. Es kam die Anfrage, ob er Filmton anbieten kann, samt Synchronisation. »Ich hab einfach ja gesagt. Die Buchung war in zwei Monaten. Nach dem Anruf stellte ich fest, dass das Thema Synchronisation schwierig ist. Ich kaufte die nötigen Geräte, hatte aber Probleme, die umständliche Technik zu erlernen. Einen Tag vor der Buchung bekam ich die Synchronisation hin.« Heute? »Bei Digitaltechnik laufen Bild und Ton nicht mehr auseinander, wenn der Startpunkt stimmt.«

Die Spezialisierung auf Filmton führte zu weiteren Aufträgen − ein Kunde produzierte die WDR-Sendung »Hurra Deutschland«. »Für Text und Sketch musste die Musik komponiert werden.« Irgendwann musste er umziehen, fand 1992 die aktuellen Räume in der Kölner Lindenstraße. Auch die EMI hat das Studio gelegentlich angemietet, für eigene Künstler − darunter Status Quo oder Joe Cocker. »Hurra Deutschland« fiel irgendwann weg, und es entstand eine Durststrecke. »Jede Firma fährt sicherer mit vielen kleinen Kunden statt einem großen: Wenn der abspringt, hat man gar keinen mehr.« Er hielt durch, akquirierte neue Kunden. »Dadurch, dass ich auf Puppenfilme spezialisiert war, konnte ich ›Käpt’n Blaubär‹ vertonen.« Er kam an weitere WDR-Aufträge, hatte zwischenzeitlich vier große Studios, die vom WDR gebucht wurden. »Damals betrug das Budget 100.000 Euro für ein Hörspiel! Später entstand Preisdruck durch Hörbuch-Verlage.«

2008 hatten alle seine großen Kunden Pleite gemacht. »Jedes Mal, wenn die Börse zusammenbrach, folgte eine große Studiokrise. « Stahl ist 61, seine Existenz hängt mittlerweile nicht mehr vom Studio ab. »Ich hatte das Glück, die gute Zeit der Studios miterleben zu dürfen, hab mein Geld zusammengehalten und dafür Häuser gekauft.« Julian Midhaftann kam vor zwei Jahren zum Studio, hatte vorher beim Rundfunk gearbeitet. »Mit Julian habe ich durch Zufall den besten Tontechniker bekommen, den ich je hatte«, lobt Stahl. Die Branche insgesamt schätzt er eher pessimistisch ein: »Man kann niemandem mehr dazu raten, Tontechniker zu werden. Die privaten Tontechnikschulen lassen jedes Jahr unzählige Absolventen auf einen Markt los, der längst gesättigt ist. Teilweise werden die Preise in der Branche unverantwortlich gedrückt.«

Wie sich der Mehrwert »klassischer« Studioarbeit gegenüber Homerecording noch vermitteln lässt? Sehr wichtig sei, das Ergebnis zu übertreffen, das man vorher versprochen hat, meint Midhaftann. »Gerade kürzlich kam jemand rein und meinte, hier fühle er sich wie zu Hause. Wenn du die Ebene erreicht hast, dass Leute gerne zu dir kommen, in gemütlichem Ambiente, dich als Mensch schätzen, und dann noch aufnehmen können, passt alles.«

Bildergalerie:

www.interface-studios.de

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