Vintage-Rebellion

Studioszene: Black Shack Recordings, Calw

(Bild: Nicolay Ketterer)

Rock’n’Roll, Rockabilly oder frühe Blues- und Country-Sounds wollen die Black Shack Recordings im Schwarzwald passend und ohne Verfallsdatum vermitteln: Dazu haben die beiden Betreiber jede Menge alter Bandmaschinen und Preamps zusammengetragen und restauriert, sowie zeitlose Mikrofone gesammelt. Falls es für den jeweiligen Künstler funktioniert, setzen sie auf eine gemeinsame Einspielung im Raum mit minimalistischer Mikrofonierung.

»The right Portion of Distortion« verspricht die Webseite der Black Shack Recordings im Baden-Württembergischen Calw im Schwarzwald. Das Studio befindet sich in malerischer Landschaft in einem Fachwerkhaus aus dem 18.Jahrhundert, kürzlich renoviert mit in senfockergelb gestrichenen Balken. Passend zum Retro-Look: Musikalisch haben sie sich auf die Rock’n’Roll- und Rockabilly-Szene und entsprechende Klangwelten spezialisiert, meint Toningenieur Rawand ›Ray Black‹ Baziany. Den Spitznamen Ray hatte er schon lange, erklärt er seinen Künstlernamen, irgendwann kam wegen der Haarfarbe noch ›Black‹ dazu.

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2010 tat sich Black mit seinem Studiopartner Stephan Brodbeck zusammen, Rockabilly-Gitarrist aus Leidenschaft, der in mehreren Szene-Bands spielt. »Stephan spielt rund 100 Auftritte im Jahr und kennt die Szene. Er war in vielen normalen Studios und meinte, als Rock’n’Roll- und Rockabilly-Musiker werde die Klangvorstellung teilweise nicht verstanden.« Black spielt etwa auf bewusstes Verzerren der Preamps an, sowie minimalistische Mikrofonierung. Lediglich in Berlin wird aktuell mit Lightning Recorders (siehe S&R 6/2016) ein entsprechendes Szene-Studio angeboten − sie wollen den süddeutschen Raum abdecken, haben allerdings auch Kunden aus ganz Europa. Black, studierter Tonmeister, übernahm die tontechnische Leitung. Brodbeck lebt überwiegend vom Musikmachen, Ray Black lehrt an der Musikhochschule Trossingen als Audiotechnik-Dozent den Studiengang Musikdesign, unterrichtet dazu Medienkompetenz für künftige Musiklehrer im Bereich DAW, Produktion und Akustik. Am Wochenende arbeitet er im Studio. »Ich bin über Garagen- und Brit-Rock ins Thema reingeschlittert. Mit meinen eigenen Bands hat sich das in Richtung Rockabilly entwickelt. An Rockabilly fasziniert mich das pure, urige, rebellische − sozusagen eine Low-Down-Version von Country, die vom Leben erzählt. Das fand ich beim Rockabilly gut − dass die Jugendrebellion auch noch im Alter möglich ist«, meint er lachend. Nach acht Jahren sei die Lernphase immer noch nicht abgeschlossen, »weil es innerhalb der 1940er bis 1960er verschiedene Sounds gab: Die frühen Hillbilly-Sounds wurden teilweise nur mit einem Mikrofon aufgenommen − das machen wir auch. Manche alten Aufnahmen klingen jetzt noch aktuell, weil die Leute die Technik komplett modifiziert hatten, was Dynamik- und Frequenzbereich angeht!

Studiobetreiber Ray Black (links) und Stephan Brodbeck
Studiobetreiber Ray Black (links) und Stephan Brodbeck (Bild: Nicolay Ketterer)

Wir machen überwiegend Live-Sessions, mit drei bis sechs Musikern im Raum, meistens fahren wir Produktionen mit acht bis zehn Kanälen. Da es relativ schwierig ist, ein gutes Röhrenpult aufzutreiben, haben wir mit einzelnen Vorverstärkern angefangen.« Er zeigt auf große alte Berlant-Module in den Racks, dazu Ampex 350-, 351- und 600-Preamps, sowie RCA-Module. »Das sind umgebaute Preamps aus Bandmaschinen. Hier ließ sich die Bias-Anpassung einstellen, Mikrofon- und Line-Eingang waren vorhanden, man konnte das Signal abhören. Bei Telefunken war alles in die Maschine reingepackt, amerikanische Maschinen waren hingegen modular aufgebaut.« Kürzlich haben sie das Studio umgebaut, sind in eine frei gewordene Wohnung im Haus umgezogen. »Wir hatten das Studio früher in einem Nebenraum, das war deutlich kleiner. Dort haben wir mit den Bandmaschinen-Preamps und Siemens/Telefunken-Vorverstärkern angefangen. Mir wurde damals klar, dass auch frühe Transistor-Preamps sehr guten Sound lieferten. Die konnte ich auch gut übersteuern, um eine ›Vintage-Illusion‹ zu erzeugen. Es muss nicht immer Röhrentechnik sein!« Er verwendet gerne Siemens V276 und V276a-Vorverstärker, bei denen ihm die Trafo-Klangfärbung gefällt. »Unsere Sound-Philosophie basiert darauf, mit verschiedenen Preamps viele Klangfarben umsetzen zu können.« Sie importieren gelegentlich Equipment aus den USA. »Stephan ist einmal im Jahr dort auf Tour mit seiner Band − gerade ist er in Las Vegas, ansonsten fährt er tausende Kilometer durch Europa.«

Zu den moderneren Channel-Strips zählt etwa ein Universal Audio LA-610 MKII. Als Pult für Monitoring und Mixdown nutzen sie ein altes EMT A100-Pult mit 13 Kanälen, das laut Black recht neutral klingt. Als Abhöre dienen große Klein + Hummel Monitore O92, dazu kleine O110 und Behringer Behritone C5A Auratone-Nachbauten. »Ich höre gerne auf verhältnismäßig modernen Monitoren ab. Die Musiker hören auch ganz normal im Auto, die haben ja keine Altec-Speaker und eine Röhrenanlage zu Hause − das ist eher was für Vintage-Hi-Fi-Freaks!«

Regieraum (Foto-Credit Maik Fahrenbruch)
Regieraum (Bild: Maik Fahrenbruch)

Mikrofone

Passend zum Rock’n’Roll-Zeitgeist finden sich entsprechende Mikrofone: »Über dem Schlagzeug hängt meist ein RCA 44DX oder ein 77DX: Beides sind keine Hochglanz-NOS-Exemplare. Das 44DX stammt aus einem Fernsehstudio und hat schon viel mitgemacht. Restauriert und aufpoliert bleibt die Historie immer noch sichtbar, was uns auch gefällt.« Vom Melodium 42B, einem französischen Bändchenklassiker aus den 1940ern mit besonders offener Wiedergabe, ist er begeistert: »Ich habe noch keine Quelle gefunden, bei der es nicht gepasst hat.« Auch das RCA MI6203 Varacoustic-Bändchenmikrofon, bei dem die Richtcharakteristiken Kugel, Niere und Acht akustisch umschaltbar sind, gefällt ihm. Er setzt es gerne vor GitarrenAmps ein, etwa einem alten Gibson GA15- Combo aus dem Bestand, »der liefert bei verträglichen Lautstärken bereits satten Ton.«

Als Haupt-Röhrenmikrofon haben sie sich vom Mikrofontechniker Andreas Stenzel einen Neumann M49-Klon bauen lassen, den sie beispielsweise für Gesang nutzen. »Bei unseren Acts mit kleiner Zielgruppe ergibt es finanziell nicht immer Sinn, ein Original anzuschaffen. Da investiere ich das Budget lieber in Vielfalt und Flexibilität.« Unter den dynamischen Mikrofonen finden sich AKG (D12, D190), Shure (SM7B, 55, 545 oder 556S), Electro-Voice, Sennheiser (MD21, MD421, MD441) und beyerdynamic-Modelle. Zu moderneren Kleinmembranern zählen etwa zwei Schoeps MK4 sowie ein Neumann KM84. Eine technische Besonderheit stellt das Altec 639B ›Birdcage‹-Mikrofon aus den 1930ern dar, das Tauchspulen- und Bändchen-Element kombiniert.

Bandmaschinen

Ähnlich »breit gefächert« fällt das Sortiment an Bandmaschinen im Regieraum aus: Eine Telefunken T9U-Mono-Röhrenbandmaschine stellt praktisch die erste Generation der Tonbandtechnik Anfang der 1950er Jahre dar. »Die haben wir aus einem alten Filmtonstudio in der Nähe ›gerettet‹, wo sie in einem Gewölbekeller eingelagert war. Wir haben drei, vier Jahre gebraucht, um sie wieder in Betrieb zu bringen, weil nur noch jemand in Norddeutschland die alten T9-Maschinen reparieren will.« Black erwähnt die spezielle Bandführung des Modells. Mit einer M21-Stereo-Mastermaschine aus den 1990ern ist auch die letzte Generation von Telefunken vorhanden, »und sowohl die alte Mono- als auch die neue Stereomaschine klingen in ihrem Sound hervorragend«, so Black. Darüber hinaus finden sich Telefunken M5- und M5A-Modelle sowie eine M10A 8-Spur-Maschine, dazu von Revox je ein C36- und G36- Röhrenmodell.

Im Flur stehen noch eine alte Ampex 400 von 1953 sowie zwei alte Ampex 350- Bandmaschinen samt Vorverstärkern, »vom AFN [»Armed Forces Network«, Anm. d. Red.] Nürnberg − einem amerikanischen Rundfunksender. Die hatte jemand eingelagert, wir haben sie abgekauft. Bei den 350ern stellt sich die Frage, ob wir die beiden jemals hinkriegen. An dem Thema muss man auch Spaß haben − die Technik ist leider nicht Plug’n’Play«, meint er. »Wir lassen die Geräte von unserem Techniker warten und reinigen.«

Effekte

Eines der Racks besteht aus DIY-Nachbauten bekannter Klassiker − etwa einem Fairchild 670, zwei Pultec-Equalizern, einem Teletronix LA2A und einem Universal Audio 1176. Hier stand ebenfalls Sound-Variation bei überschaubarem Budget im Vordergrund. »Hall machen wir mittlerweile komplett analog, eine EMT 240 Goldfolien-Hallplatte mit einem echten Predelay durch eine Bandmaschine direkt auf Band. Das schafft eine Atmosphäre, die wir mit dem Plug-in nicht erzeugen können − dafür lohnt es sich.« Zusätzlich besitzen sie einen selbstgebauten EMT 140-Röhren-Nachbau.

Für Rock’n‹Roll-Stilistiken dürfen Echoeffekte naturgemäß nicht fehlen − Black Shack Recordings verwenden unterschiedliche Bandechos, darunter Dynacord Mini- Echo- und S65-Modelle, ein Echoplex EP3, ein Fulltone Tube Tape Echo oder das Roland Space Echo RE201.

Vinyl-Einzelschnitte

Im Regieraum befindet sich zudem ein selbstgebauter Vinylschnittplatz, der auf einem Technics SL-1210-Plattenspieler basiert. Sie machen gelegentliche Einzelschnitte für Bands zum Mitnehmen, als Beleg. Ray Black erinnert sich zudem an eine »Black Old Session«, bei der er für drei Künstler eine Kleinserie von je 40 Singles vom Band geschnitten hat. »Die Session war ein Versuch, Songwriter aus der Gegend ins Studio zu bringen, um sie nach Vorbereitung und einem Probetag in einer Live-Session aufzunehmen.« Dafür müsse der Song live mit Band funktionieren. »Dadurch sind die Leute zur Reduktion gezwungen, den Song umzusetzen. Der muss mit Klavier oder Gitarre funktionieren. Wenn Du zu viele Stützen brauchst, hast Du den Song vielleicht nicht gelöst.«

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Bandmaschinen-Vorverstärker-»Sammlung« − in der Bildmitte etwa ein Ampex 600-Preamp-Modul (Bild: Maik Fahrenbruch)

Recording

Wenn eine Band nur mit einem Mikrofon aufgenommen werden soll? »Die Choreografie und Aufstellung im Raum ist unheimlich wichtig, wie es Bluegrass-Bands heute noch bei Live-Auftritten machen: Dort geht jemand vom Mikrofon weg und ein anderer tritt hervor, wenn er ein Solo spielt. Dazu gilt es, die Mikrofone an einem Platz aufzustellen, wo der Klang ausgewogen ist. Auch nicht direkt vor einer Wand, um Reflexionen zu vermeiden. Dazu die Richtcharakteristik: Mit einer Acht kann ich den Drummer je nach Aufstellung etwas mehr ›ausblenden‹. Dazu kommt: Eine Acht dämpft naturgemäß nach unten hin, deshalb muss ich manche Elemente kippen oder erhöhen. Ich habe auch schon Kontrabassisten auf einen Tisch gestellt, damit das F-Loch praktisch ins Mikrofon reinstrahlt. Die Optik der Aufstellung ist zweitrangig. Das lohnt sich! Man muss genau darauf hören, was passiert, wenn sich Musiker im Raum verschieben.«

Im Studio möchten sie moderne, druckvolle Sounds mit Vintage-Zitat vermitteln, erklärt Ray Black. Das Studio sei »eine große Experimentierbude«. Dementsprechend findet auch Multitracking in Pro Tools mit reichlich Overdubs bei Bedarf statt − auch, um gegebenenfalls korrigieren zu können. »Die analoge Mehrspurmaschine muss ich Bands teilweise näherbringen.« Es gebe Berührungsängste, die DAW wegzulassen, sodass ein Take wirklich sitzen muss. »Manche Bands verfolgen eine sehr authentische Umsetzung. Die haben viel geprobt, schätzen den endgültigen Ansatz und wollen direkt auf mono runtergemischt werden. Andere wissen um die Schwächen einzelner Musiker − die gehen lieber in die DAW, weil vielleicht der Gitarrist sein Solo nachträglich fixen oder das Timing noch gerückt werden kann. Das wird dann erst im Nachgang runtermischt.«

Im Studio aufgenommene Musik haben sie bereits zwei Mal auf einem Sampler veröffentlicht, »Rocket Launch Vol.1 & 2«. »Von Early-Pre-War-Blues mit Dobro bis Neo-Rockabilly 1990er-Jahre-Revival-Sound ist alles dabei.« Er erwähnt die Band Black Patti als Recording-Beispiel für frühe Blues- und Rock’n’Roll-Stilistik. Die Szene sei überschaubar, aber sehr lebendig: »Die Musiker nehmen viel auf, sind auch an dem Recording-Thema interessiert.« Für Aufnahmen bietet das Studio Pakete mit Übernachtungen in einer kleinen Studio-Wohnung mit Vier-Bett-Zimmer, Aufenthaltsraum und Küche an, wodurch die Band Hotelkosten spart.

www.blackshackrecordings.com

 

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