A chilly trip, eh?!

Studioreport – Studio Bell, Calgary

Ich bin ein großer Fan von Kanada, seinen atemberaubenden Landschaften mit ihren Wäldern, Flüssen, schneebedeckten Bergen … eben genau so, wie man das zweisprachige Land aus TV-Dokumentationen kennt. Natürlich spielt auch Eishockey in meiner Begeisterung eine große Rolle!

Anzeige

Meine Reise startet in Calgary, wo ich als Erstes das Studio Bell besuchte, das zum National Music Centre gehört! Das Studio Bell ist ein Museum, in dem Musikinstrumente, die vor allem die kanadische Musikkultur geprägt haben, ausgestellt sind. Was mich aber eigentlich hier hintreibt, ist das integrierte Studio mit seinen drei Regien, einer unglaublichen sowie historischen Ausstattung und mehreren Aufnahmeräumen.

Studioreport Kanada – Auf den Spuren der Stones und der Country Music

Das sehr moderne Bauwerk mit zwei Türmen und einer Brücke ragt wie ein großes Tor über eine Straße und das ehemalige King Edward Hotel, ein legendärer Bluesclub der Stadt, den man als »Whiskey Row« kennt. Er wurde damit auch revitalisiert und dient jetzt als Event-Location. Die gesamte Architektur, das geschwungene Desgin und die Terrakotta-Fliesen an der Fassade machen das Gebäude zu einem absoluten Hingucker.

Bei meiner Ankunft im Foyer schallt über die Lautsprecher im Inneren Neil Young mit Heart Of Gold – mein Lieblingslied des kanadischen Singer/Songwriters, der hier eine wichtige Rolle spielt! Beim Blick nach oben, fällt auf, dass das siebenstöckige Gebäude einen offenen Flur besitzt und hier die gleichen Fliesen angebracht sind, die man von der Außenfassade kennt. Hier dienen sie allerdings für eine besondere Akustik, die speziell an dieses Gebäude angepasst wurde. Jede Fliese wurde dafür einzeln angebracht und speziell ausgerichtet, erzählt mir Lead-Engineer Jason Tawkin vom NMC, der mich durch die Ausstellungsfläche von 15.000 m2 führt und mir einen Einblick in die Studios gibt.

Aus diesem Mellotron stammt der Sound zu Strawberry Fields Forever von The Beatles!
Das RCA-44, ein Bändchenmikrofon aus dem Jahr 1940
Das Neumann CMV3 bzw. Telefunken ELA M302/2 von 1938

Jason: »Zu den Exponaten zählen beispielsweise Gitarren und Amps von Neil Young, eine der ersten Fender Stratocaster, Bässe von Rush-Bassist Geddy Lee, Drums vom leider kürzlich verstorbenen Rush-Schlagzeuger Neil Peart, Keyboards und Pianos von Elton John, Synthesizer wie Tonto, eine Modularwand, die für den Signature-Sound von Stevie Wonders Superstition verantwortlich ist, ein originales Mellotron MarkII, auf dem man mit links den Rhythmus und mit rechts die Leads spielen konnte und das von den Beatles genutzt wurde – wahrscheinlich der erste Sampler überhaupt –, und viele, viele weitere Schätze der Musikgeschichte. Das Highlight der Ausstellung ist wahrscheinlich ein Flügel aus dem 19. Jahrhundert, der zur Pariser Weltausstellung produziert wurde. Der tiefste Ton erklingt für ca. 3,5 Minuten. Absolut unglaublich!

Alle Instrumente werden von uns regelmäßig gewartet oder auch instandgesetzt. Dabei achten wir auch darauf, dass sie so original wie möglich erhalten bleiben. Über 300 Exponate wie Gitarren, Synthesizer, Mikrofone und Co., die bereits von Musikerlegenden gespielt und genutzt wurden, stehen den Musikern auch für die Recordings in den Studios zur Verfügung. Mit einer Gitarre und einem Amp von Neil Young zu spielen, erzeugt bei einem leidenschaftlichen Musiker bereits eine gewisse Begeisterung. Wir geben Musikern die Möglichkeit, diese Emotionen für ihre Perfomance zu nutzen. Das ist die Philosophie von Studio Bell!«

Mein persönliches Highlight war unter anderem eine riesige alte Stummfilm-Orgel, die mit ihren Pfeifen, einer Percussion- und diversen anderen Sounddesign-Sektionen einen kompletten Raum füllt. Das Konstrukt sieht mit seinen Seilzügen, Hämmern und anderen Automationsumsetzern eher aus, als ob sie aus einem Film mit verrücktem Professor stammt. Damit wurde früher zu Stummfilmzeiten der Soundtrack live gespielt. Im Studio Bell befinden sich historische Exponate, die bis ins 16. Jahrhundert zurück reichen. Unglaublich!

Die drei Studios und die drei großen Aufnahmeräume, die alle über eine unterschiedliche Akustik verfügen, sind über die gesamten sieben Etagen verteilt und aufwendig miteinander verkabelt. Denn nicht nur das Ton-, sondern auch ein Bild-Signal wird in die jeweiligen Regien und Aufnahmeräume übertragen. Da die Raumaufteilung keine Kommunikation mit direktem Blickkontakt erlaubt, behilft man sich hier eben mit mehreren Kameras und einem Video- und Konferenz-System, um im Split-Screen-Modus sogar aus jedem Raum jemanden zur Session dazuzuschalten. Sogar die Live-Location ist an das System angeschlossen! Und das Treppenhaus wird als Hall-Raum genutzt! Ein Plattenhall ist aber auch vorhanden. So, werfen wir nun einen Blick in die einzelnen Regien … Bitte vorher tief durchatmen!

Dieser ARP 2500 wurde in dem amerikanischen SciFi-Movie von 1977 „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ zur Kommunikation zwischen Menschen und Alien genutzt.

Die Konsole im Olympic Studio stammt aus dem gleichnamigen und legendären Studio in London, wo in den 70er-Jahren Größen wie Motörhead, Eric Clapton und Elvis Costello aufnahmen. Sie wurde von den Technikern des Studios entworfen und entwickelt, bevor sie 1976 in die Hauptregie integriert wurde. Die Konsole war ein Upgrade des berühmten Pults aus Studio One, wo Legenden wie The Who, The Kinks, Jimmy Hendrix, The Rolling Stones u.v.m. aufgenommen haben. Diese Konsole hatte aber lediglich 20 Inputs und 8 Busse. Mitte der 70er war das einfach nicht mehr zeitgetreu. Die neuere Konsole hier hat 40 Inputs und 24 Busse. Der passive EQ ähnelt dem Konzept von einem Helios. »Es hat 20 Monate gedauert, dieses Biest wiederaufzubauen«, verrät Jason. »Als dann alles funktionierte, mussten wir das Pult, um es in der Regie zu installieren, komplett auseinanderbauen, in der neuen Regie wiederaufbauen. Danach funktionierten nur noch 80 Prozent, und das Spiel ging von vorne los! Auch hier wollen wir alles so historisch wie möglich erhalten. Das einzige, was wir hier zusätzlich integriert haben, ist ein Post-Fader-Direct-Out auf jedem Input-Channel. Die Endstufe der Busse ist eigentlich eine Neve mit dem LO1166 Output-Transformer, der für seine harmonische Verzerrung und dem Hinzufügen von Harmonien zweiten Grades berühmt ist. Einer dieser Transformer kostet ca. 300 Euro auf eBay. Hier sind ca. 35 davon verbaut!«

Die Konsole im Olympic Studio (Bild: Marc Bohn)

»Die Trident A-Range-Konsole wird international als eine der seltensten und wertvollsten Konsolen anerkannt. Zu den Künstlern, die auf der Trident A-Range-Konsole aufgenommen haben, gehören u. a. Dandy Warhols, Spoon, Randy Bachman, Air und Explosions in the Sky. Die Konsole stammt aus den Trident Studios in London, die räumlich begrenzt waren. Daher wollten sie sich von einem Hersteller eine Konsole nach ihren Anforderungen bauen lassen. Sie wollten 24 Inputs, 24 Busse und 24 Returns. Neve und Cadac lehnten ihr Anfrage ab und sagten, das sei nicht möglich. Daraufhin begann das Team, ein eigenes Pult zu bauen, das Trident-A-Range, das sie auch für andere Kunden produzierten und welches ein großer Erfolg wurde. Damit starteten sie als Hersteller und dem Namen Triad: Trident Audio Developmence! Im Pult sind über ca. 21 km an Kabeln verbaut, alles handverdrahtet. Dazu kommen alle Input-Module. Das bedeutete eine Menge Arbeit, bis die Konsolen aus der Tür und verschifft sind! Von der A-Serie wurden nur 13 Stück hergestellt.

Die Trident A-Range Das Neumann CMV3 bzw. Telefunken ELA M302/2 von 1938 Das RCA-44, ein Bändchenmikrofon aus dem Jahr 1940 (Bild: Marc Bohn)

Unsere wurde ursprünglich für das Studio Rosenburg in Dänemark gebaut, wo sie auch 1975 installiert wurde. Sie war die fünfte Konsole aus der A-Range-Serie und besitzt 35 Input-Kanäle, 24 Returns und eine riesige Patchbay. Im Jahr 1975 war das Pult wirklich sehr beeindruckend! Selbst 2020 ist es das immer noch. Das Pult klingt fantastisch, und es macht richtig Spaß, damit aufzunehmen! Das Witzige hieran ist, dass Boost und Cut des 4-Band-EQ auf einem Fader liegen. Großartig!

Der mobile Recording-Truck der Stones wurde 1968 gebaut. Er war ein Projekt des Roadmanagers der Stones, Ian Stewart, der es leid war, alle Bandmitglieder zur gleichen Zeit ins Studio zu bekommen. Also entwickelte er diesen Truck, um überall hinfahren zu können, um aufzunehmen. Damit konnten sie, wann und wo sie wollten, Aufnahmen machen, egal ob am Stadion, einer Location oder bei ihnen zu Hause. Mit drei Kabeln von jeweils ca. 100 Metern konnten sie sich überall anschließen! Jedes Kabel verfügt über 20 Inputs und vier Returns. Eigentlich ist es das erste hochwertige Homerecording-Setup. (lacht) Mit dem Truck wurden nicht nur die Stones, sondern u. a. auch Schwergewichte wie Led Zeppelin, Frank Zappa und Deep Purple aufgenommen. Sie wollten den Control Room der Olympic Studios in einen Truck bauen. Und im Grunde haben sie das auch getan!

In der Regie steht eine originale Helios-Konsole. Helios wurde von Dick Swettenham, dem technischen Leiter der Olympic Studios gegründet. Davor arbeitete er schon bei EMI, wo bereits Recording-Equipment entwickelt wurde und er das nötige Know-how bekam, um sein eigenes zu bauen. In den späten 60ern waren die Olympic Studios allerdings komplett ausgebucht, und man konnte dort keine Recording Session mehr bekommen. Chris Blackwell von Island Records ging auf Dick zu und sagte ihm, dass er ein neues Studio namens Island Studios bauen und eine von ihm entwickelte Konsole und weitere Hardware haben möchte. Darauf wollte Dick zuerst nicht eingehen, da die Island Studios mit Olympic Studios konkurriert hätten und er nicht seinen Job verlieren wollte. Daraufhin gab es einen Deal zwischen den Olympic und den Island Studios: Chris Blackwell gab Dick genügend Geld, um Helios Electronic zu gründen. Der Deal war allerdings, dass Olympic die erste von Helios entwickelte Konsole bekommt. Und erst dann wollte Olympic Dick ziehen lassen! Das erste Pult ging also an Olympic Studios, das zweite ist dieses! Danach wurde Helios sehr populär, und eigentlich besaßen alle Bands aus dieser Ära ein Pult der Marke! Die Beatles hatten ein grünes für die Apple Studios, The Who hatten ein grünes in den Ramport Studios, 10cc hatten ein rotes in ihrem Studio in Manchester … Das Besondere daran war, dass Helios komplett nach Anfrage angepasste Pulte gebaut hat. Es gab keine Broschüre, aus der man wählen konnte wie bei SSL oder Neve. Man rief an und wurde nach der Anzahl an Inputs, FXs, Returns usw. gefragt. Helios war also ein Boutique-Hersteller.

Dieses Pult hier klingt extrem ausgeglichen und nach Spät-70er-Hi-Fi! Alles ist sehr gut ausbalanciert, sitzt an der richtigen Stelle; für diese Zeit absolut herausragend! Es besitzt 25 Inputs mit EQ und sieben weitere ohne, einen eingebauten Bell-Flanger, der extrem cool klingt, zwei F600-Limiter und vier Kompressoren. Natürlich muss das Pult auch regelmäßig gewartet und instandgehalten werden. Das ist wie bei einem Oldtimer!

Dieser ARP 2500 wurde in dem amerikanischen SciFi-Movie von 1977 „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ zur Kommunikation zwischen Menschen und Alien genutzt.
EMS VCS3, der erste, der jemals gebaut wurde – Prototyp!
Das Röhrenmikrofon Telefunken U47 wurde 1946 entwickelt.

In den 80ern wurden die meisten dieser Pulte dann gegen eine SSL ausgetauscht. Der Grund, warum dieses überlebte, ist, dass es im Truck integriert ist! Aufgrund der aufwendigen Verkabelung ist es unmöglich, das Pult hier rauszunehmen. Es wäre ein super Pult mit einer perfekten Größe für zu Hause!

Im Truck wurden auch nicht viele Alben gemischt. Er wurde hauptsächlich für Aufnahmen unterwegs und für Live-Recordings genutzt. Bob Marley Live, Machinedead, Led Zeppelin III und IV, The Faces, Santana, Frank Zappa, Neil Young, sie haben alle im Truck aufgenommen, die Liste ist sehr lange und beeindruckend. Es riecht hier auch noch nach dieser Zeit, das ist total cool!

An diesem Platz hat zum ersten Mal jemand das Playback von Smoke On The Water oder Stairway To Heaven gehört. Das alles passierte hier an diesem Ort, wo du gerade stehst! Mick Jagger stand hier und hat den Song gehört und sich beschwert, dass seine Vocals so schlecht klingen. (lacht)«

Ein absoluter Hingucker: das Studio Bell von außen. Die Studios kann man ganz normal buchen und auf alle Instrumente zurückgreifen, die dort bereitstehen. Studio Bell bekommt aber auch Fördergelder für junge Künstler. Zwölf Mal im Jahr wird ein Award an Künstler verleihen, die hier als Gewinn an fünf oder mehr Tagen ihre Musik aufnehmen können. Das ist ein Förderprogramm der Stadt Calgary.

Gänsehaut pur! Deshalb lasse ich es mir auch nicht nehmen, Jason an diesem Ort, an dem Musikgeschichte geschrieben wurde, für unseren Podcast zu interviewen. Ich spreche mit ihm und meinen anderen Gesprächspartnern während meiner Reise über die Studioszene in Kanada, die Musikkultur, die Entwicklung der Musikindustrie und Klischees wie Ahornsirup, Kälte und Eishockey! 🙂 Den Podcast findet ihr unter www.soundandrecording.de/podcast!

Ich sage zu Jason, dass ich jetzt weiter zu den OCL Studios fahre. Daraufhin er: »Sag Josh einen schönen Gruß von mir, und erzähl ihm, dass du bei mir warst und über sehr viel Gear gesprochen hast. Er kennt das auch von mir. (lacht)«

www.studiobell.ca

Studioreport Kanada – Auf den Spuren der Stones und der Country Music

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Das könnte dich auch interessieren