Erfinder des modernen Recordings

Soundpioniere: Bill Putnam

Anzeige

Renommierter Toningenieur, Produzent, Songwriter, Studiobesitzer, Unternehmer, Erfinder — schon zu Lebzeiten wurde Bill Putnam als Schlüsselfigur in der Entwicklung der kommerziellen Recording-Industrie Amerikas angesehen. In den 50er- und 60er-Jahren war er der bevorzugte Toningenieur von Künstlern wie Frank Sinatra, Duke Ellington, Nat King Cole und Ray Charles. Und nicht zuletzt konstruierte Putnam Geräte, die den Klang seiner Aufnahmen sowie den Workflow im Studio verbessern halfen — Erfindungen, die auch die Industrie nachhaltig beeinflussen sollten.

“Bill Putnam war der Erfinder des modernen Recordings, wie wir es heute kennen”, konstatiert Putnams ehemaliger Kollege Bruce Swedien, Recording-Engineer von Künstlern wie Michael Jackson, Quincy Jones, Mick Jagger und Paul McCartney. “Die Prozesse und Layouts, die wir heute als selbstverständlich hinnehmen: das Konzept der modernen Recording-Konsolen, die Art und Weise, wie die einzelnen Komponenten angeordnet sind und wie sie funktionieren − sie alle entstammen Bills Vorstellungsvermögen.”

Anzeige

Milton Tasker “Bill” Putnam, geboren am 20. Februar 1920 in Danville, Illinois, beschäftigte sich erstmals mit Radiogeräten und Elektronik, »als ich bei den Pfadfindern war«, so erzählte er es selbst Larry Blakey vom Mix Magazine. “Ich beschloss, mir ein Verdienstabzeichen zu erarbeiten, und baute mithilfe meines Vaters einen Radioempfänger.” Im Alter von 15 Jahren schließlich erhielt Putnam, nachdem er beim ersten Versuch durchgefallen war, seine Lizenz als Amateurfunker. Er widmete sich zunächst seinem zweiten Hobby und wurde Sänger in diversen Bands. “Damals entwickelte ich mein Interesse an Jazz und am Musikbusiness im Allgemeinen und merkte, dass ich mit Musikern gut auskam”, so Putnam.


160523_S&R_Titel_1606_RZ.indd

>> Recording-Kult und Prince Special <<

Für das Thema Recording-Kult haben wir Studio-Legende Al Schmitt getroffen und waren in denAbbey Road Studios, um uns ein paar edle Teile des dortigen Mikrofonparks anzuschauen. Engineers aus deutschen Studios zeigen, wie man heute mit echtem Vintage-Gear aufnimmt! In unserem Prince-Special widmen wir unsdem Sound, der Musik und der Person Prince,der die Musikwelt weit über Minneapolis hinaus geprägt hat!

 

 

Weitere Themen:

  • Loudness War − Interview mit Lautheitsforscher Rudi Ortner
  • Focusrite Clarett 8Pre − Thunderbolt-Audio-Interface im Test
  • Tube-Tech HLT 2AM − Mastering-EQ mit Röhrentechnik im Test

>> Hier kannst du die Ausgabe versandkostenfrei bestellen << 


Universal Recording

1946 gründete Bill Putnam eines der ersten unabhängigen Recording-Studios der USA, Universal Recording in Evanston. Als absehbar wurde, dass ein Studio in Evanston nicht sehr erfolgreich sein würde, zog er bereits 1947 nach Chicago ins Civic Opera House. Hier, im 42. Stock des Gebäudes, begann schließlich Putnams Erfolgsgeschichte als Recording-Engineer, Produzent und Produktentwickler.

Noch im selben Jahr produzierte Putnam den Titel Peg O’ My Heart mit der Band Harmonicats, der sich millionenfach verkaufen und Universal Recording in die Topliga der Recording-Studios katapultieren sollte. Es war vor allem der künstliche Hall-Effekt, der die Single zu einem Erfolg machte. Während es damals noch üblich war, die Aufnahmen möglichst natürlich klingen zu lassen, nutzte Putnam die Schallreflexion der marmorverkleideten Wände in der Herrentoilette als Hallraum

Der künstliche Hall war ein wichtiger Teil des Gesamtklangs. Er ließ die drei Harmonikas richtig groß klingen. Von diesem Zeitpunkt an wurde Hall immer häufiger als Effekt benutzt.

Berühmte Aufnahmen der 60er hat Bill Putnam als Recording-Engineer gemacht. Hier ist er mit dem Sänger Nat King Cole zu sehen.
Berühmte Aufnahmen der 60er hat Bill Putnam als Recording-Engineer gemacht. Hier ist er mit dem Sänger Nat King Cole zu sehen.

Erfindergeist

In den 50er-Jahren war Universal Recording bereits eines der erfolgreichsten Studios der Stadt. Putnam arbeitete mit Künstlern wie Patti Page, Vic Damone, Count Basie, Sarah Vaughan, Little Water, Dinah Washington, Muddy Waters, Mahalia Jackson, Chuck Berry und Hank Williams. Und er war weiterhin stets auf der Suche nach dem besten Klang, nach neuen Herausforderungen und ungelösten Problemen, die es − mitunter durch ungewöhnliche Methoden − zu lösen galt. “Es gibt diesen speziellen Nervenkitzel, den hoffentlich jeder Mensch einmal in seinem Leben spüren darf: Es ist der Nervenkitzel, wenn man etwas zum ersten Mal macht, wenn man ein Pionier ist, so armselig das Ergebnis auch ausfallen mag”, erklärte er.

Bill Putnam stellte erstmals das Konzept eines 3-Band-EQ-Amplifiers vor und war mit seinem Freund Les Paul in die frühe Entwicklung stereofoner Aufnahmen involviert; er verwendete als erster die Tape-Repeat-Funktion, konstruierte die erste isolierte Aufnahmekabine, produzierte einen der ersten Songs mit mehreren Overdubs einer Gesangsstimme; zudem veröffentlichte er erstmals Aufnahmen mit Half-Speed-Disc-Mastering und baute diverse Modelle der viel gepriesenen Universal 610-Konsole (unser Aufmacherbild), die das grundlegende Konzept der modernen Recording-Konsole vorwegnahm.

United Recording Cooperation

Viele der Klienten − vor allem Besitzer von Record-Labels − drängten Putnam dazu, ein Studio an der Westküste zu gründen. Er musste also die Entscheidung treffen, ob er ein großer Frosch in einem kleinen Teich bleiben oder diesen Schritt wagen wollte. Er verkaufte seine Anteile an Universal Recording 1957 an seinen Partner Murray Allen und begann 1958 mit der Konstruktion der United Recording Corporation in Hollywood, Kalifornien. Sein neues Studio beherbergte zunächst drei Aufnahme- sowie drei Mastering-Räume, außerdem einen Mixing-Room. Es wurde bald um weitere Räumlichkeiten erweitert, nachdem Putnam ein benachbartes Studio übernommen hatte.

Unabhängig von den Studioereignissen gründete Bill Putnam zudem mehrere Firmen − beginnend mit Universal Audio im Jahr 1958, gefolgt von Studio Electronics und UREI − für die Entwicklung, Herstellung und Vermarktung seiner Produkte wie die legendären 610-Konsolen, diverse Mikrofonvorverstärker, Equalizer, Kompressoren, Lautsprecher sowie den 1176 FET Limiting Amplifier, der im Jahr 1967 veröffentlicht und mitunter 13 Revisionen unterzogen wurde.

Die meisten Limiter auf dem Markt waren für den Hörfunk konzipiert. “Es gab damals keine Limiter, die auf die Bedürfnisse eines Recording-Studios abgestimmt waren, bis wir den 1176 entwickelten”, berichtete der Pionier. Noch im selben Jahr erwarb Putnam von Teletronix die Patentrechte für den optischen LA-2A Leveling Amplifier, der ursprünglich von Jim Lawrence entwickelt wurde und ebenfalls in diversen Versionen auf den Markt kam.

Der erste DIY-Studiobau: Bill Putnam konstruierte auch seine Studios selber.
Der erste DIY-Studiobau: Bill Putnam konstruierte auch seine Studios selber.

Hit Producer Putnam

In den 60er-Jahren wurde Putnam schließlich ein inoffizielles Mitglied des “Rat Pack”. Damals war Frank Sinatra wohl einer der erfolgreichsten Entertainer, der 1960 seine eigene Plattenfirma namens Reprise Records gegründet hatte und in den folgenden Jahren alle Titel in Putnams Studios aufnehmen ließ, darunter Hits wie It Was A Very Good Year und Strangers In The Night. Und auch Ray Charles, der damals sein Label gewechselt hatte, nahm nun bei Putnam Titel wie I Can’t Stop Loving You auf, ebenso wie die Beach Boys, The Mamas & The Papas und Bing Crosby.

In den folgenden Jahren expandierte Bill Putnam sein Unternehmen um weitere Studios und blieb eine der gefragtesten Persönlichkeiten der Industrie. Doch Mitte der 80erJahre zog er sich aus gesundheitlichen Gründen allmählich aus dem Geschäft zurück. 1989 schließlich verstarb Bill Putnam im Alter von 69 Jahren. Im Jahr 2000 wurde ihm posthum der Technical Achievement Grammy Award für seine Leistungen in der Musikindustrie verliehen. Universal Audio Inc. wurde 1999 von seinen zwei Söhnen, James Putnam und Bill Putnam Jr., wieder ins Leben gerufen und hat heute seinen Hauptsitz in Scotts Valley, Kalifornien.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.