Banale Hausmittel eines erfahrenen Pianistens

Songwriting: Tipps & Tricks zur Steigerung der Kreativität von Gregor Schwellenbach

In der ersten Episode unseres Podcasts in 2021 haben wir mit Co-Writer, Arrangeur und Sessionmusiker Gregor Schwellenbach gesprochen, der unter anderem bereits mit Irmin Schmidt (Can), Kurt Wagner (Lambchop), Megaloh, Alligatoah, Kölsch, Maxim, The Heritage Orchestra und The London Symphony Orchestra arbeitete. Der erfahrene Pianist gibt uns einen Einblick in seine Arbeit als Arrangeur, erklärt Methoden, mit denen man die eigene Kreativität im Songwriting-Prozess erhöht, und verrät, welche digitalen Hilfsmittel oder banalen Hausmittel es gibt, um der eigenen Inspiration einen Anstoß zu geben.

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Wie startest du einen Song? Beginnst du je nach Genre anders, oder gibt es für jeden Track einen gemeinsamen Startpunkt?

Da unterscheide ich zwischen Auftragsarbeiten wie Theatermusik, Filmmusik oder Hörspielen und meiner eigenen Musik. Bei den Auftragsarbeiten fange ich immer zuerst damit an zu recherchieren, was das Thema betrifft. Bei einem Film lese ich mehrmals das Drehbuch, gehe jeder Spur nach, wo eine Idee herkommen könnte. Wenn ein anderer Film zitiert wird, schaue ich mir den an und google jedes einzelne Wort und versuche, unglaublich viel Wissen zum Thema zu sammeln, um das es geht. Das bringt mich meistens dann schon zu ersten musikalischen Ideen. Bei Auftragsarbeiten ist auch der Zeitdruck spannend. Man hat Deadlines und muss einerseits bereit sein, zur Deadline den Song abzugeben, auch wenn er nur bei 90 % steht. Andererseits muss man auch bereit sein, um noch 1 % rauszuholen, eine Stunde vorher die Session nochmal zu öffnen und beispielsweise nochmal neu zu Mastern. Der Zeitdruck ist bei Auftragsarbeiten manchmal ganz hilfreich!


Songwriting – Tools und Methode zur Steigerung der Kreativität – Gregor Schwellenbach – Wochenrückblick #51

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Bei Auftragsarbeiten sollte man auch immer überlegen: Könnte es auch genau das Gegenteil sein?

Wenn naheliegt, dass etwas total langsam und ruhig ist, immer überlegen, ob vielleicht auch was Schnelles und Energievolles zu machen! Das kann zu blöden Ideen führen, aber manchmal bringt einen das auf Ideen, die man vielleicht anders nie gehabt hätte. Bei eigenen Sachen ist das schon schwieriger, da es eher ein freies Spielen ist. Ich versuche, mich da in den Zustand eines Kindes zu versetzen, das gerade mit Legos spielt. Da geht es darum, mich freizumachen von allen Erwartungen an mich selbst, allen Vorgaben und möglichst intuitiv der eigenen Lust folgen.

Startest du an einem Instrument oder direkt in der DAW, wo du in Logic schon ein Template mit Software-Instrumenten vorbereitet hast?

Das ist sehr verschieden. Ich arbeite gleich viel in Logic oder Ableton und ganz klassisch mit Notenpapier. Ich habe wenig Templates, von denen ich ausgehe. Die baue ich mir von Projekt zu Projekt selber. Ich spiele aber auch viel Klavier und nehme das mit der Diktierfunktion des Smartphones oder dem Fieldrecorder einfach auf. Ich weiß, dass sinnvoll ist, sich Templates aufzubauen, in denen man sich wohlfühlt. Da ich allerdings so viele unterschiedliche Sachen mache, hat sich das bei mir nicht durchgesetzt.

Da kann ich dir iPhone-App Musikmemos empfehlen. Mit der kannst du eine Spur direkt aufnehmen, dazu schon Bass und Drums generieren lassen, Tonart und Tempo wird erkannt, und schon eine kleine Idee ausarbeiten. Das Projekt kannst du dann auch später so direkt in Logic importieren und dort ausarbeiten. Hast du das mal versucht?

Nee, ich arbeite tatsächlich nur mit der ganz normalen Sprachnotiz. Aber werde ich mir mal anschauen.

Grundsätzlich nutze ich auch gerne Apps oder DAWs, die ich noch nicht gut kenne und wo ich meinen Workflow drum herum aufbauen muss. Das finde ich oft sehr inspirierend. Ich kam von Cubase zu Logic, später kam dann noch Ableton hinzu. Und bei den Übergängen hatte ich immer gute Songwriting-Phasen.

Durch das Suchen der Funktionen kommt man immer auf Sachen, auf die man sonst nicht gekommen wäre.

Ich lade mir auch oft Freeware herunter, mit der ich rumspiele. Beim Ausprobieren bekommt man auch immer kreative Schübe.

Spielst du zur Steigerung der Inspiration auch Songs nach?

Ich mache das zwar, aber Sachen nachspielen sehe ich eher als Übung, damit man später eigene Sachen umsetzen kann. Gute Musik nachzuspielen inspiriert mich nicht zu eigener Musik. Eher im Gegenteil. Wenn ich neue coole Musik entdecke, lehne ich mich zurück und genieße sie!

Was mich inspiriert ist, wenn mir Musik nicht gefällt. Da denke ich drüber nach, was ich anders machen de. Manchmal nervt mich Musik, und das ist dann inspirierend. Es gibt manchmal Musik, wo ich versuche, mein eigenes Statement entgegenzusetzen.

Hast du einen solchen Track mal in eine DAW geladen und dazu was anderes gespielt?

So konkret mache ich das nicht. Mich macht Musik unruhig, manchmal auch wütend, und dann bekomme ich Lust, meine eigene Haltung darzustellen und mein eigenes Ding zu machen.

Im Scripter von Logic Pro X gibt es viele vorinstallierten Skripts, die automatisch MIDI-Daten erzeugen.

Wie sieht es bei dir mit neuen Ideen aus? Nimmst du alles direkt auf und versuchst, es auch in Logic auszuproduzieren?

Ich sammle tatsächlich sehr viel. Das Finden von neuen Ideen funktioniert bei mir am besten in einem freien Rahmen und ohne Ziel. Und aus einer Idee einen guten Track zu machen, funktioniert bei mir immer gut unter Druck. Deshalb habe ich einen Ordner mit guten Ideen und guten Anfängen. Das sind entweder einzelne Spuren oder Sounds oder vorskizzierte Tracks. Und wenn ich dann für einen Auftrag je nach Stimmung etwas suche, greife ich in diese Kiste der halbfertigen Ideen und mache dort dann weiter.

Wichtig ist auch der Austausch mit anderen Musikern, die zu den eigenen Ideen ein Feedback dazu geben, wie man weitermachen könnte. Ich finde es enorm hilfreich. Es ist eine echte Kreativitätstechnik, ein Team aufzustellen, in dem man sich regelmäßig austauscht. Ich würde fast sagen, dass bei meinen guten Sachen immer jemand anderes beteiligt war. Sei es, dass andere ihr Instrument dazu gespielt haben, jemand anderes gemischt hat oder dass man wirklich das Schreiben selbst zu zweit macht. Bei Singer/Songwritern gebe ich da oft Tipps zur Akkordfolge oder auch zur Songstruktur: Vielleicht gehst du mal in A-Moll, oder du machst den Pre-Chorus doppelt so lang.

Wie gehst du mit kreativen Blockaden um?

Bei Auftragsarbeiten sind die eigentlich nicht mein Problem! Wenn man gewisse Skills hat und mit seinen Mitteln umgehen kann, mit dem Zeitdruck und dem Wissen, was die Aufgabe ist, findet man immer eine Lösung!

Wenn man komplett frei ist und einem nichts einfällt, sind Pausen und Spazierengehen gut. Was ich sehr gerne mache, sind Analysen von anderen Tracks. Ich nehme mir also einen Song, der mir gut gefällt, reduziere ihn auf seine Essenz und versuche, diese in einem Genre auszuformulieren. Ich nehme mir beispielsweise einen Punk-Rock-Track, frage mich, warum ich den gut finde, und versuche, diesen Kniff, der den Punk-Rock-Track so geil macht, mit Streichern umzusetzen. Ideen von einem Genre in das andere zu bringen ist etwas, dass ich sehr gerne mache.

Eine weitere Technik, die ich von Autoren übernommen habe – die nennen das »Automatisches Schreiben « –: Sie schreiben jeden Tag 10 Minuten lang einen Zettel voll mit Text. Der Text muss nicht gut sein, es geht nur darum, alle Gedanken und Ideen aufzuschreiben. Und wenn man das ein paar Tage lang macht, hat man irgendwann eine Sammlung an Ideen, worin sicherlich auch viele gute Ideen und Sätze dabei sind. Das kann man natürlich auch musikalisch übertragen, indem man jeden Tag 10 Minuten auf seinem Instrument spielt, das aufnimmt, und dann ist da am Ende auch die eine oder andere gute Idee dabei.

Nutzt du auch digitale Songwriting-Tools?

Ich selbst nicht, ich weiß aber, dass viele den Logic Pro Scripter nutzen, der MIDI-Daten in Echtzeit erzeugt – das funktioniert so ähnlich wie in Ableton mit Max for Live. Es gibt natürlich auch viele KI-Tools, vor allem auch im Bereich Komposition, die ja nicht dafür sorgen, dass man nichts mehr tun muss. Die Aufgabe der Künstlerinnen und Künstler bleibt ja gleich, auch wenn es Tools gibt, die vielleicht dann eine Melodie schreiben. Eine direkte Empfehlung habe ich aber leider nicht.

Arbeitest du auch viel am Notenblatt mit Stift und Papier? Und wo fühlst du dich freier: in der DAW oder am Instrument?

Am Rechner ist die Regel. Stift und Papier kommt selten vor. Das fühlt sich zwar toll an, wenn man wie ein echter Komponist mit dem Zug fährt und nur Notenblätter vor sich hat und sich alles im Kopf abspielt. Das ist aber wirklich die Ausnahme! Das bedarf natürlich auch an Erfahrung, und man muss wissen, wie sich das Stück am Schluss auch anhört.

Stift, Papier und Klavier gehören da eigentlich zusammen. Ich spiele dann am Klavier und schreibe mir die Noten auf Papier auf. Auch das bringt einen auf andere Ideen als in der DAW. Trotzdem arbeite ich zu 80 % in der DAW.

Ziehst du deine Kreativität auch aus unterschiedlichen Sounds, beispielsweise einer Gitarre, die du in der Musik irgendwo hörst?

Das mache ich nicht sehr oft, ist allerdings nicht mein Spezialgebiet und fällt mir schwerer als anderen. Ich bin eher der Preset-Typ! Ich möchte am liebsten ein Instrument mit vier Sounds haben, mit denen ich dann spiele. Damit bin ich besser, als wenn ich in die Sounds reingehen kann. Ich bin kein schneller Synth-Sound-Programmierer und bin eher ein wendiger Typ, wenn ich weniger Mittel habe. Ich bin besser darin, meine Kreativität in die Töne als in die Sounds zu stecken!

Welche Software-Instrumente nutzt du dann gerne?

Ich mag gerne die Arturia V-Collevtion, vor allem den Minimoog. [Native Instruments] Massive nutze ich gerne, ich habe aber nicht unbedingt einen bestimmten Favoriten bzw. habe ich den noch nicht gefunden.

Für mich ist mein echtes Rhodes ein absolut wichtiges Tool … oder alte Yamaha-Spielzeug-Kisten mit kleinen Tasten und 127 Sounds, mit denen man Porta-Sounds erzeugen kann, sind gut für mich. Und natürlich Klavier, Bass und Gitarre.

Ich habe auch einen großen ARP Odyssey. Und, wie wir alle, suche ich mehrmals in der Woche im Internet, ob ich mir nicht doch den ein oder anderen Synthesizer dazu hole. Ich hoffe, dass ich da auch irgendwann mal einen Prophet Rev. 2 finde, damit hätte ich schon Spaß.

Bist du zögerlich bei der Entscheidung: Jetzt ist der Song fertig? Und wie gehst du in dem Fall mit dem Perfektionismus um?

Tipp 1 ist: anderen den Song vorspielen und deren Meinung einholen. Wenn man alleine arbeitet, steigert man sich da oft rein. Kolleginnen oder Kollegen sagen dir dann, was noch fehlt.

Dann aber nichts dazu sagen und die Wahrnehmung lenken. Äußerungen wie »Der Bass ist noch nicht richtig, die Hi-Hat ist noch zu laut oder der Gesang wird nochmal neu aufgenommen«, sollte man vermeiden. Wenn man einfach nur den Track vorspielt, merkt man dann, dass diese Sachen vielleicht gar nicht das Problem sind, sondern vielleicht die Gitarre. Ich bin ein Freund von wortlosem und neutralem Vorspielen, um zu wissen, wo andere eben das Thema sehen, wo würden sie die letzten 10 % rausholen.

Oft tut es auch gut, den Track mal zur Seite zu legen, rauszugehen und danach oder am nächsten Morgen nochmal ran. Dann sieht das Ganze schon anders aus.

Du besitzt ja eine große Kenntnis und Erfahrung in der Notenlehre, was du ja auch beim Musikkomponieren einsetzt. Fehlt Musikern, die keine Notenkenntnis haben, an der Stelle etwas?

Nö, da fehlt nix! Sehr viele tolle Musiker können keine Noten lesen. Einem Marsmenschen würde ich es so erklären, dass Noten in einer Zeit wichtig waren, als Musik noch sehr komplex war, wenn man sie mit mehreren zusammenspielen wollte und man sie nicht aufnehmen konnte. Wenn man im Chor singen und nicht jedem einzelnen seine Stimme einmal vorsingen wollte, brauchte man Noten. Jetzt, wo man einem einfach eine MP3 schicken kann, ist das nicht mehr wichtig. Wenn man allerdings mit Instrumentalisten arbeitet und um Musik auf einer akademischen Basis kennenzulernen, sind Noten sehr gut.

Wichtiger ist allerdings, dass man ein Gefühl für Harmonielehre und Akkorde hat. Modale und funktionale Musiktheorie spielen auch eine große Rolle. Funktionale Musiktheorie bedeutet, dass man Akkorde in drei unterschiedliche Charaktere einteilen kann: Akkorde, die sich nach Zuhause (Tonika), spannungsvoll (Dominante) oder als Abwechslung (Subdominante) anfühlen. Und wenn man das System im Kopf hat, kann man schneller ein Gefühl dafür bekommen, wie sich in der Akkordfolge ein A-Moll anfühlen würde.

Bei der modalen Musiktheorie geht es um die Gefühle der einzelnen Töne innerhalb der Tonleiter. Ich rate allen Musikern, sich ein bisschen mit Musiktheorie zu beschäftigen. Dauert so zwei bis drei Jahre. (lacht) Das ist schon hilfreich!

Vielen Dank für das Interview!

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