»Lebensgeschichte« Vinyl

Railroad Track Studio, Kerpen

VMS82-Schneidemaschine aus dem EMI-Bestand. Die Maschine wurde in den 1980er-Jahren mit einem DMM(»Direct Metal Mastering«)-Schneidkopf umgerüstet. Rechts: Cremers altes EMI-Mischpult (Bild: Railroad Tracks Studio)

Das Kerpener Railroad Tracks Studio ist in einem alten Bahnhofsgebäude untergebracht. Dort arbeitet unter anderem das Vinyl-»Urgestein« John Cremer, der 1974 bei der Plattenfirma EMI begann, Lackfolien für Vinyl zu schneiden – darunter die deutschen Beatles-Pressungen, Kate Bush, die Scorpions oder Herbert Grönemeyer. Im Studio wird auf einer der wenigen noch vorhandenen DMM(»Direct Metal Mastering«)-Schneidemaschinen gearbeitet. Ein Besuch … und ein Gespräch über Vinyl und die eigene Geschichte.

Im nordrhein-westfälischen Kerpen – genauer: im Stadtteil Kerpen-Buir – ist das Railroad Tracks Studio an einem ungewöhnlichen Ort untergebracht: Im ehemaligen Bahnhofsgebäude an der Strecke Köln-Aachen, die noch befahren wird. Das Studio wurde 1999 vom EMI-»Vinylschnitt-Urgestein« John Cremer gegründet – der 67-Jährige arbeitet im Railroad Tracks Studio gemeinsam mit einer jungen Mannschaft um Geschäftsführer Thomas Ölscher.

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Bei EMI ins »kalte Wasser« geworfen. Im Flur zeugen goldene Schallplatten von Tina Turner oder Cliff Richard von der EMI-Historie, dazu jede Menge Auszeichnungen für Veröffentlichungen. Cremer empfängt an einem Tisch; der ruhige Mann mit weißem Haar erzählt lakonisch und gelassen und manchmal leicht verschmitzt seine Vinyl-Lebensgeschichte mit dem breiten Dialekt eines Kölner Originals.

Im Bahnhofsgebäude Kerper-Buir untergebracht: das Railroad Tracks Studio
Geschäftsführer Thomas Ölscher (links) mit dem Studiogründer und früheren EMI-Mitarbeiter John Cremer, der bislang über 30.000 Vinylschnitte gefertigt hat

Er kam 1974 eher zufällig zum Vinylschnitt in die Kölner Maarwegstudios, übernahm die Arbeit an vielen erfolgreichen Platten. »Die EMI suchte Nachwuchskräfte, die zudem günstiger waren als die Kräfte der Düsseldorfer oder Detmolder Toningenieurschule, wo Tonmeister ausgebildet wurden«, erinnert er sich. »Die akademische Ausbildung war für normale tontechnische Arbeiten nicht zwingend nötig. Ich konnte in der Überspielung anfangen. Derjenige, der mich ausbilden sollte, hatte zum Zeitpunkt meiner Ankunft einen Herzinfarkt bekommen, ein zweiter Kollege war im Urlaub. Vom dritten im Team wurde mir das auf die Schnelle beigebracht: ›Du schneidest ab heute die Singles!‹ Ich hatte noch nie eine Schneidemaschine gesehen!«

Cremer schnitt an der Schneidemaschine in eine Lackfolie, die im Presswerk zur Weiterverarbeitung landen würde. »Mein Vorgesetzter meinte: ›Wenn du in den ersten vier Wochen 90 Prozent Ausschuss produzierst – egal! Dann haben wir zehn Prozent, mit denen wir pressen können!‹ (lacht) Ich wurde ins kalte Wasser geworfen. In der dritten Woche lag ich bei 60 Prozent Ausschuss. Damals war ich 20, hatte immer schon Rock und Pop gehört. Die Kollegen meinten: ›Du machst jetzt auch die Rock-LPs, das ist uns alles zu laut‹ «, erklärt er lachend.

»Herkömmlicher« Mastering-Arbeitsplatz mit analoger Hardware (Bild: Railroad Tracks Studio)

Durch die nationalen Niederlassungen konnte die Plattenfirma für die Märkte vor Ort schneiden lassen. Dadurch ersparte sich der Konzern, alle Lackfolien zentral auf einmal produzieren zu müssen – zusätzlich fiel die Hürde eines anfälligen weltweiten Versands in die Presswerke weg. »Die Überspielung im Maarweg fand im Keller statt, unter der Kantine. Die Maschinen standen auf U-Boot-Motoren-Fundamenten, um Vibrationen zu absorbieren. Am Gelände führte eine Bahnlinie vorbei. Ich habe 26 Jahre lang praktisch im Keller gearbeitet – meinen Raum hatte ich auch noch schwarz gestrichen! (lacht) Später waren die ersten Musiker und Bands bei den Überspielungen dabei – meist interessehalber. Dazu zählte Herbert [Grönemeyer] bei Bochum. Er meinte, er versteht sowieso nicht, was ich mache, legte sich aufs Sofa und schlief ein. Der ließ mich in Ruhe arbeiten! Andere sind Control-Freaks: Sie befürchten bei jedem Arbeitsschritt eine Veränderung im Klang. DJs beschwerten sich oft, der Pegel sei beim Schneiden noch nicht im roten Bereich!« Lautheit habe bei Vinyl allerdings physikalische Grenzen, ansonsten springe die Nadel. »Ich habe mir eine Funktion am Schnittplatz einbauen lassen, die nur die Pegelanzeige anhebt«, er schmunzelt.

Die Studer A820-Viertelzoll-Bandmaschine diente früher zur Überspielung von Archivbändern. Aktuell werden Produktionen darauf gemastert – laut Ölscher unter anderem Helge-Schneider-Alben. Auch eine Studer A80-Halbzoll-Mastermaschine sowie eine A80-Achtspur-Maschine befinden sich im Bestand. (Bild: Railroad Tracks Studio)

Kate-Bush-Platte »Cremer-modifiziert«. Aufgrund der »lokalen« Schnitte sind im Nachhinein manche Pressungen besonders beliebt, wenn die Ergebnisse gefallen. Cremer erinnert sich an die 1985er-Kate-Bush-Platte Hounds Of Love: »Die Playbacks waren komplett ohne Höhen, Frau Bushs Stimme zischte sehr stark. So geschnitten – und die Engländer haben sie so geschnitten! – klingt die Platte sehr unangenehm. Ich habe den Klang mit einem De-Esser bearbeitet, dahinter die Höhen deutlich angehoben, sodass das Ergebnis wie andere Platten klang. Jahre später kam das Album auf CD heraus – die wurde eins zu eins vom Band gezogen. Bei EMI in Köln gingen ein paar wütende Briefe ein, warum die CD so schlecht klinge im Vergleich zur Platte! Das Fatale: Wir durften eigentlich nicht von uns aus an ›geheiligter‹ englischer Musik schrauben. Wir haben das Ergebnis auch nie zur Freigabe nach London geschickt, sondern einfach gemacht. Gleichzeitig konnten wir nun nicht offenbaren, was wirklich passiert war! Wir meinten schlicht: ›Ihr müsst euch an England wenden, die haben die CD gemacht!‹ «, meint er schmunzelnd. »So ging das mit vielen Platten – fast alle Produktionen von Conny Plank habe ich mit 8 Dezibel Höhenanhebungen geschnitten. Ich habe ihn gefragt, warum er den Klang bei sich viel heller hört. Er meinte, er sei das gewohnt: ›Ich weiß ja, du machst das!‹ (lacht) Für das DMM-Verfahren habe ich Teile des Pink-Floyd-Katalogs neu gemastert, die Beatles komplett.«

Von EMI zum Railroad Tracks Studio. Um die Jahrtausendwende beschloss der Londoner EMI-Mutterkonzern, sich vom Tonstudiogeschäft zu trennen. »In der Folge wurden wir alle entlassen. Allerdings merkte die EMI: Völlig ohne Tontechniker kann sie kein Material veröffentlichen. Wir haben dann monatelang verhandelt. Ich wollte mich mit dem Schnitt ohnehin selbständig machen, da ich damals bereits zu 80 Prozent für Fremdkunden schnitt.« Er übernahm die Technik bei der Auflösung. »Die EMI hatte vergessen, dass sie einen riesigen Keller mit Archivmaterial hatten. Ich bot ihnen an, über einen großen Lagerplatz eines Freundes die Archivbetreuung zu übernehmen.« Nach einigem Hin und Her mit anderen Angeboten fiel ihm 1999 der Auftrag zu.

Auf der SSL G-Konsole wurden zu Maarweg-Zeiten beispielsweise Grönemeyers Bochum und Ö gemischt. (Bild: Railroad Tracks Studio)

Cremer stammt aus Kerpen-Buir, er wusste, dass das Bahnhofsgebäude leer steht, wollte dort das Studio einrichten. Die Verhandlungen mit der Bundesbahn seien sehr langwierig gewesen. »Wir mussten unter anderem eine Räumungsklage einer Pizzeria mitkaufen.« Anschließend baute er das Railroad Tracks Studio mit einem Geschäftspartner auf. Das EMI-Archiv – rund 70.000 CDs, Platten und Bänder – wurde eingelagert. Bis 2013 übernahmen sie offiziell den Archivservice für EMI in den deutschsprachigen Ländern, danach ging das Archiv in das Eigentum von Warner und Universal über und wurde abtransportiert.

Cremers Kollege Thomas Ölscher kommt ebenfalls aus dem Kerpener Raum: »Ich habe mit meiner damaligen Band Anfang 2000 hier aufgenommen und während des Studiums mein Praxissemester absolviert.« John Cremers damaliger Geschäftspartner stieg kurzfristig aus, am nächsten Tag stand eine Aufnahme an. Ölscher wurde gefragt und blieb. Die Stimmung im Team harmonierte. 2011 stellte sich das Studio neu auf, er übernahm drei Jahre später die Geschäftsleitung. Inzwischen arbeiten dort vier festangestellte und vier freie Mitarbeiter. Der Vinylschnitt hat sich mittlerweile verlagert, wie Thomas Ölscher erklärt: »Wir arbeiten kaum noch für die Major-Industrie – außer die großen Namen, die zu uns kommen, weil sie John schon lange kennen, wie Grönemeyer, Kraftwerk, Helge Schneider und die Scorpions.« Kürzlich habe Jean-Michel Jarre einen Schnitt in Auftrag gegeben, weil er auf DMM setze. »Die Major-Plattenfirmen verwertet hauptsächlich ihren Back-Katalog, alles wird immer wieder neu aufgelegt; mit neuen Künstlern wird nicht viel verkauft. Wir arbeiten viel im Independent-Bereich, für kleinere Labels und Presswerke – da läuft es immer noch, daher haben wir gut zu tun.«

Das benachbarte Gebäude wurde ausgebaut, um Bands aufzunehmen oder Studiokonzerte mit bis zu 300 Gästen zu veranstalten. (Bild: Railroad Tracks Studio)

Abgesehen von Dienstleistungen rund um Vinyl – ihr Grafiker übernimmt auf Wunsch das Cover-Design – werden auch alle weiteren Studiobereiche angeboten: Ein Mastering-Raum für analoge wie digitale Endformate ist vorhanden; darin besteht neben dem Vinylschnitt aktuell der Schwerpunkt. In der oberen Etage existiert ein Mischraum samt SSL-G-Serie-Pult und Studer A80-Achtspur-Maschine. Im Backsteinkeller befindet sich gar eine Hallkammer.

Im Erdgeschoss des Gebäudes wurde kürzlich ein rund 260 Quadratmeter großer Aufnahmeraum mit etwa 5 Metern Deckenhöhe eingerichtet. Dort sollen Aufnahmen mit größeren Besetzungen umsetzbar sein, zudem wollen sie Studiokonzerte für bis zu 300 Gäste anbieten.

Zum Abschluss eine Anekdote: Cremer erinnert sich an die B-Seite einer angeblichen Beatles-Comeback-Single. Das Band mit dem Stück Silence schickten die englischen Kollegen in den 1970er-Jahren um die Welt – samt Autorennennung und Produktions-Sheet. In Köln versammelte sich die gesamte Belegschaft, um der Überspielung zu lauschen. Sie hörten … Stille. »Das war ein Gag, um weltweit die Überspielungsstudios nervös zu machen. Fast alle haben zurückgeschrieben, das Band sei kaputt! (lacht) Nur wir nicht – ich habe gnadenlos die dreieinhalb Minuten Leerband geschnitten. Steht ja drauf: Silence!

Auf einer Pink-Floyd-Platte existiert noch ein viel gemeinerer Trick, damit hat Engineer Alan Parsons alle Überspieler reingelegt: Bei Wish You Were Here bricht der Klang zusammen, nur ein Übersprechen läuft weiter. Der Sound entsteht, wenn der Schneidrekorder zu warm wird und die Sicherung rausfliegt. Dann besteht die Gefahr, dass die Spulen durchbrennen. Großalarm: Rekorder kaputt! Der Effekt ließ sich bei Lackmaschinen auch von Hand auslösen, indem beim Schneiden die Sicherung gedrückt wurde – das Gerät schnitt mit dem kollabierenden Übersprechen weiter. Ich habe mich totgelacht! Jeder, der die Platte überspielt hat, brach an der Stelle ab! Alan Parsons war mal hier. Ich sprach ihn darauf an: ›You fooled me, too!‹ Er wusste direkt, was gemeint war.«

www.railroad-tracks.de

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