Studioreport

Produktionsstory: Patrice − Life’s Blood

In vielfacher Hinsicht ist der in Köln geborene Gaston Patrice Babatunde Bart-Williams alias Patrice ein Multitalent: Er ist Interpret, Songwriter, Produzent, Labelbetreiber und Video-Regisseur in Personalunion. Diese Form künstlerischer Selbstbestimmung hat ihm große Freiheit und gleichzeitig auch viel Verantwortung eingebracht. Sein aktuelles und nunmehr siebtes Studioalbum Life’s Blood ist dem Zufall geschuldet, aus dem Rucksack entstanden und letztendlich auf drei unterschiedlichen Kontinenten aufgenommen worden — Grund genug, dem 37-jährigen Reggae-Künstler auf den Zahn zu fühlen, wie dies vonstattenging und wie er mit den unterschiedlichen Rollen während der eigenen Album-Produktion umgeht.

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Eigentlich war alles ganz anders geplant, als Bart-Williams Anfang 2015 seinem Freundeskreis neues Material von sich vorspielt. Die ursprüngliche Idee war nämlich, diese Songs als zusätzliche Singles für ein geplantes »Best of«-Album zu veröffentlichen. Doch insbesondere die Tracks Burning Bridges und Island sorgen für leuchtende Augen und Begeisterungsstürme im Kreis seiner Vertrauten. Schnell wird klar, dass sich in diesen Songs ein neuer Vibe befindet, der eingefangen werden sollte: »Das hatte alles eine ziemliche Energie, die alles nach vorne getrieben hat und ziemlich mitreißend und modern war. Es wurde klar, dass es sich lohnen würde, ein neues Album zu machen. Ich war inspiriert von einem neuen Sound; aus diesem kreativen Flow wollte ich mehr machen als nur die Single eines Best-of-Albums. Dann habe ich innerhalb eines Jahres dieses Album geschrieben«, erzählt er.

Als Künstler, der kontinuierlichen Output hat und nicht nur für sich selbst, sondern für viele andere Interpretenschreibt, hat Bart-Williams direkt einen Pool von Songs griffbereit, aus dem er schöpfen kann. Der erste Schritt seiner Herangehensweise besteht darin, die Basis des Materials und ihre »Identität« zu ermitteln, um dann im zweiten Schritt herauszufinden, welche Songs zu diesem neuen Sound, der ihm vorschwebte, passen könnten. So passiert es, dass auch einige Songs von ihm ausgewählt werden, die er eigentlich für andere Künstler geschrieben hatte, aber dann während der Produktion zu Patrice-Stücken umfunktioniert.

All dies geschieht oftmals »on the fly«. Patrice arbeitet durchgängig das ganze Jahr 2015 über, allerdings nicht an einem fixen Ort, sondern von überall: »Das ist alles ein bisschen nebenher passiert, ich war die meiste Zeit wegen der Familie in New York und hatte dann mein Setup im Schlafzimmer und habe neben dem Rest des Lebens an den Songs gearbeitet. Ich hatte natürlich meinen Fokus auf dem Album, allerdings musste ich die Arbeit daran in die anderen Lebensumstände integrieren. Das war eher so eine sukzessive, prozesshafte Herangehensweise«, so Bart-Williams über seinen Recording-Ansatz.

Der Ort als Inspiration

Das Schreiben und Produzieren an verschiedenen Orten ist nichts Ungewöhnliches oder Neues für Patrice: Geboren 1979 als Sohn eines der großen Intellektuellen Afrikas und einer deutschen Mutter, lebt er heute in New York, Paris und Köln. Gleich drei Metropolen als Wohnsitz zu haben, verändert ganz sicherlich ganz allgemein die Sicht auf die Dinge und öffnet gleichzeitig Augen und Ohren in kreativer Hinsicht. So kommt es auch nicht von ungefähr, dass die Album-Recordings noch zwei weitere Orte umfassen: das nigerianische Lagos sowie Kingston, die Hauptstadt Jamaicas. Durch die Wahl europäischer, afrikanischer, amerikanischer und karibischer Aufnahme-Settings ergibt sich automatisch ein weltoffener, freigeistiger Spirit − und darüber hinaus bringt Bart-Williams seine Musik zu ihren Wurzeln zurück.

Neben den kreativen Vorteilen gibt es aber auch pragmatische Beweggründe, die zu dieser internationalen Arbeitspraxis führen: »Es gibt in jedem Land bzw. jeder Stadt etwas, das spezifisch für diesen Ort ist, also etwas, das man besonders gut dort machen kann: In Köln habe ich meine Bandmaschinen, daher nehme ich dort gerne Schlagzeug auf; ebenso habe ich dort auch die Hälfte meines Analog-Equipments, von dem die andere Hälfte in London steht, wo ich wiederum gerne Vocals aufnehme. Manchmal ist einfacher für mich, dann dorthin zu kommen, da viele meiner Musiker als auch meine Arrangeurin in London leben, anstatt dass ich sie hierüber fliege. Backing-Vocals würde ich normalerweise auf Jamaica aufnehmen; in Lagos habe ich beispielsweise auch einen Bläsersatz aufgenommen, einfach weil es zu dem Lied passte. So wie auch Percussions und Gitarre, das ergibt sich dann auch manchmal einfach spontan, wenn der Vibe und die Rahmenbedingungen stimmen.«

Spontanität, Stilvielfalt, Vibe, Weltoffenheit − das sind die Faktoren, derer sich Bart-Williams bei seiner Produktion bedient. So kann der jeweilige Ort auch zum charakteristischen Element von Patrice-Songs werden: »In manchen Liedern beschreibe ich, was vor meinem Fenster abgeht, also was ich dort gesehen habe. Dadurch ist natürlich ein klarer Einfluss da, weil ich, wenn ich in New York bin, eine New Yorker-Szene beschreibe. Grundsätzlich hilft es mir, etwas zu machen, was nicht festgefahren und kleingeistig ist, sondern etwas, von dem ich denke, dass ich das meinen New Yorker Leuten oder meinen Freunden hier vorspielen kann − und alle verstehen das.«

Der Künstler als Songwriter, Produzent und Interpret

Die räumlichen (Perspektiv-)Wechsel, welche Bart-Williams durch die verschiedenen Orte vollzieht, schärfen seinen Blick für das Ganze. Doch auch bei der Arbeitsteilung während der Produktion nimmt er verschiedene Rollen ein. Die Tatsache, dass er auf der einen Seite Produzent und Songwriter für andere Künstler ist, diese beiden Perspektiven gleichzeitig auf der anderen Seite im Projekt »Patrice« verschmelzen − bei dem er auch noch Interpret ist − führt zu einer komplexen Produktionssituation: »Das ist auf jeden Fall ein anspruchsvoller Spagat. Vor allem der Wechsel zwischen dem kreativen Part und allem anderen. Hinzu kommt ja auch noch, dass ich mein eigener Labelchef bin, was noch einmal eine andere Perspektive bedeutet. Hier verfolge ich aber ganz klar das Credo: Kunst zuerst!« Vor allem aber die langen Gespräche über die Details und das Überdenken von Feinheiten, die viele möglicherweise nicht wichtig oder überflüssig fänden, sind für Bart-Williams unerlässlich und bedeutend − wenngleich sie auch ein für ihn anstrengender Prozess sind.

Doch Bart-Williams ist Perfektionist, der nichts dem Zufall überlässt, außer es ist seiner Kunst dienlich oder wenn es die Kunst so will. Jederzeit muss zwischen den verschiedenen Rollen ein Abgleich aus der jeweiligen Perspektive stattfinden: »Zwischen Produzent und Interpret ist es teilweise auch anspruchsvoll, aber es hat gleichzeitig auch so viele gute Seiten, weil man frei und eben nicht abhängig von irgendjemand ist. Ich möchte nicht auf andere angewiesen oder von ihren Launen abhängig sein.«

Die logische Konsequenz, um die maximale Kontrolle über seine Kunst zu erlangen, war für Bart-Williams, sich über die Zeit mit allen Aufgaben zu beschäftigen, die ihn als Künstler direkt oder auch indirekt betreffen. So hat er es geschafft, nach und nach alle Rollen der den Musiker umgebenden Tätigkeitsfelder selbst auszufüllen − zuletzt hat bei seinen Videos die Regie übernommen und zur neuen Album-Single Burning Bridges seinen ersten Clip selber gedreht. Die fortschreitende, immer portabler werdende Technik begünstigt seinen Drang nach kompletter Selbstverwirklichung: »Das macht mir aber einfach viel Spaß, also die Kombination aus Foto und Video, die visuelle Ebene, da kann ich mich echt ausleben. Grundsätzlich ist es super, dass es heutzutage so möglich, alles selber zu machen, und vor allem, dass es auch so preisetauglich ist.«

Vorteile des Perspektivwechsels

Doch welche Vorteile hat dieser anstrengende Spagat? Bart-Williams zehrt hier aus der Erfahrung anderer Produktionen, die er sich selbst zunutze macht: »Ich glaube, dass gute Künstler alle aus derselben Quelle schöpfen. Das heißt, ich lerne total viel durch die Fehler anderer − ich denke, dass ich als Produzent viel besser einschätzen kann, wie es sein sollte oder zu welchen Fehlern Künstler neigen. Ich glaube, dass es oft so ist, dass das, was Künstler eigentlich ausmacht, also der Charakter, beim zweiten Album wegpoliert wird.«

Einen elementaren Faktor sieht er − aus der Produzenten-Perspektive − in den Eitelkeiten eines Künstlers, weil dieser bei der Studioarbeit die Tendenz habe, die eigenen Fehler kaschieren zu wollen und möglichst perfekt wirken möchte. Doch insbesondere in diesen »Fehlern« sieht Bart-Williams das Charakteristische eines Künstlers − und weiß daher ebenso um seine eigenen Schwächen im Aufnahmeprozess: »Das ist aber unglaublich schwer, das sehen und erkennen zu können, vor allem, wenn man sich selbst produziert. Also zu sagen: Ich lasse das so, das ist gut.«
Das Phänomen bei anderen beobachtet zu haben, hilft ihm dabei, es bei sich selbst wahrnehmen zu können und mit sich selbst im kreativen Prozess anders umzugehen.

Zudem folgt der Künstler in solchen Fällen auch seiner Intuition: Er vertraut darauf, dass manche Dinge einfach aus dem Bauch heraus richtig sind und nicht zwangsläufig auf Perfektion getrimmt sein müssen: »Ich sag mir dann immer, dass es dann einfach so sein soll, und alles hat seinen bestimmten Moment. Man sollte nicht so lange dran herumdoktern, bis die Magie weg ist.« So anstrengend dies auch in der Doppelrolle sein mag, es führt zu den für ihn optimalen Ergebnissen bei den Aufnahmen.

Technik und Equipment

Auch in puncto Gear hat sich der Künstler, der es liebt, jederzeit und überall aufnehmen zu können, eine Menge technisches Knowhow angeeignet und besitzt, ganz im Sinne seiner Philosophie der künstlerischen Selbstbestimmung, ein beachtliches Arsenal an Equipment: »Wir nehmen gerne auf Band auf. Ich habe zwei Studer A80 16-Spur-Maschinen und eine Studer A827 sowie eine EMI-1/4″- Röhrenmaschine, auf die wir oft Sachen überspielen. Dann haben wir natürlich Pro Tools mit Prism als Wandler usw. An Mikros nehmen wir gerne viele alte Neumann-Mikros; ein CMV mit M7-Kapseln, aber auch das U47 oder ein SM69, solche Stereo-Röhren-Mikros, je nachdem, was soundtechnisch gefragt ist. Manchmal nehmen wir auch einfach ein paar Thrash-Mikros für Charakter, weil sie einen interessanten Klang haben. Für Gitarren nehmen wir gerne oft Bändchen-Mikros von Beyer oder Royer.« Manchmal fällt seine Wahl auch auf ein Brauner VMA-Röhrenmikrofon; an Preamps verwendet er meistens Siemens V276, welche er mit einem Neve V67 oder C81 kombiniert.

Nach wie vor arbeitet Bart-Williams gerne mit analogen Drum-Maschinen wie beispielweise von Ace Tone oder der Roland TR-808; zudem sampelt er für seine Aufnahmen viel Vinyl − diese beiden Elemente werden bei der Produktion von Life’s Blood von ihm häufig genutzt. Bei Instrumenten hat er ein Faible für den Sound alter Vintage-Drums, weshalb er unter anderem ein 50er-Gretsch und ein 70er-Slingerland besitzt, mit denen viel aufgenommen wird. Zwei B3-Orgeln, alte Synths und ein Bösendorfer Flügel runden das Basic-Setup ab.

Bei Kompressoren setzt er in der Regel auf den Fairchild 670 oder LA2A von Urei. Oft wird auch der Sta-Level-Kompressor von Gates benutzt. Für viele verschiedene Aufnahmesignale findet das U47 seinen Einsatz, meistens jedoch für die Lead-Vocals oder − als alternative Variante − das VMA in Kombination mit einem Martech MSS-10. Für Backing- Vocals wie auch Drums kommen C81er zum Einsatz, als Overheads weitestgehend Bändchen-Mikros, wie beispielsweise Coles.

Das U47 sowie ein gutes Bassdrum- Mikro, wie beispielsweise von Audix, runden seine Drum-Mikrofonierung ab. Viel Gewicht legt er hierbei auf die richtige und passende Stimmung des Schlagzeugs und die Positionierung der Mikrofone: »Ich bin ein Freund davon, die eigenen Ohren zu benutzen. Will heißen, wenn man nicht genug Bassdrum hat, dann kann man sie auch oben in der Ecke links aufnehmen, also irgendwo im Zimmer, wo sie gut ankommt. Da, wo sie sich gut anhört, sollte man sie abnehmen. Das sollte man mit jedem Signal so machen: Man sollte einfach die Ohren benutzen und weniger dogmatisch sein, weil ›es ja so gemacht‹ wird.«

Unkonventionelle Verfahrensweisen, die sich auf das eigene, intuitive Gespür und musikalische Gehör verlassen, haben in seiner Philosophie Priorität. Im Zweifelsfall geht es ihm immer darum, etwas Interessantes aufzunehmen und dadurch einen Charakter herzustellen, welcher die Individualität des Künstlers und seines Sounds zeigt. Der technische Aspekt ist für ihn sekundär.

Life’s Blood — der neue Patrice-Sound

»Ich habe versucht, diesen ›Swaggae‹ − wie ich das nenne − irgendwie klarer zu definieren, und es zu schaffen, Reggae auf eine gute Art und Weise relevant dafür zu machen, wo er hingehört: Er soll als Spartenmusik auch im Mainstream stattfinden; nicht allein, weil er poppig ist, sondern auch weil er auf demselben Level wie andere große Produktionen sein kann. Und da war Reggae dank Bob Marley auch schon. Das war nicht so irrelevant wie vieles für den Rest der Welt. Deswegen hat mir das neue Impulse gegeben. Das ist eben mein Life’s Blood, meine ganze Leidenschaft.

Alles, was ich so in dieser Zeit erlebt habe, was mir wichtig war und wofür mein Herz gebrannt hat, ist da herein geflossen. Ich hoffe, dass ich damit einen Anstoß geben konnte, also den ersten Schritt mache, um andere zu inspirieren. Es muss nicht Musik sein. Ich fände es toll, wenn es Menschen dazu bewegt, aktiver zu werden. Nicht nur in so einer kritischen Haltung passiv zu verweilen, sich nicht verstecken, sondern wirklich aktiv Dinge mit gestalten. Ich glaube, dann wäre alles viel cooler.«

Life’s Blood wurde am 30. September via Supow Music veröffentlich.

www.patrice.net

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