Sterbliche Überreste in 3D-Audio

Pink Floyd: 3D-Audio in der Praxis

Pink Floyd 3D Audio
Pink Floyd (Bild: www.JoergKuester.com)

Bei einem Besuch der Pink-Floyd-Ausstellung im Londoner V&A Museum geraten Fans der britischen Musiklegenden ins Schwärmen: Die gekonnt gestaltete Inszenierung gefällt als detailverliebtes, mit vielen vormals nicht öffentlich zugänglichen Exponaten ausgestattetes Gesamtkunstwerk. Die Ohren erfreut u. a. ein Multitrack-Konzertmitschnitt von Comfortably Numb, der neu abgemischt wurde und als 3D-Audio-Fassung über 25 Lautsprecher wiedergegeben wird.

Vom 13. Mai bis zum 1. Oktober 2017 widmet sich das Londoner Victoria and Albert Museum der bewegten Bandgeschichte von Pink Floyd. Wie bereits bei »David Bowie« und »Records & Rebels« überzeugt die Schau durch eine absolut gelungene Gestaltung, welche die britische Popmusik und deren Protagonisten in bewährter Museumsmanier in einen kulturhistorischen Kontext setzt. Die Betitelung mit »Their Mortal Remains« (»Ihre sterblichen Überreste«) lässt dabei 50 Jahre nach der Veröffentlichung des PF-Debütalbums durchaus Sinn für altersbedingten Galgenhumor erkennen.

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Alles so schön rund hier…

Man müsste blind und taub sein, um den Einfluss psychotroper Substanzen auf die frühen Werke von Pink Floyd zu ignorieren, und so lassen sich die ersten Räume der Schau treffend mit dem Adjektiv »psychodelisch« beschreiben. Die Experimentierfreude kannte während der turbulenten Hippie-Jahre keine Grenzen, und selbstverständlich sollte auch der Sound zu neuen Ufern geführt werden.

1967 setzten Pink Floyd beim »Games of May«-Konzert in der Londoner Queen Elizabeth Hall erstmals ein quadrofonisch aufgebautes Beschallungssystem ein: The Piper At The Gates Of Dawn flog den Fans im wahrsten Sinn der Redewendung um die Ohren, was angesichts der vielfach ohnehin erweiterten Bewusstseinszustände ein nachhaltig prägendes Erlebnis gewesen sein dürfte. Bis zur Welttournee von 1987/1989 experimentierte die Band weiter mit einer quadrofonischen Live-Beschallung − ein eigens konstruierter Quad-Panner ist in ganzer Kippschalter- Joystick-Pracht in einer Vitrine der Ausstellung zu bewundern.

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Das altehrwürdige Victoria and Albert Museum widmet sich bis zum 1. Oktober 2017 der bewegten Band-Geschichte von Pink Floyd. (Bild: www.JoergKuester.com)

Angenehm sediert 

Betrachtet man Pink Floyd als popmusikalische Pioniere des einhüllenden Klangerlebnisses, überrascht es kaum, dass in der Ausstellung aktuellen Entwicklungen dieses Segments Rechnung getragen wird: Im letzten Raum des Rundgangs hält jeder Besucher für längere Zeit inne, um Comfortably Numb, begleitet von einer Rundumprojektion, in einer 3D-Audio-Version zu lauschen. Fotos dürfen in der sogenannten »Performance Zone« (und in weiteren Arealen von »Their Mortal Remains«) nicht gemacht werden, weshalb dieser Artikel mit Impressionen aus anderen Teilen der Ausstellung bebildert ist.

Der gemeinhin aus dem Album/Kinofilm The Wall bekannte Song Comfortably Numb beschreibt den Gemütszustand des Protagonisten Pink, der vom netten Onkel Doktor mit allerlei Pharmaka vollgepumpt wird, um trotz depressiver Phase einen anstehenden Auftritt bestreiten zu können. Pink empfindet seine mentale Verfassung ohnehin als »angenehm gefühllos« und gleitet später in eine von faschistischen Allmachtsfantasien geprägte Psychose über − die verstörenden Animationsszenen des Films sind hinlänglich bekannt.

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Ein eigens konstruierter Quad-Panner ist in einer Vitrine der Ausstellung; »Courtesy of The Pink Floyd Exhibition: Their Mortal Remains« (Bild: www.JoergKuester.com)

Ambeo in der Abteilstraße 

Die Basis für den neuen Mix von Comfortably Numb lieferte eine Aufzeichnung des im Sommer 2005 ausgerichteten »Live 8«-Konzerts, das als letzter gemeinsamer Auftritt von David Gilmour, Nick Mason, Richard Wright und Roger Waters in die Annalen der Popgeschichte eingegangen ist. Die Multitrack- Aufnahme wurde in den Abbey Road Studios von Andy Jackson, Simon Rhodes und Simon Franglen mit dem Ziel eines immersiven Hörerlebnisses in einem Sennheiser AMBEO-Setup neu gemischt. PF-Schlagzeuger Nick Mason stattete der Session als einziger PF-Musiker einen Besuch ab.

Simon Franglen bezeichnet die Produktion der AMBEO 3D-Version von Comfortably Numb als besondere Erfahrung: »Keine andere Band passt besser zur AMBEO 3D-Audiotechnologie von Sennheiser als Pink Floyd. Mit der Verwendung von Surround-Sound in ihren Live-Shows waren Pink Floyd wegweisend − und jetzt bietet die immersive 3D-Audiotechnologie von Sennheiser wiederum eine völlig neue Erfahrung. Sie ermöglicht es Besuchern, wirklich jedes Detail der Musik zu hören.«

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Da staunt der Fan nicht schlecht: Musikinstrumente aus dem PF-Fundus, fein säuberlich in Vitrinen aufgebahrt. »Courtesy of The Pink Floyd Exhibition: Their Mortal Remains« (Bild: www.JoergKuester.com)

Neumann und die Stimme Gottes 

Für die AMBEO-Mischung wurde ein Aufbau mit stattlichen 18 Neumann KH-420-Lautsprechern sowie sieben Neumann KH-870- Subwoofern eingerichtet. Frontseitig kamen sechs KH 420 zum Einsatz, von denen sich drei Stück auf einer Höhe von ungefähr 2 Meter und drei Stück auf einer Höhe von etwa 5 Meter befanden. Hinter dem Mischplatz verrichteten in korrespondierenden Höhen 2 + 2 KH 420 ihren Dienst, während seitlich ergänzend jeweils 2 (unten) + 1 (oben) KH 420 zu entdecken waren. Zwei weitere, in sechs Meter Höhe montierte KH 420 übernahmen die Funktion der aus dem Theater bekannten »Voice of God« (senkrecht von oben kommende Wiedergabe). Die sieben KH-870-Subwoofer waren für die Wiedergabe tiefer Frequenzen zuständig und verteilten sich vorne (3 x), hinten (2 x) und seitlich (1 + 1) im Raum.

Interview mit Simon Frangen 

Simon Franglen − Golden-Globe- und Grammy-Nominee mit einer Credit-Liste von Avatar und Bodyguard über Moulin Rouge und Titanic bis Karate Kid und Skyfall − nahm sich Zeit für ein Interview, dessen wesentliche Passagen nachfolgend zusammengefasst sind.

Simon, in welchem Format standen die Multitrack-Aufnahmen zur Verfügung?

Pink Floyd hatten das beim Konzert aufgezeichnete Material mit einer Abtastrate von 96 kHz in WAV-Dateien gewandelt und bereits Pro-Tools-Sessions angelegt, welche in der Vergangenheit für Stereo- und 5.1- Mischungen verwendet wurden − diese Tracks haben wir genutzt.

Waren neben den Einzelsignalen auch Atmo-Tracks verfügbar?

Ja, es gab mehrere Spuren, auf denen die Reaktionen des Publikums mit Mikrofonen eingefangen worden waren.

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Düstere Gegend: Die Battersea Power Station und ihre Umgebung sind auf den Alben zahlreicher britischer Pop- und Rockbands abgebildet. Pink Floyd ließen dort für das Cover von Animals die Sau raus und bekamen mächtig Ärger mit dem Heathrow-Airport. Jenseits fliegender Schweine war seinerzeit der Minimoog en vogue. »Courtesy of The Pink Floyd Exhibition: Their Mortal Remains« (Bild: www.JoergKuester.com)

Mit welcher DAW habt ihr im Studio gearbeitet?

Wir haben Avid Pro Tools | HDX in Version 12.8 mit Focusrite Red-8Pre-Thunderbolt-Interfaces eingesetzt.

Wie wurden die einzelnen Spuren nachbearbeitet und gesäubert?

Vorrangig haben wir auf Mutes einzelner Regionen sowie auf Fades gesetzt; bei Bedarf kam auch schon einmal ein Noise-Gate zum Einsatz. Insbesondere die Vocal-Spuren mussten gesäubert werden. Andy Jackson hatte die Tracks zum Glück schon für einen früheren 5.1-Mix bearbeitet, sodass sich alle Spuren in einem guten Zustand befanden.

Erfolgte der 3D-Audiomix ausschließlich in the box, oder fand auch externes Audio-Equipment Verwendung?

Wir haben vollständig in the box gearbeitet. Andy Jackson wollte gerne einige besondere Effekte einsetzen, weshalb wir zusätzlich vier UAD-2 Satellite-Thunderbolt-Einheiten in den digitalen Workflow eingebunden haben. Simon Rhodes und ich verwenden bei unseren gemeinsamen Projekten seit etwa acht Jahren so gut wie keine analogen Mischpulte mehr.

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Die ersten Räume der Schau lassen sich treffend mit dem Adjektiv »psychedelisch« beschreiben. »Courtesy of The Pink Floyd Exhibition: Their Mortal Remains« (Bild: www.JoergKuester.com)

Entsprach der Aufbau der Lautsprecher im Studio der späteren Wiedergabesituation im V&A-Museum?

Ja, der Aufbau war identisch.

Wie wurden die künstlerischen Entscheidungen getroffen?

Simon Rhodes und ich haben die Mischung in Zusammenarbeit mit Andy Jackson erstellt, der seit Jahrzehnten als Toningenieur für Pink Floyd tätig ist. Nick Mason schaute zwischendurch vorbei und hatte ein paar Anmerkungen, aber letztlich hat die Band auf Andys Urteil vertraut − immerhin begleitet er Pink Floyd bereits seit 30 Jahren und hat auch frühere Veröffentlichungen in 5.1-SurroundSound gemischt.

Konnte die Studioarbeit in der V&A-Installation 1:1 übernommen werden, oder waren Anpassungen an den Raum erforderlich?

Die Übertragung vom Studio in den Ausstellungsraum funktionierte relativ reibungslos: Das Produktionsteam hatte den Raum mit einer kontrollierten Akustik ausgestattet, was ein insgesamt gutmütiges Klangverhalten sicherstellte − die Lautsprecher konnten, wie bereits erwähnt, exakt so aufgestellt werden, wie es während der Mischung in den Abbey Road Studios der Fall war. Wir haben vor Ort nur marginale Änderungen an der Winkelung einzelner Lautsprecher sowie ein paar kleinere Klangänderungen vorgenommen, um der Nachhallzeit des Ausstellungsraums gerecht zu werden − also hier und da ein wenig EQ sowie leichte Modifikationen bei den Reverb-Einstellungen.

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Ein Bühnenmodell für Pink Floyd: Die PA stammt unübersehbar aus einer Zeit, als »viel hilft viel« die bevorzugte Beschallungsmaxime war. »Courtesy of The Pink Floyd Exhibition: Their Mortal Remains« (Bild: www.JoergKuester.com)

Mit welchem Equipment werden die Audiosignale im V&A-Museum ausgespielt und verteilt?

Wir haben ein Pro Tools | HDX2 installiert, an das Focusrite Red-8Pre-ThunderboltInterfaces angeschlossen sind − ein externes Mischpult kommt nicht zum Einsatz. Für die Signaldistribution ist eine Q-SYS DSP-Matrix des Herstellers QSC am Start.

Wie ist dein Eindruck von den Neumann-Lautsprechern? Wie habt ihr bei sieben Subwoofern und 18 Topteilen eine kohärente Wiedergabe ohne Auslöschungen erzielt?

In letzter Zeit haben wir für die Arbeit an Film-Scores und immersiven Audioprojekten wann immer möglich die Neumann KH 420 in Kombination mit KH-870-Subs eingesetzt und als Fullrange-Stacks betrieben. Diese Verbindung betrachten Simon Rhodes und ich als die bestklingendsten Studiomonitore, mit denen wir jemals arbeiten konnten − und in unseren langjährigen Karrieren wurden wir definitiv mit fast allen Monitorlösungen von Rang und Namen konfrontiert. Der KH 870 ist ein geradezu umwerfender Subwoofer, den man schlichtweg nicht zum Zerren bringen kann! Wir hatten sieben Fullrange-Stacks installiert, die Frequenzen bis hinab zu 20 Hertz wiedergeben, und KH 420 als Fills zugefügt, wo dieses erforderlich war. Daraus ergab sich ein sehr kohärentes Klangbild. Der KH 870 besitzt den Vorteil, dass man parallel zum Fullrange-Eingang, dessen hochpassgefilterte Signale an den KH 420 weitergereicht werden, auch den Sub-Eingang (LFE/SUM; Anm.d.Aut.) mit Signalen beschicken kann. In die Sub-Eingänge der KH 870 haben wir die analogen Mono-Signale eines separaten .1-Mixbusses gespeist, um bei Bedarf mehr Low-End für bestimmte Effekte zu erzielen. Auf diese Art und Weise haben wir Phasenprobleme, die ein monofoner Total-Sub mit sich gebracht hätte, auf ein Minimum reduziert.

Signale wie die Vocals wirken sehr stark bearbeitet, was für mein Empfinden den Live-Eindruck schmälert.

Jede einzelne Spur, die bei Comfortably Numb zu hören ist, stammt von der Aufzeichnung des Konzerts − Pink Floyd sind eine großartige Live-Band! Natürlich haben wir in der Mischung Effekte wie Reverb und Delay hinzugefügt, was dem Wunsch der Band entspricht, dem Sound der Alben möglichst nahezukommen. In der Postproduction haben wir aber keine Overdubs hinzugefügt. Letztlich mussten wir lediglich einen Hörer zufriedenstellen: die Band! Die Bandmitglieder haben sich die Mischung angehört und waren damit extrem zufrieden. Man darf nicht vergessen, dass die Hörwahrnehmung in einer 3D-Installation durch die ungewohnte Platzierung der Signale eine vollkommen andere ist − zum Beispiel reagiert das Gehör ganz anders auf Gesang, der von oben aus den »Voice of God«-Lautsprechern kommt.

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Impression aus der Installation zu The Division Bell. »Courtesy of The Pink Floyd Exhibition: Their Mortal Remains« (Bild: www.JoergKuester.com)

Werden Fans Gelegenheit haben, 3D-Mixes von Pink Floyd auch in anderen Zusammenhängen zu hören?

Ich hoffe doch sehr, aber das musst du die Band fragen − wir haben lediglich die Mischung gemacht …

Siehst du Potenzial für 3D-Audio-Musik jenseits von Festinstallationen?

Auf jeden Fall − gerade erst habe ich ein immersives 3D-Audio-Projekt für Facebook fertiggestellt. Auch in der Zusammenarbeit mit Sennheiser wird zunehmend deutlich, wo die Audioreise künftig hingeht. 3D-Audio wird sich in den kommenden Jahren für Musikliebhaber zu einem der spannendsten Themen überhaupt entwickeln!

Werden sich deiner Meinung nach kanalbasierte oder objektbasierte Verfahren durchsetzen?

Für Festinstallationen ist das weniger ein Thema, aber durch den Umstand, dass keine Standardisierung existiert, welche die Zahl der Lautsprecher und deren Aufbau definiert, dürften objektbasierte Verfahren auf lange Sicht die flexiblere Lösung sein.

Wie ordnest du Sennheiser AMBEO in der Vielzahl der verfügbaren 3D-Audio-Ansätze ein?

AMBEO ist eine tolle Plattform, um in 3D-Audio zu arbeiten. Mir ist klar, dass es für den durchschnittlichen Musiker schwer sein wird, in den Genuss eines derart leistungsstarken Systems zu kommen, wie wir es für die Mischung des Pink-Floyd-Projekts zur Verfügung hatten − aber Produkte wie beispielsweise das Sennheiser AMBEO VR Mic geben allen Interessierten die Möglichkeit, mit einem Ambisonics-Mikrofon und immersiver Klanggestaltung zu experimentieren. Wenn man dann erst einmal auf den Geschmack gekommen ist, gibt es eigentlich kein Zurück mehr − wir leben in spannenden Zeiten!

pinkfloydexhibition.com

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Herzlichen Dank für diesen interessanten und informativen Bericht!

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