Die Kolumne mit Peter Walsh

Optimismus liegt in der Luft

Peter Walsh

The Music Producers Guild (MPG) ist eine in Großbritannien ansässige Vereinigung von Produzenten, Recording- und Mixing-Engineers, Programmierern und Songwritern, die alle leidenschaftlich gerne Musik produzieren und aufnehmen. Sie möchten die Rechte von Künstlern und Musikern sowie die Anerkennung für ihre Fähigkeiten und das Engagement aller Fachleute, die in unserem Geschäft arbeiten, fördern − angefangen bei denen, die das Equipment entwickeln, bis hin zu denen, die aufnehmen und produzieren, was wir hören.

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Die jährliche MPG-Weihnachtsfeier, die im lebhaften Londoner Stadtteil Soho stattfindet, ist für die Mitglieder immer eine großartige Gelegenheit, um einmal im Jahr zusammen zu feiern und über die Höhen und Tiefen der Plattenindustrie zu reden. Ob es sich um ein Hoch oder ein Tief handelt, hängt stark davon ab, in welchem Bereich man sich vom Geschäft befindet. Generell scheint es, als liege Optimismus in der Luft.

An einem typisch verregneten Abend in London trotzte ich dem weihnachtlichen Einkaufsgedränge und ging zur Party. Als ich ankam, fiel mir sofort auf, dass es laut war … VERDAMMT LAUT!

Ich schob meine Ohrstöpsel rein und arbeitete mich bis zur Bar durch, dem besten Ort, um bei einer solchen Veranstaltung anzufangen. Die Party war im vollen Gang. Ich sah viele bekannte Gesichter, wie zum Beispiel Engineer Kevan Gallagher und den technischen Assistenten Crispin Murray. Es war auch erfrischend, eine neue Generation zu sehen, wie etwa Catherine Marks, Gewinnerin des MPG Awards in der Kategorie UK Producer Of The Year 2018. Jemand, der sich aus der Menge abhob, war mein alter Freund Mick Glossop, der Geschäftsführer der MPG. Mick ist einer der angesehensten (und größten) Charaktere unserer Branche. Er war als Engineer und Co-Produzent an 17 Van-Morrison-Alben beteiligt und hat nebenbei unermüdlich daran gearbeitet, die Rechte von professionellen Musikschaffenden wie mir durch die kollektive Stimme der MPG zu unterstützen.

Mick hat einige renommierte Gäste eingeladen und mich einem von ihnen vorgestellt, Kevin Brennan, Schattenminister für Kunst und Kulturerbe. Kevin ist ein langjähriger Unterstützer der MPG. Interessanterweise führte er 2014 eine Kampagne zur Aufhebung eines Verbots für Gefängnisinsassen, das ihnen den Zugang zu Gitarren verwehrte. In einer langen Debatte in Westminster betonte er die Bedeutung von Musik und ihre positive Wirkung bei einer Rehabilitation. Die Regierung stimmte ihm zu, und die Gefängnisinsassen haben nun Zugriff auf Musikinstrumente.

Auf der Suche nach einem etwas ruhigeren Platz im Raum fand ich den legendären Songwriter und Musiker Blue Weaver. In den 70ern war er Mitglied der Bands Strawbs und Amen Corner und spielte dadurch eine Schlüsselrolle in der Entwicklung des englischen Folk-Rocks. Er ist aber wahrscheinlich eher für seine Arbeit mit den Bee Gees bekannt, für die er Keyboards zu den Monster-Hits Jive Talking und Night Fever eingespielt hat. Blue hat ebenfalls eine starke Stimme, wenn es darum geht, sich für Künstlerrechte einzusetzen, vor allem, wenn es um das Thema Streaming geht. Er stimmte zu, dass, obwohl viele Leute einiges an Geld verdienen, die Tantiemen für diejenigen, die sie wirklich verdienen, immer noch zu klein ausfallen. Er glaubt, dass die Plattenfirmen viel mehr tun könnten, um die aktuelle Situation zu ändern: »Es muss noch viel getan werden, um sicherzustellen, dass die Künstler und Komponisten einen fairen Deal bekommen!« Streaming hat die Verfügbarkeit von Musik verändert, und es ist ein langsamer und komplizierter Prozess, ein Geschäftsmodell zu entwirren, das sich für den Musikkonsum bereits etabliert hat − für wenig oder kein Geld.

Glücklicherweise haben Künstler wie Taylor Swift diese »Ungerechtigkeit« bekämpft, indem sie sich weigerten, ihre Musik auf Streaming-Plattformen anzubieten [mittlerweile wird Taylor Swift aber auch auf Spotify gelistet; Anm. d. Übers.] Diese Möglichkeit bietet sich allerdings nicht jedem. Man muss schon eine ziemlich starke Position haben, um Streaming-Dienste ignorieren zu können.

Die Ironie ist, dass wir die sozialen Medien für Werbung brauchen, aber es ist schwierig, dadurch wirklich Geld zu verdienen. Es sei denn, etwas geht richtig ab … wie bei Taylor Swift. Es ist diese »Huhn-Ei-Situation!« Social Media und Streaming schaffen das größte Tor zum heutigen Publikum. Darum ist es für die meisten Künstler schwierig, sie zu ignorieren, bis sie eben etabliert sind.

An einem anderen Tisch sah ich Chris Jenkins, Entwickler-Guru und »Director of Commercial Applications« bei Solid State Logic. 2010 gewann er den MPG »Unsung hero Award« (Auszeichnung für »stille Helden«; Anm. d. Übers.) für seinen starken Beitrag zur Plattenindustrie, insbesondere für seine Einflüsse und Innovationen bei der Entwicklung von Mischpulten. Ich habe Chris zum ersten Mal in den 80er-Jahren in den Townhouse Studios getroffen. Später ging er zu SSL, wo er einer der wichtigsten Entwickler des wegweisenden SSL 4000er-Pults war. In jüngster Zeit war er für die Weiterentwicklung der AWS 900 verantwortlich, durch die ein neuer Standard für einen hybriden Workflow im Studio geschaffen wurde. Das Geschäft boomt, mit über 1.000 Konsolen im Einsatz.

Ich hatte Chris sehr lange nicht gesehen und interessierte mich sehr für seine Sichtweise auf die Auswirkungen der riesigen technischen Veränderungen in der Plattenindustrie (viele von ihm veranlasst!). Er erkannte die Einführung der DAW-Technologie als leistungsfähiges Tool an, um Zeit zu manipulieren − nicht nur aus der Editier-Sicht, sie bietet auch die Freiheit, das Timing einer aufgezeichneten Performance anzupassen. Seiner Meinung nach war der echte Schritt nach vorne der, als nichtlineare Aufzeichnungen auf Festplatten praktikabel wurden und »all die Bearbeitungs-Werkzeuge, von denen jeder seit Jahren geträumt hat, plötzlich verfügbar waren und die Track-Anzahl nahezu unendlich wurde«.

Alles in allem war es ein toller Abend. Ein wunderbares Get-Together von kreativen und technischen Köpfen, die ein weiteres Jahr in einer faszinierenden und sich ständig weiterentwickelnden Branche feierten. Ich kann freudig verkünden, dass meine Ohren den Abend trotz des allgemeinen Lärms überlebt haben. Und ich musste lachen, als ich am nächsten Morgen auf meine Eintrittskarte zur Party schaute und sah, dass der britische Tinnitus-Verband ein weiterer Förderer der MPG ist. Das war mir nicht bewusst, aber bei einer Recherche stellte ich fest, dass der Verband erstaunliche Arbeit leistet, um den Schutz des Gehörs zu fördern. Ich kann nicht oft genug betonen, wie wichtig es ist, sich der Risiken eines Hörschadens bewusst zu sein. Ich kann ihre Website nur empfehlen, denn dort gibt es einige sehr interessante Fakten und Zahlen sowie einige gute Ratschläge für Menschen, die in unserer Branche arbeiten und auf ihre Ohren aufpassen müssen.

Ich nutze zurzeit ziemlich oft Ohrstöpsel mit einer gleichmäßigen, flachen Dämpfung − in öffentlichen Räumen, Zügen, Flugzeugen und zunehmend auch in Restaurants und Bars, wo meines Erachtens der Geräuschpegel gefährlich laut geworden ist. Für alle, die Musik machen, ist sicherlich eine der grundlegendsten Anforderungen, optimal zu hören. Ich bin sicher, dass mir da alle, die ich auf der MPG-Party getroffen habe, zustimmen.

www.mpg.org.uk

www.tinnitus.org.uk

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