Produzieren unter der Erde

Studioszene D – Nemo Studios, Hamburg

Nemo-Studios-Abb03Die unterirdischen Nemo Studios des Hamburger Produzenten Frank Peterson sind vor allem für hochwertige Gesangsaufnahmen und zum Produzieren gedacht: Hier produziert der 52-Jährige etwa Sarah Brightman (Time To Say Goodbye) oder sein Projekt Gregorian — neben moderner Technik und Plug-ins setzt Peterson bewusst auf eine Wand analoger Synthesizer-Module sowie ein Audioframe-Samplersystem aus den 80ern.

Die lange Einbahnstraße auf dem Weg zu Frank Petersons Nemo Studios ändert alle zwölf Stunden ihre Richtung, was für Verwirrung sorgt − es sei die einzige ihrer Art in Deutschland, erklärt Peterson in seiner Villa nahe der Alster. Ansonsten geht in dem Hamburger Wohngebiet alles eher beschaulich zu − bis auf das unterirdische Tonstudio, das Peterson 1996 sprichwörtlich aus dem Boden gestampft hat. Im Aufnahmeraum stehe man theoretisch im Grundwasser, erläutert Peterson. Im Stadtgebiet könne man wegen des Lärms eigentlich nur nach unten ausweichen, erzählt sein Toningenieur Basti Inselmann. Trotz des Baus »unter Tage« ist die Ausstattung auf Wohlfühl-Atmosphäre ausgelegt, ganz im Sinne eines gemütlichen »Wohnzimmer-Studios«. Zwei Regieräume sind für ein austauschbares Arbeiten mit Soundtracs-Digitalpulten und Outboard ähnlich ausgestattet. Sie beherbergen jeweils eine »Synthesizer-Wand« mit allerhand Soundmodulen und ausziehbaren Keyboards. Die gesamte Gerätewand − rund eine Tonne Gewicht − ist um 90 Grad ausklappbar, für direkten Zugriff hinter dem Pult. Eine Gesangskabine ist von beiden Regieräumen zugänglich und kann mit Klapptüren optisch wie klanglich abgetrennt werden. An der Decke befindet sich − hier passt die Anspielung auf Käpt’n Nemo − ein rundes Fenster, durch das Tageslicht von der Terrasse her hineinströmt. Zusätzlich zur »Abschottung« der Gesangskabine können auch die Regieräume optisch getrennt werden: »Wir haben die Möglichkeit, das Verbindungsfenster zwischen beiden Regieräumen zu Milchglas zu machen, wenn Privatsphäre im Studio gewünscht ist«, erläutert Inselmann. Die Mattierung wird über ein Gas zwischen den Scheiben ausgelöst. Inselmann schmunzelt: »Damit kann man Leute auch in den Wahnsinn treiben, die hier vorbeilaufen und sich wundern, dass sie eben noch durchgucken konnten.« Im Studio konzentrieren sie sich auf Gesang, Einzelinstrumente und Produktionen. Im kleinen Live-Raum nebenan lagern Instrumente; in dessen »Stein-Akustik« nehmen sie gelegentlich Schlagzeug auf, wenn knallige Sounds gewünscht sind. Inselmann bezeichnet ihn klanglich als »Effektraum«.

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»Andere Elemente nehmen wir außerhalb auf und produzieren hier weiter.« Sie nutzen das Studio größtenteils für Eigenproduktionen, Freunde und Produktionskollegen. Klassischer Mietstudio-Betrieb? »Wir haben das bislang noch nicht so kommuniziert, aber wir vermieten das Studio auch bei Bedarf«, meint Inselmann. Für welche Kunden sich die Nemo Studios anbieten? »Das lohnt sich beim Mix, weil wir jede Menge Outboard und einen optimierten Regieraum mit ordentlicher Abhöre haben. Ansonsten sind wir auf Gesangsaufnahmen spezialisiert.« Der Grund für die »Outboard-Schlacht« an analogen Synthesizern? »Frank hat in jedem der Geräte ein, zwei Sounds, an die kein Plug-in rankommt. Vor allem im Mix setzen sich die Sounds besser durch als die entsprechenden Plug-ins.« Zum Arbeiten dient Peterson − neben moderner Technik samt Pro Tools und Logic − ein WaveFrame Audio frameSamplersystem aus den 80-Jahren. In dem funktionalen Gehäuse befinden sich obskure alte MOD-Laufwerke. Gesteuert wird das System über einen Windows-98-Rechner, den sie am Leben erhalten. »Der wird instandgehalten, aber nichts aktualisiert − sonst läuft das System nicht mehr.« Das System kam etwa auf dem ersten Enigma-Album MCMXC A.D auf Ibiza zum Einsatz, bei dem Peterson mit Produzent Michael Cretu zusammenarbeitete. Peterson: »Das war der erste Sampler, bei dem man nicht warten musste, dass die Diskette lädt. Das Gerät war zugleich das erste HarddiskRecording-System.« Er nutzt es nach wie vor, schätzt die bequemen Möglichkeiten des geschlossenen Systems. »Ein totales El Dorado. Plötzlich konnte man innerhalb eines Fensters auf dem Bildschirm 600 Snares direkt anklicken und schauen, welche dazu passt.« Neben der Ladegeschwindigkeit verweist Peterson auf die Sample-Kapazitäten: »Es gab sonst keine Möglichkeit, eine Minute in Stereo zu sampeln. Das Beste auf dem Markt war damals ein Akai S950, der vielleicht 15 Sekunden sampeln konnte − das musste auf eine Diskette passen. Wir hatten technisch einen wahnsinnigen Vorsprung, so arbeiten zu können. Nichts störte den Arbeitsfluss mehr als die Wartezeit, wenn man etwas ausprobieren wollte.«
Peterson zog 1991 von Ibiza nach Hamburg zurück, arbeitet seitdem an seinem Projekt Gregorian, das die Enigma-Idee von Chorgesängen mit Mainstream-Popsongs verbindet, sowie mit der Sopranistin Sarah Brightman. Auch Ofra Haza oder Marky Mark zählen zu seinen Kunden. Wo er die Grenze zwischen Aufwand und Nutzen im Studio zieht? »Wenn man ein Studio einrichtet«, sagt Peterson, »müssen ein paar Dinge die Arbeit ergonomisch erleichtern.« Aufgrund der Total-Recall-Fähigkeit hat er sich seinerzeit für digitale Soundtracs-Pulte entschieden, um schnell zwischen Songs wechseln zu können. »Ich glaube, dass ein SSL-9000-Pult besser klingt; das hätte hier aber nicht reingepasst. Bei ein paar Sachen bin ich Freak: Bei Sound-Generatoren oder Outboard-Effekten verlasse ich mich nicht auf Plug-ins und kaufe immer noch neue Hardware − zum Beispiel den Bricasti M7-Hall. Auch der Lexicon 960 oder 300 klingen bislang besser als jedes Plug-in.« Inselmann ergänzt: »Einen Sound im Yamaha REV-1 verwendet Frank auf jeder Stimme. Das Lexicon 300 ist sein absoluter Favorit, davon haben wir drei Stück.« Die Abwägung beim Thema Sounds? Peterson erläutert das Beispiel einer akustischen PianoAufnahme bzw. Konservenklängen: »Wenn mir das Element extrem wichtig ist und ich glaube, dass es die Nummer nach vorne bringt, nehme ich ein echtes Piano auf. Ist der Song keine PianoNummer und das Instrument Teil des Orchesters, wäre ein richtiges Piano zwar auch schön − es ist allerdings überhaupt nicht wichtig für die Nummer, weil es nur begleitet.« Es gehe um Fokussierung, erklärt der selbstbewusste Produzent. »Witzigerweise stehen die Production-Tools heute eigentlich jedem zur Verfügung, aber das Talent, einen guten Song zu schreiben, ist immer noch limitiert. Deswegen richte ich mich eher dahin – gehend aus. Eigentlich bin ich am meisten an Song und Performance interessiert. Ich habe selten erlebt, dass du mit einem Produktions-Gimmick Platten verkaufst.«
Zum Einfangen der Gesangs-Performance legt er Wert auf die Signalkette: Im Fundus befinden sich ein Wagner U47w, eine Spezialanfertigung von Dieter Schöpf und ursprünglich für Sarah Brightman angeschafft, dazu ein Soundfield-Mikrofon. »Ich habe drei Klangfarben: Das Wagner klingt schön warm, das Soundfield analytisch, das Schöpf hebt die Höhen an − mehr brauche ich nicht.« Damit decke er alle Anwendungen grundsätzlich ab. »Früher hatte ich viel mehr Mikros, und habe auch noch viele ungenutzt rumliegen. Irgendwann habe ich angefangen, Mikrofone zu verkaufen − zum Beispiel mein Sony C800 − weil ich gemerkt habe, dass es für mich Esoterik wird.« Er produziert lieber mit bewährten HighEnd-Werkzeugen. Die Vorverstärkung? »Ich benutze entweder einen hochwertigen Class-A-Preamp von GML oder einen Röhren-Preamp von Tube Tech − eigentlich reicht das.« In der Auswahl finde er immer eine passende Kombination für die jeweiligen Sänger.

 

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