Produkt: Sound & Recording 12/2019
Sound & Recording 12/2019
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Recording-Idylle

MPS Studio, Villingen-Schwenningen

Julia Kadel Trio (Bild: Lisa Wassmann, Timo Jäger, Archiv MPS Studio)

Lange vom Radar der Öffentlichkeit verschwunden, wird im baden-württembergischen Villingen-Schwenningen ein altes Jazz-Erbe gepflegt: das MPS-Studio, vor über 50 Jahren vom SABA-Industriellen und Jazz-Fan Hans Georg Brunner-Schwer gegründet. Kürzlich hat die Pianistin Julia Kadel samt Trio mit »Kaskaden« ihr drittes Album aufgenommen, vor Ort im Schwarzwald eingespielt und über das neu aufgelegte MPS-Label veröffentlicht.

Der 2004 verstorbene Hans Georg Brunner-Schwer war technischer Direktor der Firma SABA (»Schwarzwald Apparate Bau Anstalt«) in Villingen-Schwenningen. Seine Mutter hatte das Unternehmen geerbt, die Firma war seinerzeit mit Röhrenradios und Fernsehern in Haushalten präsent. Seiner eigenen Jazz-Leidenschaft frönte Brunner-Schwer zunächst im großen Musikzimmer seiner Villa. Dort begann er mit Aufnahmen – dank SABA hatte er Zugriff auf modernes Equipment, etwa Neumann-Mikrofone. Ab 1958 nahm er im nahegelegenen SABA-eigenen Studio auf. Brunner-Schwer gehörte dem Vernehmen nach zu den ersten in Deutschland, die mit Stereoaufnahmen experimentierten.

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1961 engagierte Brunner-Schwer den Jazz-Pianisten Oscar Peterson für ein Hauskonzert im eigenen Musikzimmer. Peterson wurde nach einem Konzert in Zürich abgeholt und spielte dann nachts im Schwarzwald. Brunner-Schwer schnitt mit, begeisterte Peterson mit der Aufnahme. Fortan kehrte Oscar Peterson über Jahre immer wieder zurück, Brunner-Schwer hatte ihn – und andere – beim SABA-Label unter Vertrag genommen. Auch Bill Evans, George Shearing, Monty Alexander, Duke Ellington, Baden Powell, Freddie Hubbard oder Friedrich Gulda hielten Einzug bei dem Jazz-Mäzen, nahmen teilweise im Studio auf.

Nach dem Verkauf von SABA 1968 konzentrierte sich Brunner-Schwer ganz auf seine Musikleidenschaft. Studio und Label hörten fortan auf den Namen MPS, »Musik Produktion Schwarzwald«. Bis zur Schließung von Studio und Label 1982 wurden über 500 Alben veröffentlicht – Jazz, Klassik und Unterhaltungsmusik, größtenteils vor Ort aufgenommen.

Erhalt als aktives Studio-Museum

Mittlerweile wurde das Studio weitgehend restauriert und ist für Besucher zugänglich. Friedhelm Schulz, der den MPS-Förderverein leitet, war früher mit Brunner-Schwer befreundet. Ende der 1970er-Jahre faszinierte ihn ein berufliches Angebot in der Stadt – nicht zuletzt, weil er Jazz-Platten von MPS besaß: »Bei den letzten Aufnahmen durfte ich immer wieder dabei sein. Mit Hans Georg Brunner-Schwer habe ich mich bis zu seinem Tod 2004 immer wieder getroffen. Mir war klar, dass das Studio nicht in die Müllcontainer wandern darf, sondern nach Möglichkeit erhalten bleiben muss.« Das Studio wurde als Kulturdenkmal unter Denkmalschutz gestellt – ein Glücksfall, erklärt Friedhelm Schulz. In Lokalzeitungen erhob einer der beiden Söhne von Brunner-Schwer vor zwei Jahren nachträglich Ansprüche auf Equipment. Die Eigentumsverhältnisse waren immer geklärt, betont Schulz, sie ließen ein zusätzliches Rechtsgutachten einholen.

Die Ziele des Vereins bestehen in der Pflege und Weitergabe der Geschichte. »In Europa existieren nicht mehr viele Tonstudios, die noch über eine komplett analoge Signalkette verfügen. Das wollen wir erhalten, da es wieder verstärkt nachgefragt wird – und auch, um der jungen Generation zu zeigen, wie es damals gemacht wurde, und wie das Ergebnis klingt.« Man müsse auch etwas verrückt sein, das zu tun, meint er lachend, und daran glauben, dass es wichtig ist, was man macht. »Wir haben ein paar Idealisten, die sich mit viel Freude des Themas annehmen.«

Idealist mit passendem Kleingeld: Hans Georg Brunner-Schwer
Eines der alten Pulte mit Kassetten-Moduleinschüben – ein 24-Spur-Selbstbau-Pult wartet noch auf die endgültige Restauration.
Drei Telefunken M15A-Viertelzoll-Bandmaschinen für Stereomischungen

Jubiläums-Konzertreihe

2018, zum 50-jährigen Jubiläum, veranstalteten sie im Studio und in einem Konzertsaal der Stadt Villingen Jubiläumskonzerte. Die Resonanz der Bevölkerung sei so positiv gewesen, dass dieses Jahr im September eine Fortsetzung als kleines Festival stattfand. Aktuell sind sie damit beschäftigt, noch einen Teil der Technik zu überholen, etwa die alte Ampex 24-Spur-Bandmaschine und das zugehörige 24- Kanal-Pult, das 1971 in Eigenregie gebaut wurde. »Davor wurde über 8-Kanal-Röhrenpulte aufgenommen. Für das 24-Spur-Pult hat sich die Crew verschiedene Einbauteile etwa bei Telefunken besorgt. Dadurch, dass es Jahrzehnte nicht verwendet wurde, müssen Kondensatoren und andere Teile überholt werden – allerdings sehr behutsam, wegen des Denkmalschutzes. Für das Pult wurde leider keine komplette Dokumentation erstellt. Die hatten gar keine Zeit dazu! 1971 war der Höhepunkt bei MPS, das wurde im laufenden Studiobetrieb umgebaut. An der Überholung arbeiten wir gerade mit Fachleuten – ehrenamtliche Helfer, die mit viel Herzblut dabei sind, wofür wir unglaublich dankbar sind. Ich denke, dass wir bis Ende des Jahres fertig sind.«

Der Förderverein treibt Geld über Sponsoren, Förderer und Besucher auf. »Da wir zwischenzeitlich auch Aufnahmen machen, verwenden wir derzeit ein 24-Spur-Mackie-Pult. Das wird ersetzt, sobald das alte MPS-Pult wieder voll funktionsfähig ist. Andere Geräte wie die Telefunken M15A-Viertelzoll-Zweispur-Bandmaschinen, von der mehrere Exemplare vorhanden sind, funktionieren recht einwandfrei. Wir haben auch noch alte Bänder mit Aufnahmen nicht veröffentlichter Titel sowie Kopien von Masterbändern. Von denen ist noch keines ausgefallen, sie lassen sich problemlos abspielen – der Sound ist auch nach 50 Jahren einwandfrei.«

Den Großteil des MPS-Label-Katalogs hatte Brunner-Schwer 1983 mit dem Ende von MPS an die Deutsche Grammophon verkauft. »Das lief dann über mehrere Stationen unter Universal Music. Vor drei Jahren musste Universal aufgrund eines EU-Kartellverfahrens bestimmte Teile verkaufen – dazu gehörte merkwürdigerweise auch das MPSLabel. Das wurde von Edel Music gekauft.« Das MPS-Label war bis dahin ein reines »Katalog-Archiv«. »Inzwischen werden teilweise alte Titel neu aufgelegt, auch auf Vinyl. In den letzten Jahren kamen auch neue Veröffentlichungen unter MPS hinzu.«

Fortsetzung der Label-Tradition durch das Julia Kadel Trio

Dazu gehört das aktuelle Album Kaskaden des Jazz-Trios der Pianistin Julia Kadel – als erste Aufnahme im ganzheitlichen MPS-Gedanken auch wieder im Studio in Villingen-Schwenningen aufgenommen. »Mit Edel haben wir damals schon darüber gesprochen, dass es bei neuen Veröffentlichungen unter MPS auch Sinn ergeben würde, die Aufnahmen im MPS-Studio zu machen. Bei Julia Kadel hat es nun funktioniert, und ich hoffe, dass es nicht die letzte Art der Zusammenarbeit ist.«

Kadel erinnert sich an ein Konzert 2018 im Villinger Jazzclub, bei dem die Vorsitzenden des Fördervereins vorbeischauten. »Sie luden uns ein, am nächsten Tag das MPS-Studio zu besichtigen. Wir haben den Aufnahmeraum und die analoge Aufnahmetechnik bewundert. Ich habe mich direkt in den Bösendorfer Grand-Imperial-Flügel verliebt, und dachte mir: ›Wenn wir hier mal aufnehmen sollten‹, wovon damals noch keiner ausgegangen war, ›muss ich etwas für diesen Flügel schreiben.‹ Ende letzten Jahres suchten wir schließlich ein neues Label und dachten zurück an jene Begegnung. Dadurch kamen wir zu MPS.«

Julia Kadel bei den Aufnahmen am Bösendorfer Imperial-Flügel im MPS-Studio
Kontrabassist Karl-Erik Enkelmann bei der MPSSession
Ebenfalls in »Sichtlinie« aufgestellt: Schlagzeuger Steffen Roth

2019 fand die Aufnahme statt. Ein Solostück hat sie speziell für den Flügel im Studio mit seiner zusätzlichen Bassoktave geschrieben. »Ich kam einen Tag früher ins Studio und habe die tiefen Töne mit einkomponiert. Die klingen unglaublich! Die Schwingung liegt so tief, dass ich als Musikerin die Amplituden wahrnehme – das fühlt sich physisch anders an. Generell spielt sich das Instrument anders als andere Konzertflügel, da die Tiefen weit und groß klingen, typisch für Bösendorfer. Der Imperial setzt nochmal eins drauf.« Im MPS-Studio wurde der Flügel seinerzeit für Friedrich Gulda angeschafft, er habe er nicht durch die Tür gepasst, daher musste die Wand eingerissen werden, rekapituliert sie eine Anekdote des Studios.

Erste reine analoge Neuaufnahme

Im Studio wurden über die letzten Jahre immer wieder Aufnahmen gemacht, erklärt Schulz, allerdings digital. Die Kadel-Aufnahme war allerdings die erste mit der alten Analogtechnik und alten Mikrofonen, größtenteils alte Neumann-Modelle. »Die Aufnahme lief direkt auf ein ›Schnürsenkel‹-Viertelzoll-Band, auf eine der Telefunken M15A-Zweispur-Maschinen«, so Friedhelm Schulz. Zum Einsatz kamen alte Neumann-Exemplare, U47, U87 sowie TLM-Modelle, zusätzlich habe der Tonmeister noch einzelne Mikrofone mitgebracht, erinnert sich Schulz.

Aufnahme gleich Mischung

Die Aufnahmen dauerten einen ganzen und zwei halbe Tage. »Bei der analogen Aufnahme auf die Telefunken-Bandmaschine fand das Mixing beim Setup statt. Die Mikros wurden eingerichtet, zwischendurch aufgenommen, wir haben im Regieraum immer wieder gegenhört – nach der Aufnahme war das Ergebnis soweit fertig.«

Sie traf den Tonmeister später auf der Jazzahead!-Fachmesse in Bremen, wo er ihr die Bänder übergab, um sie nach Berlin zu transportieren. »Auf der Messe waren sehr viele große Lautsprecherboxen – also magnetische Felder!« Das hätte bei zu geringem Abstand die Bänder mitunter löschen können. »Ich war schon fast paranoid, dass etwas passiert! Ich bin in der Bahn mit den Bändern nach Hause gefahren, als hätte ich ein Baby bei mir, dem nichts passieren darf.« Sie hatten im Studio eine digitale Sicherheitskopie gezogen. »Am Ende wird das Ergebnis ohnehin digitalisiert, aber wir wollten in der Kette so lange wie möglich analog bleiben.«

Blick in den Aufnahmeraum (Bild: Lisa Wassmann, Timo Jäger, Archiv MPS Studio)

Raumklang

Stichwort analog: Der Raumklang sei im MPS-Studio prägend gewesen, erläutert Friedhelm Schulz. »Das sagt jeder, der hier reinkommt. Seitdem wurde nichts verändert – an den Wänden befinden sich noch die alten Bespannungen, die in den frühen 1960er-Jahren unter tontechnischen Gesichtspunkten mit Erfahrung des Rundfunks angebracht wurden. Der Raum ergibt zusammen mit der Wandverkleidung einen unverkennbaren Sound.« Das lasse sich nur schwer in Worte fassen, das Ergebnis sei sowohl warm als auch sehr lebendig präsent. »Ein Musiker hat mal gesagt, der Raum hat eine Seele. Wessen Seele auch immer das sein mag, sie überträgt sich auf die Musiker und die Musik.«

www.juliakadel.com

www.mps-villingen.de

Produkt: Sound & Recording 11/2019
Sound & Recording 11/2019
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