Die Innovation der Atlanta-Hip-Hop-Szene

Mixpraxis: HipHop-Produzent Zaytoven

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(Bild: Travis Shinn Photography)

Future, Gucci Mane, 21 Savage, Young Thug, Migos … um nur ein paar zu nennen. Die Liste von Rap- und Trap-Künstlern aus Atlanta, die in diesem Jahrzehnt die Charts dominiert haben, scheint endlos. Ein wenig weiter zurück in die Zeit gereist: Atlanta hat ebenfalls Hip-Hop- sowie R’n’B-Stars und -Producer hervorgebracht wie André 3000, Usher, Jermaine Dupri, Jeezy, Ludacris, OJ da Juiceman, OutKast, B.o.B., 2 Chainz, The-Dream, CeeLo Green, Lil Jon und viele mehr. Nicht weniger als das.

Kurz, Altanta hat einen Einfluss auf die internationale Musikszene, der in keinem Verhältnis steht zur Größe der Bevölkerung. Mit seiner knappen halben Million Einwohner und einer Lage am Arsch der Welt im nördlichen Georgia, Südosten der USA, sollte Atlanta sich unter anderen Umständen gerade mal glücklich schätzen, es als Geburtsort des legendären Martin Luther King Jr. und einer Hand voll weiterer bekannter Namen in die Geschichtsbücher geschafft zu haben. Stattdessen aber wird es dieser Tage als »Welthauptstadt des Hip-Hop« oder auch »Hip-Hops Zentrum der Schwerkraft« gehandelt.

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Atlantas derzeit führender Status im Hip-Hop kann durchaus verglichen werden mit dem von Nashville als Welthauptstadt des Country; während aber dieses Genre in Nashville seit vielen Jahrzehnten verwurzelt ist, ist Atlanta erst in diesem Jahrhundert zum unbestrittenen internationalen Hauptquartier der Hip-Hop-Szene aufgestiegen, schwerpunktmäßig im letzten Jahrzehnt. Auf diese Art hat Atlanta die traditionelle Rivalität zwischen West Coast Rap (typischerweise der G-Funk von Dr. Dre, Snoop Dogg und Konsorten) und East Coast Rap (A Tribe Called Quest, Nas) beigelegt, indem es einfach beide mal eben abgehängt hat.

Die wesentliche Innovation der Atlanta-Hip-Hop-Szene und überhaupt des Southern Hip-Hop (dazu gehören auch Städte wie New Orleans, Houston, Memphis und Miami) ist Trap. Dieser Stil ist in ein vielerlei Hinsicht auf sein Skelett reduzierter Hip-Hop, dominiert von schweren 808-Beats und Doubletime- oder Tripletime-Hi-Hats, mit einer eher leicht klingenden Snare, kargen und zugleich räumlichen Einsätzen von Synths und anderen Instrumenten sowie insgesamt sehr wenig in den mittleren Frequenzen. Hand in Hand mit Entstehen des Trap haben MCs aus Atlanta einen Style entwickelt, der gleichzeitig nach Rap und Gesang klingt, gefördert und begünstigt durch deutlich hörbaren Einsatz von Auto-Tune.

Die komplette Entwicklung des Atlanta-Rap und -Trap zu erzählen, würde einen eigenen Artikel erfordern, aber zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Genre zunächst entwickelt wurde von den Producern Lil John, Mannie Fresh und DJ Paul und anschließend weiterentwickelt von Leuten wie Fatboi, Drumma Boy, Shawty Redd, D. Rich und Zaytoven. Der Sound von Letzterem hat sich zu einem der einflussreichsten der Atlanta-Rap-Szene entwickelt und damit zu einem der einflussreichsten der gesamten Musikwelt. Viele Elemente des Trap, insbesondere von Zaytovens Ansatz, sind inzwischen in R’n’B/Pop und andere Musikgenres gesickert, unter anderem hat sich aus diesen Zutaten Latin Trap entwickelt.

Am Telefon aus Atlanta zeigt Zaytoven sowohl seine Freude als auch seine Verwunderung über die Reichweite und den Erfolg von (T)Rap aus Atlanta: »Ich bin definitiv beeindruckt von dem, was Atlanta geschafft hat! Der Beat und die Musik haben sich durchgesetzt, und dann haben die Rapper wie Future und Migos angefangen, auch Melodien zu singen. Sie singen aus einer Rap-Perspektive – also nicht wie Sänger, sie singen keine Harmonien und sowas. Aber die Melodien, die sie mitbringen, sind trotzdem so catchy, dass die Zuhörer sie mitsingen können, und die Leute mögen es fast mehr als R’n’B. Der Atlanta-Sound ist der beliebtere Sound geworden. Er ist edgy und kreativ, und das zieht die Leute an.«

Zaytoven erkennt an, wie viel die Atlanta-Szene Künstlern wie T-Pain und Kanye West zu verdanken hat, was die Nutzung von Auto-Tune und singende Rapper betrifft, fügt aber hinzu: »T-Pain war mit Sicherheit einer der Typen, die es losgetreten haben, aber er hatte einen Hintergrund als Sänger. Und weil Leute wie Future und Quavo es aus der Perspektive von Rappern angehen, bringen sie ein anderes Grundgefühl mit, sie singen anders. Das ist gerade das Game − und, wie ich glaube, der Grund, warum R’n’B im Vergleich nicht mehr ganz so beliebt ist. Die Musik und die Melodien, die die Producer mitbringen, plus die Melodien von Future und anderen Rap-Künstlern sind es, die zusammen den heutigen Trap ausmachen.«

Es ist eine Behauptung nicht ohne Kühnheit, dass Trap das dominante Pop-Genre dieses Jahrhunderts, den modernen R’n’B, ablöse. Was aber in den letzten Jahren in den Charts passiert ist, bekräftigt durchaus diese Behauptung. Wobei sich in jüngerer Zeit wiederum abzeichnet, dass die beiden Stile sich annähern. Nachzuerzählen, wie Zaytoven zu einem der einschlägigen Beat- und Geschmacks-Macher des 21. Jahrhunderts geworden ist, ist geringfügig einfacher als die komplette Schöpfungsgeschichte des Trap-Genres nachzuerzählen. Die Geschichte fängt mit seinen Wurzeln in der Kirchenmusik an.

Zaytovens ungewöhnlicher Sound entsteht dadurch, dass er – ganz anders als viele seiner Beat-bauenden Kollegen – seine Musik wirklich einspielt anstatt Noten auf einem Raster anzuklicken. Auf diese Art verbringt er bemerkenswert wenig Zeit damit, seine Sounds zu entwickeln oder überhaupt vor einem Bildschirm zu sitzen. Spontaneität und Improvisation spielen eine große Rolle in Zaytovens Universum, und so versichert er nicht ohne Stolz, dass er einen Beat in durchschnittlich 10 Minuten fertig baut und gern mal einen Beat wegwirft, wenn er ihm mehr als 15 Minuten abverlangt, weil er ihn dann höchstwahrscheinlich ohnehin »nicht fühlt«. Damit steht sein Vorgehen in krassem Gegensatz zu den Tagen, wenn nicht Monaten, die viele Beat-Macher auf Programmierung und Politur jedes einzelnen Beats verwenden.

Zaytoven kam 1980 in Deutschland als Xavier Lamar Dotson auf die Welt. Mit acht Jahren hat er in einer Kirche in Grenada, Mississippi, das Schlagzeugspielen angefangen. Sein Vater war Prediger und seine Mutter Chorleiterin, daher waren die Verbindungen zu Kirche und Musik von Anfang an Teil seines Lebens. Da sein Vater in der US Army war, reiste die Familie viel herum, und als Dotson noch sehr jung war, zogen sie von Deutschland in den Südosten der USA.

»Das Problem in der Kirche war, dass alle Jungen dort Schlagzeug spielen wollten, also durfte ich während des ganzen Gottesdienstes nur vielleicht ein Stück spielen. Da es mich gelangweilt hat, auf meinen kurzen Moment am Schlagzeug zu warten, habe ich zum Keyboard gewechselt und auch mal eine Gitarre in die Hand genommen. Es gab einen Typen namens Sheldon Harrison, der mir viel beigebracht hat, später auch Hugh Davis. Beide haben mir hier und da Sachen gezeigt. Danach ging ich nach Hause und habe die ganze Nacht geübt, was sie mir gezeigt hatten. So habe ich gelernt, Keyboards zu spielen.

Die nächste Stufe seiner musikalischen Entwicklung erreichte der junge Dotson im Alter von 15 oder 16 Jahren. Zu dieser Zeit war seine Familie schon nach San Francisco gezogen, wo er einem bekannten Rapper und Producer namens JT the Bigga Figga begegnete. »Er hatte ein Studio mit Drummachines und Keyboards und so Kram, und er zeigte mir, wie man sie benutzt und damit Sachen programmiert. Also machte ich einen Beat, überspielte ihn auf Kassette, ging nach Hause, hörte ihn mir an und sagte mir: ›Cool! ich habe einen Beat gemacht!‹ Ich habe das nur zu meinem Vergnügen gemacht, aber irgendwann wollten mein kleiner Bruder und mein Cousin über meine Beats rappen, als Nächstes meine Schulfreunde, und irgendwann hat mir jemand 50 Dollar für einen Beat gegeben, dann 100 und dann 200 und so weiter.«

Es war in dieser Zeit in San Francisco, dass Dotson den Spitznamen »Zaytoven« bekam, angelehnt natürlich an Beethoven − verliehen von jemandem, der beeindruckt von seinen Keyboard-Skills war. Als er im Jahr 2000 die Schule beendet hatte, zog er nach Atlanta, weil seine Familie schon dort war und er in San Francisco nicht über die Runden kam. In Atlanta baute er sich im Keller seiner Eltern ein Studio auf, machte eine Frisörausbildung und arbeitete als Frisör. Letzteres verschaffte ihm einen unerwarteten Vorteil, denn beim Haareschneiden lernte er einige der Rapper kennen, mit denen er arbeiten würde, einer davon war Gucci Mane. Obwohl Zaytovens Beats noch sehr nach der West Coast klangen, ging er schnell in der gerade aufkeimenden Atlanta-Hip-Hop-Szene auf.

Das Resultat war, dass Zaytoven letztlich einen Hybrid kreierte, der seinem Sound noch heute zugrunde liegt, auch wenn die Atlanta-Einflüsse dominieren. »Die [Roland-Drummachine TR-]808 und die Kickdrum sind sehr wichtig im Atlanta-Sound, ebenso wie tiefer Bass. Man will ja dafür sorgen, dass die Lautsprecher im Kofferraum des Autos rattern! Die mittleren Frequenzen müssen also nicht nur Platz lassen für die Melodien der Rapper, sie wollen darüber hinaus auch, dass ihre Kadenzen auf bestimmten Stellen des Beats sitzen. Wenn viele Mitten im Track sind, überdeckt man den Rapper. Für mich ist der Beitrag des MCs das letzte Instrument, das zum Track dazukommt, und es liefert den Mittenbereich.«

Der typische Sound, bei dem Zaytoven gelandet ist, zeichnet sich durch schwere Kickdrums aus, ansonsten aber sehr karge Trap-Arrangements, kombiniert mit seinen teils West-Coast-beeinflussten melodisch- atmosphärischen Piano-Parts, angereichert durch andere Sounds unbekannter Herkunft, resultierend in einer weiträumigen und melancholischen Stimmung. Die Beats liegen meistens bei 135 bis 150 BPM, allerdings als Half-Time betont. So ergibt sich ein relaxter Sound, der jede Menge Raum für die Rapper lässt. Zaytovens erster Beitrag zu einer offiziellen Veröffentlichung auf JT the Bigga Figgas Album Something Crucial von 1999 war naheliegenderweise noch komplett im WestCoast-Sound gehalten. Nachdem er in Atlanta angekommen war, kam er 2005 mit Gucci Manes Icy (featuring Young Jeezy) heraus, das er als immer noch ziemlich West-Coastgestylt einschätzt, denn es war schneller, hatte mehr Mitten und war musikalisch dichter.

Es folgten 2009 Bricks vom einflussreichen Gucci Mane und Make Tha Trap Say Aye von OJ da Juiceman featuring Gucci Mane. Zu dieser Zeit hatte Zaytoven mehr oder weniger seinen typischen Trap-Sound etabliert. 2010 kreierte Zaytoven den Beat für Ushers Paper, was ihm einen Grammy einbrachte. Andere bekannte Zaytoven-Tracks sind Versace von Migos (2013) und Futures Oooh (2015), und zuletzt hat Zaytoven begonnen, Stücke unter seinem eigenen Namen zu veröffentlichen, zum Beispiel East Atlanta Day featuring Gucci Mane und 21 Savage.

Während sich Zaytovens Sound im Laufe der 20 Jahre seines bisherigen Schaffens verändert hat, sind bemerkenswerterweise seine Arbeitsabläufe und sein Equipment mehr oder weniger gleichgeblieben. Er hat ein Studio in seiner Wohnung in Atlanta, wo er meistens die »Fallen«, wenn man es so nennen möchte, moderner Audiosoftware und Arbeitsmethoden umgeht. »Meine Keyboards sind Korg Kronos, Yamaha Motif, Roland Fantom G6 and Access Virus TI, außerdem habe ich die Akai MPC X. Ich habe auch eine Pro Tools C24-Konsole, ein Apogee Symphony Interface, Monitore von Focal und Yamaha, ein Neumann U87, um Rapper aufzunehmen, und den Mac, der wie eine Mülltonne aussieht.«

(Bild: Travis Shinn Photography)

»Ich bin immer noch eher der analoge Typ. Für mein Gefühl ergibt Hardware einen menschlicheren, beseelteren, wärmeren Klang. Viele Leute klicken ihre Noten und Beats in ein Raster und klingen am Ende so roboterhaft und digital, dass kaum etwas Menschliches, Warmes übrigbleibt. Ich glaube, es trägt auch zur Wärme in meinen Beats bei, dass ich die Keyboards wirklich spiele. Wenn ich Beats baue, lasse ich all meine Keyboards durch die [Akai] MPC laufen und nehme sie mit der MPC-Software auf. Ich verwende nicht viel Zeit darauf, Klänge zu finden, denn ich bin ungeduldig. Sobald ich ein Preset gefunden habe, das gut zum Beat passt, benutze ich es. Meine Drum-Sounds in der MPC sind größtenteils noch die Kit-Sounds, die mir JT the Bigga Figga 1999 gab, als ich meine erste Drummachine hatte, die [Akai] MPC 2000 XL!«

Falls Zaytovens Vorliebe für Presets und die Tatsache, dass er seit 20 Jahren die gleichen Drumsounds benutzt, noch nicht reichen, um Zeitgeist-orientierten, Klang-obsessiven Beat-Bastlern und Producern die Haare zu Berge stehen zu lassen: Es stellt sich heraus, dass seine Klangpalette noch reduzierter ist als an diesem Punkt ohnehin offensichtlich, denn sie wird vorgegeben durch seine Selektion von nur vier Hardware-Keyboards, von denen, wie er erzählt, alle Nicht-Drumsounds in seinen Produktionen stammen.

»Der [Korg] Kronos ist das Keyboard meines Vertrauens und definiert meinen Signature Sound. Als ich anfing, Beats zu bauen, hatte ich den Korg Trinity und eine [Akai] MPC, dann hatte ich den [Korg] Triton, den [Korg] Trident [Synthesizer] und die [Korg] M3, und jetzt eben den Kronos. Im Grunde sind es immer dieselben Keyboards, nur in verschiedenen Versionen, denen sie neuere Sounds mitgegeben haben. Ich habe mir auch den Yamaha Motif zugelegt, als ich anfing, Beats zu machen. Ich wollte ein paar andere Klänge einbauen, als der Trinity sie hergibt, schließlich konnte man damals noch keine Plug-ins kaufen. Bestimmte Sounds vom Motif sind in meinen ersten bekannt gewordenen Songs, daher brauche ich ihn weiterhin.

Roland hatte mal die Fantom-X [Workstation], aber dann brachten sie die G [Workstation-Serie] heraus, die ich auch behalte, weil ich viele ihrer Sounds mag. Die Sounds, die ich 2006 für den Gucci-Mane-Track Pillz benutzt habe, stammen von der Fantom, und sie machen in hohem Maße meinen typischen Sound aus. Den Virus TI habe ich ausschließlich für den Arpeggiator. Ich war auf der Suche nach ein paar anderen Klangfarben für meine Beats, und die Arpeggios des Virus lieferten dieses neue Element. Ich hatte ursprünglich den Virus 1, habe jetzt den Virus 2, und er ist Teil meines Sounds geworden.

Ich werde diese Keyboards immer behalten, denn wenn irgendwann mal jemand so einen richtigen Zaytoven-Signature-Sound möchte oder mir danach ist, etwas so zu tun, was ich es vor Jahren mal gemacht habe, habe ich die Keyboards griffbereit und kann die Sounds rauskramen. Also kaufe ich mir jede neue Version dieser Keyboards, wenn Roland, Yamaha oder Korg eine herausbringt. Wie gesagt, ich verändere nicht wirklich die Klänge. Ich mag sie in ihrer reinen Form anstatt sie zu verwässern. Ich benutze auch keinerlei Samples außer den Drum-Samples, und der einzige Software-Synth, den ich verwende, ist der Spectrasonics Omnisphere, einfach um auch ein paar digitalere Klänge dabei zu haben. Ich benutze vielleicht auch schonmal einen Piano-Sound vom Omnisphere, den ich dann mit dem Keyboard ansteuere, auf dem ich jeweils gerade spiele.«

Zaytoven ist sich darüber im Klaren, dass sein Ansatz im krassen Gegensatz steht zu dem der meisten heutigen Beat-Macher, die stets nach frischen Klängen suchen und konstant in alle Richtungen hören, welche Sounds bei den anderen gerade als der heiße Scheiß der Saison gehandelt werden. Zaytoven hält sich bewusst und aus guten Gründen fern von einem solchen Konkurrenz-Hamsterrad um das modernste Sounddesign: »Was ich jedem, der als Producer startet, mitgeben möchte, ist, dass es inzwischen so viele Plug-ins und so viele Software-Synthesizer gibt, dass man sich darin leicht verlieren kann. Es gibt einfach zu viele Sounds, und wer zu viele davon benutzt, kann nie seinen eigenen Signature-Sound erschaffen. Wenn du bei Zaytoven eine Flöte, eine Geige oder ein Piano hörst, weißt du, dass es Zaytoven ist, denn das sind die mir liebsten, für mich typischen Sounds.«

Wenn ein Zaytoven-Beat einmal steht − ein Prozess, der bei ihm, wie erwähnt, normalerweise weniger als 15 Minuten dauert −, ist sein nächster Schritt, die mit der MPC aufgenommenen Audiospuren in Pro Tools zu laden. »Wenn ich den Beat in Pro Tools lade, ist er weitgehend fertig. Ich fange sofort an, ihn in Pro Tools zu editieren, so lang ich noch im Beat drin bin. Es ist alles ein Prozess. Ich arrangiere vielleicht paar Beats um, cutte und paste hier und da, mache Sachen lauter oder leiser und gebe möglicherweise ein paar Plug-ins dazu, aber nicht viele. Ich forme nicht den Klang. Ich möchte die Sounds ›real keepen‹, nicht zu sehr verändern.

Wenn ich Vocals aufgenommen habe, lege ich manchmal noch in Pro Tools Effekte darüber, und damit sind wir unter Umständen schon bei der finalen Release-Version angekommen. Zum Beispiel bei den frühen Gucci-Platten wie I’m A Dog von 2009: Die sind direkt aus meinem Keller im Radio, auf dem Mixtape oder dem Album gelandet. Ich habe das Zeug selbst gemixt, obwohl ich kein Mixing-Engineer bin. Aber anscheinend möchten die Leute diesen rohen, ungeschliffenen Sound. Ich lege vielleicht mal einen Equalizer oder Kompressor auf eine Stimme, aber ich weiß nicht so super viel über den Umgang damit und bin sicher, jemand anderes könnte das alles besser als ich. Dasselbe gilt für Mastering. Aber noch heute, wenn ein Beat von mir von jemand anderem gemixt wird, liegt dem oft meine Zweispur-Version [der Stereo-Downmix] zugrunde. Nachdem ich Migos den Beat für Versace (2013) gegeben hatte, kam nie jemand, um nach den einzelnen Spuren zu fragen.

Zaytovens minimalistischer Mix- und Mastering-Ansatz entspringt genau wie sein Beat-Bau-Prozess einer Philosophie, die Gefühl, Spontaneität und ungeschliffene Kanten gegenüber jenem Perfektionismus betont, zu dem die Arbeit mit einer DAW einlädt. »Wenn man zu viel darüber nachdenkt und editiert, kann man den Beats leicht das Gefühl nehmen. Deshalb baue ich sie so schnell. Ich arbeite ja oft mit den MCs im Raum und sehe ihnen bei der Performance zu − sie schreiben ihre Songs auch nicht mehr auf, sondern kommen rein und freestylen fast den ganzen Song, denn es geht vor allem um das Gefühl und den Groove.

Und genauso möchte ich eben auch die Musik und die Beats behandeln. Ich editiere nicht viel, ich strebe nicht nach Perfektion, ich will nur dieses Gefühl erzeugen. Oft kann ich mir, wenn ich einen Beat mache, schon vorstellen, was ein Künstler darüber tun wird oder wie er auf dem Beat klingen könnte, und das wiederum fließt direkt in meine Arbeit ein. Musik handelt von Gefühlen, und ich glaube, das ist der Grund, warum Atlanta schon so lang an der Spitze steht: Was wir tun, ist improvisiert und hat viel Gefühl, und wir gehen nicht nochmal dran, um viel zu reparieren oder zu editieren.«

Ein Problem für Zaytoven − wenn auch sicherlich aus der Kategorie »Deine Probleme möchte ich haben!« − ist, dass sich durch seine schnelle Arbeitsmethode Tausende von Beats auf seinen Festplatten stapeln. »Ich stehe morgens auf und kann zehn Beats machen, die ich dann an die verschiedenen Künstler schicke, von denen ich denke, dass ihre Raps jeweils am besten dazu passen. Oder ich habe jemanden bei mir im Studio und baue einen Beat vor seinen Augen, und weil ich gerade in Schwung gekommen bin, baue ich noch fünf weitere mit dem Sound und dem Gefühl, nach dem er sucht. Wenn ich zehn Beats verschicke, werden vielleicht nur vier benutzt, und das bedeutet, dass die anderen sechs in Vergessenheit geraten. Das sind eben die Spielregeln. Es bedeutet, dass ich weitere zehn baue und verschicke und dann zusehe, welche Leute welche Beats nehmen.

Viele meiner Beats werden zunächst nicht benutzt − vielleicht, weil sie nicht bei der richtigen Person gelandet sind, oder sie waren nicht so gut. Manchmal kommen Leute später, um sie zu benutzen. Und manchmal verschicke ich alte Beats. Mein Beat für Versace war zu dem Zeitpunkt schon zwei Jahre alt. Weil ich viele Beats hier liegen habe, muss ich sie organisieren. Oft sortiere ich sie nach dem Entstehungsmonat. Oder ich erstelle Ordner für jeweils 40 Beats. Dann markiere ich die gesammelten Beats; beispielsweise markiere ich etwas als R’n’B-Beat, etwas anderes als Trap-Beat, wieder einen anderen als eher poppig, als Club- oder Radio-Beat. Ich gebe auch jedem Beat einen Titel. Dieser Titel inspiriert oft den Rapper, und es gibt einige Fälle, in denen der schlussendliche Titel des Songs der war, den ich dem Beat gegeben hatte.«

Obwohl Zaytoven unermüdlich und eloquent das Loblied auf die Atlanta-Rap-Szene singt, gibt es Anzeichen dafür, dass er eigentlich gern seine Aktivitäten etwas breiter streuen würde. Er etabliert sich als Solokünstler, der Alben und Singles unter seinem eigenen Namen veröffentlicht, er legt auf und arbeitet mit anderen Beat-Machern wie Metro Boomin, Atlantas strahlendstem Trap-Newcomer-Kid von nebenan. Zudem erschien 2012 der Film Birds of a Feather, frei auf Zaytovens Leben basierend, in dem er die Hauptrolle spielt und für den er die Musik schrieb. Birds of A Feather 2 ist für dieses Jahr angekündigt ebenso wie sein erstes Majorlabel-Soloalbum Trap Holizay.

»Alben wie Sorority und Where Would The Game Be Without Me 2 sind wie Mixtapes. Sie bestehen aus Songs, die ich mit vielen verschiedenen Künstlern gemacht habe, und anstatt sie für mich zu behalten, veröffentliche ich sie lieber als Compilations. Aber Trap Holizay wird auf Capitol-Motown erscheinen und hat nur große Namen auf der Kollabo-Liste: 21 Savage, Gucci Mane, Lil Uzi Vert, Migos, Travis Scott, Future, Quavo, Kodak Black, 2-Chain, Rick Ross, Jeremih, Trouble und so weiter. Ich habe dafür auch mit anderen Beat-Machern gearbeitet, wie DJ Mustard, Mike Will Made It und Metro Boomin. Es wird gerade gemixt.

Für meinen gesamten neuen Film Birds Of A Feather 2 habe ich den Soundtrack gemacht, mit dem gleichen Ansatz, mit dem ich Beats baue. Nachdem der Film fertig war, habe ich die Musik ergänzt. Ich habe mir die Szenen angesehen und versucht, die jeweilige Stimmung oder das Gefühl aufzusaugen, um es direkt der Musik mitzugeben. Es ist der gleiche Prozess wie sonst, es gibt mir nur ein wenig mehr Freiraum für Experimente. Es wird definitiv ein Soundtrack-Album geben.

Ich lege auch viel auf, und manchmal mache ich live einen Beat dazu, einfach um die Crowd zu pushen. Auf der Bühne habe ich die MPC Live, eine kleinere Version der MPC X. Ich brauche drei Minuten, um einen Beat zu bauen, und dann hole ich gern ein paar Typen auf die Bühne, die dazu freestylen, einfach um die Leute einzubeziehen. Dabei ist nichts geprobt. Es geht darum, es aus dem Stegreif zu machen. Beats in der Live-Situation zu bauen ist etwas, was ich zu etablieren versuche. Spielen zu können ist dafür essenziell, wobei ich auf der Bühne die Sounds quantisiere. Im Studio hängt es von der Art des Riffs ab, das ich spiele − oft lasse ich es unquantisiert.«

Zaytoven zufolge geht es immer darum, sich einen Namen zu machen und ihn in die Welt hinaus zu tragen. »Heutzutage muss man das. All diese Dinge muss ich tun, um meinen Namen bekannt zu machen, damit die Leute in Zaytoven nicht nur den Typen sehen, der die Beats macht, sondern auch einen Künstler, obwohl ich nicht rappe. Und ja, der Name ist cool wegen des Reims ›Beethoven–Zaytoven‹, aber obwohl ich Klavier spiele, stecke ich nicht so sehr in klassischer Musik drin. Ich habe also nicht vor, Elemente klassischer Musik bei mir einzubauen. Überhaupt sample ich nie irgendwas aus der Vergangenheit. Wie gesagt, in meiner Musik geht es um Gefühle, und ich versuche einfach immer, Neues zu kreieren.«

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