Mixdown in Mannheim - Produktion von Xavier Naidoos Album

Studioszene D − Schallschmiede, Mannheim

Xavier Naidoos Album Bei meiner Seele wurde im Mannheimer Schallschmiede-Komplex von Mathias Grosch und Benedikt Maile gemischt − digital in-the-box, aber mit analoger Summierung.

Groschton Studio
(Bild: www.JoergKuester.com)

Lebhaft geht es in der großzügig dimensionierten Küche zu: Frische Mannheimer Brezeln liegen auf dem Tisch; die gute Seele des Hauses hat bereits frühmorgens aufgeräumt und alles für einen arbeitsreichen Tag vorbereitet. Auf dem Sofa hat sich Studiodrummer Mario Garruccio niedergelassen, und zwei begnadete Stimmen aus der Casting-Show „The Voice“ schauen kurz herein und schütteln Hände. Ein bekannter deutscher Produzent verliert sich in den − zugegebenermaßen attraktiven − Augen einer Finalistin von „Germany’s next Topmodel“ und erörtert gemeinsame (Recording-)Pläne. Ort des Geschehens ist der Schallschmiede-Studiokomplex in einem Gewerbegebiet am Rand der baden-württembergischen Quadratestadt − wir sind mit Mathias Grosch und Benedikt Maile verabredet, die hier das aktuelle Erfolgsalbum Bei meiner Seele von Xavier Naidoo gemischt haben.

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 Schallschmiede

Der initiale Rundgang führt durch zahlreiche Aufnahme- und Regie – räume mit unterschiedlicher Ausstattung − diverse Produzenten und Musiker haben in der Schallschmiede ihre kreativen Refugien eingerichtet. Studio A bietet mit Abstand am meisten Platz und umfasst einen akustisch angenehm präparierten Aufnahmeraum sowie eine gut bestückte Regie: Die Audiosignale laufen in einer SSL AWS 900+ zusammen; diverse Peripherieracks, synthetische Klangerzeuger sowie die obligatorischen DAWs komplettieren die zeitgemäße Tontechnikausstattung. Einen Gang weiter dann die Studios von Grosch und Maile − deutlich kleiner, liebevoll eingerichtet und durch ein sympathisches kreatives Chaos gekennzeichnet. Keine Frage: Hier wird gearbeitet, nicht repräsentiert.

Die Tascam DM-4800-Digitalkonsole im Studio von Mathias Grosch ist seitlich der zentralen Arbeitsfläche platziert und dient lediglich als luxuriöser Abhör-Controller − ebenso wie sein Kollege Benedikt Maile mischt Grosch inzwischen vollständig in-the-box: „Es kommt so oft vor, dass Kunden Revisionen eines Titels benötigen, bei denen ein einzelnes Instrument im Nachhinein doch noch einmal einen Tick lauter oder leiser gemacht werden soll. Dafür braucht man in einer analogen Umgebung schon ein wirklich ausgeklügeltes System, während sich bei einem Digitalsystem sämtliche Einstellungen perfekt reproduzieren lassen“, kommentiert Grosch den fragenden Blick des Betrachters. Ein klein wenig analog darf es bei allen Bits und Bytes dann aber doch noch zugehen: Die aus der DAW kommenden Signale werden über einen 2-Bus-Summierer von Dangerous Music geführt.

Mathias Grosch erläutert: „Ich mag die analoge Summierung, weil die Praxis belegt, dass sich der Bass dabei anders verhält. Der Summierer befindet sich bei mir bereits während der laufenden Mischung im Abhörweg und sorgt dafür, dass Frequenzen unterhalb von 500 Hz deutlich aufgeräumter wirken. Wichtig für einen aussagekräftigen Vergleich zwischen analoger und digitaler Summierung ist ein perfekter Pegelabgleich, denn was lauter klingt, wird in der Regel auch als besser bewertet.Ich habe mich nach umfangreichen Vergleichen für den 16×2- Summenverstärker von Dangerous Music entschieden, an dem Bassdrum, Snare, Bass und die Main-Vocals in Mono anliegen. StereoBusse nutze ich für das Schlagzeug, die Keyboards, die Gitarren, die Background-Vocals, die Effekte und die per Parallelkompression bearbeiteten Spuren. Der Ausgang des Summierers ist mit einem Avid HDI/O-Wandler verbunden, das Stereosignal wird in Pro Tools aufgezeichnet.“

Groschton Studio
Matthias Grosch (Bild: www.JoergKuester.com)

STUDIO B & C

Mathias Grosch kommt ursprünglich aus der Nähe von Würzburg, hat in Mannheim Jazzpiano an der Staatlichen Hochschule für Musik & Darstellende Kunst studiert und sich schon früh für Tontechnik begeistert: „Es waren dabei nie die rein technischen Aspekte, die mich fasziniert haben, sondern die Möglichkeit, mithilfe der Technik Emotionen hervorrufen zu können“, sagt der erfahrene Tonmann. „Auch wenn ich heute überwiegend am Computer sitze, basiert meine Arbeit auf Emotionalität. Wenn ich an den Mikrofonschrank gehe, wähle ich nach Tagesform aus: Es ist keineswegs so, dass ich auf Patentrezepte für Bassdrum oder Snaredrum zurückgreife − ich habe alle Mikrofone so oft gehört und ausprobiert, dass ich quasi vor der Sammlung stehe und genau weiß, welches Modell gerade heute passen könnte.

Natürlich habe ich dabei stets im Hinterkopf, welche Art von Musik produziert werden soll − es geht immer um den Song und um den Künstler! Ich habe ein Gespür dafür entwickelt, wie ein Song klingen oder welche Art von Mikrofonierung ganz konkret zum Schlagzeug oder zur Gitarre passen könnte. Ich gehe dabei nicht nach Variante A oder Variante B, sondern stelle durchaus auch einmal ein preiswertes dynamisches Mikrofon vor eine akustische Gitarre und höre, was passiert. Vielleicht ist der gesamte Song ja so voll, dass genau die Beefiness, die dieses Mikrofon aufweist, in Kombination mit der Akustikgitarre etwas besonders Schönes ergibt.“

Groschton Studio
Benedikt Maile − hier in Studio A − ist mehr oder weniger durch Zufall in die Schallschmiede gekommen: Nach einem erfolgreich absolvierten Praktikum übernahm er vor eineinhalb Jahren im Mannheimer Tonstudio-Ensemble einen freien Raum, der heute auf die Bezeichnung »Studio C« hört und unmittelbar an das »Studio B« von Mathias Grosch angrenzt. Maile hat in Stuttgart an der Hochschule der Medien (HdM) Tontechnik studiert und kann heute gut von seinen Tonstudioaufträgen leben (Bild: www.JoergKuester.com)

DAW

Grosch und Maile beherrschen alle wichtigen Audiosequenzer im Blindflug, haben jedoch persönliche Präferenzen: „Benedikt kann ebenso wie ich mit Pro Tools, Logic und Cubase sehr gut umgehen. Für mich persönlich verfügt Pro Tools über die beste Mix- Engine, und auch die Oberfläche für die Mischung ist am besten zu bedienen − gerade die Automation ist sehr logisch strukturiert“, erklärt Mathias Grosch, der weiß, dass eine Mischung in der DAW gewisse Tücken beinhalten kann: „Oft ist es so, dass sich Leute weniger auf ihr Gehör verlassen, wenn sie in-the-box mischen. Ich ertappe mich auch manchmal dabei: Ein Klassiker ist der auf Bypass geschaltete Effekt, bei dem man ganz genau hören konnte, dass sich beim Drehen etwas verändert hat …“ (schmunzelt) Benedikt Maile dazu: „Ich komme mit Pro Tools bestens zurecht, aber Cubase ist das Programm, mit dem ich mich bei der Mischung besonders wohlfühle − beim Mix des aktuellen Albums von Xavier Naidoo habe ich daher komplett auf Cubase gesetzt.“ Als Wandler nutzt Benedikt Maile ein MOTU 896HD-FireWire-Interface und einen RosettaKonverter von Apogee Electronics. An den Rechner ist ein UAD-2 Satellite DSP-Accelerator angeschlossen. Maile kommentiert: „Meine nativen Plug-ins stammen größtenteils von Waves − für mich ist das eher ein technisches Ding, da die Waves-Algorithmen tendenziell weniger Sound machen, während die UAD Plug-ins auf Wunsch durchaus kräftig färben können.“

Groschton Studio
(Bild: www.JoergKuester.com)

Workflow

„Zum Teil sind die Songs und die Mischungen parallel entstanden“, weiß Mathias Grosch über den Produktionsblauf zu Xavier Naidoos Album Bei meiner Seele zu berichten. „Benedikt und ich haben das Album gemeinsam gemischt − zwar saß jeder in seinem eigenen Studio, aber wir haben uns natürlich ausgetauscht und uns gegenseitig geholfen. Externe Peripheriegeräte kamen bei der Mischung nicht zum Einsatz, denn durch die vorhandenen Plug-ins konnten wir jede Form von Färbung erreichen, die wir haben wollten. Jenseits der UAD-Algorithmen kamen diverse nativ arbeitende Plug-ins zum Zuge, unter anderem aus den Portfolios von Waves und Native Instruments. Als Hall-Effekt für die Stimme haben wir oft die EMT-140-Emulation der UAD-Karte genutzt; der Renaissance-Verb von Waves fand ebenfalls Verwendung. Häufig kam der Mastering-Kompressor von Shadow Hills zum Zuge, der den Klang von Stimme und Bass vorteilhaft beeinflusste. Erfreulicherweise konnten wie uns in erster Linie auf die kreativen Aspekte der Mischung konzentrieren, und es waren lediglich vereinzelte Störgeräusche zu reinigen.“

Groschton Studio
(Bild: www.JoergKuester.com)

 

Xavier Naidoo hat seine Parts im Regieraum ohne Kopfhörer bei laufender Musik eingesungen. „Auf den Gesangsspuren war entsprechend das Playback mehr oder weniger deutlich zu hören, was unter rein tontechnischen Aspekten zwar nicht ideal, aber gefühlt dann doch gar nicht so schlimm ist!“, so Mathias Grosch. „Anzumerken ist, dass Xavier beim Singen nicht weit von dem Boxen entfernt stand − eine größere Distanz hätte wahrscheinlich zu deutlich unangenehmer klingenden Laufzeiten geführt. Xavier hat zum Singen ein Neumann BCM 104 verwendet, das er mitunter auch in der Hand gehalten hat. Für ihn war der Aufnahmeprozess insgesamt eine neue, durchaus aber wohl angenehme Erfahrung − gänzlich ohne Trennung zwischen Aufnahme- und Regieraum. Beim Mix haben wir darauf geachtet, dass jeder Titel seine Intention behält. Insgesamt sind die Songs etwas spartanischer als andere Sachen, die man von Xavier in der Vergangenheit kannte − oft hört man nur Gitarre, Bass, Schlagzeug und Gesang. Mit Gedanken an den handgemachten Charakter habe ich Griffgeräusche, die bei der Gitarre ganz natürlich auftreten, nicht entfernt − Ziel der Mischung war weder Hochglanz-Pop noch ein ultraclean aufgeräumtes Album.“

Xavier Naidoos aktuelles Album wurde zwar komplett »in the box« gemischt, dennoch finden sich in den Studios von Mathias Grosch und Benedikt Maile in den Räumen der Mannheimer Schallschmiede analoge und digitale Technik vereint.

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