Ich bin dann mal weg ...

Martin Stimming über die Produktion von Alpe Lusia

Wer hat nicht schon davon geträumt, mit seinen Lieblings-Tools an einen einsamen Ort zu verschwinden und fernab von allem störenden Input voll und ganz in seine Musik einzutauchen? Martin Stimming hat’s gemacht — viva Alpe Lusia!

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(Bild: Martin Stimming, Makus Haaser, Matthias Fuchs)

Musikproduktion in einsamer Idylle −überbewerteter Traum dauergestresster Großstädter oder Tür und Tor zu ungeahnten kreativen Höchstleistungen? Das Hamburger DeepHouse-Genie Martin Stimming wollte es wissen und hat die heimelige Studioumgebung gegen eine einsame Berghütte eingetauscht, um dort seinen vierten und aktuellen Longplayer zu produzieren − vier Wochen Einsamkeit, Natur pur und die Möglichkeit, in die tiefsten Tiefen des Ego hinabzusteigen. Hat das Experiment funktioniert? Wir besuchten Martin Stimming in Hamburg.

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Martin, was hat dich zu diesem spannenden Experiment bewogen?

Bei den Vorbereitungen zum aktuellen Album hatte ich ein bisschen das Gefühl, die Luft wäre raus. Ich war nicht richtig bei der Sache, oft abgelenkt, der zündende Funke hat gefehlt. Was nun? Bei einer Europareise im vergangenen Jahr habe ich mich in die Südtiroler Berge verliebt und mit dem Gedanken gespielt, dort eine Weile zu verbringen. Nun war es an der Zeit, diese Idee umzusetzen.

Was genau hast du dir von diesem Erlebnis versprochen?

Ich wollte herausfinden, was für mich und meine Musik das Wesentliche sein könnte. Das fing mit dem Equipment an: Was nicht in meinen Mini rein passte, musste zu Hause bleiben. Und natürlich das mentale Ding: vier Wochen ohne Internet, ohne fremde Musik, ohne Glotze, fast keine sozialen Kontakte − also völlige Beschränkung auf mich selbst und meine Musik. Einziger Input wäre die gigantische Natur um mich herum. Das Bewusstsein, nur ein winziger Teil von etwas ganz Großem zu sein, und das damit verbundene Gefühl von Verlorenheit − ich war mir sicher, das musste einfach irgendetwas auslösen. Aber was? Ich hatte echt ein bisschen Schiss. (lacht) Wie würde sich das anfühlen? Und abgesehen vom musikalischen Resultat … würde ich das Ganze überhaupt durchstehen?

Welches Rezept hast du gegen den befürchteten »Hüttenkoller« angewendet?

Ich habe von Anfang an richtig straight gearbeitet − von morgens 9 bis abends 5 liefen die Geräte. Das schien mir prinzipiell notwendig, um mich nicht zu verlieren. Am Sonntag bin ich Wandern gegangen. Der Gedanke »Ich mach’ was« war total wichtig. Aber erst nach fast drei Wochen war ich überzeugt, dass es wirklich geklappt hat.

Wie hat sich die Einsamkeit angefühlt?

Total seltsam und völlig ungewohnt. Wir leben ja mit ständiger Kommunikation − andere Menschen, Telefon, Internet etc. Wenn das alles plötzlich für längere Zeit wegfällt, fühlt sich das sehr, sehr eigenartig an. Durchaus befreiend, aber auch schnell ziemlich bedrückend − ganz besonders wenn es neblig wird und du keine 50 Meter weit sehen kannst. Du reagierst total anders auf deine Umwelt: Geräusche, Wetter − das ist alles zigmal so intensiv. Eines Nachts ist irgendein größeres Tier um das Haus gelaufen − du glaubst nicht, auf was für Gedanken du dann kommst … (lacht)

Was hat das in dir und deiner Musik ausgelöst? Sind Dinge tatsächlich passiert, die im heimischen Studio ausgeblieben wären?

Auf jeden Fall! Ich habe mir für mein Equipment wesentlich mehr Zeit genommen und die Geräte weiter ausgereizt − man hat ja keine Termine. (lacht) So bin ich etwa beim Sounddesign deutlich mehr in die Tiefe gegangen als je zuvor. Meinen Cwejman S1 habe ich eigentlich erst dort richtig kennengelernt. Das wirklich Entscheidende aber ist die Einsamkeit: Du bist völlig unbeobachtet und kannst deine antrainierte Selbstkontrolle komplett über Bord werfen. Du darfst dir jeden Gefühlsausbruch leisten − schließlich sieht und hört dich keiner. (lacht) Ich habe mich manchmal wirklich emotional total treiben lassen, bin beim Produzieren buchstäblich in Tränen ausgebrochen oder habe Lachanfälle bekommen − so enthemmt konnte ich im Studio niemals sein. Und ich bin sicher, dass ich somit auch in der Musik Dinge zu – gelassen habe, die ich sonst nicht zulassen würde. Wäre das Album in Hamburg entstanden, würde es sich definitiv anders anhören.

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Das erste Berggewitter — die intensive Natur hat spannende Field-Recordings ermöglicht. Hier das Setup mit zwei Neumann KM185 und Marantz PMD 661 Recorder (Bild: Martin Stimming, Makus Haaser, Matthias Fuchs)

House-Musik wird meist als sehr urbane Musik empfunden. Wie vertrug sich das mit der Ruhe und Abgeschiedenheit deiner Arbeitsumgebung?

Hm … Ich glaube, meine Musik nutzt die Elemente der Dancefloor-Musik in erster Linie als Verpackung. Es fällt mir relativ leicht, mich gerade innerhalb dieser festgelegten Schemata kreativ zu entfalten. Der Inhalt entspricht jedoch eher dem Wesen der Berghütten-Erfahrung. Ist das subversiv? (lacht)

Wie hast du gearbeitet? Hat sich auch dein Workflow verändert?

Ich hatte ein paar Ideen und Skizzen mitgebracht. Auf Alpe Lusia dann sind zunächst zahlreiche Field-Recordings entstanden. Da habe ich die Neumänner einfach in die Landschaft gestellt und 10 oder 20 Minuten Atmo aufgenommen. Die eigentliche Arbeitsweise entsprach weitgehend der im Studio: Loops und Sequenzen in mehreren Variationen mit den Elektrons bauen, dann in Cubase aufnehmen und mit Outboard bearbeiten. Ich habe mich auf möglichst wenige Tracks, maximal 12 bis 14, beschränkt. Der finale Mix und ein paar Arrangement-Korrekturen sind nachträglich passiert. Mit dem Cwejman S1 habe ich sehr viel Zeit verbracht − auch Akkorde geschichtet. Wie hast du abgehört? Ausschließlich mit Kopfhörer und meinen In-Ears. Lautsprecher konnte ich nicht mitnehmen. Das ging aber ziemlich gut − nur beim Bass und der Höhengewichtung musste ich später noch ein paar Korrekturen zufügen.


Stimming 

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Der Hamburger Deep-House-Künstler Martin Stimming ist Meister der druckvoll federnden Beats, eigenwilligschrägen Atmos und traumwandlerischen Melodien. Sein Gespür für Rhythmus und intensiven Sound hat der Produzent und Multiinstrumentalist auf mittlerweile vier Long-Playern und zahlreichen 12-Zöllern verewigt. Auch seine Remixe, u. a. für Deadmau5, Alexander Kowalski oder Sascha Funke, enterten allesamt die Club-Charts. Als Live-Gig ist Martin Stimming rund um den Globus gefragt. Seine Releases erscheinen zumeist bei Diynamic Music. Aktuelles Projekt ein Remix für Moby, der diesen Herbst bei 2DIY4 erscheinen wird.


Dein aktuelles Live-Set ist ebenfalls auf sehr besondere Weise entstanden?

Drei Monate später habe ich mich für eine Woche auf einem Frachtschiff eingemietet und dort mein Live-Set vorbereitet. Auch hier wieder ein besonderer Ort in Abgeschiedenheit, allerdings von ganz anderer Art. Als Ein-Personen-Club-Act aufzutreten ist ja hauptsächlich mit Reisen verbunden und bisweilen eine recht einsame Angelegenheit. Der Trip auf dem Frachter hat das Reisen in seiner Extremform vermittelt und war zudem der totale Kontrast zu Alpe Lusia.

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Martin Stimmig zu Hause in Hamburg (Bild: Martin Stimming, Makus Haaser, Matthias Fuchs)

Denkst du, dass deine Erlebnisse einen dauerhaften Einfluss auf deine Musik ausüben?

Ich glaube, ich habe gelernt, auch außerhalb meiner gewohnten Umgebung aus mir herauszugehen und kreativ arbeiten zu können. Ich finde jetzt das Produzieren in Hotelzimmern oder sogar im Flieger ganz spannend.

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