2001: Odyssee einer Idee

Konzeptalbum Meine Helden – 17 Jahre bis zum Release

Pivo Meine Helden

17 Jahre hat sich das Projekt von der ersten Idee bis zum Release gezogen. Damals hatte Gitarrist Pivo Deinert noch nicht einmal annähernd genügend Kontakte, um sein etwas außergewöhnliches Projekt zu realisieren — am Ende hat er mit bekannten Größen wie Frank Zander und Hans-Martin Buff gearbeitet. Schlussendlich wurde sein Konzeptalbum Meine Helden jüngst im Februar veröffentlicht.

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Pivo Deinert ist Vollblut-Gitarrist und Songwriter. Als Kind hat er das erste Mal eine Gitarre in die Hand bekommen, dann Unterricht, Schülerband, Coverbands und schließlich das Gitarrenstudium. Zwischendurch, nach der obligatorischen Auseinandersetzung mit seinen Eltern, machte er noch einer Fotografenlehre (um etwas Handfestes zu haben) und klebte Etiketten im Supermarkt, damit zumindest der kleine Rubel rollt, während seine Musikerkarriere Fahrt aufnimmt. Heute lebt er seinen Traum des Berufsmusikers, und in regelmäßigen Abständen stürzt er sich mehr oder weniger blauäugig in neue Projekte, z. B. als er auf einer Feier spontan gefragt wurde, ob er denn auch Filmmusik mache und er genauso spontan mit »ja« antwortete. Seitdem ist er also auch Filmmusikkomponist − erfolgreich!

Ein für jeden Musiker besonderes Projekt ist aber das des eigenen Albums. Lange war sich Pivo nicht sicher, nach welchem Konzept er seines aufziehen sollte, zumal er selbst nicht singt (das hätte einiges einfacher gemacht). Schluss endlich hatte er sich dazu entschlossen, jedes Lied von einem anderen Sänger oder einer anderen Sängerin performen zu lassen − und zwar auf eine Weise, für den der/die Sänger/in gar nicht bekannt ist − nicht ganz einfach, immer seine Kumpanen davon zu überzeugen, etwas zu tun, das sie zuvor oft aus gutem Grund nicht getan haben.

Nach rund 17 langen Jahren von der ersten Idee bis zum Release im letzten Monat hat Pivos Gesamtkunstwerk namens Meine Helden endlich ein Ende gefunden. Wie der teils steinige Weg aussah bzw. wie er ihn überwunden hat und was sein Onkel mit der ganzen Geschichte zu tun hat, erzählt er uns im Interview.

Pivo, erzähl doch mal, wann dir das erste Mal die Idee zu diesem ungewöhnlichen Konzeptalbum kam. Und sicher musstest du dir viele Kontakte erst erarbeiten, oder?

Das stimmt. Die Idee kam bereits 2001. Ich hatte eine eigene englischsprachige Bluesband, in der wir meine Songs spielten. Als sich die Band wegen internen Querelen auflöste, beschloss ich, irgendetwas Eigenes zu machen. Die Problematik war, dass ich nicht wirklich singen kann und kein Instrumentalalbum machen wollte.

Santana hatte damals Supernatural herausgebracht, auf dem zum ersten Mal viele unterschiedliche Gastsänger sangen. Dieses Konzept wäre zwar die Lösung meines Problems, brachte aber neue Fragen auf. Ich kannte zu dieser Zeit kaum Sänger, mit denen ich das hätte umsetzen können. Auch war ich noch weit davon entfernt, mich »Produzent« zu nennen. Es fehlten Kontakte in alle Richtungen. Ich musste das Projekt nach hinten schieben und zuerst ein Netzwerk aufbauen. Zusätzlich wollte ich das Konzept von Santana nicht kopieren. Ich halte nichts davon, Dinge genauso zu machen wie andere.

Pivo Meine Helden Anthony Thet
Für den Song Irgendwann hat Pivo mit Anthony Thet zusammengearbeitet. (Bild: Robin Ehnle)

Die Idee, das Album deutschsprachig zu produzieren, kam erst ein paar Jahre später, als sich Bands wie Wir sind Helden, Silbermond und Juli etablierten. Plötzlich lief wieder mehr deutschsprachige Musik im Radio. Ein deutschsprachiges Album eines Gitarristen mit Gastsängern wäre ein Alleinstellungsmerkmal. Ich habe das sehr lange geheim gehalten, damit niemand meine Idee klaut. Vor allem vor den Gitarristenkollegen (lacht) − nur die Sänger und Instrumentalisten wussten Bescheid. Erst als ich im November 2016 eine eigene Crowdfunding-Kampagne gestartet habe, erzählte ich, was ich vorhabe.

Wo, würdest du sagen, liegt der Unterschied zu Santanas Supernatural, abgesehen davon, dass es deutschsprachig ist?

Ich glaube man sollte Meine Helden gar nicht unbedingt mit Supernatural vergleichen. Santanas Album war nur der Gedankenanstoß, dass ich als Gitarrist eine CD mit Gastsängern aufnehmen könnte. Viele Instrumentalisten nehmen sich Gastsänger für ihre Alben. Ich habe es auf die Spitze getrieben, weil jeder Song von jemand anderem gesungen wird. Ich sehe mich nicht als virtuosen Sologitarristen. Deshalb gibt es keine Instrumentalsongs auf dem Album. Zusätzlich wollte ich mit den Sängern irgendetwas machen, was man von ihnen nicht kennt. Sechs der Künstler hatten vorher noch nie oder kaum auf Deutsch gesungen. Meine Helden ist deshalb auch kein Gitarrenalbum, sondern ein musikalischer Lebenslauf, der mich als Songschreiber, Produzent und natürlich auch als Gitarristen zeigt.

Hast du von Anfang an damit gerechnet, dass dein Album ein solches Langzeitprojekt wird?

Absolut nicht! Normerweise bin ich im Umsetzen von Ideen immer sehr schnell. Das ist wie ein Schalter, den ich umlegen kann, um mich dann nur noch auf die eine Sache zu konzentrieren. Bei diesem Projekt war mir im Vorfeld klar, dass es wohl etwas länger dauern würde.

Ich habe alte Aufzeichnungen auf meinem Rechner von 2006 gefunden, in denen steht, dass die Idee nun schon fünf Jahre alt ist und ich jetzt anfangen werde, es umzusetzen. Dass dann bis zum Release noch zwölf Jahre vergehen sollten, hätte ich selber nicht gedacht.

Mach doch mal einen kurzen historischen Rückblick: Von wann bis wann war jeweils Songwriting angesagt, der Aufnahmeprozess/Produktion, Mixing und Mastering?

In den ersten Jahren bin ich nur mit der Idee schwanger gegangen. Hier und da habe ich mal Sänger angesprochen, ohne überhaupt irgendeinen Song zu haben. 2008 habe ich mit Volkan Baydar den ersten Song geschrieben. Zu dieser Zeit hatte Volkan weder jemals auf Deutsch gesungen noch getextet. Ich schraubte ein schnelles Playback zusammen, und Volkan sang ein, damit wir die Idee vom Song festhalten. Wir haben diese Vocal-Spuren nie ersetzt − Volkan hatte das mit einer Unbeschwertheit gesungen, die nicht mehr reproduzierbar war. Es sind die ältesten Takes auf dem Album.

Das wachsende Netzwerk hatte zur Folge, dass auch die Auftragslage größer wurde. Dadurch habe ich immer nur irgendwie nebenbei an dem Projekt gearbeitet. Hier mal ein Gitarren-Lick, da mal eine Akkordstruktur, allerdings nur selten speziell für das Album. Das Schwierigste war, überhaupt herauszufinden, was ich musikalisch machen möchte. Es gab Phasen, da sollte es ein Blues-Album werden, dann dachte ich, dass ich doch lieber etwas »Modernes« produzieren wollte.

Pivo Meine Helden Jenna Hoff
Auf Hollywood hat Jenna Hoff gesungen. (Bild: Robin Ehnle)

Zwischen 2011 und 2014 entstand eine Handvoll Song, die dann auch wirklich für das Projekt mit den jeweiligen Sängern geschrieben wurden. Einige sind selbst Songwriter; bei denen war es mir wichtig, sie auch als Songschreiber mit einzubeziehen.

Logistisch war das der Horror, weil jeder natürlich immer irgendwas am Start hatte, was − verständlicherweise − auch Vorrang hatte. Wenn wir nicht bei mir im Studio schrieben, nahm ich mit dem Telefon auf. Zu Hause tappte ich das Tempo, schnitt alle Gesangsfragmente raus und hatte somit eine Grundlage, um daran weiterzuarbeiten. Oft waren es nur phonetische Fetzen.

Vor drei Jahren war mir dieses ewige »hier mal ein bisschen, da mal ein bisschen« zu blöd. Ich trennte mich von einigen Projekten und sagte sämtliche Songwriting-Sessions für andere Künstler ab, um mich voll auf das eigene Ding zu konzentrieren. Das erste Jahr schrieb ich Songs.

Ich habe ganz roughe Demos gemacht und bin dann mit Benedikt und René (Drums und Bass) in den Proberaum gegangen. Ich habe die Vocals über die PA laufen lassen und Benedikt einen Klick gegeben. Die Proben habe ich konsequent aufgenommen. 1x Bass Drum, 1x Set mit einem Mikro von vorne, 1x Bass, 1x Gitarre genügte mir dafür. Man kennt das ja: Man sagt am Ende des Songs: »Das im Mittelteil war großartig«, und er andere sagt: »Keine Ahnung, was ich da gespielt habe«. Anhand der Aufnahmen der Probe habe ich an den Arrangements weitergearbeitet.

Mit der Ausnahme meiner ersten Single, die im Mai 2016 herauskam, bin ich mit Benedikt und René kurz nach Weihnachten ins Studio gegangen. Da beide super vorbereitet waren, waren die Aufnahmen auch super schnell eingespielt. Im Spätsommer waren dann auch die letzten Spuren an Keyboards, Streicher, Bläser, Percussions und die ganzen Vocals im Kasten.

Problematisch war: Wenn man als Künstler die ganze Produktion alleine stemmt, kommt irgendwann der Punkt, wo man völlig den Abstand verliert. Ich wusste oft nicht, ob das jetzt cool ist oder nicht. Kriege ich das Solo noch besser hin oder ist gut so usw.? Deswegen habe ich sehr früh beschlossen, dass ich den Mix jemand anderen machen lassen. Hans-Martin Buff kenne ich seit vielen Jahren. Ich habe ihm jeweils einen Roughmix von mir und die Einzelspuren geschickt. Er hat alles bei sich im Laptop gemischt und mir die Mixe zurückgeschickt. Am Anfang war es schwierig, einen Grundsound zu finden, weil ich noch im Produktionsprozess war. Er musste also ein Album mischen, von denen er immer nur die Songs kannte, die ich ihm gerade geschickt habe. Bei einem achtjährigen Songwriting und 13 unterschiedlichen Stimmen dann einen roten Faden reinzubekommen, ist nicht unbedingt einfach.

Ich hätte keinen Besseren als den Tonbuff für das Projekt finden können. Er meinte irgendwann: »Wenn noch etwas Budget vorhanden ist, lass uns die Busse nochmal auf ein Pult legen und die Songs angleichen. Das bringt 15% mehr Geilheit für den Mix.« Also gingen wir für zweieinhalb Tage zu Patrik Majer ins Freudenhaus in Berlin, um − wie ich sagte − eine »eklatante Nuance« in die Mixe zu bringen. Der Mix rückte mehr zusammen, und es klang alles viel kompakter.

Gemastert hat dann Michael Schwabe im Monoposto in Düsseldorf. Auch er hatte schon einige meiner Mixe gemastert, und ich bin extra nach Düsseldorf gefahren, um dabei zu sein, wenn die Produktion ihren Abschluss findet. Das klingt jetzt alles ziemlich strukturiert. In Wirklichkeit war es ein heilloses Durcheinander. (lacht)

Pivo Meine Helden Buff
Hans-Martin Buff hat Meine Helden gemixt: Lass uns die Busse nochmal auf ein Pult legen und die Songs angleichen. Das bringt 15 % mehr Geilheit.« (Bild: Pivo Deinert)

Springen wir mal zu der technischen Seite des Albums: Die ältesten Aufnahmen sind die von Volkan Baydar von 2008. Wie alt sind die jüngsten, und gab es technische Herausforderungen aufgrund von Updates bei deinem Recording-Equipment?

Nein. Mit Qualitätsunterschieden hatte ich gar keine Probleme. 2008 haben wir mit Volkans altem Lorenz V241-Preamp und meiner Motu 828 MK2 aufgenommen. Im Laufe der Jahre bin ich auf eine Apollo umgestiegen und nutze als Preamp einen Chandler TG2. Alle anderen Aufnahmen entstanden erst ab Mai 2016. Dazwischen habe ich nur Ideen festgehalten. Drei Sänger habe ich aus logistischen Gründen woanders aufgenommen. Das war auch egal, weil jede Stimme sowieso ihren eigenen Sound hat − problematischer wäre es, die gleiche Stimme in verschiedenen Studios gleich klingen zu lassen.

In Sommerregen ist eine Trompete zu hören. Erzähl doch mal, was es damit auf sich hat und welche technischen Schwierigkeiten es da gab bzw. wie du die bewältigt hast.

Du sprichst das bestimmt an, weil die Trompete dort eher gesampelt klingt, im Gegensatz zu den live eingespielten Bläsern. Ich wollte, dass mein Onkel auf dem Album Trompete spielt. Er hatte in den 50er-Jahren eine Swing-Band und spielte bis zu seiner Pensionierung im Polizeiorchester Berlin. 2010, mit Ende 70, wollte er aufhören zu spielen. Wir einigten uns, dass er irgendwann mal ins Studio kommt. Drei Tage später starb er.

2014 schrieb ich mit Diane Weigmann den Song Sommerregen. Ich hatte einen Melodiehook, den ich als Layout mit zwei Trompeten programmierte.

Mein Onkel spielte immer auf unseren Familienfesten, und es gab alte Videoaufnahmen, die ich auf DVD hatte. Die Audiospur importierte ich ins Logic und schnitt mir alle möglichen Töne heraus. Lange, mittellange und kurze. Diese legte ich im Sampler an, wo ich zuerst etwas nachstimmen musste. Da, wo mir noch Töne fehlten, pitchte ich von den bestehenden entweder nach oben oder unten. Das waren zwei Tage Arbeit. Es hat sich aber gelohnt. Mein Onkel spielt acht Jahre nach seinem Tod nun doch auf meinem Album.

Wenn die Spuren von alten Videoaufnahmen von Familienfesten kommen, mussten doch dort bestimmt Unmengen an Nebengeräuschen auf der Spur sein, geschweige, dass die Tonaufnahme von den meisten Videokameras besch…eiden ist. Wie hast du die Spuren sauber bekommen?

Ich hatte wirklich riesiges Glück. Insgesamt hatte ich sechs DVDs mit Familienfesten, die ein anderer Onkel gefilmt hatte. Er war Hobbyfilmer und hatte hochwertigeres Equipment. Deshalb war der Ton ganz okay. Aber ständig quatschte irgendeiner rein. Es war tatsächlich nur eine einzige Sequenz nutzbar. Wenn man die rausgeschnittenen Samples im Solo-Modus hört, klingen sie auch wirklich nicht so toll. Aber im Song fügen sie sich gut ein.

Vielen Dank!

www.pivo.de

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