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Kolumne – Klang Feng Shui – Wohnst du noch?

So. Der Januar ist durch. Die letzten Weihnachtsnadeln sind gefunden, die sieben am Ende des Datums ist keine durchgestrichene sechs mehr, und der gemeine Tonbuff erhebt sich aus dem wohligen Gewerkel seines Nestes und geht wieder auf die Walz.

(Bild: Matthias Reinsdorf)

Örtliche Veränderung scheint mir in die Wiege gelegt, und da ich nicht das einzige Resultat meiner altvorderen Wiegeleger bin und scheinbar auch meinen Freundeskreis unter ähnlich Wiegegelegten gefunden habe, besuche ich auf dem Rockpfad die mir lieben Leute, die ihr Zelt in der Nähe meiner jeweiligen Wirkungsstätte aufgeschlagen haben. Toll ist das, man lernt sich auch nach jahrelanger Vertrautheit jedes Mal wieder ein bisschen neu kennen, und was durch Wein und Gespräch nicht klar wurde, verrät der Blick auf die örtliche Wohnlandschaft.

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Wahnsinn, was so eine Einrichtung über den Einrichter verrät. Klare Linie, Sauberkeitssammler, entspannte bis überforderte Vernachlässiger – alles ziemlich schnell ziemlich offensichtlich durch den Blick auf so Sachen wie Möbelwahl, Wandgestaltung und Verstreuter-Kram-Dichte.

Da gibt’s die, die irgendwann ihre Einrichtung en bloc gekauft haben und − je nach Zeitnähe zum Jahr des Einkaufs − jetzt in einem Möbelschauraum oder in einer musealen Installation wohnen. Es gibt die Tüftler, die einst in ein Clever-Haus mit Fernbedienung gezogen sind und seit dem ersten Hurra versuchen, den Kühlschrank auch von Hand aufzukriegen. Da gibt’s die Sammler, aus Möglichkeit und aus Geschmack. Und dann gibt’s die, die nach Budget und Nützlichkeit über die Zeit dies und jenes mit mehr oder weniger rotem Faden zusammenkaufen und dann über die Zeit mehr oder weniger ausmisten.

Ich selbst hause in einer Mischung aus alledem, mit einigen festen, in Zeiten finanzieller Flüssigkeit erstandenen Hauptstücken und jeder Menge gewachsenem Stauraum für aus Notwendigkeit und Wunsch erschienenem Krust (von dem hoffentlich ein Großteil mittelfristig Bedürftigen oder Archäologen der Zukunft Freude bereiten wird). Als ich mir etwa überlegte, meinen Tontrieb auch ein wenig zu Hause auszuüben, habe ich mir nicht ein Studio erplant, sondern ich habe das einzige besitzerlose Zimmer aufgesucht, den dort ruhenden Schreibtisch entstaubt und mein tragbares Arbeitsgerät abgestellt. Nach einer Weile waren mir die Kopfhörer allein zu blöd, also kamen ein paar platzlich geeignete Lautsprecher hinzu, und die Dämmung übernahmen meine im Zimmer geparkten Platten, Bücher und Bürowälzer; den Restklang federn tolerante Nachbarn. Dann wollte ich mal Vocals ohne Zwangs-Reverb aufnehmen, also kamen der Pre auf den Schreibtisch und ein paar dicke Vorhänge an die Ecke und so weiter und so fort.

So ist derzeit der angenehme Status Quo, funktional und gemütlich, und dennoch bleibt mir der Gedanke an die Endgültigkeit und Ernsthaftigkeit einer festen Klangwerkstatt, und ich grüble manchmal darüber nach, mir einen Fahrradritt von zu Hause entfernt einen Studioschuppen hinzustellen (auch damit ich morgens mal »Bis später!« und abends »Honey, I’m home!« krähen kann). Aber selbst wenn ich das mal handfest ergrübeln würde, wäre mir akustische Perfektion sicherlich weniger wichtig als Vibe und Übersichtlichkeit, und mir graut davor, mein nächstes Arbeitsjahrzehnt einer externen tontechnischen Bauleitung anzuvertrauen.

Warum? Ich trau’ dem Frieden nicht. Das ist wie beim selbstgestrickten Feng Shui meiner befreundeten Absteigen: Wer sich mal eine fest installierte tontechnische Wohnzimmergarnitur in die Hütte bauen lässt, wird sie so schnell nicht wieder los. Die Marmorwände der 80er, die ungreifbare Neutralität der 90er und die unsentimentale Trockenheit der Gesangsgummizellen des letzten Jahrzehnts sind das klangliche Äquivalent von verflossenen türkisen Hobbyräumen, und wer da was ändern will, muss von vorne anfangen, und das ist teuer.

Überhaupt gibt man als Bauherr an mindestens einem Tag des Bauherrentums größere Summen aus als bei jeder hart ersparten Anschaffung in jedem Jahr davor. Beim Gedanken an Bank und Mehrkosten vergeht einem da schnell die Lust am Beruf, und es ist enorm erdend, wenn man vorher schon glücklich in einem Eierkartonverschlag gewirtschaftet hat und weiß, was man wirklich braucht. Das ist auch sehr hilfreich beim Umgang mit der schon oben erwähnten Klangbauleitung:

Ist man nicht pingelig genug und ignoriert die nötige Physik, blühen provisorische Zeiten in einem Eierkarton-Verschlag mit Hypothek, und gibt man zu viel auf die eifrigen Lifestyle-Angebote akustisch Begeisterter, hat man später eine vollvernetzte Designerbude ohne Instrumenten- oder Boxenkabelverbindung zum Amp-Raum.

Am besten ist ein Studio-Resultat, in der jeder Nutzer sein eigenes Feng Shui leben kann und durch Sehkraft und ohne IT Diplom jedes Eck nutzen und im Notfall mit den Möglichkeiten des örtlichen Baumarkts reparieren kann. Damit das Studio vor lauter Musikmachen sofort vergessen werden kann.

Wohnst du noch, oder rockst du schon?


Über den Autor

Wer bereits mit musikalischen Größen wie Prince, Zucchero, No Doubt und Mousse T. gearbeitet hat, darf sich ungestraft »Tonbuff« nennen. Hans-Martin Buff ist ein erfahrener Recording-Engineer und Producer und arbeitete viele Jahre in den Prince’ Paisley Park Studios in Minneapolis. Oder sollte man ihn Parkwächter nennen? Denn zurück in Deutschland arbeitete er in Mousse T.s Peppermint Park Studios. Sei’s drum: Unzählige berühmte Produktionen erfreuen sich heute unverfälschter Bufftonqualität. Als Kolumnist in SOUND & RECORDING macht er reinen Tisch mit Recording-Mythen und Audio-Lügen …

www.buffwerk.com

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