A chilly trip, eh?!

Kanada-Report: Country Music – die Sprache der Arbeiter

Country-Produzent Ben Crane

Auf dem Weg von Calgary zu Country-Singer/Songwriter und Producer Ben Crane und seinem Jinglebob Music Studio in Eckville, das in der Nähe von Red Deer und zwischen Edmonton und Calgary liegt, fahre ich durch den Banff Nationalpark. Die Fahrt wird durch die beeindruckende Landschaft, meterhohem Schnee, der die Straße flankiert, und den unglaublich schönen Bildern, die die Natur einem hier durch Wälder, Berge, zugefrorenen Seen und Flüssen bei minus 30 Grad bietet, zu einem unglaublichen Erlebnis, das ich nie vergessen werden. Ich drehe die Heizung voll auf, fahre die Fenster runter, schmeiße die Musik an und genieße die Zeit mitten im Nirgendwo, ohne Gegenverkehr, ohne Handy- oder Radio-Empfang! Letzteres wurde mir gottseidank erst nach meiner Ankunft bei Ben klar …

Natürlich fahre ich auch hier wieder ewig über verlassene Straßen, bis ich dann endlich auf der Ranch von Ben und seiner Frau Shermon ankomme. Bei der Ankunft kehrt seine Shermon vor dem Haus den Schnee weg, Ben steht auf der Terrasse. Die beiden haben schon auf mich gewartet.

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Die beiden leben auf dem Land in einem kleinen Haus, gegenüber steht eine kleine Blockhütte, in dem Bens Studio und eine kleine Ferienwohnung untergebracht sind. »Die Ferienwohnung können die Musiker auch mieten und über Nacht bleiben. Aber auch Urlauber oder Leute, die auf der Durchreise sind, machen bei uns Halt! Ich produziere hier hauptsächlich Country-Musiker bzw. Singer/Songwriter, die hier in der Nähe leben«, erzählt Ben. »… hier in der Nähe leben« klingt gut: Wir stellen fest, dass hier auf einem Quadratkilometer nur vier Personen leben. Durchschnittlich leben in Kanada ca. 3,9 Menschen auf einem Quadratkilometer, in Deutschland sind es 244. Ich bleibe über Nacht, damit sind es dann fünf.


Dieser Artikel ist ein Teil der Story:

Studioreport Kanada – Auf den Spuren der Stones und der Country Music


In der Blockhütte sieht es stark nach Country aus. Ein Bison-Schädel hängt über einem Kamin, Cowboystiefel dienen als Blumenvase, Cowboyhüte hängen an der Wand, und generell ist alles einfach sehr rustikal eingerichtet; eigentlich so, wie man es sich bei einem Cowboy irgendwo in Texas vorgestellt hätte. Nun sind wir aber in Alberta, Kanada. Dass Country-Musik hier groß ist und eine wichtige Rolle spielt, haben mir bereits Megan, Josh und Jason erzählt. Wie wichtig dieses Genre wirklich ist und wie die Verbindung zu den USA aussieht, erfahre ich allerdings erst durch Ben.

Ben Crane, Jinglebob Music – Country Music

(Podcast-Kapitelmarke: 00:37:30)

Das Zentrum der Regie ist ein großer Holzschreibtisch, der einem früheren kanadischen Filmproduzenten gehört und worauf sogar kanadische Filme geschrieben wurden. Darauf steht ein iMac, daneben links und rechts die Studiomonitore, rechts ein mobiles Rack mit drei PreAmps, zwei Focusrite Clarett 8Pro und einem Aphex Tube Preamp. »Ich nehme in Logic Pro auf, und das war’s! Das reicht für meine Produktionen«, erklärt Ben. »Ich besitze drei Mikrofone, ein Avantone C12, das ich für Vocals und den Body der Gitarren nehme, ein Apex 460 und ein günstiges Kleinmembran-Mikrofon. Mit den dreien komme ich schon sehr weit. Ich nehme hauptsächlich Singer/Songwriter auf, die singen und gleichzeitig Gitarre spielen. Da reichen mir drei Mikrofone! Das Avantone nehme ich für die Vocals, das ist mit einem Preis von 800 CAD (ca. 520 Euro) mein Schätzchen. Das Aphex kostet 300 CAD (ca. 200 Euro). Das Avantone setze ich oft an der Gitarre, etwas links neben dem Schallloch versetzt, ein, um den großen Körper einzufangen. Dazu höre ich selbst, wo der Sweetspot sitzt, das ist hier sehr wichtig. Mein Kleinmembran positioniere ich dann oben Richtung zwölften Bund, da man dort die Bewegung der Finger über die Seiten hört. Das mag ich! Wenn ich das dann links und rechts panne, klingt das extrem gut! Und wenn ich weitere Mikrofone brauche, dann leihe ich mir welche. Es gibt hier einen Verleih, der ist nur 45 Minuten Fahrt für einen Weg entfernt.« Da werden einem wieder die Dimensionen Kanadas bewusst!

Der Ausblick von der Terrasse des Studios
Das Studio befindet sich in dieser Blockhütte

Ben ist selbst Country-Musiker, wie seine Kunden, und produzierte bereits ein Album mit seiner Tochter, die Geige spielt und darauf singt. Ben singt ebenfalls und spielt Gitarre. Die Lyrics beschäftigen sich mit dem Leben als Cowboy, der Arbeit auf den Ölfeldern, Landwirtschaft und Liebe. »In Alberta ist Country-Musik so populär, weil es hier viele Farmer, Rancher, Cowboys und Ölarbeiter gibt. Country-Musik ist die Musik des kleinen Arbeiters, den Cowboys, also den wirklichen Cowboys, die damit ihr Geld verdienen. Wir sprechen die Sprache der Arbeiter. Wir brauchen keine ewig langen Sätze, sondern einfach nur ein paar simple Worte, die das sagen, was gemeint ist! Das ist für uns wichtig«

Er verrät mir, dass er eine ganz besondere Beziehung zu seiner Tochter hat. Die beiden haben sogar einen Song geschrieben, der von ihnen handelt: »Meine Tochter kam mit der Idee zu mir, und ich habe mich darüber sehr gefreut. Dann fingen wir an zu schreiben, und am Ende stellten wir uns die Frage, wie wir den Song nennen sollen. Meine Tochter sagte dann: ›All About Us!‹ Und die Leute lieben den Song, wenn wir ihn live spielen. Teile des Songs kommen dann vom Band. Unter anderem ein Solo, dann nehmen wir uns an der Hand und tanzen gemeinsam auf der Bühne dazu. Das finden die Leute total rührend.«

Ben erzählt mir außerdem die Geschichte eines 80-Jährigen, der nach 50 Jahren Ehe einen Song für seine Frau geschrieben hat. »Die Gitarre klang furchtbar. Aber es war eben sein Song, sein Charme, sein Sound. Das wollte ich einfach drin haben. Ich habe seine Spur dann nochmal mit meiner Gitarre eingespielt, die beiden Spuren links und rechts gepannt, und das war’s. Man hört, dass er oft aus dem Timing kommt, das habe ich aber auch nicht editiert. Denn darum geht es nicht; es geht darum, die Emotion einzufangen.«

Das SM-57-Huhn dient als Talkback
Ein kleiner Aufnahmeraum
Ben arbeitet mit dem Nashville Number System

Hier geht es wirklich um die Musik, das Leben auf dem Land, die Gemeinschaft und den Zusammenhalt in einer Region, deren Existenz von der Landwirtschaft und der Ölindustrie abhängig ist. Ben und Shermon erzählen auch, dass die Kirchen in Alberta total voll sind. Es wird Rock’n’Roll gespielt, viel gesungen, Kinder tanzen. Und der Mittelpunkt ist die Musik, Country-Musik!

»Ich war ca. 35 Jahren als Produzent in der Musikindustrie und Tonstudios unterwegs. Im Jahr 2000 konnte ich es mir dann nicht mehr leisten, ein Studio zu mieten, um dort Musik aufzunehmen. Zu dem Zeitpunkt hatten wir eine starke Dürreperiode, die BSE-Krise, und die Wirtschaft in den USA schwächelte. Ich wollte dann ein Album über das Gute an schlechten Zeiten produzieren. Aber ich hatte natürlich kein Geld dafür. Also dachte ich, ich besorge mir Garageband für meinen Mac und fand heraus, dass die Software viel umfangreicher ist, als ich dachte. Also habe ich ca. 2.000 CAD (1.300 Euro) in gute Mikrofone und Studiomonitore investiert, ein bisschen Software besorgt, die Ärmel hochgekrempelt und los ging’s. Und die Leute kamen. Damals hatte ich ein Mobile-Home von 1979, im Winter war es da sehr kalt, die Lüftung war so laut, dass ich nicht aufnehmen konnte, ich konnte auch keinen Bass aufnehmen, weil dadurch die Fenster angefangen haben zu wackeln.

Also mussten wir ein Studio bauen. Ich mag den Western-Look. Wir leben hier auf dem Land in sechster Generation, und wir haben hier im Studio das Holz aus den alten Häusern verbaut. Die Tür zur Vocal-Booth stammt zum Beispiel aus der Scheune meines Ur-Urgroßvaters. Das verleiht dem Studio eine gewisse Atmosphäre, die die Leute lieben. Hier ist meilenweit keine Stadt in der Nähe, und die Leute kommen gerne aus der Stadt hier her. Wir haben einen wunderschönen Blick auf die Rocky Mountains, die 150 Meilen entfernt sind, wir haben ein ›Studio with a view!‹ Kreativität braucht einen schönen Ort! Es gab sogar schon Leute, die das Studio einfach nur zum Songwriting nutzen wollten. Das äußere Schale des Hauses wurde tatsächlich in British Columbia gebaut, per Schwertransporter hierher gebracht und neu aufgebaut!

Ich produziere hier sehr viele Singer/Songwriter. Und wenn ich dazu eine Band arrangiere, und es um ein Instrument geht, das ich nicht selbst spiele, habe ich viele Studiomusiker von hier bis Nashville an der Hand, die die Sachen für mich schreiben und aufnehmen. Ich habe da ein paar Fiddle- und Steel-Gitarren-Spieler, die ich anfrage, je nachdem, in welche Richtung es geht.

Den kompletten Studioreport Kanada findest du in der Sound&Recording-Ausgabe 02/2020. Hier versandkostenfrei bestellen.

(Bild: Dirk Heilmann)

Beim Arrangieren starte ich meistens mit den Drums, die ich in Superior Drummer programmiere, danach gehen wir im Overdub-Verfahren weiter. Ich schicke dann die einzelnen Spuren per Dropbox an die Musiker, schicke ihnen ein Dokument mit dem Nashville Number System mit, damit sie direkt die Noten kennen, und sie legen mir einfach ihre Wav-Datei in die Dropbox. Ich mag es, mit Musikern aus Nashville zu arbeiten; die sind direkt startklar und kennen ihr Instrument, weil sie es einfach die ganze Zeit spielen.«

Beim gemeinsamen Abendessen erzählt mir Ben, dass seine Vorfahren aus Deutschland stammen. Es gibt wohl eine weitreichende Verbindung zu den Rothschilds. Die Vorfahren seiner Frau Shermon stammen aus Deutschland und England. Ihre Schwester lebt im Schwarzwald, die beiden waren aber noch nie dort. Vor dem Essen wird gebetet. Die beiden sind sehr religiös, gehen regelmäßig zur Kirche, die in Kanada sogar viele junge Menschen zieht. Natürlich spielt auch dort die Musik eine große Rolle. Ben: »Die Musik ist hier Motivator!«

Nach dem Essen sagt Ben: »Schatz, ich geh schon mal raus und starte dein Auto, damit es darin warm ist, wenn du noch zur Kirche fährst.« Idylle und Harmonie!

Ben und ich saßen noch bis spät in die Nacht im Studio, haben über Musik, Religion und Politik gesprochen und dabei Musik gehört. Der Abschied am nächsten Morgen ist mir wirklich sehr schwergefallen. Ich wurde von den beiden sehr herzlich empfangen und habe mich sehr wohl gefühlt. Ich schaufel mein Auto frei, steig ins Auto ein und fahre nach Edmonton. Temperaturanzeige: minus 40 Grad!

www.bencrane.com

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