Produkt: Sonderheft Sound & Recording Studioszene 2020
Sonderheft Sound & Recording Studioszene 2020
Studioszene: Das Community-Event +++ Mixpraxis – Haim: Women in Music Pt. III +++ Interview: ehemaliger Schoeps-Entwicklungsleiter Jörg Wuttke & Mixing-Legende Mick Guzauski
Nie den einfachen Weg wählen

Interview mit dem ehemaligen Schoeps-Entwicklungsleiter Jörg Wuttke

(Bild: Jörg Wuttke)

Jörg Wuttke war für die Schoeps Colette- und CCM-Modulserien verantwortlich und entwarf unter anderem einen klanglich möglichst färbungsarmen Windschutz. Der 78-Jährige vermittelt gelebte »Audio-Historie« mitreißend und unterhaltsam – eine gute Gelegenheit für ein Gespräch.

Beim Besuch seines Zuhauses in Pfinztal, einer beschaulichen Gemeinde nahe Karlsruhe, ordnet Jörg Wuttke gerade jede Menge Zeitschriften seiner »Audio-Historie«, entschuldigt sich für die Unordnung – die absolut überschaubar scheint. »Vieles, was ich in der Firma nicht weiterbearbeiten konnte, weil die Zeit fehlte, durfte ich zum Glück mitnehmen. Jetzt habe ich nicht mal mehr meine Garage frei!«, meint er schmunzelnd. Dabei finde er allerdings viele interessante Dinge, die er nun aufarbeite. Der Ingenieur, bekannt für seine lebendigen Vorträge, tauscht sich noch rege mit Tonmeistern aus aller Welt aus. In seiner aktiven Zeit bei Schoeps zwischen 1970 und 2007 war er beispielsweise für deren modulare Serien Colette und CCM verantwortlich sowie für jede Menge »Sonder-Entwicklungen« – da hätten wir ein paar Fragen…

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Colette-Mikrofon mit Windschutz und Knickgelenk
Der »neue« Windschutz, hier als Prototyp des heutigen Serienprodukts B 5D; innen verhindert eine Plastikform direkten Kontakt mit der Kapsel. »Das D steht für Decca«, erklärt Jörg Wuttke. »Die Premiere der Drei Tenöre war der Stapellauf.«
Teile eines Vorläufers der Colette-Serie: »Mein Vorgänger Dr. Küsters hatte das angefangen – das gab es nur für den französischen Markt.«
Bild einer Opernaufführung; gut erkennbar: Am Bühnenrand stehen die rückwärtig geneigten Schoeps-Rohre, um den passenden Abstand und Winkel der Kapseln zu den Sängern zu gewährleisten. »An die neue Anwendung, also durch die Neigung größeren Abstand realisieren zu können, mussten sich manche Tonmeister erst gewöhnen, bevor die Arbeitsweise zum ›Allgemeingut‹ wurde.«
Ehrenpreis: die Goldmedaille des Deutschen Tonmeister Verbands e.V. Die Laudatio hielt seinerzeit Stephan Peus, früherer Chef-Ingenieur bei Neumann und heute ein Freund von Wuttke.
Die Silbermedaille der AES (Audio Engineering Society) wurde Wuttke ebenfalls verliehen.

Lassen Sie uns mit dem ursprünglichen »Meilenstein « beginnen: Sie haben das Colette-System ins Leben gerufen, das Kapsel und Verstärker eines Mikrofons trennt, sodass vom Mikrofon am Stativ nur die kleine Kapsel sichtbar wird. Das war praktisch ihr »Start-Projekt« bei Schoeps. Wie sind Sie bei der Firma gelandet?

Die Colette-Serie habe ich geerbt – mein Vorgänger hieß Dr. Küsters, der hatte das Projekt in die Wege geleitet. Er baute von Anfang an kleine Mikrofone. Als ich 1970 in die Firma kam, war das ein Notfall, da Dr. Küsters ziemlich krank war. Schoeps brauchte jemanden mit Kenntnissen in Akustik und Mechanik, was unter Elektronik-Ingenieuren eine seltene Kombination ist. Die hassen Mechanik! Mir machte es Spaß. Ich wurde von meinem Professor empfohlen, wollte eigentlich promovieren. Bei Schoeps würde ich vielleicht zwei Jahre aushelfen, die suchten allerdings eine Dauerlösung. Als sie niemanden fanden, riefen sie ein halbes Jahr später wieder an. Sie bedankten sich für meine Ehrlichkeit, nicht ewig bleiben zu wollen, und meinten, ich solle kommen, vielleicht gefällt es mir ja dauerhaft. Nach einem Jahr verstarb Dr. Küsters leider bereits, und ich blieb, da sonst niemand da war, der den Bereich hätte übernehmen können.

Die Herausforderung fand ich spannend. Schoeps war gerade im Begriff, den Wechsel von der Röhren- zur Transistortechnik zu vollziehen. Das erfolgreiche Röhrenmikrofon M221B wurde noch hergestellt. Der Hauptabnehmer waren der französische Rundfunk, Telefunken, Siemens und Phillips – als OEM-Modelle! Schoeps hatte damals keinen eigenen Vertrieb. Nur wenige Schoeps-Mikrofone waren in deutschen Studios – der deutsche Rundfunk hatte nur Neumann! Der saarländische Rundfunk war eine Ausnahme, mit einzelnen Schoeps-Mikrofonen, aber das war auch der französische Nachbar! Dr. Schoeps und Dr. Küsters hatten einen gemeinsamen Freund mit guten Beziehungen zum französischen Rundfunk, der für den erfolgreichen Start des Unternehmens 1948 wesentlich war. Dessen Nichte hieß übrigens »Colette«.

Das komplette Interview findest du in der Studioszene-Ausgabe von Sound&Recording. Hier versandkostenfrei bestellen oder als PDF kostengünstig herunterladen. 

www.ingwu.de
www.schoeps.de

Produkt: Sound & Recording 09-10/2019 Digital
Sound & Recording 09-10/2019 Digital
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