Mixpraxis

Hip-Hop-Produzent Leslie Brathwaite über seinen ungewöhnlichen Mixing-Ansatz

Das Mixen hat mehrere Revolutionen durchlaufen, seit Bob Clearmountain in den 80ern das Modell des Star-Mixers einführte. Die möglicherweise nachhaltigste Veränderung war die allgemeine Umstellung auf In-the-box-Mixing und mit ihr eine nennenswerte Vereinfachung und Beschleunigung des Mixing-Prozesses. Aber auch in-the-box gibt es noch Raum für weitere Entwicklungen. Ob in-the-box oder nicht, üblicherweise besteht das erste Stadium eines Mixes daraus, die Rough-Version durchzuhören, sich in der Session zu orientieren, sie den eigenen Gewohnheiten entsprechend zurechtzulegen, sie dem eigenen Template und Workflow anzupassen und dann mit dem Mix zu beginnen, wobei die meisten angelegten Plug-ins durch eigene ersetzt werden. Warum keiner dieser Schritte so unverzichtbar ist, wie er scheint, erklärt uns Leslie Brathwaite.

Anzeige
Anzeige

Brathwaite erläutert seinen Arbeitsablauf: »Bei jeder Session, die ich zum Mixen geschickt bekomme, will ich als Erstes wissen: Hat der Kunde den Rough-Mix intensiv gehört? Falls ja, nehme ich ihn besonders genau unter die Lupe, um zu verstehen, was er daran so liebt, und lege ihn auf eine eigene Spur in der Session, um das, was ich mache, jederzeit damit vergleichen zu können. Denn wer über einen längeren Zeitraum einen Rough-Mix hört, wird im Endergebnis nicht etwas radikal anderes wollen. Das ist besonders in meiner Welt − der Welt von Hip-Hop, R’n’B und Pop − ziemlich wichtig, wenn ich z. B. mit Künstlern wie Cardi B oder Beyoncé arbeite.

Wenn ich für eine dieser beiden oder auch für Ariana Grande arbeite, mache ich an dem Punkt weiter, wo sie aufgehört haben, denn sie mögen es nicht, wenn etwas deutlich anders klingt als vorher. Selbst wenn im Projekt schon Plug-ins sind, an deren Stelle ich normalerweise andere benutzen würde, behalte ich oft die bei, die schon angelegt sind. In diesem Genre geht es beim Mixen mehr darum, dass das Ganze funktioniert und der Vibe stimmt, weniger darum, alles perfekt klingen zu lassen. Ich verwende normalerweise auch nicht viel Zeit darauf, eine Session, die ich bekommen habe, meinen Bedürfnissen entsprechend umzubauen. Weder passe ich sie meinem Template an, noch ziehe ich den Mix von Null an neu auf. Ich arbeite eher im Rahmen dessen, was schon da ist, und verändere nur gelegentlich etwas ein bisschen, um es meinen Gewohnheiten anzupassen. So kann ich wesentlich schneller arbeiten.

Wenn ich zum Beispiel eine Session von Cardi B öffne, in der vier Leadvocal-Spuren per Bus auf eine Aux-Spur zusammengefasst worden sind, und diese Aux-Spur wiederum auf einen anderen Bus gelegt wurde, verfolge ich einfach den Ablauf dessen, was sie schon gebaut haben, und mache mich mit dessen Struktur vertraut. Falls ich entscheide, einen anderen De-Esser als den aus der Session zu verwenden, achte ich darauf, dass er ähnlich klingt. Wenn ein DVerb zugeschaltet ist, ersetze ich es unter Umständen mit meinem liebsten Vocal-Hall, dem Altiverb − das hat einen ähnlichen Sound, klingt aber für meine Ohren etwas reichhaltiger und voller. Natürlich hilft es mir bei der Übernahme einer schon angelegten Session-Struktur, dass ich schon vertraut bin mit der Art, wie bestimmte Engineers ihre Sessions organisieren, beispielsweise Evan LaRay für Cardi B oder Mike Larson für Pharrell Williams.

Bei der Arbeit mit Pharrell ist es allerdings anders, weil er selten Rough-Mixe erstellt und Stücke nach der Aufnahme meistens nicht mehr besonders ausgiebig durchhört. Wenn ich eine Session von ihm bekomme, hat er sie oft gerade in der vorigen Nacht fertiggestellt! Bei ihm kommt es kaum vor, dass er ein inniges Verhältnis zu einem RoughMix entwickelt, also muss ich mich dem auch nicht verpflichtet fühlen − auch wenn es mal einen Rough-Mix gibt − und habe also mehr Freiheit beim Mix. Pharrell und Mike schicken mir meistens auch Sessions mit nur wenigen Plugins, weil sie sie erst in der vorigen Nacht gebaut haben − umso mehr kreativer Raum für mich!

Die Plug-ins, die man momentan meistens in den Sessions vorfindet, sind von Waves, UAD, SoundToys, iZotope, Focusrite, SPL und so weiter. Alle haben sie. Wenn ich aber mal eine Session bekomme mit einem Plug-in, das ich noch nicht habe, kaufe ich mir das gern selbst mal eben, denn dadurch lerne ich immer wieder Neues. Auf die Art habe ich zum Beispiel das Tornado-Plug-in von Sugar Bytes entdeckt. Meine Arbeit ist ein gutes Trainingsprogramm, um immer auf dem Laufenden zu bleiben, indem ich mitbekomme, welche Plug-ins neuere, jüngere Engineers auswählen.«

Die komplette Story findest du in der Sound&Recording-Ausgabe 6/2019. Hier versandkostenfrei bestellen. 

Kurzbiographie Leslie Brathwaite

Brathwaites aktueller minimalistischer Ansatz und der entsprechende Aufbau sind das Ergebnis von mehreren Jahrzehnten Adaption neuer Technologien und Reduktion auf das Wesentliche. Ursprünglich von den Virgin Islands stammend, nahm Brathwaite am Recording Arts Programm bei Full Sail in Florida teil, das er 1992 abschloss. Anschließend zog er nach Atlanta, wo er mit Künstlern wie Jermaine Dupri, Babyface, L.A. Reid und Dallas Austin in dessen DARP-Studio arbeitete, wo noch analoge Tonbänder und große Pulte regierten. 2001 zog Brathwaite in die Patchwork-Studios in Atlanta, 2012 in die Music Box des Kollegen Akon. Im Laufe der Jahre hat er für Aretha Franklin, Björk und Eminem gearbeitet; zu seinen jüngeren Credits gehören N.E.R.D.s No One Ever Really Dies, fast das gesamte Album Invasion of Privacy von Cardi B, mehrere Songs auf The Carters’ Everything Is Love und sieben Stücke auf Ariana Grandes ausstehendem Album, davon einige zusammen mit Phil Tan.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Das könnte Sie auch interessieren: