Produkt: Sound & Recording 11/2019 Digital
Sound & Recording 11/2019 Digital
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Release ohne Label

Produziert und vermarktet in Eigenregie – Henry and the Waiter

(Bild: Mia Hock)

In Eigenregie? Nicht ganz, denn mit Produzent Thomas Eifert hatte Henry and the Waiter einen hilfreichen Produzenten an der Seite, der ihm auch außerhalb des Studios wichtige Tipps mitgeben konnte.

Henry – mit bürgerlichem Namen Henrik Steigerwald – ist seit jüngster Zeit wieder indie Indie-Musiker. Indie-Indie?? Ja, richtig. Er ist unabhängiger, also Label-loser, Musiker aus dem Indie-Genre.

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Über die Begrifflichkeit von Indie (als Genre) mag man sich aufregen oder es einfach unkommentiert akzeptieren. Fakt ist, dass es seit locker 20 Jahren eine Stilrichtung beschreibt und wenig bis nichts über den Label-Zustand aussagt – was es also mal ursprünglich beschrieben hat oder zumindest haben soll.

Bei Henry and the Waiter kommt nun tatsächlich der vielleicht seltene Fall zustande, dass er wieder Label-los ist und seine aktuellen Songs fast in Eigenregie aufnimmt, produziert und vertreibt. Nicht aus der Not, sondern aus eigenem Willen, um unabhängiger agieren zu können und weniger Rücksprache halten zu müssen. Ein reines Freiheitsgefühl also?

Mit dem Produzenten Thomas Eifert hat er einen starken Partner gefunden, nicht nur als Produzenten, sondern auch als Ideengeber für das Marketing.

(Bild: Mia Hock)

Henry, du und ein Ex-Label haben euren Vertrag Ende 2019 im gegenseitigen Einverständnis aufgehoben. Wie kam es dazu?

Henry: Das sind alles nette Dudes, und wir sind auch weiterhin in Kontakt, aber ich wollte eben ein »richtiger « Indie-Musiker sein. (lacht)

Wie haben du und Thomas euch gefunden?

Thomas: Das kam eigentlich über mein Management. Letztes Jahr wurde ich angefragt, ob ich nicht Lust hätte, einen Song mit Henry zu machen – also noch zu Zeiten, als Henry mit dem Label zusammengearbeitet hat. Wir hatten schon nach dem ersten Tag gemerkt, dass das super funktioniert.

Wie funktioniert das denn finanziell? Henry, du musst ja jetzt jede Stunde von Thomas bezahlen. Da kommt sicher einiges zusammen, oder?

Henry: Genau, da bleibt mir nichts anderes mehr übrig. (lacht) Wir haben da aber schon eine Vereinbarung getroffen, bei der ich mich jetzt nicht total verschulde. Außerdem habe ich eine Förderung von der Initiative für Musik, das ist ein nettes Polster. Aber natürlich hast du recht, am Ende muss ich das selbst alles stemmen.

Bekommt Thomas außerdem einen gewissen prozentualen Anteil vom Ergebnis, was die Songs später einspielen?

Thomas: Genau, das ist das Konzept. Henry bezahlt mir einen Teil des üblichen Produktionsbudgets für einen Song, und dafür habe ich wiederum einen Anteil an Lizenzen und Einnahmen.

Thomas Eifert (link) und Henry (rechts) (Bild: Mia Hock)

Machst du das häufiger so?

Ja. Wenn das ein Künstler ist, bei dem ich Potenzial sehe und die Zusammenarbeit gut funktioniert, dann steckt jeder was rein: ich also Zeit, die ich erstmal nicht vergütet bekomme, und der Künstler natürlich Geld, aber eben nicht den kompletten Produzentensatz. Ich finde, das ist ein sehr faires System, und das mache ich mit Indie-Künstlern häufiger so.

Mit Plattenfirmen ist das nochmal anders. Da ist es meist eine klassische Auftragsproduktion mit einem klassischen Satz und noch einer Lizenzbeteiligung für den Produzenten. Die Ausgangsposition ist also eine andere, da hat das Label die Ausgaben, aber am Ende auch die Einnahmen.

Henry: Mir gefällt auch die Arbeitsweise mit dem Produzenten besser, da arbeite ich mehr im Team, und das gibt mir ein gutes Gefühl.

Wie sah denn für dich, Henry, das Songwriting aus ohne Label. Hat sich da was bei dir geändert?

Da die Songs vom Grundkonzept schon komplett fertig waren, nicht. Was ich aber beim Arbeiten mit Thomas sehr schätze, ist, dass dieser alternative warme vintage Indie-Sound gut rüberkommt. Natürlich hat er auch die Drums nochmal hier und da neu gemacht, und dann habe ich die Gitarren nochmal neu eingespielt, im Studio bei Thomas.

Thomas: Es gab natürlich Teile, da merkte man, dass der Refrain z. B. noch nicht richtig funktionierte, sei es, dass es an den Akkorden liegt oder der Melodie. Aber das war nicht die Hauptarbeit. Es ging hauptsächlich um die Suche nach Sounds, verschiedene Gitarren probieren, hier nochmal was wegmuten etc. pp., eben viel ausprobieren. Das war das Prägende bei dieser Produktion.

Wie sieht es aus mit Schlagzeug bzw. Beats?

Henry: Da hatte Thomas verschiedene Bumm-Tschaks rausgesucht bzw. hatten wir uns für verschiedene Kicks und Claps entschieden und daraus etwas gebastelt – recht schmerzfrei. (beide lachen)

Dann habt ihr das also nicht klassisch aufgenommen?

Nein. Das, was bei einem mikrofonierten Schlagzeug rauskommt, klingt für meine Musik nicht geiler. Eigentlich klingt’s im Endeffekt beschissen – meistens. Man muss einfach soviel Aufwand betreiben, um einen guten Sound hinzubekommen, und es gibt inzwischen so gute Samples, dass sich das nicht lohnt.

Es gibt natürlich den einen Grund, warum dann viele doch wieder auf eigene Aufnahmen zurückgreifen. Damit der Sound ein Unikat ist und keiner aus der Dose, den man womöglich schon von anderen Produktionen her kennt.

Thomas: Da hast du auf der einen Seite recht, aber auf der anderen Seite macht es auch immer wieder die neue Kombination, was auch für mich spannend ist. Man kann ruhig eine Clap nehmen, die man so schon kennt und mischt sie mit einer Hi-Hat, was es dann so vorher noch nicht gab. Oder man stackt Claps aus der Sample-Library mit eigenen Claps und Snaps, was wir auch sehr oft gemacht haben. Und teilweise gehört es auch zur Musik dazu, dass man Sachen wiedererkennt. Wenn wir ehrlich zu uns sind, hören wir die Musik gerne, bei der wir uns zu Hause fühlen.

Henry: Natürlich gibt es auch Musik, für die Bands berechtigterweise ein Schlagzeug klassisch aufnehmen. Bei mir, mit Henry and the Waiter, war es mir immer sehr wichtig, dass das Schlagzeug programmiert ist, weil ich das einfach geil finde, dass ein Sample immer gleich klingt und dass jeder Schlag diesen krassen Attack hat. Viele nehmen das wahrscheinlich gar nicht so wahr, aber ich, der damit täglich arbeitet, schon. Und dieser treibende Charakter, der dadurch entsteht, ist einfach das, was ich liebe.

Mit dem Slate Digital VMS ML-1 Vintage wurden die Vocals aufgenommen. Für Claps und Snaps, die mit Samples aus Libraries gestackt wurden, stand ein Neumann U47 bereit. (Bild: Mia Hock)

Gibt es etwas, das unverzichtbar war für die Aufnahmen oder diese vielleicht auch dominiert hat?

Thomas: Auf jeden Fall habe ich hier eine alte klassische Konzertgitarre, die ich mal bei eBay-Kleinanzeigen für 30 Euro geschossen habe, die ist in fast jedem Song mit drin. Aufgenommen habe ich sie meist mit einem [Sennheiser] MD 441 und dem Preamp 1073 von Neve. Mit diesem Setup hat eigentlich auch immer alles angefangen.

Das heißt, die Gitarre war auch richtig spielbar, bundrein und praktikabel?

Henry: Ob die bundrein war, wage ich mal zu bezweifeln, aber irgendwie macht es das auch aus, wenn man so einen gewissen wasted Sound hinbekommen will.

Thomas mikrofonierte Henry beim Gitarrespielen mit einem MD 441 und dem Neve Preamp 1073 – die Basis eines jeden Songs von Henry and the Waiter. (Bild: Mia Hock)

Zum Thema Marketing: Ihr habt vier Lieder aufgenommen und veröffentlicht die nun zeitversetzt. Was steckt dahinter?

Streamingdienste sind derzeit so programmiert, dass man mehr Aufmerksamkeit erreicht, wenn man das Track-by-Track releast, als wenn ein komplettes Album auf einmal veröffentlicht wird. Ein Abstand von ein bis zwei Monaten funktioniert da sehr gut.

Ist das insbesondere bei weniger bekannten Künstlern der Fall? Denn große Bands nehmen ja immer noch ganze Alben auf und veröffentlichen die dann auch als Album.

Klar, Coldplay sind natürlich nicht von der Reichweite auf Spotify abhängig, im Gegenteil: die verschaffen Spotify Reichweite. Würde Coldplay ihr nächstes Album nicht auf Spotify veröffentlichen, wäre das sicher ein Problem für Spotify. Würde ich da meine Musik nicht veröffentlichen, dann ist denen das erstmal egal. Wobei sogar Coldplay erst eine Single rausgebracht hatten und danach das Album.

Thomas: Die Sache ist, dass bei Streaming-Diensten sehr viel über kuratierte Playlisten läuft. Wenn man es schafft, dass ein Track für eine solche Liste ausgesucht wird, dann ist das super für die Reichweite. Und wenn man das Track-by-Track veröffentlicht, hat man mehr Möglichkeiten, die einzelnen Songs auf solche Playlisten zu pitchen.

Was sind denn noch weitere Vermarktungsstrategien, die man noch bearbeiten muss, die sonst typischerweise das Label übernimmt?

Henry: Wenn man einen eigenen Finanzplan aufstellt, dann muss man das sehr dezidiert angehen und sich informieren, denn nur mit dem Release auf Spotify ist es nicht getan. Wenn man also nicht auf eine kuratierte Playlist kommt, was bei den meisten Künstlern so sein wird, dann muss man Feuer machen z. B. auch durch Third-Party-Playlisten, Pusher und Kuratoren, Leute die dir Werbung anbieten, dafür aber auch schon viel Geld nehmen. Leider muss man da auch die Spreu vom Weizen trennen lernen. Labels sollten das eigentlich auch machen, scheuen aber oft die hohen Kosten, denn würde man alle Register ziehen, kommt man schnell auf ein Vermögen. Leider habe ich erst dieses Jahr erfahren, dass man von den Einnahmen rund ein Drittel für die Produktion inkl. Videos aufwenden sollte und zwei Drittel für das Marketing.

Was wohl das Wichtigste ist, ist das Social-Media-Verhalten – klingt sehr unromantisch, aber ist leider so. Wenn du ein schönes Video machst, das aber niemand sieht, bringt es dir nichts. Bei YouTube z. B. gibt’s Google-Adds, für die man viel Geld zahlen kann. Das sagen inzwischen auch alle Marketing-Leute: »Reichweite kostet Geld«, und haben leider Recht damit. Es gibt wenig organische Reichweite. Dass man einen schönen Post macht, der dann viral geht, das ist eine Traumvorstellung von 2010. Inzwischen wissen die Sozial-Media-Plattformen sehr gut, wie sie die Werbetreibenden auspressen können.

Am wichtigsten ist da wohl Instagram; Facebook hingegen ist so gut wie tot. Und was ein neuer Stern am Himmel ist – auch wenn’s blöd klingt –: TikTok.

Auf jeden Fall mache ich das alles selbst und lerne da wohl nie aus, weil die Algorithmen sich auch immer wieder ändern. Was letztes Jahr noch galt, gilt nächstes Jahr vielleicht nicht mehr. Mittlerweile weiß ich also auch sehr genau, wofür ein Label da ist oder zumindest sein sollte.

(Bild: Mia Hock)

Gibt es noch Werbemaßnahmen außerhalb von Social-Media?

Da gibt es ein praktisches Tool namens SubmitHub, wofür man keinen Promoter engagieren muss. Da kauft man erst Credits und kann sich dann international Blogs, Influencer, Playlisten, Kuratoren etc. zum Vermarkten zusammensuchen. Das übernimmt auch klassischerweise das Marketing, kann man aber auch selbst machen. Wenn man nicht zufällig Vitamin B zu den richtigen Leuten hat, dann gibt es da kaum noch eine andere Möglichkeit als über SubmitHub an diese ranzukommen.

Thomas: Was noch eine Möglichkeit ist, andere Künstler direkt und persönlich anzuschreiben, dass man sich z. B. über Playlisten gegenseitig featured. Das läuft dann zwar auch über Social-Media, aber an der Automatisierung vorbei. Außerdem, nach wie vor, läuft der klassische Email-Verteiler gut. Emails kann man ja immer noch auf Konzerten oder auch online sammeln. Der Vorteil davon ist, dass das unabhängig von allen Sozial-Media-Trends funktioniert.

henryandthewaiter.com

www.thomaseifert.com

Produkt: Sound & Recording 12/2019 Digital
Sound & Recording 12/2019 Digital
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