Ego Check Teil 2 - Kommunikationsfalle Studio

Gute Kommunikation zwischen Produzent und Musiker

Jede Aufnahme ist nur so gut wie die Performance – und die hängt mitunter an der Stimmung im Studio. Warum geht die manchmal in den Keller, ohne dass man es hat kommen sehen? Wann reden Musiker und Produzenten aneinander vorbei? Zeit, die Bedürfnisse der Beteiligten zu beleuchten: Wie gehe ich mit Musikern in der ungewohnten Studio-Situation um, damit sie sich wohlfühlen? Urban Elsässer, Diplom-Psychologe und studierter Musiker, erläutert die vielfältigen Aufgaben des Produzenten-Jobs.

01 - Ego Check Teil 2 - Elsässer - Gudrun Golde-Ortner
: Elsässer spielt selbst als Profimusiker in verschiedenen Genres, etwa bei der Avantgarde-Jazz-Gruppe „Art De Fakt“ oder der Songwriter-Folk-Band DOLD.

Nichts hilft einer guten Aufnahme besser als motivierte Performer – was allerdings nicht immer der Fall ist: Die Studio-Situation ruft bei den Beteiligten mitunter Anspannung und Unsicherheit hervor. Es gehört zur Aufgabe des Produzenten, die Bedürfnisse der einzelnen Musiker zu erkennen – und passend darauf zu reagieren, damit die Session zum bestmöglichen Ergebnis kommt. Urban Elsässer, 55, Diplom-Psychologe und studierter Musiker, lehrt an der Popakademie in Mannheim das Fach Persönlichkeitsentwicklung, er betreut angehende Produzenten. Elsässer warnt dabei vor dem Fehler, beim Thema zwischenmenschliche Bedürfnisse von sich selbst auf andere zu schließen.

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S&R: Welche Bedürfnisse können grundsätzlich bei einer Produktion entstehen?

Elsässer: An der Popakademie haben wir den Aufnahmeprozess analysiert: Welche Musiker kommen, welche Bedürfnisse haben die in den ersten Stunden im Studio? Bei vielen Musikern ist das Bedürfnis nach Kontrolle da – sich auf dem Kopfhörer gut zu hören. Nimmt der Produzent das Bedürfnis wahr, nimmt sich Zeit dafür? Für die Musiker kommt teilweise auch die Umstellung hinzu, dass sie sich plötzlich anders hören und wahrnehmen als im Probenraum. Da kann man als Produzent deren Verunsicherung aufgreifen. Was sich dann ändert: Spätestens nach acht Stunden kommen oft Bindungsgefühle bei den Musikern hoch – die wollen mal ein Feedback vom Producer. Zieht der sich zurück und bleibt nur in seinem Metier, wird das oft falsch verstanden, auch wenn er das gar nicht so meint. Ein Kursteilnehmer hat erzählt, dass sein Bedürfnis als Producer bei der Session war, die Song-Strukturen auszuarbeiten, während die Sängerin auf der anderen Seite fast eingegangen ist – ohne dass er den Grund bemerkt hat. Anfangs war sie total glücklich, weil sie sich gut gehört hat und Ihr Bedürfnis nach Kontrolle und Orientierung damit bedient war. Im Prozessverlauf ändern sich allerdings die Bedürfnisse: Später hat ihr Feedback gefehlt – hat sie gut gesungen? Da hat er nicht dran gedacht. Sie hat das als mangelnde Bindungsbestätigung wahrgenommen.

Die ist rausgegangen und war vollkommen geknickt. Der Produzent dachte, es sei alles in Ordnung, aber nach ein paar Stunden Gesangsaufnahmen hat sie einfach mal was „Privateres“ gebraucht. Der hat das in dem Moment nicht gebracht, und daraufhin war die erst mal vollkommen verunsichert. Das Hilfsmittel, das man zu Rate ziehen kann – sich bewusst zu machen, welche Bedürfnisse wir alle haben. Bei einer Produktion gehen wir von den vier Grundbedürfnissen nach Grawe aus: Orientierung und Kontrolle,  Lustgewinn und Unlustvermeidung, Bindung, und Selbstwerterhöhung. Bei dem Thema Kontrolle geht es neben gutem Monitoring auch um, die Frage, ob man das Geschehen im Studio mitbestimmen kann – oder bin ich dem ausgeliefert, was die anderen mir vorschreiben?  Wie weit darf man etwas sagen, wie weit dürfen andere sich einbringen? Wie ist es mit dem Thema Nähe, mit Bindung? Wie wird die Performance im Studio empfunden – als etwas Lustvolles oder eher als Vermeidung: „Hoffentlich halte ich durch, hoffentlich hört keiner meine Fehler“? Die Themen kann man als Produzent sehr schön aufgreifen und individuell auf die Leute eingehen. Manche Musiker brauchen das nicht, die machen ihr Ding, für andere – wie die erwähnte Sängerin – ist das unheimlich wichtig. Und davon sollte man sich selbst als Producer nicht ausnehmen: Was brauche ich eigentlich? Wo kann ich, wo darf ich mich einbringen? Wie weit kann ich mich einbringen? Dem Produzenten sollte bewusst werden, dass sich die Bedürfnisse verändern – verbunden mit der Frage, ob er das bedienen kann, will, und wie er es kommuniziert.

S&R: Manche Musiker schätzen ihre Leistung im Studio plötzlich anders ein als im Proberaum – die eigene Performance wird plötzlich „durch ein Mikroskop“ wahrgenommen. Wie kann die Studiosituation den Musiker in seiner Performance und im Verhalten beeinflussen?

Elsässer: Bei meinen Studenten entwerfe ich ein ABC-Modell: Wie unterscheidet sich die  Studiosituation für Musiker mit unterschiedlichen Ausprägungen? Löst sie Stress aus oder Schamgefühle – „ich werde aufgenommen, meine Fehler werden deutlich, durch das Metronom“? Es kommt darauf an, ob derjenige die Maschine als Hilfsmittel, als Erweiterung ansieht oder als  Prothese, ohne die er das Ergebnis nicht hinbekommt. Empfindet eine Sängerin die Bearbeitung mit Tonhöhenkorrektur  wie Melodyne oder Auto-Tune als narzisstische Kränkung? Ich kenne Sängerinnen, die flippen aus, wenn man sie zurechtrückt. Zunächst bekommen die Sänger ihr Defizit mit, hören sich anschließend korrigiert. Wie ist deren Sichtweise? Als Produzent sollte man immer ein Augenmerk darauf haben, dass sich der Performer mit dem Ergebnis identifizieren kann. Dabei darf man sich generell die Frage stellen, bei welchen Produktionen eigentlich editiert und korrigiert werden sollte: Wir leben in einer hochproduzierten Zeit, das Thema Timing wirkt immer defizitär. Was richtig und falsch ist, lässt sich schwer sagen. Aber wie viele handwerkliche Produktionen gibt es heute, die inhaltlich nichts transportieren?  Ein gutes Beispiel sind viele Sixties-Performances: Da rappelt es hinten und vorne, das Timing ist nicht so stabil, aber – gemeinsam werden sie schneller und langsamer. Das statische Timing war gab es damals nicht. Ich kenne einen Schlagzeuger, der sagt, er kann anhand der Fill-ins genau unterscheiden, ob ein Schlagzeuger mit Metronom geübt hat oder nicht. Die Fill-ins werden ganz anders gelebt! Gleichzeitig hat man Leute, die nicht richtig singen können, und trotzdem etwas transportieren. Das ist letztendlich das Schöne an der Musik: Die Gleichzeitigkeit der Möglichkeiten.

S&R: Wie finde ich als Produzent die passende Mischung?

Elässer: Der Produzent bewegt sich zwischen den eigenen Bedürfnissen, denen des Künstlers und denen des Produkts in einer Art Dreieck. Wo liegt die Schnittmenge? Als Produzent muss ich schauen, wo ich mit der Band hin will: Ich will ein Potenzial aus der Band holen, wo stehen die gerade? Ich sehe eine Gruppe als einen eigenen Organismus an. Was hat die Band für einen Mythos – also, wie reden die über sich selbst? Wie reden sie im Studio miteinander? Bekomme ich das als Produzent mit? Wie sehen die Konflikte untereinander aus? Als Produzent würde ich mir zuerst das Selbstverständnis der Band ansehen. Wie denken die über sich, und welche Konflikte können dadurch beim Arbeiten entstehen? Wie kann man die motivieren, ein Ziel- und Visionsbild entwickeln? Eine Gruppe kann man wie eine kleinkindliche Entwicklung sehen, die sind erst ganz lieb und dann kommt die Trotzphase, der eine will das, der andere das. Da hat man alle Themen der Entwicklung mit drin: Sind die ganz am Anfang, in der Pubertät, oder ist die Band schon erwachsen?

02 - Ego Check Teil 2 - Elsässer - Gudrun Golde-Ortner

Konstruktive Kommunikation? „Zwischen Wahrnehmung und Interpretation unterscheiden lernen.“

S&R: Passende Kommunikation ist immer leicht gesagt, fällt aber manchen schwer. Wie kann ich als Produzent oder Mitmusiker Probleme konstruktiv ansprechen, gerade, wenn Konfliktpotenzial vorhanden ist oder ich nicht gewohnt bin, meine Bedürfnisse zu äußern?

Elässer: Zunächst ist wichtig, dass man die Idee dazu hat: Nach einer Weile findet man den eigenen Stil, mit dem man das rüberbringen kann. Bei der Äußerung von Bedürfnissen gilt für mich besonders die gewaltfreie Kommunikation nach Rosenberg. Der erste Schritt liegt in der Beobachtung einer Situation – ohne zu werten und zu interpretieren. Das fällt vielen schwer! Die Aussage „auf Dich kann man sich nicht verlassen“ ist eine Wertung, keine Beobachtung. Die Beobachtung wäre: „Wir hatten ausgemacht, dass Deine Aufnahmen am Freitag da sein sollten. Jetzt ist Sonntag.“ Das ist die äußere Realität. Die innere Realität beschreibt das damit verbundene Gefühl, zum Beispiel Wut oder Enttäuschung. In der nächst höheren Ebene geht’s um die eigentlichen Bedürfnisse – die sind bei vielen Leuten ähnlich, nur werden sie unterschiedlich ausgelebt. Eine konstruktive Herangehensweise wäre hier, eine sehr konkrete Bitte zu äußern: „Mach bitte einen Vorschlag, bis wann die Spuren in dieser Woche fertig sein können.“ Man lernt, zwischen Wahrnehmung und Interpretation zu unterscheiden. In der Folge lernt man auch, mal hinzuschauen, welche Gefühle man überhaupt hat. Nach Rosenberg entstehen Gefühle dadurch, dass Bedürfnisse entweder erfüllt oder nicht erfüllt werden. Daran sieht man: „Aha, ich muss mich nicht immer identifizieren mit den Gefühlen, sondern kann auch die Ebene dahinter verstehen.“ Derjenige, der die Spuren nicht rechtzeitig geliefert hat, braucht selbst auch Zuverlässigkeit, nur eben in anderen Lebensbereichen. Dann versteht er vielleicht, dass ein gemeinsames Bedürfnis auf dem Tisch liegt. Bei der konkreten Bitte ist wichtig, dass sie umsetzbar formuliert wird und nicht wieder zu einem Vorwurf wird. „Mach das bis Freitag fertig!“ ist ein Vorwurf, keine Bitte. Man muss bei solchen Ratschlägen immer aufpassen: Das heißt ja nicht, dass man nicht auch Emotionen äußern kann – sonst müssten wir ja immer als Wohlfühl-Roboter rumlaufen. Nur kann man nach einem Konflikt auf einer anderen Ebene diskutieren und hat am Ende mehr aus der Situation gewonnen.

S&R: Bei manchen Musikern entsteht beim Produzenten oder Mitmusikern das Gefühl, sie bräuchten nur die richtige Motivation – da wäre viel Potenzial da, aber etwas steht ihnen im Weg. Wie kann ich erkennen, ob die Mühen sinnvoll sind?

Elsässer: Da arbeite ich mit „Störungsbildern“. Wir sprechen etwa über Narzissmus, wobei es mir nicht darum geht, zu definieren, was gut oder schlecht, richtig oder falsch ist. Wenn man Musik macht, braucht man solche Elemente teilweise auch. Die Frage ist für mich immer: Liegt es in der eigenen Entscheidung, kann man das steuern? Hendrix war zum Beispiel privat ein sehr zurückhaltender, schüchterner Typ, und auf der Bühne das Gegenteil. Der hatte das im Bühnen-Kontext „eingeschaltet“. #Das sind dann seelische Energien.

Um es einfach zu sagen: Einen Depressiven kann man nicht heilen, nicht im privaten Kontakt. Das muss derjenige selbst wollen. Die Überzeugung eines Depressiven: Die Welt ist nicht genug. Wenn man ihm eine Stunde Aufmerksamkeit gibt, will er das nächste Mal zwei Stunden. Man unterstützt das depressive Muster, füttert das an. Da hilft nur Grenzziehung. Man muss erkennen, was der eigene Gewinn ist, warum man gerade mit so jemandem arbeiten will und warum man so lange an einem festhält. Die Person ist immer ein Spiegel für einen selbst. Für die Arbeit mit Narzissten gilt das gleiche: Narzissmus erkennt man an Idealisierung und Entwertung. Ein Narzisst idealisiert seine Mitmusiker zunächst, man ist dann zum Beispiel der beste Produzent oder Keyboarder. Er hat einen Instinkt, weiß, wie er Dich antriggert. Wenn jemand ein Defizit hat, unterstützt er. Aber wehe, man arbeitet mal mit jemand anderem oder hat keine Zeit: Dann geht die Entwertung los, die genau sein Innenleben spiegelt – Minderwertigkeit und absolutes Größenselbst. Das tragische am Narzissten: Den Personen fehlt eine innere Distanzierung, ein eigener Beobachter.

>> Ego Check Teil 1 – Entscheidungsstrategien für Equipment und Produktion <<

Ziele abgleichen

S&R: Beim Thema Beobachter: Eine Band steckt naturgemäß in einer Innensicht. Der Produzent Chuck Ainlay hat mal erwähnt, dass es zwei Paar Schuhe sind, was eine Band von sich denkt, das sie macht, und was wirklich entsteht. Wie kann ich – als Band oder Produzent – feststellen, ob die Ziele stimmig sind?

Elsässer: Da ist das Selbstbild der Band, deren Fremdbild, Selbst- und Fremdbild des Produzenten – das trifft alles aufeinander, ohne dass man vielleicht die Unterschiede bemerkt An der Popakademie wollen wir beim Bandcoaching die unbewussten Prozesse mehr herausholen. „Mach mal zehn Sekunden ein akustisches Bild, was Du bist, oder über Deine Band. Oder bring ein Bild, ein Foto mit.“ Da geht es darum, das zu projizieren, wir wollen die unbewussten Prozesse klarer machen. Dann kann man vielleicht auch verstehen, dass die Gruppengestalt gar nicht für einen passt, und man bekommt das vorher gar nicht mit, weil man es nicht mitbekommen will! Das habe ich selbst erlebt in einer Band, die ursprünglich eigenes Material durch covern finanzieren wollte. Ich habe den Übergang gar nicht mitbekommen, dass die Band eigentlich nur noch covern wollte. Aber unbewusst hatte ich es längst kapiert: Mir war unwohl, ich hatte Magenprobleme, Dinge nicht angesprochen, Konflikte nicht ausgetragen. Von heute auf morgen hat es dann geknallt. Durch so ein Bild hätte man das abgleichen können, wenn klar geworden wäre, was die einzelnen erwarten. Die ursprüngliche Idee war total weg. Aber auch generell, wenn man nur eigenes Material macht: Was möchte man damit? Welches Bild hängt damit zusammen?

S&R: Das erinnert mich an ein Homerecording-Duo: Einer war arbeitslos und hat seine gesamte künstlerische Selbstverwirklichung in das Projekt projiziert. Für den anderen, der einen normalen Bürojob hatte, war das Projekt eine Abwechslung, ein nettes Hobby. Da sind die Bedürfnisse irgendwann aufeinandergeprallt. Die haben nie ausdiskutiert, warum der eine sehr streng mit sich und seinem Umfeld ist und warum sich der andere überfordert fühlt, wenn er enge Termine gesetzt bekommt.

Elsässer: Das ist ein gutes Beispiel, an dem man sieht, dass man sich ab und zu klar machen sollte, was die Ziele der einzelnen Leute sind. Dann kann man auch deren Verhaltensweisen verstehen. Um das Beispiel aufzugreifen: Bei dem einen, der arbeitslos ist, ist das Ziel möglicherweise, Selbstwert daraus zu beziehen, eine narzisstische Erhöhung zu bekommen, für den anderen ist es eher ein Hobby. Das sind verschiedene obere Ziele. Aber da kann man immer noch rechtzeitig Bedürfnisse austauschen – der eine sagt, „ich brauche einen Raum, an dem ich mich selbst verwirklichen kann, das ist mir sehr, sehr wichtig.“ Und der andere sagt: „Ich habe Familie und Beruf, ich mach das ein bisschen, als Hobby,“ dann ist klar, dass die Bedürfnisse vollkommen anders sind, aber man kann sich klarer machen, in welchem Ausmaß das geht, oder ob man es überhaupt will. Das ist alles leichter gesagt als getan! Aber für viele fehlt das Selbstverständnis, diese Oberziele zu kommunizieren. Die können sich auch verändern – es kann sein, dass zwei Leute anfangen, alles läuft super, plötzlich bekommt einer ein Kind. Dann sind die Oberziele anders, was zum Beispiel touren oder nachts arbeiten angeht. Wenn das nicht kommuniziert wird, entstehen die typischen Enttäuschungen – was ja immer auch Täuschungen sind.

S&R: Abseits der Konflikte in der Kommunikation – welche Probleme können für Produzenten außerdem entstehen?

Elsässer: Konflikte, die man mit sich selbst austrägt, weil man sich der eigenen Ziele nicht bewusst ist. Ich habe einen Heim-Producer erlebt, der starken Leistungsdruck hatte. Wenn der nichts zu tun hatte, hat er sich wie ein Junkie verhalten, kam gar nicht klar. Sein Vater ist konservativer Banker, leistungsorientiert. Von außen rebelliert der Sohn pubertär, macht was ganz anderes. Aber wenn man genau hinschaut, hat er die gleichen Leistungsideale wie die Eltern: Genau mit derselben Haltung hätte er auch Banker werden können. Das zeigt sehr konservative Strukturen. Daraus ergeben sich Fragen: Wie sieht die eigene Struktur aus? Kann man  Unsicherheiten, Druck im Studio aushalten? Man kann Punk-Schlagzeuger sein, aber wie man das umsetzt und damit umgeht, das kann genauso konservativ sein, wie das der Vater immer von einem wollte. Das Selbstbild passt in dem Fall nicht. Da kommt dann bei vielen die Frage: „Was will ich? Und woher kommt das?“ Wenn man sich das konsequent fragt, wird das teilweise unangenehm. Viele Schemata sind früh festgelegt. Aber das muss kein Beinbruch sein: Wer die eigene Struktur akzeptieren lernt, bekommt bereits dadurch mehr Flexibilität. Es geht darum, dass man merkt: Was hab ich eigentlich an elterlichen Idealen drin?

S&R: Wie kann sich das in einer Studiosituation auswirken?

Elsässer: Ein reales Beispiel: Die Bassistin einer Band bringt einen Vorschlag im Studio ein, der Produzent übersieht das. Am Abend ruft sie den Keyboarder an, zieht über den Produzenten her, entwertet ihn total. Woher kam die überzogene Reaktion? Der Hintergrund: Die Mutter verschwand regelmäßig in der Kindheit für ein paar Tage. Sie erlebte damals Unsicherheit, einen Beziehungsabbruch, wurde übersehen. Was heißt das im Studio? Sie wird übersehen. Sie reagiert wie ein Kind, schafft sich Bindung, indem sie den Keyboarder anruft, durch Entwerten findet die Umkehrung von Macht und Unterwerfung statt, sie wollte Kontrolle erlangen. Dann läuft einfach ein Programm ab. Die Produktion war gegessen.

S&R: Wie kann ich als Produzent damit umgehen, solche Dynamiken rechtzeitig erkennen?

Elsässer: Der Produzent ist ja kein Psychotherapeut. Die Schnittmenge, bei der man noch nicht als Therapeut einer Band auftritt, ist die Kommunikation. Wie erkenne ich die Kommunikation? Wie spreche ich das an? Als Beispiel: Ein Produzent kündigt den dritten Take an. Er kann dabei den Musiker ansehen, auf die Uhr sehen. Da findet eine sogenannte verdeckte Transaktion statt. Sen Gegenüber muss das dekodieren. Der Musiker interpretiert das immer anhand seines Selbstverständnisses: Wenn er geringen Selbstwert hat, bezieht er das auf sich, auf die eigenen Fehler. Der Musiker fragt normalerweise nicht nach, um was es dem Produzenten gerade wirklich geht. Um Missverständnisse zu vermeiden, muss der Produzent versuchen, die Bedürfnisse des Musikers zu erkennen, was für ein Beziehungsangebot da stattfindet. Als Produzent wird man mitunter als väterliche Instanz wahrgenommen, so wie ein Lehrer oder der Bandchef. Da stellt sich die Frage: Was wird hier an Verantwortung in mich „reingeparkt“, und wie gehe ich damit um? Der Produzent muss sich klarmachen, inwieweit er die Beziehungsangebote erfüllen kann – auch im Bezug auf seine Aufgabe, auf das Endprodukt – oder auch nicht.

Prozess- vs. Ergebnisqualität

S&R: Stichwort Endprodukt: Bei einer Produktion kann man zwischen Prozess- und Ergebnisqualität unterscheiden. Der eine hat Spaß am Aufnehmen selbst, der andere interessiert sich nur für das Ergebnis … 

Elsässer: Grundsätzlich ist wichtig, dass man sich bewusst macht, dass es Prozess- und Ergebnisqualität gibt, und sich die Frage erlaubt: Was will ich eigentlich tatsächlich? Aus welchem Hintergrund, mit welcher Motivation mache ich etwas? Für mich wird mit zunehmendem Alter die Prozessqualität immer wichtiger, und ich merke, dass ich mir überlege, mit welchen Leuten ich arbeite.

 

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Lesenswertes Interview. Habe vieles wiedererkannt.

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