Wie der Phönix aus der Asche

Studioszene D – Funkhaus Studio aus Berlin im Portrait

Das einstige Produktionszentrum des staatlichen Rundfunks der DDR zählt zu den seltsamsten, aber auch interessantesten und hochkarätigsten Aufnahmeorten weltweit. Nach der Wende zunächst Industrieruine mit ungewisser Zukunft, fanden schon bald Macher und Kreative Gefallen an dem verwaisten Juwel.

Funkhaus Regie

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Auch Yensin Jahn und Philipp Dusse zählen zu den zahlreichen Musik-, Klang- und Kunstschaffenden (so auch das Düsseldorfer Elektronik-Duo Mouse On Mars, siehe Studioreport), die dem gigantischen Gebäudekomplex im Berliner Stadtteil Köpenick neues Leben einhauchen. Seit 2012 betreiben Yensin und Philipp dort das einstige Hörspielstudio H1 − vier außergewöhnliche Aufnahmeräume mit zentraler Regie.

“Wir sehen uns als traditionelles Mietstudio für die Musikproduktion”, beschreibt Yensin das Konzept. “Wir trennen gerne zwischen kreativer Produzententätigkeit und Dienstleistung.” Philipp ergänzt: “Ich denke, wir sind gut darin, zu spüren, was eine Produktion nach vorne bringen kann. Die meisten Kunden kommen zu uns, um Aufnahmen zu machen. Es hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass die Räume dank ihrer besonderen akustischen Qualitäten förmlich nach dieser Verwendung schreien.” Dazu muss man wissen, dass Architekt Franz Ehrlich beim Bau des Gebäudes in den frühen 50er-Jahren wirklich alle Möglichkeiten des Studiobaues nutzen ließ − ohne Rücksicht auf Kosten und technischen Aufwand. Das gilt für kleine Aufnahme- und Sendestudios ebenso wie für den berühmten “Großen Sendesaal 1”.

Funkhaus Aufnahmeraum

“Die Räume sind die Leinwand, die Mikros die Pinsel”, sagt Yensin. “Wir versuchen, alte Recording-Schule in Perfektion zu betreiben.” Mithilfe von Mikrofonauswahl und Positionierung lassen sich in den unterschiedlich konstruierten Räumen sehr gezielt und präzise Farbe, Tiefe und Atmosphäre einer Aufnahme gestalten. “Wir stehen auf abgedrehte Stereo-Setups”, sagt Yensin und spricht vom Neumann/Gefell-Fetisch, den die beiden Betreiber pflegen.

Zu diversen Großmembran-Neumännern (u. a. U47 fet, U87) gesellt sich ein Vox-O-Rama Typ 47, der bei Yensin und Philipp noch höher im Kurs steht als die Vintage-Exemplare. Sämtliche Neumänner werden von Andreas Grosser perfekt in Schuss gehalten. Vervollständigt wird der Mikrofonschrank mit einigen dynamischen Exemplaren (u. a. Shure SM7, 57, Sennheiser) sowie Bändchenmikros von Coles und Royer, Die Outboard-Bestückung ist der Mikrofonauswahl angepasst. Neben modernen Klassikern von Neve, API oder Universal Audio finden sich einige Spezialisten, wie etwa zwei Kanalzüge von Empirical Labs. Abgesehen von einem RFZ V781-Preamp (Philipp: “sehr offener Sound, toll für akustische Instrumente”) und einem ADR Compex Limiter entstammen alle Outboard-Geräte mehr oder weniger aktueller Fertigung. Vintage-Hype ist im Funkhaus Studio nicht angesagt. Die EQ- und Effekt-Auswahl ist bewusst reduziert. Yensin und Philipp bevorzugen die Klanggestaltung mittels Raumakustik, Hallkammer und kreativer Mikrofonierung.

Hierzulande hat sich das Funkhaus Studio vor allem im Jazz- und Indie- Bereich einen hervorragenden Ruf er – arbeitet. Zu den Kunden zählen etwa Seeed, Till Brönner, Marc Forster, Sarah Connor oder Rammstein-Gitarrist Richard Kruspe − eine gute Mischung aus etablierten Acts und Newcomern. Philipp ergänzt: “Wir hoffen sehr, dass die bislang ungewisse Zukunft des Gebäudes nun mit seinem aktuellen Eigentümer langfristig in die richtigen Bahnen gelenkt wird. Wenn Infrastruktur und Gebäudetechnik wieder rundum stimmen, haben wir endlich die Möglichkeit, auch namhafte internationale Kundschaft für uns zu begeistern.”

Die Akustik der Aufnahmeräume ist im Funkhaus Studio bis an die Grenzen des Machbaren perfektioniert und dabei hochgradig flexibel. Zusammen mit der großzügigen Mikrofonauswahl des Studios lässt sich fast jede denkbare Aufnahmesituation herstellen. Das Funkhaus Studio nutzt vier Recording-Räume mit unterschiedlichen akustischen Eigenschaften, die U-förmig um eine zentrale Regie angeordnet sind. Zusätzlich existieren mehrere Hall-Kammern.

 Fotos: Matthias Fuchs, Musikhaus Thomann

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