Drei Männer und ein Baby

Fettes Brot über die Produktion des Albums “3 is ne Party”

 

(Bild: Stefan Woldach)

»Wir sind charmante Trickbetrüger, die Gangsta-Rapper mit der sanften Hand, verwirrte Menschen mit einem Herz aus Hack an der richtigen Stelle. Also, ich würd mich ficken.« Treffender als Dokter Renz könnte man das Selbstverständnis der Hamburger HipHopper zum Comeback kaum beschreiben …

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Jungs, inwiefern ist 3 is ne Party Kopfmusik statt Bauchmusik, also konzeptuelle Produktion statt spontaner Jam?

Björn: Ich finde, dieses Album ist eher Bauchmusik, wir haben diesmal mehr aus der Hüfte geschossen. Wir haben an mehreren Songs gleichzeitig gearbeitet und wussten nicht, was wir am jeweiligen Tag entwickeln würden. Wir haben sehr viel einfach erst mal gemacht – in dem Wissen, dass wir das problemlos ändern können, wenn wir es doof finden. Also lieber mal einen Song mit nach Hause nehmen, bouncen lassen und am nächsten Tag weiterarbeiten.

Boris: Wir haben versucht, ein Umfeld zu schaffen, in dem wir spontane Ideen schnell auffangen und umsetzen können. Wir haben die Gesangskabine außen vor gelassen und erst mal im Regieraum gearbeitet. Und wenn da ein Handy geklingelt hat, war das halt auch drauf. Wir haben auch nie festgelegt, ob das jetzt ein Demo ist oder eine Aufnahme.

Martin: Und dann war das Geld alle! (großes Gelächter)

Björn: Irgendwann haben wir festgestellt, dass das, was wir für Demos hielten, viele magische Momente hatte. Das wurde dann zum Prinzip.

Martin: Der Weg zu einer lustigen, tanzbaren, hochtourigen und aufgekratzten Platte war diesmal anders, als wir uns das vorgestellt haben. Diese Platte kommt aus dem Bauch … wenn nicht aus den Eiern.

Ihr wart 18 Monate in »Trennung auf Probe«. Lange habt ihr es ja nicht ohne einander ausgehalten.

Martin: Das hätte kein Drehbuchautor schöner schreiben können, oder?

Boris: Wir hatten Lust, wieder zusammen Musik zu machen. Der Wert der Trennung stellte sich jetzt erst richtig heraus, weil alle mit sehr viel Freude und Enthusiasmus bei der Sache waren und es wertschätzen, was wir machen können.

Um mal den Song Wackelige Angelegenheit zu bemühen: Eure Produktion klingt technisch sehr solide, erwachsen und routiniert.

Boris: Wir machen das ja schon eine Weile, unsere Fähigkeiten sind gewachsen. Es gibt dir Sicherheit, wenn du weißt, wie du es machst, und du einen guten Song hast, auf den du dich verlassen kannst. Da ist die Angst, etwas kaputt zu machen, nicht so groß.

Martin: Oft ist es bei Rap-Bands so, dass man Beats diggt und sich von verschiedenen Quellen die Rosinen rauspickt. Wir haben diesmal die gesamte Musik selbst gemacht, in Erweiterung von ein paar Gastproduzenten und -Musiker wie unseren Live-Bassisten Arne »Banane« Diedrichson (Dynamit & Farben; Anm.d.Red.) und unseren Live-Keyboarder Taco Van Hettinga. Auch DJ Pauli war an mancher Produktion beteiligt. Aber wir sind sonst komplett für Musik und Produktion verantwortlich, die den Kern der Band auf dem Niveau von 2013 zeigt.

Björn: Routiniert finde ich nicht so passend, denn als wir anfingen, war keinem von uns klar, wie diese Platte werden würde: Laut oder leise? Schnell oder langsam? Rap oder Gesang? Live-Beats oder Drumcomputer? Alles stand uns offen. Wir haben uns nicht den Kopf zerbrochen, sondern Musik gemacht, ohne alles vorher zu zerdenken.

Da wir gerade bei Namen sind: Welche Rolle spielt euer Mixer Mads Norgaard?

Björn: Nun, das kam durch die Lücke, die Sebi von Deichkind hinterlassen hat (Sebastian Hackert, 1977 – 2009). Sebi hat früher unsere Platten gemischt und ihnen den letzten Schliff verpasst. Da er ja leider nicht mehr unter uns ist, stellte sich die Frage, was wir jetzt machen. Über unsere Dänemark-Connection haben wir dann mit Janus Nevel (Spleen United) jemand an Bord geholt, der sich unsere Tracks noch mal von außen angehört hat. Und mit Mads Norgaard fanden wir einen Mix-Ingenieur, der unsere Platte und unsere Konzerte mischt.

Boris: Der Allererste, der bei uns reinluschert, ist unser religiöser Berater André Luth (Ex-Yo Mama’s Recording Company, heute Fettes Brot Schallplatten), auf dessen Meinung wir viel geben. André sagt uns ganz offen: »Den Track habt ihr zur Seite gelegt? Seid ihr verrückt?« Oder: »Der Text ist totlangweilig! Probiert da mal was Neues!« André ist ein wertvoller Stichwortgeber.

Björn: Es ist wichtig, sich in einem kritischen Umfeld zu bewegen. Alle Rückmeldungen sind wertvoll, auch die anstrengenden. Das kann der Sache nur förderlich sein.

(Bild: Stefan Woldach)

Wie habt ihr euch Technik, Engineering und Produktion draufgeschafft?

Martin: Seit wir aus den Container Studios raus sind, also seit 1998 etwa, haben wir die technische Seite stets selbst übernommen. Anfangs hat die technische Produktion Super Mario (aka Mario von Hacht) übernommen. Er hat damals die Beats mit dem Atari Notator SL programmiert. Also haben wir uns irgendwann auch einen gekauft. Oder einen Roland-Sampler, weil der für Super Mario gerade State Of The Art war. Das Zeug haben wir dann zu Hause ausprobiert, auch wenn das anfangs recht rumpelig klang. Aber wir haben ihm halt über die Schulter Sachen abgeguckt. Zum Beispiel, dass man die HiHat nach der Snare ein bisschen lauter zieht, um diesen geilen Jeep-Beat-Effekt zu kriegen, der Mitte der 90er-Jahre der typische Golden-Age-HipHop-Sound war, wie man heute sagt. Dann folgte der MPC-Sampler von Akai, diese Produktionskomplettkiste, schließlich Logic und die ersten Mac-Rechner. Im Grunde sind wir immer Marios Vorbild hinterhergerannt, bis wir irgendwann aufschließen konnten. Das ist eine Ehre, die ihm gebührt.

Björn: In unserer Pause habe ich versucht, mich mit Ableton Live anzufreunden, was mir nur teilweise gelungen ist.

Martin: Er ist fremdgegangen!

Björn: Zu Hause ist’s doch am schönsten! (alle lachen)

Wie sieht euer technisches Selbstverständnis aus?

Björn: Ich kenne viele Musiker, die mehr Technikverständnis besitzen als wir drei zusammen. Bei einigen liegt das Logic-Handbuch auf dem Klo. Und immer, wenn ich mal da bin, schau ich halt rein. (lacht) Wir benutzen Software und Technik als Werkzeug. So wie ich erwarte, dass mich ein Auto von A nach B fährt: Da muss ich auch nicht wissen, wie die Benzinpumpe funktioniert. Es soll nur fahren.

Boris: Vom echten Wood-Bass bis zum seltenen Moog haben wir alles ausprobiert. Und wenn ein Plug-in besser klang, haben wir uns dafür entschieden. Es war für unser Tempo und unseren Vibe wichtig, die Platte rauszuhauen.

Martin: Es zeigt den Charakter von 3 is ne Party: Man braucht für so eine Party nicht viel, nur eine minimale Ausrüstung, da die Idee, der Song zählt. Wir wollten den Spaß, den wir bei den Aufnahmen hatten, erlebbar machen und festhalten.

Apropos Party: Die Beats in Für immer immer oder Dynamit & Farben klingen bemerkenswert fett.

Björn: Unsere Musik ist natürlich samplebasierte Musik. Oftmals hilft einem die Originalaufnahme, Tonalität und Tempo festzulegen. Wir schauen: Was genau passiert da? Was für ein Tempo ist das? Das ist das Fundament, auf dem alles aufbaut. Das Haus, das dann später darauf steht, sieht am Ende vielleicht ganz anders aus. Manchmal wird das Original-Sample so stark bearbeitet, verfiltert und umgeschnitten, dass es keine Rolle mehr spielt und sogar komplett rausfliegt. Für uns ist der Beat immer ein guter Ausgangspunkt, um uns inspirieren zu lassen.


Einblick ins Heiligtum. Malerisch in einem verwinkelten Hinterhof gelegen und seit 2004 Herzstück, Kommandozentrale, Produktions- und Feierraum der Band: das »Iglesias«-Studio

 


Martin: Ich denke gerade an Mehr Gefühl − eine echte Disco-Peitsche. Auch da war der Ausgangspunkt ein gesampelter Beat, ein Audio-File in Logic. Ich verrate nicht, von wem! Damit war das Tempo vorgegeben. Dann habe ich ein paar Akkorde mit einem MIDI-Keyboard dazu gespielt. Wobei ich sagen muss, dass ich mit einem Laptop produziere und gerne die Tastatur als Keyboard benutze. Okay, Akkorde greifen ist da schwierig! (lacht) Aber um mal eben einen Beat einzudaddeln ist das sehr praktisch. Dann schaue ich, welche Basstöne passen, und hacke die auch gleich in die Tastatur. Das Tollste: Als ich die Figur transponierte, klangen auch die anderen Akkorde super.

Björn: Was für ein toller Produktionstrick! (großes Gelächter)

Ihr nennt das Album eine »rasante Raketenreise von 1983 − 2013«, beziehungsweise »in 45 Minuten back to the future«. Zugegeben: Die Klangästhetik von Tracks wie Josephine #Schreibaby oder Echo erinnert durchaus an die 80er-Jahre.

Boris: Ich habe neulich Echo durch die Wand im Nebenraum gehört und dachte, da läuft Forever Young von Alphaville! Das war mein Lieblingslied, als ich zwölf war.

Martin: All die Musik, all die Erinnerungen stecken halt in uns und fließen unbewusst in das ein, was wir machen. Es gab keinen Masterplan, dass ein Song nach 1985, 1999 oder 2013 klingen sollte. Im besten Fall klingt es am Ende modern, auch wenn Anleihen aus allen Jahrzehnten drinstecken.

Björn: Wir benutzen Sounds nicht als Stilmittel, sondern stellen eher während der Produktion fest, dass sie uns an etwas erinnern wie an Janet Jackson in Toten Manns Disco. Das überzeichnen wir dann sogar noch mit der Textzeile: »Alles tanzt zu Janet Jackson«. Wenn einem das unangenehm wäre, könnte man versuchen, solche Passagen aus einem Song rauszuholen, was ich persönlich unsinnig finde. Ich sehe das eher als große Kraft und sage: Lasst uns uns trauen, da mal hin zu fühlen.

Ihr sagt, jedes Social-Media-Posting sei heutzutage bereits ein Kunstwerk. Da lässt sich bestimmt auch über deutlich wichtigere Themen wie Entscheidungsprozesse während der Produktion trefflich streiten, oder?

Martin: Wir haben uns bei dieser Platte nicht so viel gestritten …

Boris: … was nicht oft vorkommt! (alle lachen)

Martin: Wir haben ein Freundschafts-Level, auf dem man den anderen auch mal kritisieren kann, ohne dass es gleich in einem handfesten Streit eskaliert. Es dient immer der Sache. Der Song ist der Star! Natürlich gibt es Eitelkeiten, die will man nicht verletzen. Wobei jeder nach anfänglichem Widerstand merkt, dass im Kern der Kritik etwas Wahrheit steckt und derjenige sich nur nicht getraut hat, so genau hinzugucken. Manchmal ist man eben ein bisschen gemütlichkeitsfixiert und denkt: Ach, fühlt es sich doch gerade so schön an!

Martin: Was wir vor allem gemerkt haben, ist: Themen mit Konfliktpotenzial sollte man nicht per E-Mail debattieren. Davon können wir nur abraten. Dafür ist das Medium nicht geeignet!

Boris: Besser per SMS! (großes Gelächter)

Worüber würden wir staunen, wenn wir euch bei der Arbeit im Studio sehen würden?

Martin: Bis vor Kurzem über die unglaublich schlechte Kaffeemaschine, die wir hatten!

Björn: Über die Uhrzeit, zu welcher wir anfangen!

Boris: Denn unsere Arbeitszeit haben wir inzwischen dem Rest der Menschheit angeglichen, zwecks Vermeidung von sozialer Vereinsamung.

Martin: Beginn war morgens 8:45 Uhr, dann große Pause um 11 Uhr … (alle lachen)

Boris: Und um 18 Uhr war Schluss. Das klingt spießig, ich weiß. Aber mir kommt das total zugegen – im Gegenteil zu Dokter Renz, der ein völliger Nachtmensch ist.

Björn: Also ich bin hauptsächlich Mensch. Und jetzt fühlt ihr euch wie »Drei Männer und ein Baby«. Ist dieses Album ein artiges, pflegeleichtes Baby?

Boris: Hey, es fühlt sich wirklich so an, wenn wir ein neues Album haben: Drei aufgekratzte Typen, die gar nicht wissen, wohin mit ihrer Energie und Nervosität.

Björn: Der Unterschied ist: Wenn wir das Baby loslassen, wird es rasant erwachsen.

Boris: Das macht sofort ein Auslandssemester!

Martin: Und es ist nicht artig, sondern einzigartig!

Boris: Nee, artig ist das gar nicht. Eher ein ADS-Kind.

Björn: Bei dem wir als Eltern das Ritalin schlucken! (alle lachen)

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