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Ehrenfeld Sessions Episode #4 Ein Film über die Kölner alternative Musikszene

Auf der Suche nach kreativen Lösungsansätzen, die helfen sollen, einer stagnierenden Veröffentlichungssituation zu entgehen, kann manchmal etwas völlig Neues entstehen. So wie im Falle der Kölner Band Astairre, die nun einen Dokumentarfilm über ihre lokale Musikszene dreht. Eine Geschichte über den Zusammenhalt einer Musikszene, über Self-marketing und DIY-Produktion — mit 100% Lokalkolorit!

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(Bild: Marc Bohn)

Haben wir bislang Idee und Konzeption, die verschiedenen musikalischen Teilnehmer und beteiligten Produzenten geschildert, widmen wir uns in dieser Episode einigen PraxisErfahrungsberichten und technischen Herangehensweisen des EFS-Filmteams. Es geht vor allem um Einblicke in das ProduktionsSetting eines DIY-Filmes und um das, was man in solchen filmspezifischen Aufnahmesituationen beachten muss. Hiermit möchten wir Anregungen zum Selbermachen geben und liefern einfache Tipps und Tricks, wie man auch ohne großes Budget optimale Ergebnisse erzielen kann.

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Tolle Bildaufnahmen, die richtige Beleuchtung, ein professioneller Schnitt und ein fesselnder Spannungsbogen sind für einen Film sehr wichtig. Auch wenn man selber vielleicht noch nie zuvor Teil einer Filmproduktion war, weiß man, dass dies die Dinge sind, die dem Zuschauer als Erstes ins Auge fallen. Nicht zuletzt haben wir alle als Konsumenten von Filmen bestimmte Sehgewohnheiten und wissen, wie Spielfilme, Serien, aber auch Dokumentarfilme aussehen und wie sie sich »anfühlen« müssen. Dement – sprechend ist man als Zuschauer eine gewisse Ästhetik gewohnt.

Gerade in Zeiten von immer günstigeren Camcordern sowie Mittelklasse-Spiegelreflexkameras, mit denen man wirklich tolle Videoaufnahmen machen kann, wird es immer leichter, ohne großes Budget tolle Aufnahmen zu machen. Doch das alleine reicht nicht. Eine der ersten Lektionen, die jeder angehende Filmemacher lernen muss: Der Ton eines guten Films ist mindestens ebenso wichtig wie das Bild. Und da wird’s ein bisschen kompliziert…

Gutes Bild braucht guten Ton

Die schönsten Bilder verblassen, wenn der Sound nicht zu der Qualität der Bilder passt. Hohes Rauschen und Nebengeräusche sind schon mal weniger schön, aber unter Umständen zu verschmerzen − und mit ein bisschen Geduld (oder den richtigen Tools, siehe Kasten rechts außen) kann man durch Nachbearbeitung im Audio-Sequenzer so manche Aufnahme retten. Was aber eine Szene schnell unprofessionell wirken lässt, ist ein Audiosignal, das stark verhallt klingt. Wer schon mal mit dem iPhone in reflexionsstarken Räumen gefilmt hat, wird dieses Klangverhalten mehr oder weniger selber festgestellt haben: Die Bildqualität ist prima, der Ton: naja … Wie kommt es also dazu?

In der Regel liegt’s an den in den Geräten eingebauten Möglichkeiten zur Tonaufnahme, welche nicht die gewünschte Qualität liefern. Meistens sind Miniatur-Kapseln mit Kugel-Charakteristik verbaut, und dagegen ist erst einmal nichts einzuwenden, denn die eingebauten Stereo-Mikrofone sollen möglichst alles in näherer Umgebung aufnehmen. Für unseren Filmton aber liegt genau hier das Problem, denn Mikros mit Kugelcharakteristik nehmen ungewichtet tatsächlich eben »alles« auf und haben keinen Fokus, welcher der »Blickrichtung« der Kamera entspricht. Ein Grundsatz also, der beim Filmen fast immer gilt: Man braucht extra Equipment, um den Ton vernünftig aufzuzeichnen.

Wie kommt der Ton in den Film?

Wer jetzt denkt, dass man für das passende Equipment vermutlich ein kleines Vermögen ausgeben kann, liegt nicht ganz falsch. Professionelle tragbare Aufnahmegeräte (sogenannte Fieldrecorder) der Spitzenklasse und die dazugehörigen Mikrofone, erst recht für Szenen mit vielen Akteuren oder Interviewpartnern, können leicht das Budget einer kleinen Produktion aufzehren. Doch auch hier gibt es Möglichkeiten, mit einfachen Mitteln und ein paar guten Ideen das Maximum herauszuholen und tolle Ergebnisse zu er – zielen. Man muss nur wissen, worauf es ankommt. Daher schauen wir uns ein paar typische Szenarien am Beispiel des Musikdokumentarfilms »Ehrenfeld Sessions« an.

Szenario #1

Wenn man mit eingeschränkten Mitteln versucht, das Hörerlebnis eines Films so zu gestalten, dass es so klingt wie gewohnt, sollte man sich immer auch klarmachen, dass die meisten Filme, die wir im Kino oder Fern – sehen konsumieren, in der Post-Produktion nachsynchronisiert werden. Das betrifft dann konsequenterweise auch Hintergrundgeräusche. Und damit sei auf eine ganz banale, aber sehr relevante Tatsache hingewiesen: Im Film gibt es eigentlich fast nie vollständige Stille. Selbst wenn nicht gesprochen wird, es keine Hintergrundmusik gibt oder es sich um die leiseste Szene des Films handelt, ist dennoch in irgendeiner Form eine Soundkulisse vorhanden. Es gibt fast immer Umgebungsgeräusche, wie das Rauschen entfernter Autos, den Wind in den Bäumen oder die Stimmen von Gästen in einem Café. Das erst lässt die Szenen lebendig und natürlich wirken. Für unseren Dokumentarfilm müssen wir deshalb bei jeder Szene den Klang der Umgebungsgeräusche gesondert mitschneiden.

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Im Spectrum Editor von Steinbergs Wavelab lassen sich lästige Nebengeräusche am besten in den Griff bekommen, in dem man die auffälligsten Frequenz anteile im Spektrogramm „ausradiert“. (Bild: Marc Bohn, Dieter Stork, Archiv)

Um nachher im Zusammenschnitt der einzelnen Bilder nicht mit jedem neuen Kamerawinkel und jedem Wechsel des Bildes einen merklichen Schnitt im Sound zu hören, brauchen wir dafür eine durchgehende Aufnahme der Atmo, die wir nachher unter die Bildsequenz legen und separat mischen können.

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Tonangeln am Set ist im Vergleich zu Ansteckmikros die weitaus einfachere Methode, die Sprache auch bei mehreren Akteuren in guter Qualität aufzunehmen. Verwendet man stattdessen mehrere Lavaliers gleichzeitig, hat man später im Mix u. U. mit Phasenproblemen zu kämpfen. (Bild: Ehrenfeld Sessions)

Während es bei den Sprachaufnahmen reicht, eine Mono-Spur aufzunehmen, sollten die Atmo-Sounds in Stereo vorliegen, damit sie den räumlichen Eindruck der Szenerie unterstützen. Eine der einfachsten Möglichkeiten, dies zu tun, ist ein mobiles Aufnahmegerät, das man irgendwo in näherer Umgebung aufstellt. Die meisten dieser Geräte haben zwei in X/Y-Positionierung angebrachte Mikrofone und machen auf Knopfdruck hochqualitative Stereo-Aufnahmen. Im Zweifelsfall reicht ein Smartphone − in diesem Falle bitte den Flugmodus aktivieren. Das übrigens gilt für sämtliche Handys, die sich in der Nähe der Aufnahmegeräte befinden könnten.

Ausprobieren ist angesagt. Oft bringt die Kombination aus einfachen Techniken und Tools das optimale Ergebnis. Dabei muss man immer herausfinden, mit welcher Strategie das vorhandene Equipment optimal zusammen eingesetzt werden kann.

Szenario #2

Eine weitere Situation, in der ein handlicher Rekorder von großem Nutzen sein kann, ist eine der wichtigsten Bestandteile eines jeden Dokumentarfilms: O-Töne und Interviews. Eine ruhige Umgebung für die Interviewsituation vorausgesetzt, kann man mit solchen Geräten sehr zufriedenstellende Ergebnisse erzielen. Dabei ist es ratsam, besonders auf den Abstand des Aufnahmegeräts zum Interviewpartner zu achten, um einen möglichst direkten Klang zu bekommen und möglichst wenig vom Nachhall des Raumes mit aufzunehmen.

Für Interviews mit zwei oder sogar mehreren Personen gestaltet sich die Situation schon etwas anders: Um den gewünschten direkten Sound mit möglichst wenig Nebengeräuschen zu bekommen und die Stimme(n) so verständlich wie möglich aufzunehmen, ist die einfachste Möglichkeit das sogenannte »Angeln«. Dafür benutzt man eine lange Teleskopstange, an deren Ende ein Richtrohrmikrofon angebracht ist.

Man richtet dann das Mikrofon (im Idealfall außerhalb des Bildausschnitts 😉 immer auf die Person, die gerade spricht − so erreicht man selbst in etwas lauteren Umgebungen immer eine gute Trennung zwischen Gesprochenem und den Umgebungsgeräuschen, die wir ja gesondert aufgenommen haben.

Das richtige Tonformat zum Film

Häufig stellt sich vor Drehbeginn die Frage nach der Samplerate der Tonaufnahme: Bei Tonaufnahmen, die auf CD gepresst werden sollen, empfiehlt sich bekanntermaßen 44,1 kHz oder ein mehrfaches davon. Beim Medium Video muss dies nicht unbedingt gelten, da die meisten Videokameras den Ton intern standardmäßig mit 48 kHz aufnehmen. Will man bei der Synchronisation von Bild und Ton Probleme vermeiden, wählt man bei allen externen Soundrecordern ebenfalls 48 kHz. Schnittprogramme unterstützen zwar mittlerweile auch problemlos die Kombination verschiedener Samplerates, aber man sollte es vielleicht besser nicht drauf ankommen lassen. Grundregel also bei Filmton: 48 kHz

Und braucht man eine Sync-Spur? Nicht zwingend. Es geht auch mit der Feld-, Wald- und Wiesen-Methode: Filmklappe oder einfaches in-die-Händeklatschen vor der Kamera. Anschließend legt man im Schnitt ganz einfach das Klatschen der externen Tonspur an das Klatschen im Bild an − fertig.

Und wenn’s laut wird?

Besonders bei Livekonzerten haben wir es im Kontext des Musik-Dokumentarfilms »Ehrenfeld Sessions« sehr häufig mit extrem lauten Umgebungen zu tun. Da ist erst mal sorgfältiges Einpegeln angesagt, damit die Aufnahme nicht übersteuert. Besonders hier ist es zu empfehlen, die Atmo mit einem separaten Gerät mit aufzuzeichnen, vor allem dann, wenn man doch mal vergessen sollte, die Pegelautomatik auszuschalten.

Bei einem Interview in lauten Umgebungen verwendet man am besten ein Handheld-Mikro (Nierencharakteristik!), das man so nah wie möglich an die Sprachquelle führt.

Wenn es jedoch hauptsächlich um die Musik geht, empfiehlt es sich, mindestens einen Stereo-Mitschnitt direkt aus dem Live-Mischpult zu machen, den man später mit dem Atmo-Sound zusammenmischen kann. Ist eine noch bessere Qualität gefragt, braucht man einen Multitrack-Mitschnitt. Das ist zwar deutlich aufwendiger, aber mit einem Multitrack-Recorder wie dem Cymatic Audio LR-16 schnell und günstig erledigt.


 

Audioaufnahmen retten

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Beim Filmen ist man mit vielen Dingen gleichzeitig beschäftigt, daher kann es schnell passieren, dass einem bestimmte Störgeräusche während des Drehs gar nicht oder zu spät auffallen. Man sollte als Tonmann oder -frau daher immer geschlossene Kopfhörer nutzen, um den Ton abgeschirmt von der Außenwelt bewerten zu können. Dauergeräusche von Klimaanlagen sind später nur schwer zu beseitigen, einzelne Störgeräusche hingegen kann man in den Griff bekommen. Dafür gibt’s in Steinbergs WaveLab den Spectrum Editor, der chirurgische Eingriffe in den Ton erlaubt. Aufnahmefehler schleichen sich oft auch durch wechselnde oder nicht ganz optimale Mikrofonpositionen ein, oder man stellt im Nachhinein eben doch fest, dass der Raum stark zu hören ist. In diesem Falle können nur noch kleine Wunder helfen, und die gibt’s von Zynaptiq in Form von Plug-ins an. UnVeil hilft bei der Beseitigung und Absenkung von unerwünschten HallAnteilen, und mit UnFilter lassen sich unvorteilhafte Frequenzbetonungen in den Griff bekommen. Das Schöne ist: Alles lässt sich mit wenigen Handgriffen über ein paar Regler steuern.

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Wunderwerkzeuge: Zynaptiq UnVeil und UnFilter

 

Tonequipment für DIY-Filmer

iPhone als Kamera: Zum Filmen kommt auf jeden Fall auch das iPhone infrage, denn ab Modell 5s kann man damit tolle Video-Aufnahmen in HD machen. Die Bildqualität ist wirklich brauchbar, zumindest reicht es aus, um ein Zweitbild einzufangen, das man super beim Umschneiden einsetzen kann. Soll das iPhone das Hauptbild liefern, sollte man für den Ton auf Zubehör zurückgreifen. Eine günstige und zugleich clevere Instant-Lösung ist das iRig Field von IK Multimedia. Es wird einfach auf das iPhone oder iPad gestöpselt und erweitert die iOS-Geräte um ein nach vorn gerichtetes Stereomikrofon. Die Audioqualität ist absolut brauchbar und bei dem Preis darf man nicht meckern.

Mikrofon für Spiegelreflexkameras: Wer eine DSLR-Kamera als Videokamera nutzt, darf davon ausgehen, dass die eingebauten Mikros gerade mal ausreichen, um eine Guide-Spur mit aufzuzeichnen. Mit dem Røde Stereo Video-Mic Pro kann man die Tonqualität auf ein professionelles Niveau heben. Es ist mit ca. 190,— Euro nicht ganz billig, aber die Investition lohnt sich auf jeden Fall.

Mobiles Tonstudio: Als mobile Rekorder haben sich bei uns die aktuellen Zoom-Recorder schon oft bewähren können. Dank ihres Multitrack-Konzepts handelt es sich hier um Ministudios für unterwegs, die mit wechselbaren Mikrofonaufsätzen (kompatibel zu H5/H6, Q4) außerdem sehr flexibel einzusetzen sind. Hier ist das Stereo-Richtrohr SSH-6 (siehe Testbericht in S&R 10.15) zu empfehlen, das sich dank seiner ausgeprägten Supernierencharakteristik außerhalb des Bildbereichs positionieren lässt und gleichzeitig ein M/S-kodiertes Atmo-Signal mitnimmt. Für externe Mikrofone liefern die Rekorder sogar Phantomspeisung.


 

Links:

Hier geht’s zum dritten Teil!

Hier geht’s zum fünften Teil!

www.ehrenfeldsessions.de

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