Vogelfarben in Elekronische Musik umgemünzt

Dominik Eulberg – der Sound von Avichrom

(Bild: Natalia Luzenko)

Dominik Eulberg, passionierter und studierter Naturschützer, huldigt der Natur erneut in musikalischer Form. Für sein sechstes und neustes Album Avichrom – ein Kunstwort aus dem lateinischen Avis (die Vögel) und dem griechischem Chromos (die Farbe) – ließ er sich erneut von der Natur inspirieren.

Dieses Mal standen elf verschiedene Vögel Pate für Konzept und Ideen, wobei jeder Vogel für eine andere Farbe steht, nämlich eben jene, die er auch im Namen trägt. Wie genau die Komposition und die Produktion aussah, hat er uns persönlich verraten.

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Es ist kein Geheimnis mehr, dass du dich für deine Musik von der Natur inspirieren lässt. Trotzdem die Frage: Wie kommt man ausgerechnet auf die Idee, Vogelfarben oder Vogelgefieder zu vertonen?

Dominik Eulberg: Musikmachen ist immer ein Meer an unendlich vielen Optionen, in denen man auch gerne ertrinken kann. Besonders wenn man frei an ein Genre herangeht, so wie ich es immer will, wird man leicht überfordert. Aus dem Grund gehe ich immer sehr konzeptionell heran, zum einen, weil es mir hilft, einen roten Faden zu finden, zum anderen aber auch, da ich diese Metaebene – die Bühne – nutzen möchte, um Menschen zu sensibilisieren für sinnhafte Dinge, die der Allgemeinheit etwas bringen.

Das ist auch der Grund, warum ich derzeit Gastwissenschaftler im Museum für Naturkunde in Berlin bin, denn Kunst und Wissenschaft sollte man gleichermaßen ausbilden, denn was bringen einem die wissenschaftlichen Erkenntnisse, wenn sie nicht umgesetzt werden? Es kann sich ja nur dann etwas ändern, wenn die Dinge mehrheitsfähig sind. Und dafür ist Musik ein wunderbarer Vektor, da sie sehr lustvoll und niederschwellig ist.

Es gibt derzeit in Deutschland 259 Brutvogelarten, und ich finde es faszinierend, sich zu fragen: »Warum sind Vögel so schön bunt?« Das hat anatomische Gründe, denn die männlichen Vögel besitzen keinen Penis, sondern bei der Paarung muss es zum sogenannten Kloakenkuss kommen. Das bedeutet, das Weibchen hat eine sexuelle Autonomie und muss sich dem Männchen hingeben, damit es zur Kopulation kommen kann. Deswegen müssen die Männchen um die Weibchen werben, mit Gesängen und eben Vogelfarben – das finde ich ein ganz schönes Bild, vor allem auch auf den Menschen übertragen.

Zum anderen gibt es elf Farben in den Namen der heimischen Vögel, und von daher war dann auch klar, dass es elf Songs geben wird. Somit war diese Range auch gegeben, das hat mir sehr geholfen.

Außerdem hilft es mir unglaublich, dass ich zu den Vögeln eine sehr innige Beziehung habe, d. h., ich beobachte die schon seit meiner Kindheit, und da kann ich auf einen wertvollen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Ich stelle mir also vor, wie diese Vögel leben, was sie machen, welche Features sie haben. Dann habe ich etwas wie einen Film, der vor mir abläuft, und dann fällt es mir überhaupt nicht schwer, das zu vertonen.

Neben exklusivem Wandschmuck finden sich in Dominiks Studio auch exklusive Synths. (Bild: Natalia Luzenko)

Du hast dich also nicht nur an Farben orientiert, sondern vielmehr am gesamten Vogel?

Genau so war es.

Trotzdem auch die Frage: Es gibt ja auch in der Musik den Begriff der Klangfarbe – hast du da ein Konzept, auch die Farben zu vertonen, bzw. ziehst du Parallelen zwischen Klangfarbe und visueller Farbe?

Also ich gehe da weniger kognitiv ran, sondern lasse mich mehr von meinem Gefühl leiten, und dann kommt das eigentlich von ganz allein. Meiner Erfahrung nach habe ich da einen ganz guten Kompass drin, was sich richtig oder falsch anfühlt, und dem folge ich einfach.

Mir sind einige Sounds in der Musik aufgefallen, die gar nicht elektronisch klangen, sondern viel eher organisch, wie vielleicht von einem extravagantem Percussion-Instrument. Hattest du sowas parat für das Album, oder war doch alles elektronisch?

Also ich bin da gar nicht so dogmatisch, dass bei mir alles elektronisch sein muss – ich nutze einfach alles, was ich interessant finde. Ich nutze auch immer wieder Fieldrecordings, oder dieses Mal habe ich die Geräusche von mechanischen Knöpfen von Synths aufgenommen, weil mich der Sound davon total fasziniert hat. Die gehen dann noch durch allerlei Effektketten, auch gerne analoge, z. B. durch den Bricasti oder den Eventide, und damit bekomme ich total schnell sehr lebendige Sounds hin.

Ich nutze aber auch Libraries, z. B. von Orchestral Tools oder Omnisphere sehr gern.

Externe Hardware spielt bei Dominik eine essenzielle Rolle. Besonders gern genutzt: der Eventide (ganz oben) und der Bricasti (vierter von unten). (Bild: Natalia Luzenko)

Du hast den Anspruch an dich, dass du zeitlose Musik machen möchtest. Dafür muss man sich aber frei machen von sehr vielen Gewohnheiten. Wie ist da deine Herangehensweise?

Das möchte ich zwar machen, aber ich bin mir schon bewusst, dass die Leute in 100 Jahren denken werden: »Ach, was waren die damals limitiert.« Aber ich versuche da einfach, keinem Trend zu folgen, in dem Sinne, dass ich gucke, was gerade modern, was in ist und was man gerade so macht. Ich möchte die Musik viel lieber so machen, wie es gerade aus mir herauskommt. Das hat dann eine Essenz für mich, denn ich habe etwas zu sagen, denn Musik ist ein Kommunikationsmittel, dass sogar noch älter ist als Sprache. Mir ist es ganz wichtig, dass ich eine Botschaft rüberbringe, und da ist das Genre für mich absolut sekundär.

Vermisst du das denn manchmal, bzw. hast du das Gefühl, dass einige Künstler nur einem Trend hinterherlaufen?

Ich denke schon, dass einige Künstler sehr genau den Markt sondieren und nach erfolgsversprechenden Rezepten analysieren. Es gibt nach meinem Gefühl nur wenige Künstler, die darauf schei…, auf gut Deutsch gesagt, und einfach ihr Ding machen.

Ich finde, Kunst hat immer die Verpflichtung, etwas zu sagen zu haben, da man so der Gesellschaft etwas Neues gibt und etwas zum Schwingen bringt. Die Kopie einer Kopie … das brauchen wir nicht nochmal.

Am 4.3.2022 wird Eulbergs sechstes Album Avichrom unter dem Label !K7 als Dreifach-Vinyl veröffentlicht.

Kommen wir mal zur Produktion: Gab es Instrumente, die du neu hast oder die bei Avichrom eine gewichtete Rolle gespielt haben?

Ja, z. B. den Moog One, den es vorher ja einfach noch nicht gab, den finde ich extrem spannend. Das mag zwar nicht der bestklingenste Synthesizer sein, da gibt es welche, die finde ich noch viel klarer, aber mit Modulationsmöglichkeiten, den eingebauten Effekten, seiner Stimmvielfalt und den Sounds, die man layern kann, da kann man sehr komplexe und interessante Sounds rausholen.

Außerdem neu habe ich den Waldorf Iridium, den finde ich ebenfalls sehr spannend und toll für abgefahrene Sounds und Pads, wenn auch rein digital. Oder einen Drum-Synthesizer von Erica Synth, den LRX-02, mit dem bekommt man ganz kryptische Sounds hin, die man auch ineinander morphen kann – sehr spannend.

Meinen Jupiter-8 habe ich komplett warten, reparieren und modifizieren lassen, was wirklich abgefahren ist. Der klingt nun um Längen besser, hat Velocity und Aftertouch. Ich hätte wirklich nicht gedacht, welchen Unterschied es macht, ein altes Gerät auf den neusten Stand zu bringen. Dieses Grundbrummen und -rauschen, was so alte Dinger eigentlich immer haben, das ist nun auch einfach weg.

Ansonsten habe ich das Feld der Resonanzen für mich neu entdeckt – der unnützen stehenden Resonanzen. Da habe ich sehr viel dran gearbeitet mit dem Plug-in soothe2 von oaksound. Denn wenn man das mit einem Synthesizer mit Reverb nutzt, dann gibt es in der Regel immer wieder unschöne, dröhnende Resonanzen. Früher habe ich immer versucht, die raus zu EQen. Heute funktioniert das mit dem Plug-in und mit KI wesentlich besser. Besonders bei Flächen habe ich das eingesetzt, damit es nicht so dröhnt.

Auch beim Thema EQ habe ich dazugelernt. Früher dachte ich, EQ ist gleich EQ, aber das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht, gerade wenn man linearphasige EQs hat, die zu keinem Phasenmatsch führen, wenn man da was reindreht. Da habe ich die Weiss Plug-ins von Softube genutzt, und das ist für mich ein echter Gamechanger. Besonders wenn man Sachen auf dem Master reindreht oder den Höhen ein bisschen mehr Brillanz geben will, da ist der EQ1 grandios, auch wenn er extrem CPU-hungry ist.

Und dann noch das Thema DeEssing. Man hat auch bei anderen Drum-Sounds als den Overheads oder auch in Synths mit einem harten Attack immer obenrum etwas Harsches drin, das gar nicht gut klingt. Wenn man einmal erkennt, was man da an Gekrissel und Geschredder rauschmeißen kann, dann ist das Wahnsinn, wie klar der Mix auf einmal wird.

Der Moog One steht erst seit jüngster Zeit in Dominiks Studio und kam für Avichrom schon kräftig zum Einsatz. (Bild: Natalia Luzenko)

Du nutzt ja analoge und digitale Synthis gleichermaßen. Hast du ein Gesetz, wann du was passender findest?

Ja, das ist für mich sogar ziemlich klar: Bässe und Lead-Sounds, also niederfrequente Sounds, mache ich immer mit analogen Synthesizern, da das viel mehr Wärme und Druck hat und »organischer« und »wabbeliger « ist. Pad-, Plucks oder Bell-Sounds mache ich eigentlich immer mit digitalen Synths, weil die klarer und hochauflösender sind.

Dominik, vielen Dank für das Gespräch!

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