Many are called − Few are chosen

Die Weggefährten von Prince auf der Bühne und im Studio

(Bild: CherryMoonStudio.com)

Am 16. April 2016 verstarb Prince Roger Nelson unerwartet im Alter von 57 Jahren in einem Fahrstuhl seines Studiokomplexes Paisley Park. Außer für seine Top-Hits war der Sänger und Multiinstrumentalist vor allem dafür bekannt, so hart zu arbeiten wie kaum ein anderer Künstler. Den von James Brown beanspruchten Titel des »hardest working man in showbusiness« erweiterte Prince um »the hardest working man in showbusiness AND musicproduction«!

Mitte September traf sich eine Gruppe alter Weggefährten von Prince im Capri-Theater in Minneapolis zu einer Panel-Diskussion, um gemeinsam ihre Zeit und ihre Erfahrungen mit dem Musiker zu rekapitulieren. Den Gästen bot sich hierbei ein einzigartiger Blick hinter die Kulissen des Paisley Parks, dem Ort, an dem der Künstler, den wir als Prince kannten, den Großteil seiner Zeit abseits des Tournee-Wahnsinns verbrachte.

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Wenn Prince nicht gerade mit seiner Band auf der Bühne stand, war er vor allem damit beschäftigt, Musik im Studio zu erschaffen. Es kam gut und gerne vor, dass eine Studio-Session mit ihm um die 20 Stunden dauerte − von gelegentlichen Ausreißern nach oben von über 90 Arbeitsstunden wurde hier und da berichtet.

Um solch ein unfassbares Pensum abzuliefern, bedarf es zum einen der unglaublichen Energie des Protagonisten, zum anderen der Menschen um ihn herum, durch die sein Lebenswerk überhaupt derartige Dimensionen erreichen konnte.

A Walk In The Park

Der Name des Studiokomplexes ist eine Reminiszenz an das gleichnamige Lied von Prince und seiner Revolution-Band aus dem Jahr 1985. Der Text sollte das Treiben der nächsten Jahre vorhersagen:

There is a park that is known

For the face it attracts

Colorful people whose hair

On 1 side is swept back

The smile on their faces

It speaks of profound inner peace

Ask where they’re going

They’ll tell you nowhere

They’ve taken a lifetime lease

On Paisley Park

Die Belegschaft des Parks umfasste einen riesigen Tross aus Musikern und Technikern, die alle dieselbe Arbeitsmoral wie Prince mitbrachten. Jeder von ihnen arbeitete mit ihm zusammen daran, seine Ideen umzusetzen – wer mit Prince zusammenarbeitete, konnte sich getrost zur Musiker- oder Engineering-Elite zählen.

Der Paisley Park war ein Biotop für Talente mit immer neuen Überfliegern hinter den Reglern oder am Instrument. Prince war ständig auf der Suche nach neuen jungen Talenten, die bereit waren, ihr Privatleben zu opfern, um unter Prince auf Welt-Niveau zu wachsen.

Die Gefährten

Zu den Gästen der Panel-Runde zählten Wegbegleiter sämtlicher Phasen des Künstlers, von seinen Zeiten vor Purple Rain bis hin zur noch agierenden Studioleitung: der Musiker und Sänger Paul Petersen, der FOH-Mixer Scottie Baldwin, die beiden Studio-Engineers Susan Rogers und Hans-Martin Buff sowie der aktuelle technische Leiter des Paisley Parks, Dave Hampton. Es beginnt ein Gespräch, das die wesentlichen Momente der jahrelangen Zusammenarbeit im Paisley Park lebendig werden lässt.

Der Weg zu Prince

Zuhörerfrage: Was hat euch auf die gemeinsame Arbeit mit Prince vorbereitet, und wie ist es zur Zusammenarbeit gekommen?

Paul Petersen: »Ich selber komme aus einer sehr musikalischen Familie und hörte damals immer meine Eltern spielen. Damals dachte ich, dass sei natürlich, und jeder Mensch würde Musik machen. Meine Vorbereitung sah also so aus, dass ich zu Hause Tag und Nacht geübt hab (im Englischen nennen wir dieses intensive Üben »Wood-Shedding«).

Während der Highschool habe ich dann viel in den örtlichen Bars gespielt und mir so meine Musik-Skills erworben. Später hat Prince dann genau diese musikalischen Skills bei mir ausgebaut und verfeinert.

Zu der Zeit war ich um die 17 Jahre jung, und ich erinnere mich noch genau daran, wie ich damals zum ersten Mal zur Bandprobe ging und mir dachte: »Wow, so sieht es also bei den ganz Großen aus!« Das war zur der Zeit von Purple Rain.«

Scottie Baldwin: »Ursprünglich habe ich als Drum-Tech für Michael Bland angefangen. Michael war sieben Jahre lang der Drummer von Prince und sozusagen meine Sprungschanze für die Zusammenarbeit. Ich habe damals bei den Proben immer hinter Michael gesessen und sah wahrscheinlich aus wie ein zu schmächtig geratener Bodyguard. Prince fragte Michael irgendwann, ob ich cool sei und mit auf Tour wolle – auf so etwas kann man sich nicht vorbereiten. Er war immer auf der Suche nach jungen Talenten. Allerdings ging es ihm nicht nur um rohes Talent, sondern auch darum, dass er dieses Talent noch formen konnte.«

Hans-Martin Buff: »Mein Weg in den Paisley Park hatte erst einige Stationen, die ich anfänglich nicht mochte. Als ich dort als Assistent im Jahre 1995 anfing, gab es im Park ein sogenanntes Prince-Board, auf welchem die Arbeitszeiten des Studiopersonals geplant wurden. Die Standardbesetzung bestand damals aus zwei Hauptingenieuren und einem Assistenten, welche im Schichtbetrieb ständig im Studio waren – irgendwer musste ja neben der ganzen Studioarbeit auch irgendwann schlafen. Einer von ihnen verließ damals den Paisley Park, und ich wurde zuerst als dessen Ersatz gebucht. Jemand anderes bekam den Job allerdings im letzten Moment − ich war aus irgendeinem Grund aber auch noch mit dabei. Im folgenden Jahr hatte ich aber nicht viel zu tun, was ich damals nicht so prickeln fand. Rückblickend betrachtet war das allerdings super, weil ich mich in der Zeit mit dem Studio und der ganzen Technik vertraut machen konnte. Als mein Moment dann kam, war ich bereit, denn ich war in der Lage, das gesamte Studio ganz alleine am Laufen zu halten, damit Prince in aller Ruhe sein Ding machen konnte.«

Prince Buff
Hans-Martin Buff, Scottie Baldwin, Susan Rogers, Dave Hampton und Paul Petersen

Style-Vielfalt

Musikalisch war Prince für ein extrem breites Spektrum an Musikrichtungen und Styles bekannt, egal ob Funk, Jazz, Blues oder Rock, Prince schaffte es, all diese Elemente unter einen Hut zu bekommen. Was bedeutete diese Eigenschaft für die Musiker und Techniker um ihn herum? Wie geht man als Tontechniker diese Aufgabe an? Die beiden Studio Engineers Susan Rogers und Hans-Martin Buff haben beide lange an der Seite von Prince als persönliche Engineers gearbeitet, Susan in den Achtzigern und Hans-Martin in den Jahren der Jahrtausendwende.

Gab es verschiedene Ansätze für verschiedene Musikrichtungen?

Susan: »Nun, Prince hatte im Grunde einen Basis-Rhythmussektion-Sound. Egal ob es sich dabei um einen Pop-, Funk oder Dance-Song handelte, die Grund-Sounds waren zu meiner Zeit immer dieselben. Was sich allerdings änderte, waren meistens die Räume, also die Reverbs und Delays. Das gilt zumindest für die Rhythmussektion, die entweder auf der Linn LM-1 Drum-Machine oder seinem heiß geliebten Yamaha Drums-Set basierte. Prince griff auch immer wieder auf dieselbe Klangpalette zurück, was Synthies angeht. Anfänglich waren das seine heiß geliebten Oberheims, später nahm er immer diesen schrecklichen Yamaha DX7. Er gab uns allerdings immer eine gewisse Freiheit, was die Wahl der Effekte anging. Da konnten wir uns total einbringen. Wenn ihm irgendein Effekt nicht gefiel, schmiss er ihn halt wieder aus dem Mix.«

Arbeitsmoral

Wie anfänglich erwähnt, waren es eben die Mit-Musiker, -Arbeiter und -Streiter, die es Prince ermöglichten, Prince zu sein. Für manch einen scheinen die Arbeitszeiten schier unmöglich oder unmenschlich, aber eben diese kollektive Meisterleistung aller Beteiligten machte extrem viel aus. Hans-Martin Buff war einige Jahre alleine als Personal Engineer für Prince zuständig und kann einiges zu diesem Thema sagen.

Hans-Martin: »Was die Arbeitszeiten angeht, erinnere ich mich noch gut, dass die härteste Zeit für mich die war, als Prince seine USA-Tour spielte. Das sah dann so aus, dass er Montag bis Donnerstag Shows spielte, dann zurück zum Park kam, wo ich auf ihn wartete, um dann 48 Stunden lang am Stück aufzunehmen. Danach verließ er den Park wieder, um weitere Shows zu spielen, und ich arbeitete parallel an den Aufnahmen, bis sich das Ganze wiederholte. Das war die härteste Zeit, in der ich so gut wie kein Privatleben hatte.«

Susan: »Prince hatte eine unglaubliche Arbeitsmoral. Seiner Meinung nach sollte man in der Zeit, in der man wach und gesund ist, arbeiten – und er ging einfach davon aus, dass man selbst auch diese Einstellung mit ihm teilt. Ich glaube, ich habe einmal fast 92 Stunden am Stück gearbeitet.«

Prince Buff
Hans-Martin Buff im Paisley Park (Bild: Archiv)

Prince in Fahrt

Während der Engineer daheim im Park weiter an den Aufnahmen arbeitete, war Prince wieder on the Road mit seiner Band. Man kann sich sicherlich vorstellen, dass Prince dort von den Musikern dieselbe Hingabe erwartet, mit der auch seine Musikproduktionen vonstattengingen.

FOH-Mixer Scottie Baldwin war dank seiner Rolle als wichtigster Mann vor der Bühne hautnah dabei.

Scottie: »Auf Tour war es ähnlich, denn Prince war einfach dafür bekannt, einen extra Soundcheck für seinen Fan-Club zu machen. Wir hatten also eine Stunde normalen Soundcheck, gefolgt von einem Fan-Club-Soundcheck und der mindestens zweistündigen Hauptshow.

Es kam obendrein sehr oft vor, dass wir nach der Show in irgendeinen Club gingen, um dort weiterzujammen. Das war einfach unglaublich viel, aber gerade diese Club-Jams waren dann meiner Meinung nach doch die besten Shows.«

Paul: »Ich möchte hinzufügen, dass sich diese Arbeitsmoral auf viele seiner Mitstreiter übertragen hat, auch wenn er nicht anwesend war. Je nachdem, was auf dem Plan stand, probten wir mindestens an sechs Wochentagen, denn niemand wollte, dass die Band irgendwelche Schwächen hatte. Das bedeutete, dass wir 10 Stunden am Tag, 6 Tage die Woche über einen Zeitraum von 8 Monaten gearbeitet haben. Und in der Zeit von Purple Rain hatten wir genau eine Show zu spielen. Aber das war eben das, was Prince und seine Band so besonders gemacht hat.«

Hans-Martin: »Es gab zum Glück diese Momente, an denen sich Prince daran erinnerte, dass er ja eigentlich Christ ist und der siebte Tag folglich frei zu sein hat. Allerdings gab es das nicht all zu oft. Das immense Arbeitspensum und ein Umfeld voller musikalischer Talente inspirierte nun mal und ist letztlich auch der Grund, weshalb die Band und auch Prince selbst so unglaublich gut werden konnten.«

Prince Buff
Prince, Hans-Martin Buff und Kirk Johnson im Jahre 1999 im Paisley Park (Bild: Archiv)

Outro

Versucht man, sich einmal klarzumachen, wie viel Arbeit in den unzähligen Veröffentlichungen, den Live-Mitschnitten und dem tonnenweise unveröffentlichten Material steckt, wird klar, dass so etwas in 57 Lebensjahren nur so verwirklicht werden konnte. Es bleibt abzuwarten, ob und in welcher Form das unveröffentlichte Material jemals gehört wird. Fest steht, dass mit Prince ein unglaubliches Genie die Welt verlassen hat, das unzähligen Menschen nicht nur seine Musik, sondern auch eine Richtung gegeben hat.

 

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