Die Kolumne mit Peter Walsh

Die richtige Balance finden

Es war eine arbeitsreiche Zeit, seit ich in den schottischen Highlands war. Die Hügellandschaft ist verschwunden und wurde ersetzt durch die lauten und schmuddeligen Straßen von Londons angesagtestem Bezirk: Shoreditch! Hier findet man Strongroom, eines der trendigsten Studiokomplexe aus einer schrumpfenden Liste an Tonstudios. Strongroom besitzt vier erstklassige Studios und mehrere kleinere private Regien. Das Flaggschiff unter den Räumen, das Hauptstudio, besitzt eine Neve VR60. Studio 2 war ehemals die private Einrichtung von Nigel Godrich (Radiohead) und hat eine einzigartige, seltsame senffarbene Dalcon-Konsole, die ich noch nie gesehen oder gehört hatte. Studio 3 beherbergt ein vertrauteres SSL 4056 G (zu sehen im Bild oben), und Studio 4 bietet eine 28-Kanal Calrec Q, die früher der BBC gehörte.

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Es ist ein inspirierender Ort, und ich hatte das Glück, dort Anfang September mit einer einzigartigen und aufregenden Singer/Songwriterin und Tänzerin aus London ein paar Tage lang Gesang aufzunehmen. Je nachdem, mit wem du da bist und was du tust, kann die Arbeit in einem Tonstudio eine sehr einsame Erfahrung sein. Die Tage sind lang, und es ist nicht ungewöhnlich, bis in die frühen Morgenstunden dort zu sitzen, um eine Performance zu verfeinern oder einem Mix den letzten Schliff zu verleihen. Es fühlt sich oft wie in einer Blase an, von der Außenwelt abgeschottet, in einer anderen Zeitzone als alle anderen. Das Aufnehmen von Gesang ist da sicherlich keine Ausnahme, aber es ist die Zeit, in der ich mich am meisten mit dem Künstler verbunden fühle − One on One, fokussiert, konzentriert, systematisch. Es ist ein sehr intimer Teil des Aufnahmeprozesses, den ich sehr genieße.

Tagelang eingehüllt in einem Studio zu sein, ist mental entleerend und kann die kreativen Zellen auch wirklich trüben. Daher ist es von entscheidender Bedeutung, ab und an in die reale Welt hinauszugehen, um die Batterien wieder aufzuladen. Dessen bin ich mir sehr bewusst, und ich versuche, ein gesundes Gleichgewicht herzustellen, indem ich Dinge mische und mich auf so viele verschiedene Seiten unserer Branche wie möglich einlasse. Nach einer intensiven Woche mit langen Tagen und langen Nächten im Studio war das Ausbrechen und Anschließen bei meinen Kollegen von SOUND&RECORDING zur Studioszene in Köln ein perfektes Gegenmittel. Es war nicht nur ein Vergnügen, etablierte Branchenprofis zu treffen, sondern auch mit so vielen jungen Leuten zu sprechen: Musiker, Künstler und Engineers, die gerade erst in der Branche anfangen. Es gab viel großartiges neues Equipment zu sehen (über 100 Marken!), mehrere Workshops und einige sehr hilfreiche Diskussionsrunden mit fundierten Sound-Ratschlägen zu einer Vielzahl an Themen.

Peter zusammen mit Jasper Derksen

Das Highlight der Show war für mich die Mix-Listening-Session, bei der ich zusammen mit Sylvia Massy und Mick Guzauski war. Wir hörten uns eine Auswahl von Mixen an und haben sie in einer öffentlichen Diskussion miteinander beurteilt. (Die Listening-Session findest du im Video unter www.studioszene.de; Anm.d.Red.) Ich habe viele positive Rückmeldungen von Teilnehmern bekommen, und es scheint, dass es ein großer Erfolg war. Darüber freue ich mich sehr!

Mixing kann die entscheidende Phase der Prozesskette sein, wenn finale Entscheidungen über den Gesamtklang, Lautstärkeverhältnisse und die Platzierung der einzelnen Elemente getroffen werden, die eine Aufnahme bilden. Mixing ist außerdem zutiefst subjektiv, und das Ergebnis kann auf sie viele unterschiedliche Weisen interpretiert werden. Ich sollte es wissen…! Ich war schon viele Male auf der Seite des Empfängers, wenn Künstler und Plattenlabel meine Mixe besprachen (Zuhören ist auch sehr subjektiv). Ich hoffe aufrichtig, dass unsere Beurteilungen während der Listening-Session auf der Studioszene hilfreich waren und dass unsere teilweise negativen Kommentare als hilfreich und konstruktive Kritik aufgenommen wurden.

Ich rede selten mit anderen Engineers über ihre Arbeitsprozesse; für mich persönlich war es daher auch faszinierend, Sylvias und Micks Kommentare zu hören. Meistens waren wir einer Meinung, was den Aufbau des Mixes, das EQing und den Einsatz von Effekten und Dynamik anging. Wir haben auch jeweils einzelne Details hervorgehoben, zum Beispiel kommentiert Sylvia, wann Atemzüge in den Vocal-Kompressor fließen, und Mick gibt Tipps dazu, wie man Klarheit im Low-End eines Mixes erzeugt. Ich habe mich auf traditionelle Produktionswerte fokussiert und Tipps zum Arrangieren und Editieren gegeben. Es war eine sehr unterhaltsame Session, und wir hätten die ganze Nacht reden können. Na ja, tatsächlich haben wir das auch … später bei ein paar Gläsern Kölsch zu viel! 🙂

Zwischen den Workshops und den Seminaren bin ich durch die 2.000 Quadratmeter große Halle gezogen und habe so viele Aussteller wie möglich besucht. Ich habe mich sehr gefreut, Erik Breuer (Brewery Studios) am Stand von The Analogue Foundation (Vintage Area) kennenzulernen. Es fühlte sich so an, als würde man in ein authentisches Studio aus den 1980ern gehen. Das Herzstück war eine wunderschöne restaurierte SSL G-Series, die von Jasper Derksen (Mark1 Pro Audio) geliefert wurde, und eine Studer A827 2-Zoll-Bandmaschine. Ganz zu schweigen von Eriks beneidenswerter Sammlung von seltenem Outboard-Equipment und Vintage-Pedalen. Das Setup brachte innige Erinnerungen an die vielen klassischen Tonstudios zurück, in denen ich über die Jahre gearbeitet habe − Jahre, die leider mit katastrophaler Geschwindigkeit verschwinden.

Es war sehr beruhigend zu sehen, dass dieser Teil der Show auf großes Interesse stieß! Trotz der Verlagerung in Richtung Digital scheint Analog noch immer eine Kraft zu haben, mit der man rechnen muss … oder zumindest mit einer Kraft aus beidem. Es beweist, dass Studios aus anderen Gründen geschlossen werden als technische Präferenzen und einer Verschiebung des Models Musikgeschäft. Ich vermute, dass diese Schließungen mehr mit dem Wert von Immobilien als mit allem anderen zu tun haben.

Obwohl es großen Spaß macht, sind Messen ziemlich anstrengend! Nachdem ich mein Bedürfnis nach einer Abwechslung zur stillen Zuflucht im Studio gestillt hatte, war ich froh, mich wieder dort einschließen zu können, und ich verbrachte ein paar weitere Tage im Strongroom-Studio, um das Projekt mit der Sängerin fertigzustellen.

Abwechslung ist natürlich das Gewürz des Lebens, und ich schreibe dies jetzt auf einer Reise von London nach Paris, wo ich heute Abend eine Band − mein nächstes Aufnahme-Abenteuer − spielen sehen werde. Aufregende Zeiten! Eine neue Produktion am Horizont für ein großartiges Plattenlabel, und ein total anderer Stil. Wir wollen auf der Isle of Wight aufnehmen, was zweifellos eine Menge neuer Herausforderungen und Erfahrungen mit sich bringen wird. Ich freue mich darauf loszulegen!

www.peterwalshmusic.com

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