Bildergalerie aus der Schatzkammer der Schallwandler

Die exklusive Mikrofon-Sammlung der Abbey Road Studios

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Das Bändchenmikrofon RM1B: Eine hauseigene EMI-Entwicklung aus dem Jahr 1931 nach einem Design von Alan Blumlein. Zu seiner Zeit galt das Modell als eines der besten dynamischen Mikrofone der Welt. Bis heute befinden sich zwei Exemplare dieses seltenen Mikrofons im Besitz der Abbey Road Studios und werden regelmäßig bei Orchesteraufnahmen verwendet. (Bild: Markus Thiel)

Die Abbey Road Studios in London verfügen mit ihrem Studio 1 nicht nur über die weltweit begehrteste Location für die Aufnahme orchestraler Filmscores, sondern haben ganz nebenbei auch Zugriff auf die international größte, aktiv genutzte Sammlung an Mikrofonen der letzten 80 Jahre.

Im Fundus finden sich neben modernen Mikrofontypen natürlich auch jede Menge originale Vintage-Klassiker, darunter allein acht AKG C12, 15 Neumann M50 sowie 18 Stück des begehrten U67.

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Lord of the Mics

Herr über dieses unglaubliche Arsenal, das nach Insider Schätzungen insgesamt mehr als 500 Mikrofone umfassen soll, ist Lester Smith, der sich bereits seit weit mehr als 40 Jahren um die technische Instandhaltung und das Wohlergehen der edlen Schallwandler kümmert. Lester ist nicht nur ein begnadeter Techniker, sondern innerhalb der Studios so etwas wie eine echte Institution. Sein Wissen um die Charaktereigenschaften, den technischen Aufbau und die Besonderheiten jedes einzelnen Mikrofonexemplars könnte ganze Bücherregale füllen. Ganz zu schweigen von den vielen Anekdoten, die er zu jedem einzelnen Gerät zu erzählen hat. Wo andere Audioingenieure bereits mit dem Finden des richtigen Mikrofonmodells für die Aufnahme zufrieden wären, entscheidet sich die Wahl in den Abbey Road Studios auf Anraten Lester Smiths nicht selten auch mal für die begehrten Nuancen einer ganz bestimmten Seriennummer

Die Mikrofongeschichte

Die Abbey Road Studios begannen bereits 1931 mit dem Design des Bändchenmikrofons EMI RM1B durch den brillanten und bis heute für die Entwicklung der von ihm patentierten Stereofonie und des bekannten und nach ihm benannten Aufnahmeverfahrens Alan Blumlein. In den Studio-Archiven finden sich noch heute viele Zeugnisse und Forschungsergebnisse seiner Arbeit, unter anderem eine zweikanalige Schallplatte, auf die Blumlein auf der einen Seite der Rille eine Jazzband und auf der anderen ein Klassik- Ensemble aufnahm.

Durch entsprechende Justierung der Platten nadel lassen sich die jeweiligen Kanäle dieses »Experimentes« schließlich »solo« schalten. Durch sein ebenso intensives Engagement in der militärfinanzierten Radartechnik und die damit verbundene Geheimhaltungsverpflichtung blieb Blumlein zu Lebzeiten trotz seiner Erfolge eine angemessene Popularität verwehrt. Der Inhaber von knapp 128 Patenten und Designer kompletter Audiosignalketten verunglückte 1942 während eines Versuchs mit Streu-H2S-Radar in einem von ihm geflogenen Halifax-Bomber.

Ab den 50er-Jahren hielten dann vor al lem Mikrofone aus deutscher und österreichischer Fertigung Einzug in die Studios. Darunter die berühmten Neumann Röhrenmikrofon-Modelle M49 und M50 sowie das bereits bei frü- hen Beatles-Aufnahmen eingesetzte AKG C12.

Anfang der 60er-Jahre revolutionierte das U67 aus dem Hause Neumann die Mikrofontechnik mit am Gehäuse umschaltbarer Richtcharakteristik (Kugel, Acht & Niere) sowie schaltbarem Low-Cut und Verstärkungsdämpfung. Befeuert wurde die Schaltung von einer EF86-Kleinsignalpentode mit geringem Eigenrauschen. Das erste mit der neu entwickelten K67-Kapsel ausgestattete Mikrofon entwickelte sich zum Dauerbrenner und verdrängte aufgrund seiner Flexibilität nach und nach den bisherigen Studiostandard U47.

Als die Feldeffekttransistoren Anfang der 80er-Jahre auf breiter Front begannen, die Mikrofone um ihre Röhren erleichterten, etablierte sich auch in den Abbey Road Studios mit dem U87 (i) ein neuer moderner Klassiker auf Basis des U67-Designs, welcher bis heute nahezu unverändert gebaut wird.

Was den speziellen Reiz der Abbey Road Studios ausmacht, sind die schier unbegrenzten Möglichkeiten, in einer einzigen Session Mikrofone aus allen denkbaren Dekaden zu einem einmaligen Gesamtkonzept kombinieren zu können. In Kombination mit drei akustisch außergewöhnlichen Studios sind der individuellen Klanggestaltung bei bis zu 80 möglichen parallel arbeitenden Mikrofonen nahezu nichts im Weg.

Mikrofonierte Film-Eben

Nachdem Studio 1 jahrelang wegen des rückläufigen Bedarfs an Orchesteraufnahmen quasi leer stand, öffnete sich das EMI-Management in den 80er-Jahren schließlich auch für Produktionen anderer Label und Kunden. Besonders Filmproduktionsfirmen interessierten sich abbey-road-studio1für das Angebot, was die Abbey Road Studios international in kürzester Zeit zu einem wahren Mekka für Filmmusik werden ließ. Neben dem großzügigen Platzangebot in Studio 1, der exquisiten Mikrofonausstattung und den ausgezeichneten Aufnahmebedingungen überzeugte die Produzenten auch die knapp 9 Meter breite Projektorleinwand, welche an der gegenüberliegenden Wandseite für die Filmeinspielung heruntergelassen werden konnte. Seit dieser Zeit sichert die Filmindustrie zu einem großen Anteil die Angestelltengehälter und vor allen Dingen die Zukunft der Studios. Mittlerweile umfasst das jährliche Auftragsvolumen bis zu 30 Soundtracks hochkarätiger Produktionen. Die Referenzliste reicht von Indiana Jones − Jäger des verlorenen Schatzes über Herr der Ringe bis James Bond: Spectre oder Quentin Tarantinos The Hatefull Eight.


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