130 qm Studioszene

Der Sound&Recording-Stand auf der Musikmesse 2017

Dirk Heilmann

Unter dem Namen »Studioszene« hatten wir in diesem Jahr zum ersten Mal einen eigenen Stand mit einer Fläche von 130 m² auf der Musikmesse in Frankfurt, wo Workshops mit bekannten Engineers und Produzenten wie Hans-Martin Buff und Peter Walsh stattfanden. Diese Plattform wurde zum Networking-Knotenpunkt der Recording-Halle 9.0, wo sich Besucher, Hersteller und Produktspezialisten zum Branche-Talk trafen. Es hat Spaß gemacht!

Montags morgens vor der Messe ging es mit dem Sprinter in Richtung Frankfurt. Aufbau war angesagt. Zu dritt brachten wir das Mobiliar und die Technik für den Stand D50 in Halle 9.0 auf das Messegelände. Dort wüteten überall die Messebauer herum und stellten Traversen auf, transportierten Screens durch die Gegend und bauten Audio-Equipment vom Feinsten an den Ständen auf.

Dirk Heilmann
Am Montag sind wir angereist, am Dienstag haben wir aufgebaut. Für unseren Hauptstand stellte Sessiondesk uns einen ihrer Studiotische bereit, dazu kam edle Hardware von Warm Audio, Manley, SPL, Universal Audio, Chandler Limited, TubeTech u.v.m.

Spätestens jetzt wusste man: Die Musikmesse geht bald los! Auch die Abteilungen Klavier und Flügel waren in der Halle 9.0 untergebracht. Die großen Holztrümmer wurden täglich gestimmt. Die monotonen Tastenklänge wirkten alles andere als entspannend und strapazierten unsere Nerven während des Aufbaus. Am letzten Abend vor der Messe hatte man fast das Bedürfnis, mit einem Seitenschneider durch die Messehallen zu laufen – oder sollte ich besser »Saitenschneider« sagen!?

Alle Messetage liefen für uns sehr erfolgreich. Die Workshops waren gut besucht, und über Facebook-Live konnten sich während der gesamten Musikmesse auch diejenigen dazuschalten, die nicht in Frankfurt vor Ort waren.

Studioszene-Talk

Einer der Programmpunkte war die Studioszene-Talk-Runde. Dort hatte ich unter anderem die Gelegenheit, mit Hans-Martin Buff und Peter Walsh über das Konkurrenzverhalten unter Produzenten zu sprechen. Sieht man sich im Profigeschäft unter Produzenten auch als Konkurrenz?

Hans-Martin Buff: Ich würde sagen: Jain. Ich glaube, wenn man bis zu einem gewissen Punkt gekommen ist, wie Peter und auch ich, hat man eine Mischung aus Rockstar-Kundschaft, die einen auch deshalb in einer gewissen Regelmäßigkeit bucht, weil eine zuverlässige, fast freundschaftliche Beziehung herrscht, und man wird von vielen angesprochen aufgrund dessen, was man schon gemacht hat. Es gibt aber auch Situationen, wo jemand etwas Neues sucht. Dafür mache ich dann einen Testmix − teilweise auch mit Freunden zusammen −, und da kann man gewinnen oder verlieren. Ich benutze dafür gerne den Vergleich vom Koch: Prinzipiell muss man etwas können, und dann liegt es am Kunden, ob er ein Schnitzel haben will oder Sushi. Und ich bin eben gut mit Schnitzel und jemand anderes eher mit Sushi. Wenn der Kunde dann Sushi haben will, ärgere ich mich nicht darüber, wenn der Kunde nicht zu mir kommt. Es gibt also durchaus Konkurrenz. Ich würde gerne auch Leute kennenlernen, mit denen Peter zusammengearbeitet hat, und umgekehrt sicher auch. Aber es ist nicht mehr so, dass ich denke: Hätte ich doch nur … Die Zeiten sind vorbei.

Peter Walsh: Ja, ich glaube, das ganze Business ist ein bisschen wie eine Familie. Besonders heute kommt man von einem Projekt zum anderen, und wenn ich mich hier mit Hans-Martin unterhalte, dann versuche ich nicht, ihm ein Projekt auszureden oder ihn irgendwie daran zu hindern. Im Gegenteil, ich kann sogar jemanden durch ihn kennenlernen, der an meiner Art zu arbeiten mehr interessiert ist als an der Art von jemand anderem. Networking ist das A und O heute. Wenn ein Künstler wirklich mit dir arbeiten möchte, dann wählen sie dich aufgrund deiner Fähigkeiten.

Hans-Martin: Mit der Kundschaft gibt’s eigentlich mehr Probleme als mit der Kollegenschaft. Interessant sind immer solche Situationen, in denen mehrere Kollegen etwas präsentieren, die alle gut sind. Das ist zum einen gut fürs Ego, da man a) die gegenseitige Werkschätzung spürt und b) auch sieht, dass man oft unabhängig voneinander − und damit ist nicht gemeint, dass wir das gleiche Tutorial angeschaut haben −, sondern durch »Wie mache ich das am besten?«-Gedankengänge zu den gleichen Schlüssen gekommen sind. Dabei sieht man, wie sie es machen, und dann nehme ich ein, zwei Sachen mit, wo ich denke: »Ah, so hab ich mir das jetzt noch nie überlegt«, obwohl ich es im Endeffekt schon lange genauso mache.Und dabei hat auch keiner Angst, dass man ihm etwas abguckt. Ich kenne fast keinen Kollegen, der nicht erklären würde, wie er etwas macht. Oder es gibt keinen, der meint, er hätte einen Trick, durch den die Geilheit einmal gekommen ist, und wenn man den nun verrät, geht Schneewittchen wieder nach Hause − so ungefähr. Wir sind da alle auf einer Ebene und freuen uns, wenn wir uns sehen.

Hans-Martin, du hast eben auch schon erzählt, dass man oft auf alte Credits angesprochen wird. Nervt es dich auch manchmal, wenn du als der Prince-Engineer angesprochen wirst? Ist das ein bisschen Fluch und Segen zugleich?

Hans-Martin: Es gab eine Zeit, wo es mich genervt hat, und zwar direkt nach der Zeit mit Prince. Ich hatte ja das Glück, dass ich das ziemlich am Anfang meiner Karriere gemacht habe. Ich war gerade drei Jahre aus der Schule, als ich für Prince der Haupt-Kasper geworden und dann für lange Jahre auch geblieben bin. Über die Jahre hat sich das wieder geändert, und es stört mich nun überhaupt nicht mehr, und ein wenig stolz bin ich natürlich auch drauf. Gerade jetzt, wo er gestorben ist, nimmt es noch einmal eine andere Ebene ein − man ist Zeitzeuge, und es ist nicht ein Pflicht-Angeber-Posten, sondern auch eine Herzensangelegenheit, dass man darüber redet. Aber auch die Zusammenarbeit mit den Scorpions ist was ganz Tolles. Und Peter und ich haben uns heute in der S-Bahn erzählt: »Dann habe ich das gemacht und dann das, und das …« Das ist natürlich ein gepflegtes Karten-auf-den-Tisch-Legen, aber es bekommt auch so was Neutrales, weil man über Situationen spricht, mit wem man zusammengearbeitet hat, aber eigentlich geht es um den Inhalt, und nicht darum, wer mit dabei war.

Wie ist das bei dir, Peter?

Peter: Ja, das ist absolut richtig. Bei mir gab es natürlich auch eine Zeit, in der ich mit Simple Minds oder Peter Gabriel zusammengearbeitet habe. Meine Erfahrung war, dass mir eine Art Label aufgedrückt wurde, auf dem steht, dass ich immer mit dieser Art Musik arbeite und daher der Indie-Guitar- oder Avantgarde-Typ bin. Aber ich hatte Glück, dass die Künstler, mit denen ich zusammengearbeitet habe, mir eben nicht diesen Stempel aufgedrückt
haben. Und so hatte ich die Möglichkeit, mich auch durch andere Sachen zu bewegen, die zwar schon mit dem verbunden waren, was ich zuvor gemacht habe, aber vom Stil her eben doch genügend anders waren − wie z. B. Scott Walker, der für viele Leute zu wirr ist. Und eigentlich ist das nur ein Stil von vielen, mit dem ich arbeiten kann, und das habe ich auch immer geliebt − eben mit vielen verschiedenen Genres zu arbeiten.

Soweit ein kleiner Ausschnitt aus dem  ersten Studioszene-Talk – wir haben für euch alle  Gespräche in einer kleinen Playlist zusammengefasst – hier findet ihr den Link dazu.

 

Henning Verlage befragte im Studioszene-Talk Hans-Martin Buff und Ingo Powitzer zum Thema Amp-Mikrofonierung vs. Software-Amps.

Frage zu dem Thema »Gitarren, Mikrofone und Sounds ausprobieren«. Welche Rolle spielen bei euch Software, Software-Amps oder auch Sachen wie der aktuell viel diskutierte Kemper-Amp.

Ingo Powitzer: Also für mich gar keine. Solche Sachen spielen bei uns absolut keine Rolle. Es ist aber keine böse Frage. (beide lachen) Es ist tatsächlich so, dass ich die Sachen natürlich kenne und auch ausprobiere, damit ich einigermaßen auf einem aktuellen Stand bin. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass, was auch immer es ist − Axe-Ex, Kemper, Line 6, usw. −, alles ganz toll ist und auch funktioniert … bis einer von den Scorpions da ein Kabel reinsteckt. Die brauchen einfach einen richtigen Amp und eine richtige Box und auch eine gewisse Lautstärke, damit dass so funktioniert, wie sie das brauchen.

Ich selber, wenn ich es für mich getestet habe, dachte immer nach einer gewissen Zeit: »So schlecht ist das gar nicht, und das könnte man eigentlich machen.« Das würde uns auch das Tour-Leben erheblich vereinfachen, weil wir wirklich einen Truck voll Backline dabeihaben. Wir haben drei Rigs, die für uns um die Welt fliegen, und wir folgen dem Equipment, weil es anders für uns einfach nicht möglich ist. Das ist natürlich ein immenser finanzieller Aufwand − und logistisch natürlich auch. Neulich haben wir in Vietnam gespielt, das Zeug aber bleibt erst mal vier Wochen am Zoll. Da kannst du machen, was du willst, das ist einfach so, und das bekommst du da nicht raus. Sachen wie ein Kemper-Amp würde das etwas vereinfachen. Aber wie gesagt, soundmäßig funktioniert es für andere wahrscheinlich, für uns funktioniert es nicht. Meine Philosophie ist außerdem, dass Leute wie wir, die das schon so lange machen, einfach die Amp-Fahne hochhalten müssen.

Und ich persönlich bin der Meinung, dass die Qualität darunter etwas leidet − es ist schwer zu erklären. Produktionsmäßig ist es nicht so, dass wir es nutzen, soweit ich es weiß − das heißt, wir nehmen auch das DI-Signal mit auf, und ob der Produzent hier und da noch was drunter legt, das sagt er mir mit Sicherheit nicht (beide lachen) und sonst wahrscheinlich auch keinem. Ich weiß, dass es so was gibt, und es ist toll, wenn man Demos macht. Da ist das alles wunderbar, und es mag für den einen oder anderen auch mit Sicherheit funktionieren, aber bei uns funktioniert es im Grunde genommen nicht.

Was mit sicherlich auch eine Frage des Workflows ist, dass man sich über die Jahre einen Sound zusammengestellt hat. Und dann stellt sich die Frage, warum man das auf einmal ändern sollte.

Hans-Martin Buff: Ja, es ist genau, wie Ingo sagt. Ich selbst bin da ziemlich entspannt und nehme DI auch deswegen mit auf, da es vorkommen kann, dass ein Plug-in nicht funktioniert und ich dann eben an einen Amp gehen kann, um das Ganze noch einmal zu reampen und dann sogar den Raum noch mitnehmen kann. Aber meine Philosophie ist, ich muss irgendetwas nutzen, was auch der Künstler nutzt und womit er sein Ding machen kann. Schließlich geht es nicht darum, dass er etwas für mich macht, sondern ich will ja einfangen, was er ist. Und wenn das nun mal ein Plug-in ist, dann ist das eben so, und wenn das ein Line 6 ist, ist das auch okay. Es wäre mir nur immer ganz recht, wenn eine DI dabei ist. Inzwischen sind die Plug-ins ja sehr, sehr gut, aber ich habe speziell vor zehn Jahren Sessions bekommen mit zwölf Gitarren-Parts, alle mit dem gleichen Preset von Line 6, das allein bestimmt gar nicht so schlecht ist, aber das war einfach ein Misch-Albtraum.

Aber auch Mikael Nord Andersson, einer der Produzenten der letzten drei Studioplatten und ein ausgezeichneter Gitarrist, ist auf der ewigen Suche nach dem Plug-in, das alles ablöst. Er ist nicht so der Hardware-Kemper-Typ, aber er steht auf das S-Gear-Zeug − da hört er den Unterschied nicht. Aber wie dem auch sei: Das Zeug ist total geil, um schnell mal eine Idee einzuspielen, und da nutzen wir es bei den Scorpions auch. Der Aufbau einer Session ist, dass die beiden Produzenten ein Backing-Schlagzeug programmieren, dann gibt’s ein Gitarren- und Bass-Guide, um den Gesang als Erstes gut aufzunehmen, und da nimmt Andersson ganz brachial das Plugin Eleven und davon Presets. Und das funktioniert auch gut.

Dann kann man zusammenfassend sagen: Performance geht immer noch über alles, und der Künstler muss sich wohl fühlen?

Ingo: Exakt. Das ist das Allerwichtigste.

Vielen Dank euch beiden!

Jetzt, zwei Wochen später, sitzt uns die Messe immer noch in den Knochen. So langsam merkt man allerdings, dass sich die Anspannung, die im Vorfeld während der Planung entstand, die Müdigkeit, die durch Auf- und Abbau und die Betreuung des Standes aufkam, und das Adrenalin der Vorfreude unsere Körper verlassen und das Leben wieder zurückkommt. Allerdings hatten wir eine verdammt coole Zeit mit unseren Partnern, unseren Gästen, unserem gesamten Team und allen Besuchern der Musikmesse! Vielen Dank an euch, es hat Spaß gemacht! Wir sehen uns im nächsten Jahr wieder!

An dieser Stelle möchte ich noch einen besonderen Dank an die Jungs von Sessiondesk aussprechen, die uns neben einem Trio-Studiotisch ganz spontan mit einem weiteren Alea-Rack aus ihrer neuen Serie und einem zusätzlichen Apollo Twin MkII ausgestattet haben. Danke auch an Audiowerk für das Thunderbolt-Kabel, an die Männer von Sound Service Berlin für die zusätzlichen Zaor-Stative und Focal-Monitore sowie an Ebi Kothe und sein Team für die tatkräftige Unterstützung bei der Messestandplanung.

Zum Abschluss haben wir Euch unsere Highlights der Musikmesse 2017 in eine Video-Playliste gepackt . Wir wünschen viel Spaß beim Anschauen und Teilen – und falls Ihr unseren YouTube Kanal noch nicht abonniert habt, habt ihr hier die Chance – mit unserem Sound&Recording YouTube Channel seid ihr immer Up-To-Date !

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