Wein, Weib und Wandschmuck

Crosstalk: Zu lange

Bei der Arbeit

Wein, Weib und Wandschmuck

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Der Juni ist gekommen, und ich bin bald wieder Geburtstagskind. »Auf ein Neues!«, heißt es da, und ich darf mir wieder ein paar Wünsche überlegen.

Vor meinen Wünschen muss sich kein Budget-bewusster Wunscherfüller fürchten, denn wer mich kennt (oder nur meine Garderobe betrachtet), weiß, dass ich auf edel nicht so stehe. Auf meinen Besuch zählenden Designern und Juwelieren wäre der Hungertod sicher, mein Auto ist 16 Jahre alt, und auch beim Zelten in der Fußgängerzone wegen irgendeines iDingsbumses wird man mich nie finden. Nein, meine Eitelkeit ist meist enorm günstig befriedigt.

Meist, denn es gibt eine Ausnahme: Wenn’s mal eine meiner Tonbuffereien auf die Wunschzettel ganz vieler Leute geschafft hat, dann möchte ich gerahmte Beweise in Gold oder Platin für meine heimische Flurwand.

Es macht tierisch Laune, wenn da erwachsene Besucher verstohlen drauflinsen, und auch, wenn den Pubertätskumpels meiner Brut die Coolness verrutscht und die mit offenem Mund »Sind die echt?!« hauchen. Dann tu ich so, als hätte ich nichts gemerkt, gehe in mein Rockbüro und drehe mal kurz auf. Herrlich.

»Wieso ist das denn bitte ungünstige Eitelkeit?«, fragt nun so mancher wohlwollende Junileser verwundert, »Die Edelscheiben stehen dir doch wohl zu?« Ach, du lieber Junileser, wenn’s doch nur so wäre! Zwar gönnt mir die Erfolgskundschaft stets das kosten – lose Echtheitssiegel unter meinem Namen, aber zahlen muss ich die Dinger meist selbst.

Was die kosten? Wollt ihr gar nicht wissen. Ihr könnt ja mal die Rechnung für eure Zwangs-Klingelschild-Gravur und den Rahmen von Omas Bild auf Angebergröße hochrechnen, und dann kommt ihr in etwa drauf.

Ja, ich habe ganz eindeutig das Klein – gedruckte in der Rock’n’Roll-Stellenanzeige überlesen, denn soweit ich mich erinnere, stand da was von mit coolen Rockstars abhängen, hurtig bei Wein, Weib und Gelächter einer Platte beim Geil-Werden zuschauen, die Charts rauf surfen und einen Monat später gut bezahlt zur Goldverleihung huschen.

Pfff. Da habe ich mich ja ordentlich über den Tisch ziehen lassen. Dass ich mir den Wandschmuck leisten muss, geht ja noch, aber dass alles so unerwartet lange dauert, geht mir langsam auf den Keks.

Ich muss mich tierisch anstrengen, wenn eine Platte über drei Jahre zusammen geschraubt wird, ein büschn hier, ein büschn da, aber trotzdem so, dass alles so frisch klingt, als wäre es letztes Wochenende bei (grummel) Wein, Weib und Gelächter entstanden.

Gute Platten klingen nach ihrem Moment, den man flugs einfängt und wohl nach einer Weile nochmals betrachtet und ein bisschen schrubbt, aber dann ist’s auch gut, und ab zum nächsten Moment.

Nu weiß jeder Musikmacher, wie dieser Moment nicht klingt, aber bis der Moment eindeutig ohne Zaudern abgenickt werden kann, das kann dauern. Da zieht ein Mix schon mal eine durchmischte Woche um den Block, bevor er poliert und staubfrei abgesegnet wird. Ich habe in meinen Anfangszeiten mal einer Mischung beigewohnt, die erst je drei Tage von zwei verschiedenen Topmischern beackert und dann noch vom Könstler und mir nachbearbeitet wurde. Ob der Mix gut war, wusste ich am Schluss dieses Mischatrons nicht; ich war nur froh, dass es vorbei war. Das hat sich auch nicht geändert; bei mir ist am Ende von Mischtag 2 ein Mix entweder gut oder unbrauchbar:

Ist der Mix gut, macht jeder weitere Misch – tag nicht nur nichts besser, sondern vielleicht sogar aus Interessantem Ungefährliches, und wer bitte will denn das? »Ich könnte jetzt noch zwei Tage weitermachen, aber der Mix ist geil«, sagte mal ein geiler Produzent zu mir. Recht hatte er, und Schluss war.

Steht nach zwei Tagen allerdings noch nicht einmal der Mixkeller, dann helfen auch drei Jahre Dachumbau nix. Da heißt es, Fader runter und noch mal von vorn.

Ich finde, dass es für einen Tonhelfer eine ständige Herausforderung ist, zwischen berechtigten Sorgen der Kundschaft und hirnlosem Frustmischen zu unterscheiden. Wenn man vor lauter professioneller Abgebrühtheit nicht mehr voll abgeht, weil alles dann geil ist, sobald’s der Kundschaft gefällt, dann wird die Musik langweilig, und das wäre blöd.

Reißt der Tran ein, muss dringend ein Projekt her, das ergebnisunabhängig einfach Laune macht und in dem man sich als Tonbuff voll einbringen kann.

Das wird vielleicht kein Kassenschlager (sonst wäre der Umstieg vom Tonbuff zum Buffstar zu überlegen, und das wäre doch ein Jammer), aber hat vielleicht so viel Esprit, dass ein toller Rockhecht mit einem arbeiten will, der’s dann wieder zur Platinplatte bringt. Die ich mir dann zum Geburtstag wünsche.

So soll’s sein. Auf ein Neues!

 

ÜBER DEN AUTOR

Wer bereits mit musikalischen Größen wie Prince, Zucchero, No Doubt und Mousse T. gearbeitet hat, darf sich ungestraft »Tonbuff« nennen. Hans-Martin Buff ist ein erfahrener Recording-Engineer und Producer und arbeitete viele Jahre in den Prince’ Paisley Park Studios in Minneapolis. Oder sollte man ihn Parkwächter nennen? Denn zurück in Deutschland arbeitete er in Mousse T.s Peppermint Park Studios. Sei’s drum: Unzählige berühmte Produktionen erfreuen sich heute unverfälschter Bufftonqualität. Als Kolumnist in SOUND & RECORDING macht er reinen Tisch mit Recording-Mythen und Audio-Lügen …

www.buffwerk.com

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