Routine

Crosstalk: Willkommen im neuen Jahrzehnt!

(v.l.n.r.) Hans-Martin Buff, Hans-Martin Buff, Hans-Martin Buff, Hans-Martin Buff, Hans-Martin Buff (Bild: s Yana Heinstein, Wolfram Buff, Matthias Reinsdorf, Holger Vogt, Mark Craig)

(1.4.2020. Anm. der Redaktion: Die Kolumne wurde vor Corona-Zeiten verfasst und veröffentlicht.)

Werte Leser, ich möchte euch alle in der ersten 20er-Ausgabe unserer wundervollen Zeitschrift, dem Flaggschiff hiesigen Dienstes am Klang, der SOUND & RECORDING, willkommen heißen. Willkommen!

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Wenn’s euch geht wie mir, fühlt sich das neue Jahrzehnt erstaunlich ähnlich an wie das verflossene – nach Routine. Ein Projekt fängt an und ist idealerweise vor dem nächsten rund, egal welcher Tag, welche Jahreszeit, welches Jahrzehnt es ist. Kunst kommt von wollen, wie der schlaue Max Goldt jüngst sprach, und im Augenblick wird ausufernd gewollt.

Mir gefällt dies nicht nur beim Gedanken an den nächsten Monatsersten. Schließlich sitze ich lange Tage an der Werkbank, weil’s etwas zu tun gibt, und tue nicht nur etwas, weil ich da sitzen muss. Das ist mir ein großer Unterschied, und ich gelobe dafür auch im neuen Jahrzehnt ein tägliches Halleluja.

Überhaupt habe ich nichts gegen Routine, solange ich sie mir stets selber neu gestaltet aufbrummen darf; egal wieviel Spaß ein jetziges Projekt macht, ich freue mich zeitgleich auf die Herausforderung des nächsten Schritts, auf einen vertrauten nächsten Schritt (fast) genauso wie auf einen ganz neuen, auf die anstehende Reise in unbekannte Ecken genauso wie auf den Dienst im heimischen Tonbüro.

Und ich überlege mir, mit welcher Routine ich den nächsten Schritt am besten bewältige.

Während des jetzigen zum Beispiel ziehe ich des Morgens hoch in den Audioturm, knipse das Licht und die Bude an, stöbere ein Weilchen in der weiten Netzwelt, koche mir während des Frühstücks einen Arbeitstee, und los geht’s. Für ein paar Stunden. Dann Mittag. Dann noch ein paar Stunden. Dann vielleicht eine Erledigung zu Fuß, das bisher im aktuellen Projekt Gestemmte per Billig-Knopfhörer auf den Ohren und mit einem Zettel in der Hand, auf dem ich dann alle paar Meter Auffälliges notiere (komischerweise höre ich so auch nach Stunden der Konzentration vor guter Abhöre Ungehörtes). Dann Abarbeitung des Zettels. Abendmahl. Und dann, wenn die Zeit drängt, noch ein, zwei Stündchen mehr. Schlaf und von vorne.

Fühlt sich nach ein paar solcher Tage die Routine wie Routine an, wird (routiniert?) eine neue Routine eingeführt, vielleicht keine im Tagesablauf, jedoch im Inhalt.

Eventuell steht ein ganzes Album mit einem Dutzend Songs zur Mischung an. Dann bestünde eine mögliche Anfangsroutine aus fünf Tagen Vorbereitung. Mischen ist ja ein bisschen wie kochen, und es kocht sich viel leckerer, wenn die Zwiebeln vor dem Kochen schon geschnitten sind. Das ist beim Mischen auch nicht anders, und wenn die richtigen Busse und Werkzeuge schon vor dem kreativen Rausch bereitliegen, duftet der Mix gleich viel besser.

Danach würde vielleicht ein paar Tage lang der Grunddruck jeder Nummer aufgebaut, gefolgt von weiteren Tagen einer Grundbalance. Und zuletzt kämen die Feiertage, an denen jeder Song ohne einen einzigen technischen Sorgengedanken ordentlich geschmückt auf seine eigene Art rund gemacht würde.

So viel Konjunktiv ist angebracht, denn diese Routine ist selbstverständlich nur eine von vielen Möglichkeiten, mit denen sich der Tontag nach Lust und Laune strukturieren lässt.

Man kann etwa auch, wie in analogen Tagen erlernt, einen Song nach dem anderen von Anfang bis Ende durchziehen. Aber dann fällt vielleicht der eine oder andere bedauernswerte Song der Tagesform zum Opfer, was durch wenige Tage Abstand zwischen den einzelnen mischenden Begehungen zu vermeiden wäre.

Die Sache mit der Routine ist nämlich keine Form von Selbstbespaßung, sondern Routine sorgt dafür, dass bestimmte Aufgaben einfach (routiniert?) abgefrühstückt werden in Vorbereitung auf den speziellen Moment, an dem ein Weilchen nur Musik, Ohr und Herz gefragt sind, nicht Hirn, Auge und Frequenzanalyse.

Sehr hilfreich ist jene Nebenwirkung eines langen Tonlebens, die den Tonmenschen befähigt, Routine von Originellem unterscheiden, und entsprechend dem einen und dem anderen genügend Zeit zur richtigen Zeit einräumen zu können. Damit man möglichst bald an Musik denkt, nicht an Umstände, und damit man einen Hirnfurz mit resultierender handwerklicher Wallung (fünf Kompressoren hintereinander? Echt?) von einem echten Problem unterscheiden kann.

Für mich gilt: Je schwieriger oder von mir selbst abhängiger ein Unterfangen ist, desto mehr Pausen werden in die Routine eingebaut, am besten durch den Einschub einiger Mini-Projekte zur Auflockerung. Ist es die eigene Produktion, so wird vielleicht ein paar Tage geschnitten, dann geht’s zwei Tage auf ein Kurzprojekt woandershin mit Mixvorbereitung im Zug, nach Rückkehr ein Tag Büro, und erst dann wird die Sache mit frischem Kopf rundgemacht.

Wie? Welche Routine nützlich ist, wenn nichts los ist? Weiß ich nicht. Bis dahin sind wir hoffentlich schon im nächsten Jahrzehnt.

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