Kolumne mit dem Tonbuff

Crosstalk: Ein Jammer – Von Kunst, Mama und Danke

(Bild: s Yana Heinstein, Wolfram Buff, Matthias Reinsdorf, Holger Vogt, Mark Craig)

Es gibt eine große Kunst, deren Meister ich als blutiger Anfänger nur bewundern kann, und das ist die hohe Kunst des Jammerns.

Wahre Könner finden in jeder Situation des Lebens bejammernswerten Frieden: Ist der Sommer schön warm, beklagen sie die untragbare Hitze, ist er kühl, bedauern sie den Verlust der ewig warmen Sommer ihrer Jugend. Hat jemand eine neue Idee, wird diese mit der Frage »Wer braucht denn sowas?« entschärft, beeinträchtigt diese Idee die eigene Gewohnheit, so hilft das Ur-Mantra des professionellen Jammerers: »Das ist doch unmöglich!«

Anzeige

Gipfel der jammernden Wohligkeit ist das Bejammern des Undanks der Welt, wodurch eigene Anstrengungen, je nach Notwendigkeit, edel (»ein Dankeschön kommt ja doch nie«), gnädig (»ein Dankeschön kommt ja doch nie«) oder überflüssig (»ein Dankeschön kommt ja doch nie«) werden.

Dies klingt unwiderstehlich hilfreich, doch sei eifrigen Nachjammerern zur Vorsicht geraten, denn nur wahre Meister sollten sich auf das Abklopfen der Welt nach Dankbarkeit einlassen. Die Novizen des Jammertums könnten ja tatsächlich glauben, dass ihnen die Welt ein Danke schuldet.

Und das gibt Ärger. Da kann’s passieren, dass irgendein Tonmensch sich für unentdeckt genial, durch Vermittlung seines großen Wissens Unwissende zum Leben erweckend oder schlicht ausgebeutet hält. Woher das kommt, obwohl der Jammerer doch eigentlich mit dem Hobby von neulich jetzt Geld verdient? Ich weiß es nicht wirklich, kann mir aber ein paar Gründe vorstellen:

Vielleicht wollte einer mal dies machen, verdingte sich dann aber auf dem Weg zum Dies-Machen bei jemand, der für die Dies-Macher jenes aufstellt, und war darin so gut, dass er als beschäftigter Jenes-Aufsteller nicht mehr zum Dies-Machen kam und jetzt bei der aufstellenden (und wahrscheinlich sogar besser bezahlten) Beobachtung der Dies-Macher mit dem eigenen Stolz hadert.

Oder jemand glaubt den angebenden Feierbildern seiner Kunden im Netz und meint plötzlich, dass er für diese unwürdigen Grillen im kargen Studioloch die harte Ameisenschicht fährt und den Laden eigentlich allein zusammenhält. In diese Falle zu treten ist nicht schwer: Wenn der Mann jeden Tag allein an der gleichen Stelle hockend zwei Songs durch seine Klangmühle jagt, kommt selbst ein Starmischer mal auf die komische Idee, die Welt schulde ihm zusätzlich zum fünfstelligen Obolos noch irgendwas.

Auch könnte es ja sein, dass die Kundschaft etwas lernt, und der Lehrende könnte sich hernach einreden, dass die späteren, vom Gelernten sicherlich gestärkten Werke der Kundschaft frecher Diebstahl wären.

Das habe ich noch nie verstanden; so mancher clevere Rockstar hat neben mir gestanden und wohl durchschaut, was der Tonbuff so treibt, aber in keinem Fall haben sich unsere Wege getrennt, weil der Rockstar plötzlich meinte: »Aha! Kapiert. Und du bist raus.« Niemand im Ton-Topf mit mehr als drei Tagen Berufserfahrung hat nur den einen Trick, das eine Cola-Rezept, mit dessen Verlust alles im Eimer wäre. Schlimmstenfalls stellt sich bei der Begutachtung erfolgreicher Nachahmer heraus, dass die auf mein bisschen Schlauheit irgendetwas neues Schlaues draufgepackt haben, und das kann ich ja dann, gedrehter Spieß, wiederum selber nutzen.

Ein Problem ist das Geschäft der Nachahmer nur, wenn man den eigenen Weg für einzigartig und endgültig hält, und wer das meint, hat einen ganz anderen Satz an Problemen, die mit Plagiaterei nicht viel zu tun haben.

Was also tun, wenn man so schlechte Jammer-Laune hat, obwohl man doch mindestens fast das macht, was man immer machen wollte?

Auf Mama hören!

Die würde vielleicht zunächst Mut vorschlagen. Wer sich nicht ausnehmen lassen möchte, muss mit pozenziellen Ausnehmern vor der gemeinsamen Zeit klären, was er von denen erwartet. Auch wenn der Gig dann vielleicht gestrichen wird. Oder er muss nachher vor den Kadi ziehen, auch wenn er dort unter Umständen teuer verliert.

Dann hilft auch Aufrichtigkeit − vor sich selber, indem man ein bisschen drüber nachdenkt, was man selber gut kann und was nicht so sehr, und damit auch vor anderen, weil man denen dann keinen Blödsinn anbietet.

Und man könnte es mit Großmut versuchen. So mancher Rockkunde hatte halt eine überforderte Mama und die Dankes sitzen nicht so locker. Wenn von denen kein Gezeter kommt, heißt das, das alles ziemlich gut war.

Eure Mama war bestimmt prima, und deswegen wisst ihr wie ich, was ihr an den Leuten habt, am Bratwurststand wie in der Mastering-Session. Wer die eigene Arbeit wirklich versteht, weiß, dass alles so läuft wie’s läuft, weil die Welt euch so sieht, wie ihr gesehen werden wollt. Vielen Dank! Und gern geschehen.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Das könnte dich auch interessieren