Kolumne mit dem Tonbuff

Crosstalk – Die Krone

(Bild: s Yana Heinstein, Wolfram Buff, Matthias Reinsdorf, Holger Vogt, Mark Craig)

Hallo! Ich hoffe, euch geht’s gut, und eure Welt erholt sich mehr und mehr vom Kronen-Virus.

In meiner Welt waren diese letzten Wochen eine komische Zeit, so eingetopft mitten im Vertrauten auf völlig unvertraute Weise. Wohl (zum Glück) gut und interessant beschäftigt im Rock’n’Roll-Zimmer der Buffbude, umgeben von der geliebten Buffbrut, aber irgendwie gleichzeitig wie vor langer Zeit in den Flegeljahren im Elternhaus – es gab wohl ein Rahmenprogramm, aber alles plätscherte vor sich hin.

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Auch das Lebensgefühl dabei war wie zu pickeligen Schulzeiten, im Limbo zwischen der täglichen großen Entdeckung und der Verzweiflung über den scheinbar unendlichen, ewig gleichen Ablauf.

Es gab neue Einträge ins Buffbuch der Rekorde – ich war in diesem Jahrhundert noch nie so lange zu Hause, noch nie so lange in keinem Zug, und ich habe zudem noch nie so versessen ferngesehen.

Ich habe auch ordentlich was gelernt im Beklemmungs-Ferienlager bei leerem Himmel, schönem Wetter und vor dem Fernsehabend mit Charlotte Ritter und Dolores Abernathy:

• das Wort Lockdown,
• das Wort Social Distancing,
• das Erklären der Wörter Lockdown und Social Distancing für die Begriffsstutzigen im örtlichen Umfeld,
• das Erklären des Unterschiedes von Unannehmlichkeit und Unterdrückung für die Begriffsstutzigen im virtuellen Umfeld,
• die Verbindung von Mutter und Technik,
• die Verbindung von Buff und Instagram.

Nach so viel komischer Zeit, Rekorden und Lernen musste irgendwann das Leben wieder losgehen, und das tat es auch, in meinem Fall mit einer Autofahrt in die norddeutsche Heimatstadt der Hard-Rock-Band meines Vertrauens, deren Plattenproduktion nach Verschiebung – ihr ahnt, warum – und trotz zwischenzeitlicher Vorarbeit in den diversen Rockkellern der diversen Bandmitglieder nach gemeinsamer Fortsetzung schrie.

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Donnerlüttchen, war der erste Tag trotz vertrautem Studio und vertrauter Meute eigenartig, eine Mischung aus der neu gelernten misstrauischen Verhandlung der Wegstrecke im Supermarkt und völlig überdrehter Sorge um irgendwas und nichts. Gottseidank ist alles seit Tag 2 gewohnt entspannt, mit wenigen Ausnahmen:

Die Belegschaft trägt bei Erscheinen neuerdings einen farblich zur Kopfbedeckung passenden Mundschutz, statt Rock-Faust gibt es Rock-Ellbogen, neben dem Gesangsmikro liegt ein verpackter Not-Popschutz, und die Lakritze wird beim Naschen per Gabel aus den Schüsselchen gefischt.

Konsequent sozialdistanziert gebiert sich nur der Produzent. Der ist nämlich nicht da, sondern sitzt in seinem Zuhause am kalifornischen anderen Ende der Welt, und wenn seine weisen Worte erklingen, schallen sie aus einem Bildschirm auf der rechten Pultseite, vor dem sich die fleißige Rockmeute mit gezückten Saiteninstrumenten, selbst inkonsequent sozialdistanziert, tummelt – wacklig für die Gesundheitsvorsorge, aber sehr gut für den Vibe.

Tatsächlich ist die ganze Arbeitsweise gut für den Vibe. Der Produzent lebt neun Stunden in der Vergangenheit, und wenn er um 5 Uhr nachmittags im teutonischen Studio auf dem Bildschirm auftaucht, ist es bei ihm gerade (im Rockgeschäft völlig untragbare) 8 Uhr morgens. Da sitzt er und kriegt einen halben Tag Arbeit vorgelegt, der schön spontan entstanden ist, ohne dass der Rocker bei jedem Handgriff auf den Produzenten geschielt hat. Und der Produzent hört, frisch geduscht und voller Kaffeefreude, einen Gesamteindruck, ohne dass er die Entstehungsgeschichte jedes einzelnen Gitarrenlicks kennt.

Eine Win-Win-Situation, wie man in der Heimat des Produzenten sagt. Nicht ganz so Win-Win war der Weg zur virtuellen Produzentenloge. So ein Produzent muss ja ganz schön viel machen – zuschauen, zuhören, verstanden werden, verstehen, Klang beurteilen und vielleicht auch mal in die Session greifen. Nach einigem Rumschustern geht das so:

Für die hörbare Geilheit des Rock steckt in der offenen Session ein Plug-in namens Listento, das den Klang erstaunlich flott und wohlklingend an eingeladene Gäste schickt. Und zum Fummeln ist Teamviewer offen; ich gewähre dem Produzenten am Anfang des täglichen Besuchs Zugriff auf meinen Laptop, und hernach drückt der Produzent in Los Angeles bei Bedarf auf den hiesigen Soloknopf.

Zum Schauen und Plaudern gibt es, wie kann’s dieser Tage anders sein, Zoom (warum es noch keine Verschwörungstheorie gibt, dass die Corona erfunden haben, ist mir schleierhaft). Läuft super, besonders wenn Kopfhörer im Spiel sind, denn wenn der Produzent den Rock hören möchte, der jetzt gerade eine halbe Welt weit entfernt gespielt wird, macht ohne Kopfhörer auf dem Produzentkopf der zeitlich versetzte Rock, der aus dem Bildschirm zurückschallt, den Rockspieler verrückt.

Fett. Vielleicht haben wir ja alle Glück, und das, was von Corona, dem elenden Kronen-Virus, so richtig übrig bleiben wird, ist die Einsicht, wie toll es ist, mit kreativen Leuten zusammen zu sein, und dass das fast immer irgendwie geht, egal, wo man ist.

Freue mich auf unser nächstes Treffen.

Rock!

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