Kolmne von Hans-Martin Buff

Crosstalk: Damals

(Bild: s Yana Heinstein, Wolfram Buff, Matthias Reinsdorf, Holger Vogt, Mark Craig)

Ich glaube, ich habe langsam das Zeug zum Großvater. Nein, nein, nicht weil die Brut im heißen Jahrhundertsommer zu viel Spaß am Strand hatte und sich Buff 3.0 ankündigt. Ich beobachte nur etwas an mir, an das ich mich noch gut aus meiner aktiven Enkelzeit erinnern kann:

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Mein lieber Opa selig erzählte gerne − mit kopfschüttelndem Blick auf die verweichlichte Jugend − von damals und wie er etwa, natürlich unter widrigsten Umständen, nur mithilfe selbst gebuddelter Kohlen Heimstatt, Badewasser und Kochstelle zu erwärmen wusste. Musste aber mal tatsächlich ein Lagerfeuer ohne Feuerzeug und Anzünder zum Brennen gebracht werden, war er völlig nutzlos und erzählte nach ein paar halbherzigen Versuchen mit kopfschüttelndem Blick auf die verweichlichte Jugend … (to be continued).

Ähnlich ging’s mir vor ein paar Wochen im hohen Haus der Tonkunst, den von mir schon öfter zu Angabezwecken erwähnten Abbey Road Studios. Dort war ich gebucht für einen Mix vor Publikum und dachte, ich sollte den Zuschauern einen Gefallen tun und mal wieder so mischen wie im Fast-Damals, also wohl mit, aber nicht im Rechner, am Pult mit allem Drum und Dran.

Mann, war das Arbeit! Ich hatte total vergessen, wie viel der Signalfluss-Drill meiner Tonschule mal wert war und wurde zudem im Gefecht daran erinnert, wie ich ihn durch den gewohnten Doppelklick auf meinen Sack Templates vernachlässigt hatte. Der Schweiß rann mir in Strömen über das Selbstbewusstsein, meine Synapsen knarzten hörbar, und mein religiöses Selbst wuchs merklich beim gen Himmel geschickten Dank für den anwesenden Assistenten, während ich ungeschickt Subgruppen erbusste, Ausgänge anlegte, ungewollt nicht Gehörtes verfolgte und mich zu er- innern versuchte, auf welche (hoffentlich clevere) Art ich denn früher mal Pult und Rechner verbunden hatte.

Zum Glück ist mein Damals noch nicht so lange her wie damals das Kohlen-Damals meines lieben Opas, und ich besann mich auf so manchen Trick, etwa auf den, einen Pult- Aux-Send statt zu einem verkabelten Gerät wieder in die Kiste zu schicken, um auch vom Pult aus schick akkurate Software-Delays nutzen zu können. Das Misch-Publikum zeigte sich beeindruckt, und ich lief, derart ermutigt, zu Höchstform auf, verwies auf die ehrwürdigen, dem Publikum nur als Plug-ins bekannten Gerätschaften im Outboard- Regal und, genug ist nie genug, verfiel auf die spontane Idee, Outboard und Plug-in mal direkt zu vergleichen.

Im Abbey-Road-Keller stehen vier Hallplatten mit den charmanten Namen A, B, C und D, die netterweise auch genauso als Plug-in für den heimischen Tonfreund zu finden sind. Ich schickte also den gleichen Pult- Send in den Studiokeller zur echten Platte A und in meinen Rechner zum echten Plug-in mit Preset A, und die beiden ähnelten sich … überhaupt nicht. Und obwohl ich durch wildes Fuhrwerken an den (weit über die Drehmöglichkeiten des Originals hinausgehenden) Knöpfen des Plug-ins gewisse Ähnlichkeit zur Keller-Mutti herbeidrehen konnte, schwand der digitale Glaube im Londoner Rund hörbar.

Der große George Massenburg wurde bei einer Podiumsdiskussion vor ein paar Jahren gefragt, warum man sich denn je um einen echten Fairchild Compressor kümmern solle, schließlich hätte ja jeder irgendeinen Fairchild im Computer. Er entgegnete: »Nein, die haben ein Bild von einem Fairchild im Computer.« Bestimmt hatte der Mann mal recht. Am Anfang, in analoger Vorzeit, war die Editier-Software. Dann kamen erste EQ-Plug-ins

mit Namen wie »EQ«, was wohl treffend, aber völlig unerotisch war. Also entstanden Plug-ins mit hehren Namen wie »Pultec«, die wohl auch anders klangen als der Nur-»EQ«, aber außer dem Bild mit einem echten Pultec so viel gemeinsam hatten wie ein CD-ROM-Spiel mit einem Ferrari. Da jedoch bekannt war, dass ein echtes Studio mit echtem Pultec viel Geld in bewährte Qualität investiert hatte, war dies mit einem Plugtec bestimmt genauso.

So ist wohl der Lauf des Neuen, erstmal muss das Neue irgendwas bekanntes Altes nachmachen; bis heute nimmt die Aufnahmesoftware meines Vertrauens wie Tonband schön untereinander gestapelt Spur nach Spur von links nach rechts auf und ich verändere den Klang mit Inserts, Aux-Sends und Reg- lern wie am Pult.

Erst wenn das Neue fast so gut klingt wie das Alte und vor allem leichter zu haben ist, kann was wirklich Neues kommen. So wie Scenes oder parallele EQs oder Delays mit Synthese oder was sich die jungen Hüpfer sonst noch so alles ausdenken.

Nimmt man als Großvater mit Stolz natürlich trotzdem nicht. Soll die verweichlichte Jugend mit irgendeiner Preset-Schleuder Hits schrauben − mein Mix wird nur durch Anwesenheit jeder meiner drei verschieden klingenden Pultec-Plugs teurer klingen. Wie damals.

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