Mixpraxis

Cam Blackwood über seine Arbeit an Staying At Tamara’s von George Ezra

Cam Blackwood / VOLTAIRE ROAD STUDIOS / Clapham (Bild: Rob Blackham)

Es scheint ironisch, dass einige Kritiker George Ezras zweites Album Staying At Tamara’s mit Formulierungen wie »unbeirrbar freundlich«, »der Sound von Sommergrillfesten«, »etwas zu sehr auf der sicheren Seite« und »gnadenlos optimistisch und sonnig« beschrieben haben, während der Produzent des Albums Cameron Blackwood und der Mixer Dan Grech-Marguerat viel Zeit damit verbringen, über »Crunch«, »Dreck«, »Distortion«, »Rohheit« und »Unperfektheit« zu reden, und Blackwood selbst zu Protokoll gibt, das Album handele »zum großen Teil von Ängsten, vom Gefühl, nicht dazu zu gehören, und wie sehr die Welt ein unwohnlicher Ort sein kann, wenn man zu viel darüber nachdenkt«.

Irgendwie war mit diesen gegensätzlichen Perspektiven zu rechnen, denn sie sind ein wesentlicher Bestandteil des George-Ezra-Phänomens. Mit 24 Jahren kommt der brav aussehende Ezra daher wie der sprichwörtliche Lieblingsschwiegersohn, und der erstaunliche Erfolg seines 2014er-Debütalbums Wanted On Yoyage − Nummer 1 in Großbritannien, Top 10 in vielen anderen Ländern − stellt ihn in eine Reihe mit anderen derzeitigen UK-Mainstream-Popstars wie Adele, Ed Sheeran und Sam Smith. Mit seinem Ohr für gute Songs und seinem satten, manchmal altmodisch croonenden Bariton, der Ezra als möglichen Nachfolger von Tom Jones auszeichnet, wirkt er auf den ersten Blick − z. B. in seinem großen Durchbruch-Hit, dem countryesken Budapest − wie ein talentierter, aber eher bodenständiger Mainstream-Entertainer.

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Sobald man aber an dieser Oberfläche kratzt, erscheint ein komplett anderes Bild − das von einem jungen Singer/ Songwriter, der gern, nun ja, an der Oberfläche kratzt. Den wenigen Kritikern, die wirklich über den ersten Eindruck hinaus hingehört haben, ist das unheimliche Did You Hear The Rain? (Ezras Debüt-Single) aufgefallen, komplett mit supercrunchy Gitarren und dreckigen Drum-Loops, und das bedrohliche Spectacular Rival mit seinen schmutzigen, verhallten Drums und einem finsteren Text, der mit den Worten beginnt »Violence in the air, cutthroat stares«. Beide Songs sind von Wanted On Voyage, und Staying At Tamara’s schafft ebenso den bewundernswert kunstvollen Spagat über den Graben zwischen »optimistischem und sonnigem« Pop-Mainstream und verstörendem Alternative Rock, insbesondere in dem düsteren, Nackenhaare-aufstellenden Saviour und dem melancholischen Hold My Girl.

Die Gegensätzlichkeit in Ezras Songwriting-Universum kommt perfekt auf den Punkt in Pretty Shining People: Der Song hat eine super eingängige, hübsche Melodie, dazu hinreißenden Gesang über flockigen, countryesken Gitarren, transportiert dazu aber einen beunruhigenden Text über »an ocean full of change« und Zeilen wie »What a terrible time to be alive / If you’re prone to overthinking«. Den Spagat zwischen den verschiedenen Universen stellt Ezra treffend in ein paar brillianten Lyric-Videos auf YouTube dar, in denen er einige Stücke von Staying At Tamara’s performt − allein auf der Bühne einer 70er-Jahre-Bar, mit ausgesucht kitschigem Glitzervorhang im Hintergrund, gerade mal zwei Personen im Publikum, und Ezra, in einem spektakulär geschmacklosen braunen Anzug und gezielt unbeholfen agierend, liest seine Texte von einem alten Fernseher ab. Wirklich witzig.

Den kompletten Artikel findet ihr in der Sound&Recording 09/2018. Hier versandkostenfrei bestellen.

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