Kolumne mit dem Tonbuff

Butter bei die Fische

(Bild: s Yana Heinstein, Wolfram Buff, Matthias Reinsdorf, Holger Vogt, Mark Craig)

So. Ihr habt zwei Monate Aufwärmzeit für Zwoneunzehn gehabt, und jetzt geht’s los.

Butter bei die Fische. Das Jahr ist in Schwung und will ein großes Jahr werden, ohne »Wo-ist-nur-die-Zeit-geblieben?«, so richtig mit Ansage. Antworten werden gebraucht und zwar sofort, und die Frage ist: Was bitte soll das alles?!

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Mir drängt sich in letzter Zeit sehr oft die Frage auf, wieso ich denn etwas mache, nicht nur wie sonst meist, handwerklich geerdet, wie.

Neulich etwa war ich im öffentlichen Gespräch über die tollen Möglichkeiten dreidimensionaler Musikproduktion, aber als ich gefragt wurde, warum die denn besser sei als herkömmliches Stereo, verschlug es mir, völlig uncharakteristisch für Herrn Buff, glatt die Sprache. Die kam (zum Glück?) bald wieder, aber erst nachdem ich Herrn Buff gedanklich bewiesen hatte, dass es tatsächlich einen gutklingenden Grund für das dreidimensionale Gehabe mit dem ganzen Oben und Hinten gibt, nicht nur den, dass halt mehr Audio besser ist als weniger Audio.

Wahrscheinlich sollte es mir im Studio auch öfter die Sprache verschlagen. Dort ertappe ich mich viel zu oft dabei, dass ich Autopilot-freundlich meine inneren Dienstprogramme ablaufen lasse, um die geäußerten Wünsche der lieben Kundschaft zu erfüllen, selbst wenn ich mir ziemlich sicher bin, dass die Erfüllung dieser Wünsche keinem wirklich hilft, schon gar nicht besagter Kundschaft.

Poliertes Nichts bleibt Nichts, und ich bin erstaunt, wie viele Hungrige im Musikreigen viel Geld für 08/15-Produktionen ausgeben, die irgendwie jedem passen und deshalb niemanden überraschen. Wenn die fertige Platte so klingt wie die James-Last-Version der viel geileren Demos, durchgerödelt von tausend tollen Helfern, aber völlig am Ziel vorbei, ist etwas schief gegangen, und es nagt die Frage, ob es nicht auch für den unterstützender Tonhelfer besser gewesen wäre, nach kurzer Sprachlosigkeit mal den Mund aufzumachen.

Eine Meinung muss nicht gönnerhaft sein.

Manche Leute haben tatsächlich so oft recht, dass vor lauter Rechthaben keiner mehr mit ihnen arbeiten will.

Manche Leute aber ziehen gerade deshalb musikalische Kundschaft so magnetisch an, weil sie etwas an den Studiotisch bringen, das die Musiker nicht zwingend reich, aber zuverlässig interessant und unvergesslich macht.

Solcherlei spricht sich rum im Musikzirkus, denn je mehr jemand bei der Plattenfirma an die eigene Kompetenz glaubt, desto mehr will er dann auch mitpfuschen; Musik, die funktioniert, obwohl sie laut A&R-Rezeptbuch gar nicht funktionieren dürfte, wird verehrt und respektiert, besonders von denen, die sonst am lautesten »Ich weiß, wie’s geht!« schreien.

Wer also auch immer den ersten Erfolg abliefert, der zu lang, zu unstrukturiert, zu rockig, zu elektronisch, zu deutsch, zu … ist, dem ist ein Studioleben mit von ungläubig dankbarer Musikwelt gefülltem Auftragsbuch sicher.

Warum? Weil hörbare Persönlichkeit im Studio eingefangen, aber nicht gebastelt werden kann. Ich selbst habe im verflossenen Jahr auch Platten ohne Hochglanz-Anspruch machen dürfen, die im Gegensatz zu vielen »So geht Hit«- Projekten sofort Abnehmer unter den Plattenkrämern gefunden haben − vielleicht, weil sie nach wem geklungen haben, nicht nur nach was.

Schön. Und nu?

Wenn ich mich ab sofort vor die lieben Auftraggeber stelle und verkünde, dass ich ihnen auf keinen Fall die Schema-Platte abliefere, die sie erwarten, dann weht auch ab sofort im Studio ein stilles Lüftchen. Das mit dem Respekt passiert erst im Nachhinein, und daher muss ich mir schon vor Beginn eines Projekts überlegen, wie ich denn das Etwas einfange, welches mein geistiges Ohr schon jetzt hört, so, dass schon der erste Rough-Mix derart aus den Lautsprechern charmiert, dass keine Erklärungen mehr nötig sind.

Wie das geht? Jedes Mal anders.

Aktuell produziere ich mit meinem Freund Mr. K eine tolle junge Band vom Brexit-Island. Die hatte ich zunächst hier und da ein bisschen zur Probe aufgenommen, und seitdem grüble ich. Ich frage mich, an was es liegt, dass mir die Combo so gut gefällt, wie sie mir gefällt, und was davon ich laut und deutlich einfangen muss, damit später wirklich jeder erstmal aufhorcht. Gleichzeitig schaue ich der Truppe bei der Arbeit zu, beäuge, wie sie zusammen spielen und was sie begeistert, und überlege, wie ich denen mit ihren vielen tollen Songs gerecht werde. Das wird dann ganz konkret: Strahlt die Persönlichkeit nur im Zusammenspiel, oder blüht sie bei der Einzelaufnahme? Rotziges Klangselfie oder ausgefuchstes Tongemälde? Im Prunk eines Tontempels oder in der Gemütlichkeit eines Rockkellers?

Die Antwort? Verrate ich euch, wenn ich das Geld dafür gefunden habe. Zum Glück habe ich jetzt bis zur April-Ausgabe Zeit.

Butter bei die Fische.

Wird ein großes Jahr.

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