Studioreport: Die Party geht weiter...

Booka Shade über die Produktion von Galvany Street

Was tun, wenn alles gesagt zu sein scheint und die Muse sich in Schweigen hüllt? Im Idealfall geben sich Mut zum künstlerischen Reset und Kollege Zufall im richtigen Moment die Hand und eröffnen neue Perspektiven. So geschehen im Fall Booka Shade: Mit ihrem aktuellen Album Galvany Street liefert das Duo eine furiose Neuorientierung abseits von Techhouse und Elektro.

Booka Shade haben ihr Match gemacht: Zahlreiche Club-Hymnen und hohe Chart-Platzierungen, gefeierte Live-Sets in den weltweit angesagtesten Clubs und auf riesigen Festivals, erfolgreiche Remixe, Major Deals, Auszeichnungen usw.usf. Die Party läuft seit nunmehr gut zwanzig Jahren auf Hochtouren. Walter Merzinger und Arno Kammermeier könnten problemlos Kurs und Tempo halten und einfach weiter einen Techhouse-Knaller nach dem anderen abliefern, bis…? Ja – was dann? Nachdem ihr letztes Album Movements 10 und die 2016er Show in der Londoner Festival Hall definitiv als Karrierehöhepunkte gelten dürfen, haben sich die beiden Wahlberliner diese Frage immer häufiger gestellt. Nun folgt die Antwort: Galvany Street überrascht mit athmosphärisch dichten Songs, Indierock-Feel, der ausdrucksstarken Stimme von Ex-The Archive Sänger Craig Walker, weiteren Gastsängern wie Urdur (Gusgus) Daniel Spencer und Yates. Disco meets Indie, ließe sich die faszinierende Neuorientierung thematisch beschreiben. Wir treffen Walter und Arno in ihrem Studio vor den Toren Berlins.

Inwieweit war die Abwendung vom Dancefloor eine bewusste Entscheidung?

Walter: „Wir sind ja seit den Anfängen des Techno dabei und haben über mittlerweile 10 oder 12 Jahre unseren Trademark-Sound entwickelt – eine wunderbare Sache. Als wir mit neuem Material starteten, bemerkten wir jedoch eine gewisse Leere. Haben wir musikalisch vielleicht schon alles gesagt? Und was jetzt…?“

Arno: „Abgesehen von unseren eigenen, müssen wir keinen Vorgaben und Verpflichtungen nachkommen. Wir könnten in jede Richtung gehen. Das ist eine glückliche Situation, macht die Sache aber nicht unbedingt einfacher.“

Walter: „Relativ klar war bald, dass wir uns anderen Musikern mehr öffnen wollen. Das straighte Zwei-Mann-Ding hatte ausgedient.“

Arno: „Nach einer Weile half uns der Zufall weiter: Ich nutze einen Raum in den Riverside Studios (Berliner Studiogemeinschaft, Anm.d.Red.). Dort habe ich eines Tages Craig kennengelernt. Ich gab ihm ein paar unserer Backing-Tracks, und wir waren sehr gespannt, ob er damit überhaupt etwas anfangen würde. Er hat – und wir haben uns dann ganz allmählich einander genähert.“

Walter: „Damit war die Richtung plötzlich klar und die Sache erstaunlich einfach geworden. Electronica mit Indiesound-Einflüssen – aber trotzdem sehr audiophil.“

Wie habt ihr eure Sound-Vorstellungen umgesetzt?

Arno: „Walter entwickelt oftmals erste Ideen für neue Songs. Dann diskutieren wir das längere Zeit.“

Walter: „Wir wollen einen Trademark-Sound entwickeln und pflegen. Der sollte jedoch mehr sein als nur die endlose Wiederholung von identischen Sounds. Er sollte sich vielmehr durch einen unverwechselbaren Vibe definieren.“

Arno: „Wir fragen uns öfter „Was haben wir noch nicht benutzt?“ Wir mögen simple, „billige“ Sounds als Ausgangspunkte. Etwa Sounds aus alten FM-Synths oder billigen Analog-Kisten, Freeware-Plug-ins und ähnlichem. All Falls Down sind fast ausschließlich FM-Sounds. Diese Sounds werden dann mehrfach geschichtet, mit Plug-ins und Hardware-Effekten verändert, aufgenommen und die Ergebnisse erneut bearbeitet. Dabei entstehen Dinge, die über die Summe der Ausgangssounds hinaus gehen: Rauschen, Artefakte, „Unfälle“ – all diese besonders interessanten Dinge picken wir uns heraus und nutzen sie weiter als Sound-Bestandteile. So entstehen Klänge und sogar melodische oder harmonische Elemente, die man so niemals gezielt programmieren oder einspielen könnte.“

Walter: „Wir nutzen die analogen und/oder alten Synthies nicht wie in 1980 – also Melodien und Akkorde einspielen, Effekte drauf und fertig. Wir versuchen, sie mit einem modernen „Approach“ zu kombinieren: stacken, schneiden, pitchen, verfremden mit allem, was die DAW zu bieten hat.“


Booka Shades Spielplatz… Im Booka Shade Studio treffen sich Hardware-Synths unterschiedlichster Couleur mit einer gut ausgestatteten Logic-DAW. Hier lassen sich in aller Ruhe Sounds schrauben und Ideen ausarbeiten. Der Mix passiert meist in the Box. Deshalb dient das große Mackie-Pult aktuell nur noch als „Signal-Sammler“.

Entstehen Drums und Beats auf ähnliche Weise?

Walter: „Auch die Beats sind wie eine Kollage aufgebaut. Sie sind meist ein Mix aus programmierten Einzel-Sounds, live eingespielten Passagen – etwa Hihat-Figuren – und mehrfach bearbeiteten Loop-Schnipseln aus unserer Library. Wir haben in den vergangenen 30 Jahren eine riesige und ziemlich chaotische Library angehäuft – weitgehend unsortiert auf zig Festplatten. Die Suche darin ist wie eine Entdeckungsreise: Alte Ideen lassen sich wieder aufgreifen, mit Neuem vermischen und weiter entwickeln.“

Arno: „Wir nehmen Loops und verfremden sie mit irgendwelchen Plug-ins. Aus diesen Aufnahmen schneiden wir die interessantesten Passagen raus und bearbeiten sie weiter. Auch hier achten wir auf Artefakte, Gerätefehler, Einspielfehler und all solche Dinge, die interessant klingen und sich weiter nutzen lassen. Manche Sachen werden extrem überkomprimiert, damit sie nicht so programmiert klingen. Sämtliche Elemente verbinden sich zu einem Vibe im Sound.“

Wie haben die verschiedenen Sänger euren Sound beeinflusst?

Walter: „Die Sänger – insbesondere Craig – waren für Galvany Street sicher der wichtigste Aspekt. Abgesehen von der stilistischen Frage haben sich dadurch ganz besondere Sound-Merkmale entwickelt. Craig hat sehr früh Backings bekommen. Das waren noch ziemlich roughe Demos. Die Art und Weise, wie er darauf gesungen hat, führte die Demos mehrfach in eine ganz neue Richtung – nicht nur musikalisch, auch Sound-mäßig. So passte etwa ein Synth-Sound tonal nicht zu den Vocals. Ich habe dann den Synth um sieben Halbtöne nach unten gepitcht und es klang scheiße. Dann hab ich Craigs Stimme entsprechend hoch gepitched und es klang wider Erwarten total interessant – auch so eine Art Unfall, der zu etwa Neuem geführt hat.“

Bitte noch ein paar Worte zum Mix des Albums.

Arno: „Einen Teil des Albums haben wir selbst mit Logic und externer UAD-Karte gemischt. Drei Titel (Digging A Hole, Eyes Open und All Falls Down) haben wir von Mark Plati mixen lassen. Mark mischt alles in New York über sein analoges Pult (Rupert Neve Designs 5088 mit 16 Kanälen, Anm.d.Red.). Durch seine Erfahrung aus der Arbeit u.a. mit David Bowie, The Cure und Lou Reed hat er den Songs etwas mitgeben können, was ihren Indierock-Aspekt weiter betont hat.“

Wie kam der Kontakt zu Mark Plati zustande?

Walter: „Mark hörte über Craig Walker, dass wir an einem neuen Album arbeiten. Er war begeistert von den Songs und wollte unbedingt involviert sein. Und wir wollten einfach mal neuen Input bekommen und das Booka Shade-Universum für andere Leute öffnen. In der Vergangenheit habe ich alle Titel gemischt und war froh, mal die Kontrolle abzugeben. Mark hat sich die Titel ausgesucht.“

In welche Richtung wird es mit Booka Shade weiter gehen?

Walter: „Wir werden die Songs zunächst einmal häufig live spielen. Dadurch werden sich die Album-Tracks immer wieder verändern und quasi ein Eigenleben entwickeln. Es bleibt also spannend!“

 

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