Moderne Traditionswerkstatt

Bauer Studios, Ludwigsburg – StudioszeneD

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Die Bauer Studios existieren seit Ende der 1940er. Über die Jahrzehnte haben dort besonders im Bereich Jazz und Klassik legendäre Musiker Einzug gehalten. Auch für Pop-Produktionen bieten sich die Gegebenheiten an — ein großer, gut klingender Aufnahmeraum, eine AMS-Neve-Konsole sowie bei Bedarf analoge Studer-Bandmaschinen. Die Geschäftsführerin hält ein Plädoyer für professionelle Arbeitsbedingungen — ein Blick auf »traditionelles« Arbeiten mit klassisch studierten Tonmeistern.

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Regieraum mit AMS Neve VXS-60/60-Pult (Bild: Bauer Studios)

Ludwigsburg nahe Stuttgart wirkt unscheinbar mit ergrauten, aber gepflegten Fassaden und gefühltem Reihenhauscharakter, fast immun gegen die Verheißungen der Großstadt. Die Bauer Studios, 1949 gegründet und laut eigener Aussage das »älteste private Tonstudio Deutschlands«, verkörpern ein überregionales Wahrzeichen für Musiker, Produzenten und Tonmeister.

»Ich bin im Studio praktisch aufgewachsen«, erzählt Eva Bauer-Oppelland. Die Geschäftsführerin, früher selbst Tonmeisterin, hat das Studio mit ihrem Mann Ende der 80er-Jahre von ihrem Vater übernommen. Neben deutschen Musikern, darunter Herbert Grönemeyer, Reinhard Mey oder Till Brönner, haben über die Jahre internationale Größen Einzug gehalten − etwa Randy Brecker, Stevie Wonder, Jack Bruce, Al Di Meola, Bill Frisell, Keith Jarrett, Chaka Khan oder Pat Metheny. Im Flur hängt eine Auszeichnung für die Pur-CD Mittendrin von 2000, von dem eine Single in den Bauer-Studios entstand, eine der wenigen Aufnahmen im Pop-Bereich. Der Schwerpunkt des Studios liegt bei Jazz, Klassik oder Bigband, auch akustische Singer/Songwriter sowie Sprachaufnahmen.

Die übliche Arbeitsweise, mit professionellen Künstlern und den eigenen Tonmeistern? »Eine Bigband-Aufnahme dauert normalerweise höchstens drei Tage.« Der Inhalt stehe schon vorher fest, werde nur noch eingefangen. »Wenn die Musiker kommen, kennen wir die Besetzung, die Vorstellungen wurden teilweise im Vorfeld abgefragt, der Aufbau steht bereits. Der Soundcheck dauert im Normalfall nicht länger als zwei Stunden.« Die Pop-Szene habe das Studio bislang weniger auf dem Schirm. Das Experimentieren im Studio, wo etwas erst entstehe, sei eine andere Arbeitsweise. »Wobei ich denke, dass wir Pop-Producern gut zuarbeiten können − wenn ein Song im Projektstudio entsteht und für das Ergebnis Schlagzeug, Flügel, Streicher oder Bläser aufgenommen werden sollen.«

Die Regie 

Im Regieraum des großen Studios steht ein AMS-Neve-Pult von 1996, Tonmeister Philipp Heck ist davon begeistert, sei allerdings auch verwöhnt, gesteht er: »Manchmal weiß man es nicht mehr so richtig zu schätzen, weil man jeden Tag damit arbeitet.« Es sei überraschend, wie schnell damit eine Mischung steht. »Beim Arbeiten im Studio 2, wo kein Pult steht, gestaltet sich die Mischung weniger einfach.« Die großen Genelec 1039A im Regieraum von Studio 1 klingen eindrucksvoll. »Das Ergebnis macht etwas mehr her«, erklärt Heck. Mit den Nahfeldmonitoren, ProAc Studio 1 MKII, kann er gut arbeiten: »Die sind sehr analytisch, aber eben kein Wohlklang. Wenn Vertrauen zum Kunden aufgebaut werden muss, wie das Ergebnis denn nun klingt, nimmt man besser die großen.« Es sei immer ungünstig, den Kunden erst auf ein analytisches System »einnorden« zu müssen. Stattdessen müsse ein »Aha-Erlebnis« stattfinden − das sei »sehr wichtig, vielleicht mit das Wichtigste«.

Seine Arbeitsweise? Statt auf »isolierte« Produktionen, bei denen die Musiker in Solo-Kabinen spielen, setzt Heck inzwischen auf Gemeinschaftlichkeit: »Ich mache mittlerweile immer mehr Produktionen aus dem Saal heraus, wenn die Musiker dafür offen sind: Das Schlagzeug mit rein, die Bläser drum herum. Dann kann man nicht mehr alles editieren, aber das Ergebnis läuft bereits besser im Mix zusammen.«

Konkurrenz Homestudio 

Die aktuelle Situation der Szene? Eva Bauer-Oppelland erzählt von der Problematik, dass der Begriff »Tonstudio« mittlerweile für jedes Heimstudio gilt, ohne ein gesichertes Qualitätslevel zu bieten. »Wir befinden uns in einem Berufsbild, das für viele Menschen Hobby vereint. Keiner würde auf die Idee kommen, Hobby-Rechtsanwalt zu werden − das ginge auch nicht so einfach, weil man Qualifikationen braucht.« Sie findet es schwierig, »wenn in der Presse pauschal vom Tontechniker geschrieben wird«. Sie beschäftigen Tonmeister, und es mache schlicht einen Unterschied, »ob jemand einen musikalischen Background hat und das qualifiziert studiert. Generalisten können eigentlich nur die sein, die wirklich damit arbeiten und ihr Geld verdienen müssen«.

Im Kleinen sei es eben oft der Hobby- Bereich. »Wenn ich etwas gerne mache, mir ein neues Plug-in kaufe und die Unterschiede ausprobiere − das ist die gleiche Freude wie bei einer Modelleisenbahn. Deshalb geben diejenigen auch die Mischung nicht an Profis ab − das ist ja genau das, was ihnen Spaß macht!« Das sei für Profis mitunter problematisch. »Ich denke, bei der Abmischung könnte man manchmal viel herausholen − und vielleicht neue Klangfarben entdecken.« Dass für eine Mischung Geld ausgegeben wird, müsse den Leuten erst bewusst werden. Stattdessen? »Der letzte Flaschenhals: Für Mastering geben Enthusiasten viel Geld aus, um etwas zu retten, was manchmal gar nicht mehr zu retten ist − oder man anders hätte anlegen müssen.«

Kein Geld für Aufnahmen

Den Umbruch haben sie Ende der 90er-Jahre gespürt, mit dem Umstieg auf DAWs. »Das ist ähnlich wie bei Grafikern − nachdem jeder Adobe Photoshop zu Hause hatte, war das für die Branche zunächst ein Problem. Das hat sich etwas ausbalanciert.« Schließlich seien für professionelle Bedürfnisse letztlich Fachleute gefragt. Das eigentliche Problem? »Der Verfall der Wertigkeit der Musik bei den Hörern, die nichts mehr dafür bezahlen wollen, macht uns mehr zu schaffen.« Als Folge hätten Musiker kein Geld für Aufnahmen, nehmen zu Hause auf, mischen selbst. Die Verantwortung werde nach hinten verlagert.

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Eva Bauer-Oppelland hält ein Plädoyer für professionelle Arbeitsbedingungen, im Grunde gehe es um verschenktes Potenzial. »Wenn die Kette stimmt − gute akustische Bedingungen, professionelle, gute Mikrofone und ein Tonmeister, der weiß, wo er sie hinstellen muss −, dann muss beim Mastering nicht mehr viel ästhetisch gemacht werden, eher eine Qualitätskontrolle.«

Um als großes Studio im Markt zu bestehen, haben sie verschiedene Konzepte ersonnen, darunter eine publikumswirksame Besonderheit: Seit drei Jahren läuft eine Reihe von »Studio Konzerten«, vorwiegend mit Jazz-Bands. Das Konzert vor Publikum wird live auf 1/4- Zoll-Band abgemischt und auf Vinyl veröffentlicht, auf dem eigenen Plattenlabel Neuklang. Dahinter steckt die Idee einer »endgültigen« Performance als Gegenentwurf zur permanenten Verfügbarkeit von Musik. Die analoge Produktionsweise bedient den Nischentrend Vinyl.

Vintage Vibe

Auch für Mehrspur-Aufnahmen ist im Studio passende Analogtechnik vorhanden − bei Bedarf steht eine Studer A80 MKII 24-Spur-Maschine zur Verfügung. Im Mikrofonbestand finden sich viele Neumann-Klassiker − darunter sechs U67-Exemplare sowie U47 als Röhren- und FET-Version.

Vom Grundgedanken her sind die Bauer Studios eher »puristisch« gehalten, trotzdem darf passendes Outboard nicht fehlen: Besonders ein Urei 1178-Kompressor sowie ein Tube-Tech LCA2B-Multiband-Kompressor fallen auf. Im Bereich Digitalhall sind Lexicon-Modelle (beispielsweise ein 960L, 300 und 224 XL) sowie Geräte von Yamaha und TC Electronic vorhanden. Instrumente (u. a. ein Steinway-Flügel von 1927, eine Hammond A100 samt Leslie, ein Fender Rhodes Mark I und ein Wurlitzer-Keyboard) sowie Verstärker werden ebenfalls angeboten.

 

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Danke für diesen Bericht! Seit ich Tonaufnahmen mache lautet meine Devise: Die Musik wird VOR dem Mikrofon gemacht! Ich wünsche Studio Bauer auch weiterhin Erfolg.

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