Mixing Run: 14 Spuren für ein Halleluja

Band-Recording in der Tresorfabrik: Liicht

Den Hamburger Jungs der Band Liicht gelang mit der Debüt-Single Run ein bemerkenswertes erstes Ausrufezeichen. Irgendwo zwischen Indie, Elektro und Pop krallt sich die Band an den Ohren ihrer Hörer fest und lebt die Ekstase schon mal vor. Wir haben die Single gemischt und beschreiben den Weg auf den Dancefloor in dieser Ausgabe unserer Serie.

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Berlin Magnet Club im vergangenen Sommer, 28 Grad vor der Tür und gefühlte 40 Grad vor der Bühne. Strobos zucken und Liicht eröffnen eine lange Feiernacht in der Hauptstadt. Die Band aus Hamburg mit den zwei »i« legt eine mitreißende Show hin. Man merkt ihr nicht an, dass sie den Stapellauf gerade erst hinter sich gebracht hat.

Später haben wie die Aufgabe, den hippen Herren um den ehemaligen In-Golden-Tears-Frontmann Patrick H. Kowalewski sozusagen als Geburtshelfer zur Seite zu stehen und den Mix der Debüt-Single Run zu übernehmen. Und die Band ist auch damit einverstanden, dass wir den Job für S&R einmal näher betrachten und sezieren.

Vorbereitung

In unserem Bandproject Online-Guide beschreiben wir ausführlich, wie eine Session idealerweise den Weg ins Studio findet … Wir bekommen von der Band lediglich 14 Spuren, die aber klar beschriftet und somit in Pro Tools schnell sauber anzulegen sind. Vorab haben wir vereinbart, dass die Synthesizer-Spuren einmal mit und einmal ohne Effekte geliefert würden. Die Band hat bereits einen Roughmix des Songs gemacht, in dem uns einige Elemente sehr gut gefallen. Statt gänzlich von vorn zu beginnen, halten wir uns dadurch die Möglichkeit offen, auf Bestehendem aufzubauen. Eine Besonderheit: Die Spuren kommen mit einer Wortbreite von nur 16 Bit.

Beats

Die Drums bestehen insgesamt aus vier Spuren, wobei Bassdrum und Snare offenbar aus gelayerten Sounds zusammengesetzt sind und auch ohne Processing schon viel hermachen. Der Beat kommt gänzlich ohne Spielereien aus und treibt den Song über die ganze Dauer ordentlich an. Insbesondere die Bassdrum muss dabei für unser Verständnis weit vorne im Gesamtkontext auftauchen.

Um das zu erreichen, ziehen wir zunächst mit dem Waves SSL Channel einen Hochpassfilter bei ca. 70 Hz ein (die Flanke ist vergleichsweise flach); die Bässe der Bassdrum werden dann ebenfalls bei 70 Hz um rund 6 dB angehoben. Dadurch bleibt die Kick kontrolliert und erzeugt mehr Druck im hörbaren Bereich. Außerdem entfernen wir bei 700 Hz Anteile, um die etwas »topfigen« Mitten abzumildern.

Auf den SSL Channel folgt der FabFilter Pro-Q, mit dem wir sehr schmalbandig einige nervige Frequenzanteile entfernen. Um die Kick im Mix wirklich laut zu machen und prominent zu platzieren, sollten möglichst wenige Frequenzen ohne Nutzen für das Gesamtsignal im Song landen. Daher lohnt sich hier ein etwas chirurgisches Vorgehen. (Im Video zu dieser Ausgabe zeigt Aljoscha noch mal im Detail die Settings der Plug-Ins und die einzelnen Sounds vor und nach der Bearbeitung.)

Nach dem EQ geht es in einen Sonnox Inflator, der mit 100 % Effektanteil für Sättigung sorgt und der Kick noch etwas Schmelz mit auf den Weg gibt. Das Plug-In klingt hier auch in dieser extremen Einstellung noch sehr gut, was nicht zuletzt daran liegt, dass der Input nicht zu »heiß« angefahren wird.

Zum Schluss sorgt ein Blackface 1176 aus der UAD-Karte mit langem Attack und schneller Release dafür, dass die Kick noch etwas aggressiver wird. Sie wandert anschließend sowohl in den Drum-Bus als auch auf einen weiteren Aux-Weg, auf dem sie mit einem 1176er-Kompressor parallel zum eigentlichen Signal heftig komprimiert wird.

Die Snare wird in erster Instanz ebenfalls durch einen FET-Kompressor geschickt, in diesem Fall durch das Modell von Softube. Ein langer Attack (insofern man bei einem 1176er-Kompresssor von so etwas sprechen kann) und das schnelle Release sorgen auch hier für mehr Wucht, und die Snare rückt gefühlt näher an den Hörer heran. Im Originalmix haben wir dafür Outboard-Equipment benutzt und für die Snare und die Vocals unsere 1176-Blue-Stripe-Kompressoren als Hardware eingeschleift. Diese Nachbauten der legendären Kompressoren aus dem Hause Universal Audio hatten wir uns bauen lassen, weil die darin enthaltenen Übertrager einen wunderbaren Sound machen. Für das Tutorial haben wir die se Effekte »in-the-box« nachgebaut, was zugegebenermaßen keinen großen Unterschied bedeutet.

Die Snare wird danach durch einen Pro-QEQ in den unteren Mitten deutlich angeschoben und gleichzeitig ein wenig in den Höhen beschnitten. Dadurch kann sie im Mix deutlich lauter gestellt werden, ohne zu nerven; auch fühlt sie sich gleichzeitig etwas »holziger« an. Anschließend wandert die Snare ebenfalls durch den Sonnox Inflator und bekommt ein wenig Sättigung ab.

Die Becken und Hi-Hats bleiben bis auf eine kleine EQ-Korrektur unbearbeitet und laufen zusammen mit Kick und Snare auf den Drum-Bus, wo ein weiterer 1176er-Kompressor die Summe der Beats leicht verdichtet. Trotz recht hoher Anzahl an Kompressoren hält sich die Kompression der Drums in Grenzen − bei der Snare sind es gerade einmal 2 dB.

Bass & Drop 

In den Strophen überlässt der Bass der Kickdrum das Feld und setzt erst in der Bridge vor dem Refrain ein. Im Refrain harmonieren Bass und Kick sehr gut, wodurch wir keine besonderen Maßnahmen ergreifen müssen. Da hat die Band bei der Sound-Auswahl also schon ganze Arbeit geleistet. Wichtig ist eher, den Bass et – was anzurauen, um ihn auch auf kleinen Anlagen präsent erscheinen zu lassen. Dazu verzerren wir ihn leicht mit dem Softube Saturation Knob, wodurch auch die tiefen Töne durch das Entstehen einer harmonischen Obertonreihe auf kleinen Lautsprechern abgebildet werden. Nebenbei klingt er verzerrt auch einfach schön. Ein wichtiges Element im Song ist außerdem der absteigende »Drop«-Sound, der alle vier Takte quasi den Auftakt markiert. Um ihn noch kräftiger zu gestalten, boosten wir hier mit einem Pultec-EQ von der UAD-Karte bei 100 Hz.


Die Session hat in Anbetracht der breitwandig anmutenden Klangästhetik der Band überraschend wenige Spuren. Der Fokus liegt im Mix auch auf der Beseitigung von störenden Frequenzanteilen, die dem Song die Wucht nehmen.


Synthesizer

Im Zentrum der Nummer stehen die vier breiten Synthesizer-Spuren. In der Summe ergeben sie eine breite Fläche, die sowohl aggressiv Druck macht als auch träumerisch dahinschwebt. Chapeau! Unsere Bearbeitung beschränkt sich hier auf das Entfernen verschiedener »pfeifender« Frequenzanteile mit dem FabFilter-EQ und das Anheben der Spuren Synth 1 und 2 mit einem Pultec-EQ bei 8 kHz, um das »Sägen« der Sounds zu verstärken.

Die Band hat uns die Spuren (auf unseren Wunsch hin) zunächst ohne die charakteristischen Sidechain-Effekte übermittelt, die den Song so wunderbar pumpen lassen. Wir merken allerdings schnell, dass die Sidechains aus dem Roughmix der bessere Startpunkt für eine weitere Bearbeitung sind und ordern auch die bearbeiteten Spuren. Wir möchten den Effekt noch extremer ausfallen lassen und den Song noch weiter in die Richtung treiben, die die Band ohnehin eingeschlagen hat. Die Synthesizer-Spuren laufen dazu allesamt in einen Aux-Weg, auf dem ein FabFilter Pro-C-Kompressor liegt. Der Kompressor bekommt von der Kick über einen Aux-Send das Sidechain-Signal. Bei jedem Schlag der Kick werden die Synthesizer dadurch um satte 18 dB leiser. Die Release-Zeit des Kompressors muss dabei dem Song-Tempo angepasst werden, damit das Pumpen der Flächen auch zum Tempo des Songs passt. In diesem Fall erledigt das die Auto-Release-Funktion sehr gut.

Vocals

Dreh- und Angelpunkt des Songs sind die kraftstrotzenden Vocals von Sänger Patrick. Hier sparen wir nicht an Bearbeitung, um die Performance noch weiter nach vorne zu bringen. Das Plug-In Melodyne kommt lediglich zum Einsatz, um einen missratenden Ton im Refrain (siehe Video) zu korrigieren, und ist ansonsten inaktiv. Ein Pro-Q-EQ zieht im nächsten Schritt eine ganze Reihe unschöner Frequenzen aus dem Signal.

Während die Performance über jeden Zweifel erhaben ist, scheint ein suboptimales Mikrofon in einem mäßig für Aufnahmen geeignetem Raum zum Einsatz gekommen zu sein − hier ist Arbeit angesagt, um die Vocals auch bei hohen Lautstärken angenehm klingen zu lassen. Im Originalmix folgt ein Hardware-1176-Blue-Stripe-Kompressor, dessen Effekt wir ebenfalls mit einem Softube-FET-Kompressor nachbauen. Der Precision DeEsser von der UAD dämpft im nächsten Schritt die scharfen »T«- und »S«-Laute. Sporadisch auftretende Pegelspitzen werden danach mit einem L1-Limiter abgefangen, der aber nicht oft ins Signal eingreift. Die Präsenz der Vocals besorgt ein Pultec-EQ, der das Signal bei 10 kHz um rund 6 dB anhebt.

Von da aus wandern die Vocals auf einen Aux-Weg, auf dem das UAD Studer-Tape-Plug-In etwas Textur schafft und die Vocals leicht sättigt. Ein LA-2A-Opto-Kompressor übernimmt anschließend das Leveling. Während Effekte wie Reverb und Delay klassischerweise auf separaten Aux-Wegen anliegen, nutzen wir beide in diesem Fall als Insert-Effekte, um die Vocals losgelöst von anderen Effekten ins rechte Licht zu rücken. Zunächst sorgt das Waves H-Delay für warm klingendes Viertel-Delay. Die Höhen beschneiden wir deutlich, sodass die Wiederholungen eher einen Klangteppich erzeugen.

Anschließend geht es in das UAD Lexicon- 224-Reverb-Plug-In. Wir wählen hier eine recht lange Nachhallzeit von 3 Sekunden und ein Pre-Delay von 20 ms, um das Direktsignal etwas von der Hallfahne abzurücken. Die Höhen beschneidet die Emulation des Reverb-Klassikers ohnehin recht stark, wodurch eine angenehm unaufdringliche »Hallsuppe« entsteht. Das Verhältnis von Direktsignal und Hallfahne automatisieren wir und verstärken im Song besonders dramatische Elemente des Gesangs mit einem höheren Hallanteil.

Gleiches gilt für das Delay, das ebenfalls in den Refrains stärker hinzugefahren wird.


Die starke Gesangs-Performance bedarf keiner großen Korrekturen, sondern wird durch die Delays und Hallräume punktuell in ihrer Dramatik verstärkt.


Räume & Master

Neben dem Vocal-Reverb sorgen zwei weitere Lexicon-Instanzen für das notwendige Maß an Dimensionalität im Mix. Ein sehr kurzer Hall, basierend auf dem »Room A«-Preset mit minimaler Reverb- und Pre-Delay-Zeit dient als »Rückwand« für die Drums und Synthesizer. Snare und Kick gewinnen so etwas an Stereobreite und bekommen einen minimalen Raumanteil. Der zweite Hall verschweißt vor allem die Synthesizer und versprüht durch die lange Hallfahne leichten 80er-Jahre-Charme. Ein relativ üppiges Pre-Delay von rund 40 ms verhindert, dass die Synthesizer zu weit im Hall versinken und bewirkt eine bessere Soundstaffelung in der Tiefe.

Mit einem Pro-Q entfernen wir noch einige sehr penetrante Frequenzen, die es durch den Mix geschafft haben. Bei 500 Hz dünnen wir alles leicht aus, da hier recht viel Energie entstanden ist. Ein leichter Boost bei 50 Hz beugt der nachfolgenden Kompression bzw. dem damit einher gehenden leichten Bassverlust vor und wird von einem LowCut-Filter flankiert, das aus »hygienischen« Gründen den nicht benötigten Sub-Bereich aufräumt.

Der SSL-Bus-Kompressor verdichtet den Mix mit einer relativ kurzen Attack-Zeit und sorgt für zusätzlichen »Snap«. Sozusagen als Zuckerguss hebt die UAD-Variante des Manley Massive Passive die Höhen bei 10 kHz an und stabilisiert zudem das Low-End. Anschließend fängt ein Pro-L-Limiter Signalspitzen leicht auf, wobei er maximal etwa 1 dB Reduktion vornimmt. Auf ein brachiales Lautmachen wurde verzichtet, da der Song ohnehin durch die größtenteils synthetischen Elemente kaum große Sprünge in der Dynamik hat und somit einfach auf eine gute Lautheit gebracht werden kann.

Ausblick

Der Mix ist steht und funktioniert unserer Meinung nach sowohl auf dem Küchenradio wie auch auf dem Dancefloor. Eine Besonderheit ist sicherlich, dass ihn Liicht 1:1 veröffentlicht hat − auf ein Mastering wurde verzichtet, da augenscheinlich alles gepasst hat.

Wir wünschen wie immer viel Spaß mit dem Video zum Artikel und natürlich auch beim Experimentieren mit den Einzelspuren.

Ab der nächsten Ausgabe starten wir wieder mit klassischeren Bandsounds und freuen uns auf interessante Gastmusiker.

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