Mikrofone & Recording

Außer Rand und Bändchen

Außer Rand und Bändchen

Lange Jahre waren sie vom Aussterben bedroht, doch mit der zunehmenden Digitalisierung der Aufnahmetechnik kam die Trendwende: Bändchenmikrofone sind so hip wie nie und gelten als Gegengift für harten Klang.

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10 Jahre Sound&Recording – Wir werfen einen Blick auf die Highlights des letzten Jahrzehnts

Das Bändchenmikrofon ist sehr alt. Älter, als viele glauben mögen, denn es wurde schon Ende des 19. Jahrhunderts erfunden. Und zwar von Werner von Siemens, der auch das Tauchspulmikrofon erfand. Warum er diese beiden dynamischen Mikrofontypen erfunden hat, ist nicht so ganz klar – vermutlich war ihm langweilig, denn mit beiden Mikrofonen konnte man zu dieser Zeit definitiv überhaupt nichts anfangen, bis viel, viel später die Elektronenröhre erfunden wurde. Bis dahin wurden fette Basspauken und funky Cembalo-Riffs erst mal mit Kohlemikros abgenommen. Die klangen zwar doof, erzeugten aber strammen Pegel, den man ohne Verstärker übertragen konnte.

Jahre später …

Wir überspringen elegant ein paar Jahrzehnte und finden uns den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts wieder. Die ersten Verstärkerröhren funkeln im Dunkeln, und der Rundfunk breitet sich immer weiter aus. Die Radiosprecher aber sitzen immer noch vor ziemlich jämmerlichen Kohle- oder Kristallmikros. In wenigen Jahren passiert nun allerhand: 1928 erfindet Georg Neumann das Kondensatormikrofon, und im selben Jahr macht sich Harry Olson bei RCA an die Entwicklung eines praktisch verwendbaren Bändchenmikrofons. Olson hatte eigentlich einen Doktorhut in Atomphysik, interessierte sich aber wohl mehr für Sound & Recording. Guter Mann! Später hat er auch noch den Synthesizer mit entwickelt. Außer Werner von Siemens’ Erfindung des grundsätzlichen Funktionsprinzips dürfte Olson auch der Bändchenlautsprecher bekannt gewesen sein, den Erwin Gerlach ein paar Jahre zuvor präsentiert hatte. Alles in allem ist das Bändchenmikro also eine Gemeinschaftsentwicklung mehrerer kluger Köpfe.

In der großen weiten Welt ging es weniger gemeinschaftlich zu. Die 30er- und 40er-Jahre verbrachte die westliche Zivilisation bekanntlich damit, sich die respektive Rübe einzuschlagen. Kein Wunder also, dass sich auch in der Mikrofontechnik Fronten auftaten. In Deutschland perfektionierte Neumann das Kondensatormikrofon, der Rest der Welt – insbesondere der angelsächsische Sprachraum – widmete sich den dynamischen Funktionsprinzipien. Obwohl auch das Tauchspulmikro in jenen Jahren einen Entwicklungsschub erfuhr, war es vor allem das Bändchenmikrofon, das den Sound der 30er- bis 50er-Jahre prägte. In England und vor allem Amerika wurde seinerzeit schlichtweg alles mit Bändchen aufgenommen: Radiosprecher, Filmton, Orchester und natürlich Sänger. Orson Welles’ berühmtes Hörspiel „War of the Worlds”, der herrlich schwülstige Streicherschmelz alter Hollywoodschinken, der frühe Elvis … das alles ist lecker Bändchensound in Reinkultur!

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Zeitenwende – Bändchenende?

Dann kamen die Beatles. Der weiche Swing wurde vom harten Beat abgelöst. Amerikanische Crooner klangen plötzlich irgendwie … naja, wie Softies, und diese ungestümen Pilzköppe wurden bekannter als Jesus. Yeah! Yeah! Yeah! Na gut, es wäre übertrieben, die Beatles für den Niedergang des Bändchens verantwortlich zu machen, tatsächlich benutzten sie sogar noch das ein oder andere. Aber dieser kernige John-Lennon-Vocal-Sound, das war – unverkennbar – ein Neumann U47. Überhaupt, die 60er-Jahre waren ein Einschnitt. Im angelsächsischen Sprachraum bröckelte langsam der Widerstand gegen diese teutonischen Kondensatormikros. Das Klangbild wandelte sich. Radios hatten jetzt einen „Diskant”-Regler, und der wurde voll aufgedreht. Ein knalligerer, höhenreicher Sound war gefragt. Der weiche Bändchenklang war schlagartig passee; Kondensatormikros wurden endgültig zum Studiostandard. Der größte Bändchen-Hersteller RCA stellte 1973 die Mikrofonproduktion ganz ein. Andere wie Shure konzentrierten sich auf Tauchspulmikros für den Bühneneinsatz.

Dass das Bändchenmikro nicht zu einer Fußnote der Audio-Historie wurde, verdankt es dem Engagement von beyerdynamic. Ausgerechnet ein deutscher Hersteller war es, der das Bändchen weiter schwingen ließ, ja sogar perfektionierte. Über lange Jahrzehnte waren die – bis heute erhältlichen – Beyer-Bändchen so ziemlich die letzten verbliebenen ihrer Art, bis Ende der 90er die amerikanische Firma Royer ein Ribbon-Revival einläutete. David Royer hatte richtig erkannt, dass es mit zunehmender Digitalisierung der Studiotechnik einen Bedarf an weich und rund klingenden Mikros gab. Bald gesellte sich mit AEA ein weiterer amerikanischer Hersteller dazu. Die Firma des Ribbon-Gurus Wes Dooley fertigt sowohl detailgetreue Reproduktionen von RCA-Bändchenlegenden als auch eigene Designs. Jüngstes Mitglied der amerikanischen Bändchenfamilie ist Crowley & Tripp. Interessanterweise hat der Hersteller aus Massachusetts einen Background in Nanotechnologie – da schließt sich (fast) der Kreis zum Atomphysiker und Bändchenvater Harry Olson.

Für weniger Betuchte verführerischer als die neo-amerikanischen Ribbons sind die chinesischen Bändchen, die seit knapp anderthalb Jahren zum Minimaltarif angeboten werden. Spätestens jetzt liegt selbst der Schlafzimmerstudiobesitzer nachts wach und sinniert über die existenzielle Frage: Was ist dran am Bändchen?

Funktionsweise

Das Bändchenmikrofon ist vom Grundprinzip her sehr einfach, aber knifflig im Detail. Den kniffligen Details widmen wir uns in einer späteren Folge, in der wir – auf vielfachen Leserwunsch – mal wieder ein wenig „pimpen” werden. Erstmal stellen wir uns ganz dumm und sagen, ein Bändchenelement ist nichts weiter als ein Aluminiumstreifen, der locker gespannt zwischen zwei starken Permanentmagneten aufgehängt ist. Trifft Schall auf das Bändchen, bewegt es sich im Takt der Schallwellen. Durch die Bewegung innerhalb des Magnetfelds entsteht durch Induktion eine kleine Wechselspannung, die in ihrer Frequenzzusammensetzung dem akustischen Signal entspricht.

Das war’s schon? Jein. Prinzipiell haben wir zwar Schall in ein elektrisches Signal überführt, aber das Signal ist so unfassbar schwach, dass man nix damit anfangen könnte. Aus akustischer Sicht ist die geringe schwingende Masse klasse: Das Bändchen kann recht präzise den Schallschwingungen folgen. Andererseits darf man nicht erwarten, dass ein fragiles Metallblättchen, kaum sichtbar in einem Magnetspalt flatternd, nennenswert Saft abwirft. Als Radfahrer wissen Sie ja, wie viel Mucki-Energie umgesetzt werden muss, um ein funzeliges Lämpchen zum Leuchten zu bringen. Es wird Sie also nicht überraschen, dass das Minimalsignal, das ein Bändchenelement erzeugt, selbst für einen sehr potenten Mikrofon-Preamp zu schwach ist. Die Lösung ist ein (Spezial-)Übertrager mit hohem StepUp-Verhältnis (z. B. 1:20). Er macht aus der winzigen Ausgangsspannung eine einigermaßen brauchbare und transformiert die Bändchenimpedanz, die oft nur einen Bruchteil eines Ohms beträgt, in den wünschenswerten Bereich von etwa 200 Ohm.

Besondere Klangeigenschaften

Von Natur aus besitzen Bändchen die Richtcharakteristik Acht. Das Aluminiumbändchen wird ja durch Schall von vorn wie von hinten gleichermaßen angeregt. Schall von der Seite bewegt das Bändchen dagegen nicht, wird also unterdrückt. Durch Verschließen der hinteren Schallöffnung lassen sich andere Richtcharakteristiken als Acht erreichen. Allerdings verändert sich der Klang dabei dramatisch. Die meisten Hersteller bleiben deshalb bei der nativen Achtercharakteristik, die sich in der Praxis vielseitig einsetzen lässt.

Als Nebenwirkung der Achtercharakteristik besitzen Bändchenmikrofone einen äußerst ausgeprägten Nahbesprechungseffekt. Um die Bässe nicht allzu sehr zu betonen, muss man bei Bändchen einen etwas größeren Mikrofonabstand wahren als bei den üblichen Kondensatormikros mit Nierencharakteristik. In Verbindung mit Bändchenmikros werden oft die weichen Höhen gelobt. Manche Kollegen der schreibenden Zunft benutzen sogar das Wort „seidig.” „Samtig” wäre vielleicht ein angebrachteres Adjektiv. Tatsache ist, dass Bändchen in den Höhen eher zurückhaltend bis dunkel sind. Erwarten Sie also kein strahlendes Hochfrequenzfunkeln! Es ist kein Zufall, dass Bändchen in den 80ern, dem Jahrzehnt der Treble-Junkies, praktisch nicht existent waren.

(Achter-)Bändchen haben generell keine Höhenanhebung, wie man sie bei Kondensatormikros meist findet. Im Gegenteil, ab einem gewissen Punkt lässt die Höhenwiedergabe langsam nach, und zwar abhängig von der Geometrie des Bändchenelements. Faustregel: Je schmaler das Bändchenelement, desto weiter reicht der Übertragungsbereich in die hohen Frequenzen.

Noch eine andere Besonderheit ergibt sich aus der Bändchengeometrie. Das Aluminiumbändchen ist ja lang, aber schmal. Die Breite beträgt üblicherweise etwa 3–5 mm, die Länge variiert stark, so zwischen 2,5 und 5 cm. Daraus ergibt sich, dass sich das Bändchen in Querrichtung prinzipiell wie ein sehr kleines Kleinmembranmikro verhält und in Längsrichtung wie ein (sehr) großes Großmembranmikro. Das heißt, dass die Richtcharakteristik quer zum Bändchen nahezu frequenzunabhängig ist, während in Längsrichtung die Höhen off-axis früh abfallen. Man sollte ein Bändchenmikro daher immer so aufstellen, dass das Bändchen „steht”. So werden Schallreflexionen von Boden und Decke in den Höhen bedämpft, und man erhält ein sehr gleichmäßiges Richtverhalten nach rechts und links. Ein frequenzunabhängiges Richtverhalten sorgt für plastische Stereoaufnahmen mit guter räumlicher Ortung, ist aber auch sonst wünschenswert. Beispielsweise bei Vokalaufnahmen, damit es zu keinen Klangveränderungen kommt, wenn der Sänger den Kopf bewegt.

Anwendungen

Der beste Teil des Bändchenklangs sind die Mitten. Sie sind überaus linear und resonanzarm, dabei aber keineswegs steril, sondern vollsaftig. Durch die feingliedrige Konstruktion hat ein Bändchenmikro eine viel bessere Transientenwiedergabe als ein „normales” dynamisches Tauchspulmikro. Trotz der etwas zurückhaltenden Höhen klingen Bändchen feinsinnig, plastisch und edel, mit einem Schuss „gute alte Zeit”.

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Falsche Stereoanordnung: Die liegende Position der Bändchen führt zu starken Off-Axis-Verfärbungen in der horizontalen Ebene.

Aufgrund ihrer Klangeigenschaften sind Bändchen ideale Mikros für die Abnahme von Gitarrenverstärkern. Elektrische Gitarren bestehen ja fast nur aus Mitten. Gitarren-Speaker machen spätestens bei 7 kHz Feierabend, darüber bricht die Wiedergabe komplett ein. Die nachlassende Höhenwiedergabe eines Bändchenmikrofons spielt also praktisch keine Rolle; im Gegenteil, der sanfte Roll-off in den höheren Frequenzregionen ist sogar erwünscht, weil Störsignale unterdrückt werden. Man sollte ein Bändchen allerdings nicht zu nah vor dem Speaker platzieren; der starke Nahbesprechungseffekt führt sonst zu einem krassen Bass-Boost. Ansonsten fällt die Lautsprechermikrofonierung mit Bändchen ausgesprochen leicht, weil so der extrem wichtige Mittenbereich neutral und verfärbungsarm eingefangen wird.

Auch für Bläser sind Bändchen beliebt. Wieder ist es die Verfärbungsfreiheit und vor allem der sanfte Treble-Roll-off, der den Reiz ausmacht. Mit Kondensatormikros klingen gerade Blechbläser oft unangenehm scharf. Das Bändchen dagegen verrundet den Bläsersound auf angenehme Weise. Auch für Streichinstrumente sind Bändchen beliebt,allerdings eher in einem Pop-Kontext als bei Klassikaufnahmen. Streicher klingen über Bändchen etwas „romantisiert”; es grüßt der weiche Schmelz von 40er-Jahre-Hollywood-Orchestern.

Eine andere typische Anwendung sind Vocals. Wobei sich aber nicht jedes Bändchen dafür eignet. Für den heutigen Geschmack klingen viele Ribbons in den Höhen doch etwas schattig. Ein Bändchen liefert generell einen ganz anderen Vocal-Sound als ein Kondensatormikro. Die üblichen gesangsoptimierten Großmembran-Kondensatormikros besitzen eine Präsenzanhebung, die Stimmen luftig und durchsetzungsfreudig klingen lässt. Ein Bändchen produziert einen vornehm zurückhaltenden Sound. Wieder sind es die Mitten, die besonders reizvoll klingen.Ein Bändchen klingt entspannter als ein Kondensatormikro. Außer für Jazz-Vocals, langsame Balladen und Crooner-Schmalz eignet sich das Bändchen mitunter auch für Rap. In den unteren Frequenzregionen können Bändchen sehr wuchtig klingen. Bändchen sind ein probates Mittel, um flache Stimmen voller klingen zu lassen; durch den starken Nahbesprechungseffekt schwillt der virtuellen Brustkorb enorm. Aber übertreiben Sie’s nicht. Zu viel davon kommt Bass und Gitarre ins Gehege; der Mix mulmt. Normalerweise sollte der Sänger einen Abstand von mindestens 30 cm zum Bändchenmikro einhalten. Verwenden Sie am besten einen Popschirm als Abstandhalter. Anders als Kondensatormikros neigen Bändchen nicht zum „zischeln.”Ein DeEsser ist auch bei schwierigen Stimmen mit scharfen S-Lauten selten notwendig.

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So ist’s richtig: Die stehende (bzw. hängende) Anordnung der Bändchen führt zu einem plastischen Stereobild ohne Verfärbungen zu den Seiten.

Durch Höhenanhebung kann man einem Bändchen durchaus zu etwas mehr „Luft” verhelfen.Versuchen Sie aber zuerst einen Low-Cut, um die Bässe zu entschlacken.Wenn Sie einen betont hellen Vocal-Sound anstreben, greifen Sie besser gleich zu einem Kondensatormikro. Ähnliches gilt für Instrumente mit sehr weitem Frequenzspektrum. Nur wenige Bändchen eignen sich für Akustikgitarre oder Piano. Zumindest dann, wenn Sie den natürlichen obertonreichen Klang einfangen möchten. Bändchen können hier aber zu interessanten Effektklängen herangezogen werden, etwa für ein betont softes Piano oder eine ungemein wuchtige Zupf-Gitarre mit enormen Bässen. Immer beliebter werden Bändchen als Overheads. Für brillante Cymbals ist das Bändchen eher fehl am Platz; sind die Cymbals dagegen zu laut oder zu scharf, lohnt es sich, damit zu experimentieren. Sie eignen sich auch für Oldschool-Schlagzeugabnahme mit nur wenigen Mikros. Denn in den 60ern wurden Drums oft mit ein bis zwei Bändchen als Overhead und einem AKG D12 vor der Kick aufgenommen. Wichtig ist allerdings ein gut klingender Raum, denn Achter-Bändchen nehmen ja nach vorn und hinten gleichermaßen auf.

Überhaupt ist es bei allen Aufnahmen mit (Achter-)Bändchen wichtig, darauf zu achten, was hinter dem Mikro abgeht. Rauschende Rechner oder andere störende Schallquellen sollten sich nicht hinter dem Mikro, sondern 90 Grad zur Aufnahmeachse befinden. Bändchen stellt man am besten mitten im Raum auf. Es sollten sich keine Wände unmittelbar hinter dem Mikro befinden und auch keine Notenpulte. Die Reflexionen verändern den Klang sehr. Sie meinen, ich übertreibe? Machen Sie doch einmal folgendes Experiment: Stellen Sie sich mit aufgesetztem Kopfhörer vor das Mikro und nähern Sie sich, während Sie sprechen, mit Ihrer Hand oder einem Notenblatt langsam der Rückseite des Bändchenmikros. Sie werden feststellen, dass Ihre Stimme immer heller, aber auch verwaschener klingt.

The Phantom Menace

Bei korrekter Verkabelung sollte einem Bändchen eigentlich nichts passieren, wenn man die Phantomspeisung aktiviert. Beide Signaladern sind über 6,8- kOhm-Widerstände mit +48 Volt verbunden. Es sollte also keine Potenzialunterschiede geben und folglich auch kein Strom fließen. Zusätzlich ist das Bändchen ja durch den Übertrager galvanisch getrennt, Gleichstrom könnte überhaupt nicht zum Bändchen gelangen – ein Übertrager überträgt nur Wechselstrom. Leider kommt es aber beim Betätigen der Phantomspeisung zu einem Impuls, der sehr wohl den Übertrager passieren kann. Und bei fehlerhafter Verkabelung oder schlecht gematchten Phantomspeisungswiderständen kann es zu einem gewissen Potenzialunterschied zwischen den Signaladern kommen. Schon ein sehr kleiner Impuls genügt, um das Bändchen zu zerstören. Denn durch das umgekehrte Windungsverhältnis (aus 1:20 wird 20:1) erhält der Impuls eine hohe Stromstärke. Dennoch, in den meisten Fällen passiert dem Bändchen beim Aktivieren der Phantomspeisung nichts.

Sollten Sie sie versehentlich aktivieren, geraten Sie nicht in Panik. Ziehen Sie nicht(!) den Mikrofonstecker, sondern warten Sie einen Moment, und schalten Sie die Phantomspeisung aus. Ziehen Sie auch jetzt noch nicht den Mikrofonstecker, sondern warten Sie, bis die Spannung sich langsam von selbst abbaut. Die Spannungsimpulse, die beim Abziehen des Steckers entstehen, sind viel gefährlicher als die statische Phantomspannung. Kommen Sie auf keinen Fall auf die Idee, das Bändchenmikro mit einem Multimeter oder Durchgangsprüfer zu messen. Das Bändchen wird mit hoher Wahrscheinlichkeit durch solche panischen Messungen zerstört. Ob das Bändchen noch intakt ist, können Sie so ohnehin nicht feststellen. Lassen Sie es einfach am Preamp und machen Sie einen akustischen Funktionstest.

Bei vielen Preamps versäumen es die Hersteller, dafür zu sorgen, dass sich die in den Kondensatoren gespeicherte Spannung rasch selbstständig abbaut. Wenn Sie von einem Kondensatormikro zu einem Bändchen wechseln, schalten Sie erst die Phantomspeisung aus und warten Sie noch etwa eine Minute, bis das Kondensatormikro die Restspannung „aufgesaugt“ hat. Erst dann ist der Eingang garantiert spannungsfrei und für Bändchen ungefährlich.

Stereoaufnahmen

Bändchen sind seit jeher auch beliebt für Stereoaufnahmen, insbesondere von kleineren Ensembles. Für die üblichen Achter-Bändchen bieten sich im Wesentlichen zwei Anordnungen an, nämlich M/S und Blumlein. Bei der Mitte/Seite-Anordnung wird, wie in der letzten Folge beschrieben, das Mitten-Mikrofon direkt auf die Schallquelle ausgerichtet und das Seiten-Mikro im rechten Winkel dazu, also quer zur Schallquelle. Gewöhnlich nimmt man ja für das Mitten-Mikro eine Niere. Bis auf wenige Ausnahmen, wie das M160 von beyerdynamic, gibt es leider nur wenige Bändchenmikros mit einer anderen Richtcharakteristik. Man kann M/S-Stereofonie aber auch mit einer zweiten Acht als M-Mikro betreiben. Zwar ist der Aufnahmebereich des M-Mikros ein bisschen schmaler, als man gern hätte, aber dafür ergibt sich der Vorteil, dass man durch Verwendung zweier identischer Mikros ein besonders gleichmäßiges Stereobild erhält.

Eine andere attraktive Möglichkeit, mit zwei Achter-Bändchen stereo aufzunehmen, ist die Blumlein-Anordnung, benannt nach ihrem Erfinder Alan Blumlein, einem der großen Pioniere der Stereofonie. Auch bei dieser Anordnung befinden sich die beiden Achtermikros unmittelbar übereinander und im rechten Winkel zueinander. Allerdings ist nun ein Mikrofon auf die rechte Seite der Schallquelle und das andere auf die linke Seite ausgerichtet. Im Prinzip also die M/S-Anordnung um 45 Grad gedreht.Je nach Aufnahmesituation bzw.Größe der Schallquelle kann man den Winkel etwas variieren. Anders als bei der M/S-Anordnung benötigt man bei Blumlein keine M/S-Matrix; die beiden Mikrofonsignale liefern ein direktes Links/Rechts-Signal.

Als Besonderheit ergibt sich sowohl bei M/S als auch bei Blumlein-Anordnung ein seitenverkehrtes Stereobild. Dieser Umstand sowie die Tatsache, dass rückwärtiger Schall prinzipiell so laut aufgenommen wird wie der von vorn, können in manchen Räumen zu einem verwaschenen Stereobild führen. Sehr effektiv lässt sich die Blumlein-Anordnung für Background-Vocals nutzen, indem man die Sänger im Kreis um die Mikros versammelt.

Bruce Swedien gehört zu den Fans dieser Aufnahmetechnik. Für zusätzliche Doppelungen lässt er die Sänger ein, zwei Schritte zurücktreten, sodass auf natürliche Weise ein Stereo-Chor mit plastischer Tiefenstaffelung entsteht.

Dürfte ich nur ein Mikro besitzen …

… es wäre kein Bändchen. Ernsthaft! Bändchen lassen zwar alles rund klingen, sind aber keine Allrounder. Bändchen muss man nehmen, wie sie sind: unten viel Bass, oben ein wenig bedeckt,dazwischen feinste Mitten.Diese Klangcharakteristik eignet sich für manches sehr, für anderes überhaupt nicht. Top oder Flopp. Bändchen sollte man also als Ergänzung zum Kondensatormikro betrachten, nicht als Ersatz. Denn natürlich dürfen – und sollten – Sie mehr als nur ein Mikro besitzen.

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