Crosstalk: Kolumne mit Hans-Martin Buff

Apropos: Von Arbeit und Phase

FOTO: Matthias Reinsdorf

Frau Buff, meine Rockbraut, behauptet, ich sei Workaholic. Das sagt sie liebevoll schimpfend besonders dann, wenn mir vor lauter Musik im Kopf in jeder alltäglichen Situation irgendein „Apropos“ einfällt − apropos hier schnell eine Idee, die unbedingt aufgeschrieben sein will, apropos Radiohören: Ich muss jetzt hurtig den tollen Effekt nachbauen − oder, am schlimmsten, apropos: »Was suchst du?«, und als Antwort »I’ve been looking for freedom!«

Frau Buff verdreht ihre schönen Augen und hustet unterschwellig: »Wrrgahollig.« Vielleicht hat sie ja Recht? »Arbeit macht viel mehr Spaß als Spaß«, las ich neulich und hatte dem nichts hinzuzufügen. Bin ich also einer von denen, die schemenhaft gelangweilt durch die Welt irren, wenn sie nicht an Rock’n’Roll drehen dürfen? Ich behaupte jetzt mal nein, denn ich mache gerne Ausflüge in die Niederungen der Außenwelt, aber meine Arbeit ist halt schon der Spaß, den viele andere erst nach Feierabend antreten dürfen.

Apropos Ausflug: Besucht bitte die liebe Mannschaft von SOUND&RECORDING, die dieser Tage wieder die Musikmesse zu Frankfurt mit Interessantem und einigen Stapeln kostenloser Zeitschriften beglückt.

Und apropos Glück und Workaholic: Für mich ist es ein besonders großes Glück, mal ohne Deadline in meiner Werkstatt drehen zu können. Dann wandert mein Buffkopf hierhin und dorthin, vielleicht fange ich mit einem Beat an, der mir seit ein paar Tagen erbeatenswert scheint, und dann schraube ich vielleicht an dessen Snare-Raum, und plötzlich kommt mir der Gedanke »apropos Raum«, und ich forsche vielleicht mal im Internet, wie der und der coole Raum auf der und der coolen Platte zustande gekommen ist, und dann lese ich ein Interview mit einem Tollen, der mir vielleicht von den Räumen auf seinen Mischungen erzählt, und dann ich: »Apropos Mischungen«, und höre mir auf einem Spaziergang die Mischungen der letzten Wochen nochmal am Stück an und so weiter und so fort.

Derzeit macht mir diese Apropos-Art zu arbeiten so viel Spaß, dass ich gar keine Lust habe, mir für spezielle Tage ausschließlich speziell Notwendiges vorzunehmen. Das muss sich wohl bald ändern, wenn ich die Tageskundschaft nicht verärgern will, aber bisher sorge ich mich nicht sonderlich. Ist halt eine Phase.

Apropos Phase: Ich verstehe nicht, wie wenig Tonleute sich um die Phase kümmern. Wenn ich aufnehme – und besonders, wenn ich mische –, drücke ich wie wild Phasenknöpfe und lausche, was sich da tut. Und das nicht nur bei den klassischen Phasenkandidaten wie Snare oben und unten oder Bass-DI und -Amp und so.

Es ist erstaunlich, wie das Phasendrehen ein Klangbild verändern, den Muff rausnehmen, den Bass aufräumen, einen gemobbten Klang freikämpfen kann. Im Schlagzeug etwa hängen Wohl und Wehe von Kick und Snare vom guten Verhältnis zu Overheads und Raummikros ab, und der Druck auf den Phasenknopf erleichtert die rhythmische Familienaufstellung. Hilft das Knopfdrücken alleine nicht, und im Schlagzeug hängt der Haussegen schief, dann kann man hier auch kräftiger nachhelfen, die Lupe auspacken und Einzelmikros und Raumspuren nach Auge aufeinander zimmern. Das ändert stets irgendwas, und wenn sich’s nicht zum Besseren geändert hat: undo und Schwamm drüber.

Immer besser klingen nach dieser Methode verstärkte Gitarren. Bei denen sorgt die Fernbeziehung von direktem Mikro und der Raumverwandtschaft meist für nasale Unstimmigkeit, und wenn man die Mikros einzeln aufnimmt und die entfernten mit den direkten auf Augenhöhe zieht, klingt die Kombination ganz ausgezeichnet.

Selbst bei so unerwarteten Kandidaten wie einer Lead-Stimme ist das Drehen der Phase der verzweifelten Attacke auf Frequenz und Dynamik vorzuziehen, denn vielleicht tritt ja die Stimme ohne Gewalt je nach Bedarf einen Schritt zurück oder nach vorne.

Die Phase ist ein Freund, und wer zum Beispiel beim üblichen Kampf zwischen Bass-Synth und Bassgitarre den Knøpf drückt und plötzlich Land sieht, dem sei im Jubel noch verraten, dass es beim Phasendrehen mehr gibt als nur ganz gedreht oder gar nicht. Es gibt schicke Plug-ins, die die Phase nur ein bisschen drehen, und wer seinen Bass-DI und Bass-Amp noch enger verkuppeln will, der kann mit so einem Plug-in die Phase in Grädchen verrücken und fündig werden.

Wenn’s nix bringt, ist das Plug-in-Geld nicht verschwendet, denn man kann das Ding ja auch auf ein langweiliges Stereosignal legen und durch wildes Zerphasen eine der zwei Seiten zum Fliegen bringen. Ein bisschen Phasendreck hat noch keinem geschadet.

»Apropos Dreck«, ruft da Frau Buff, meine Rockbraut. »Wolltest du nicht saugen?«

Dirty deeds done dirt cheap? Sorry. Kann grad nicht. Workaholic.

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