Von Köln nach Berlin!

Studioreport – AnnenMayKantereit

Tim Tautorat bei der Arbeit an der SSL-Konsole. Im Hintergrund: Severin Kantereit, Malte Huck und Moses Schneider (Bild: MARTIN LAMBERTY, FABIEN J. RACLET)

Diese Newcomer-Band ist aktuell wie kaum eine andere in aller Munde: AnnenMayKantereit haben sich aus den Straßen Kölns in die großen Clubs und Hallen der Republik gespielt. Es gab Support-Touren für Beatsteaks und Clueso, aber auch ihre eigenen Konzerte sind mittlerweile meist mehrere Monate im Vorfeld ausverkauft. Und das, obwohl ihr Debüt gerade erst veröffentlicht wurde − ein außergewöhnliches Phänomen innerhalb der deutschen Musiklandschaft, unterstrichen von der Tatsache, dass es gleich auf Platz 1 der Charts schoss. Und für ihre erste richtige Produktion geizt man von Anfang an nicht mit großen Namen: Die Band nahm im Dezember 2015 ihr erstes Album Alles Nix Konkretes mit Moses Schneider in den legendären Berliner Hansa Studios auf.

Als AnnenMayKantereit im Herbst 2015 ihren Vertrag beim Major-Label Universal unterschrieben, hatten sie zuvor bereits die EP Wird Schon Irgendwie Gehen mit Produzent Moses Schneider aufgenommen und im Frühjahr veröffentlicht. Ein hochkarätiges Produktions-Setup wurde somit erprobt und auch mit Blick auf das in Folge geplante Al – bum aufgestellt: Schneider − ein herausragender Name, gerade wenn es um organische Live-Produktionen geht (u. a. Beatsteaks, Tocotronic, Kreator), und der für einige der erfolgreichsten Alben der letzten 10 Jahr verantwortlich ist − sowie das Hansa Studio, eines der letzten großen Tonstudios der klassischen Ära ist, in dem unter anderem Weltstars wie Iggy Pop, David Bowie oder U2 aufnahmen und in dem der Berliner Produzent selbst Ende der 80er-Jahre seine Ausbildung absolvierte. Viele gute Dinge scheinen sich hierbei zusammengefügt zu haben. Die Zusammenarbeit wird auf Vorschlag des Bandmanagers, Carlo Schenk, initiiert: »Carlo hat mich zuerst angesprochen«, so Schneider, »woraufhin ich mir ein paar YouTube-Sachen angeschaut habe. Und da habe ich dann schon gemerkt: Wow, was für ein Geschenk ist das denn?!« Ein erstes Treffen fand in einem Berliner Café statt, bei dem Band und Produzent ein langes Gespräch über Musik und ihre Ursprünge in der Straßenmusik führten. Nach einem weiteren Treffen ist die Zusammenarbeit besiegelt. »Wenn jemand direkt von Anfang an einen so guten Eindruck macht«, sagt Sänger Henning May, »also nicht arrogant rüberkommt, irgendwie lustig und ein bisschen verrückt ist … dann war irgendwie schnell klar, dass das für uns der richtige Mann ist.« Zur Vorbereitung besucht Schneider die Band in Köln, wo sie viel gemeinsam Musik hören und sich darüber austauschen. Dadurch finden sie einen gemeinsamen Nenner und ein musikalisches Vokabular für die bevorstehende EP-Produktion.

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Vorproduktion im Proberaum in Köln

Im Proberaum hinterfragt Schneider zusammen mit der Band ihre Songs und regt sie an, konstruktiv darüber nachzudenken: Ist das Tempo hier richtig? Stimmen Dynamik und Ausdruck? Dadurch kann sich das musikalische Material setzen, und jedes Instrument nimmt seinen passenden Platz im Arrangement ein. Die Arbeit mit Schneider beschreibt Bassist Malte Huck, welcher 2015 fest zur Band stieß, wie folgt: »Was übrigens auch super an Moses ist: Der ist so mega unkompliziert. Wenn du im Proberaum bist, ist er schon sehr konzentriert und kritisch, aber sobald du raus bist, ist das der entspannteste Typ der Welt.« Durch seine unkonventionelle Art wird Schneider schnell ein Teil der jungen Gruppe, bei der er der Band nicht als Lehrer, sondern stets auf Augenhöhe begegnet und die Band »auf charmante Meister-Yoda-Art«, wie es Schlagzeuger Severin nennt, inspiriert. So zieht er beispielsweise für die gemeinsame Zeit in Köln nicht ins Hotel, sondern schläft in der leerstehenden Wohnung eines Freundes der Band und verbringt die Abende oftmals mit ihnen in der Küche der Band-WG von Severin Kantereit und Henning May. Eine besondere Qualität liegt für May auch in der Kombination der unkonventionellen Arbeitsweisen von Produzent und Band: »Ich glaube, dass er eine ganz andere Herangehensweise hat, Songs ins Studio zu bringen, und dass seine Arbeitsweise mit unserem Vibe zusammen noch einmal eine ganz neue Einzigartigkeit ergibt. Das liegt einfach daran, dass wir keine Band sind, die ins Studio geht, dort ein Album erarbeitet und es dann den Hörern zeigt. Bei uns ist es so, dass wir die Songs live ausprobieren und während der Konzerte an ihnen arbeiten, was den Songs die Chance gibt, sich wirklich zu setzen.« So haben EP-Songs wie Oft gefragt, 21, 22, 23 oder beispielsweise 3. Stock, welche für das Album neu aufgenommen wurden, im Laufe der vielen Konzerte 2015 ihr richtiges Spielgefühl und finales Tempo gefunden. Im Dezember 2015, ziemlich genau ein Jahr nach den EP-Aufnahmen, trifft sich die Band erneut mit Schneider in den Hansa Studios, um ihr Debüt aufzunehmen. Neben Schneider steht der Band wie auch schon im Jahr zuvor Tim Tautorat (u. a. Turbostaat, Eagles of Death Metal, The Kooks) als Engineer zur Seite, welcher gleichzeitig durch seine zusätzliche Rolle als Co-Produzent noch etwas präsenter wird. Seine Beteiligung ging bereits bei den Aufnahmen zur EP über rein klangliche Entscheidungen hinaus, weshalb er seine Rolle als Kombination gestaltet und sich in Arrangements und Performance einmischt. »Er ist deswegen auch Co-Produzent auf dem Album«, so Schneider, »weil er letzten Endes auch da sitzt und die gesamten Levels macht. Und wenn du so einen LiveSound machst, dann ist dies eben auch seine Arbeit. Das ist jemand, der mitdenkt und Verantwortung übernimmt − das ist Hansa Studio!« Das eingespielte Produktions-Setup gibt der jungen Band, welche vor ihren Aufnahmen nur kurzzeitige Studio-Erfahrungen sammelte, die notwendige Sicherheit, sich in einer professionellen Produktion dieser Grö- ßenordnung zurechtzufinden. Dazu Schlagzeuger Severin Kantereit: »Ich wusste, wer Moses ist, ich wusste, in welchem Raum ich sitze, und ich wusste vor allem auch, wie es sich anfühlt zu spielen − das hat einem schon Sicherheit gegeben und so konnte man etwas Aufregung ablegen.« Gleichzeitig spielen auch zwischenmenschliche Faktoren innerhalb der Aufnahmen eine relevante Rolle, wenn es darum geht, ungehemmt und offen zu kommunizieren und somit auch kleine Probleme zu lösen, die man zu Beginn der Zusammenarbeit nicht geäußert hätte: »Dadurch dass wir die EP gemacht haben, hatte ich den Mut, beim Album Dinge klar zu formulieren und anzusprechen. Hätten wir die EP nicht gehabt, hätte ich die Dinge nicht angesprochen«, erinnert sich Sänger Henning May.

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Live-Recordings in den Hansa Studios Berlin

Den Beginn eines klassischen Aufnahmetag der Produktion schildert Gitarrist Christopher Annen wie folgt: »Wir haben uns morgens zum Frühstück getroffen, dann so gegen 11 Uhr zunächst Soundcheck gemacht und anschließend bequatscht, was für den Tag so auf dem Plan steht. Dann wurden meistens für jeden Song die Drums gestimmt, während die anderen den Sound ihrer Instrumente für das jeweilige Stück eingestellt haben. Im Anschluss haben wir einfach mal zwei bis drei Takes gespielt, uns diese angehört und darü- ber geredet, was wir an Details verbessern können, wie beispielweise die Dynamik eines Songs. Danach ging’s zum Mittagessen beim Italiener unter dem Studio. Nachmittags haben wir von jedem Song noch einige Takes gespielt, bis wir den Eindruck hatten, dass wir von jedem Part die bestmögliche Version haben. Manchmal gab’s dann noch ein paar Overdubs, aber die haben wir bewusst sehr selektiv und spartanisch eingesetzt.« Die Vorbereitung und Einstellung des jeweiligen Sounds sind für Schneider elementar − für ihn ist es wichtig, sich auf jeden Song neu und individuell einzulassen. Dabei werden keine groben Veränderungen (wie beispielsweise ein Bassdrum-Wechsel oder die Verwendung eines anderen Overheads) vorgenommen, sondern vielmehr geht es ihm darum, an den Feinheiten zu schrauben und zu überlegen, was man bei den einzelnen Songs noch ein wenig herausheben und verstärken kann. »Erst wenn das alles fertig war, haben wir uns um den Gesang gekümmert. Und dann hatte man den Song schon zehn Mal gespielt, da es ja entsprechend auch noch einen Soundcheck gab, dann ging’s auch relativ schnell. Wir haben meistens etwa 45 Minuten Soundcheck gemacht und dann etwa eine Viertelstunde aufgenommen − den Rest haben wir meistens Pause gemacht. Viele Pausen sind sehr wichtig. Im Grunde haben wir zwei Mal eine Stunde pro Tag Musik gemacht.«

Moses Schneiders Recording-Philosophie

S_AnnenMayKantereitSchneiders Selbstverständnis ist puristisch wie effizient und zielt darauf ab, der Band innerhalb weniger Takes zu maximaler Spielstärke zu verhelfen und diese dann gekonnt einzufangen. Dies funktioniert für ihn nur beim Live-Recording. Bei diesem Verfahren, für das Schneider als absoluter Spezialist gilt, bedient er sich der Tatsache, dass jede Band, die gemeinsam Musik spielt, einzigartig ist. Jede musikalische Stimme ist für ihn ein individuelles Element, welches − wenn es ausgetauscht wird − eine neue und andere Einzigartigkeit bedeutet. Er setzt beim Produzieren daher auf eine Aufnahmesituation ohne Click-Track, weil dieser dazu führt, dass die Band einen Teil ihrer Einzigartigkeit, ihre Lebendigkeit, verliert. Eine Klicktrack-Produktion führt für Schneider zu einem enormen Verlust einer bedeutenden Charakteristik, von denen seine Aufnahmen leben: »Die Leute da draußen wollen doch Musik hören, da sagt doch keiner: ›Ich will’s mit Click-Track hören‹ oder sowas. Für Musiker und Produzenten ist es einfach die bequemere Art. Und wenn man sich mehr Zeit für zusätzliche Spielereien nehmen möchte, ist das auch völlig okay. Aber hey, wer braucht denn diese Spielereien noch? Lasst uns doch mal ganz ehrlich sein: Wer braucht die siebzigste Spur? Die braucht kein Mensch mehr, so sehe ich das zumindest.« Für Schneider ist es hingegen viel spannender, darauf zu achten, wann eine Band von ihrem musikalischen Ausdruck auf ihrem Höhepunkt ist und dass dieser Moment festgehalten wird. Eine Atmosphäre zu schaffen, wo diese Momente möglich werden, anstelle sich in endlosen Takes zu verlieren, das ist die Kunst Schneiders: »Du musst ja dieses Vakuum erzeugen, damit die Jungs richtig Bock haben, denn du willst ja diese Sachen nicht totspielen oder totdiskutieren. Dann sind es immer intensive Momente, und alle sind glücklich, weil alles cool ist. Dann geht das ziemlich fix.« Infolge der vorangegangenen EP-Aufnahmen sieht Schneider im tighten Zusammenspiel sowie den Basslinien zwei klare Stärken der Band, die er während der Albumproduktion noch weiter herausarbeiten und featuren will. Gerade der Bass, als neues aktives Element innerhalb der Band, steht für Schneider in klarem Zusammenhang mit dem Sound Design: So gibt es ihm bei einer knackigen Basslinie die Möglichkeit, den Sound härter einzustellen, um ihn insgesamt knackiger zu produzieren. Die Bedeutung von passenden Basslinien, welche er mit dem Band-Neuzugang Malte Huck gemeinsam im Team erarbeitet, stellt Schneider klar heraus: »Der Reiz liegt für mich auch darin, sich mal von der Stimme zu lösen, und sich mal um die Band zu kümmern, die da im Hintergrund so herumballert. Beim Bass beispielsweise schien mir, dass man diese Rolle noch ausarbeiten könnte, weil es ja bis dato keine Basslinien gab. Sie hatten ja am Anfang lediglich einen Hilfskontrabassisten dabei, der nur die Grundtöne gespielt hat − und da wusste ich, dass es viel Platz gibt. Deswegen ist die Platte auch sehr bassbetont, weil es somit quasi noch ein neues Instrument gab, was dem Gesang Paroli bieten kann. Das, finde ich, ist uns auf diesem Album auch ganz gut gelungen.«

Sound Design und Technik

Was das Sound Design anbelangt, so übernimmt Schneider das Konzept der EP, welches darauf basiert, so wenig wie möglich mit Overdubs zu arbeiten, um dem Konzerterlebnis so nahe wie möglich zu kommen. Beim Transfer vom Konzert zur Aufnahme muss jedoch das »Kopfkino«, wie er es nennt, die Faktoren, welche das Live-Feeling so einzig – artig machen, ausgleichen. Denn die Wahrnehmung im heimischen Wohnzimmer ist bekanntlich eine andere als beim Konzert:»Musik will man ja leise genießen können. Beim Konzert muss es doppelt so laut sein, du hast drei Bier getrunken, 25 Euro Eintritt gezahlt, ein T-Shirt gekauft, und das Licht macht dich auch an − wenn man all diese Faktoren wegnimmt und morgens die CD hört, dann braucht man eigentlich Overdubs oder ein Kopfkino, um das auszugleichen. Und da wir keine Overdubs gemacht haben, war klar, dass wir mit unseren Effekten arbeiten würden«, so Schneider. Infolgedessen bekommt jedes Instrument und somit jeder Klangcharakter ein eigenes Hallgerät. Hierbei spielt Schneider eine weitere Stärke des Hansa Studios, welches eine sehr gute Auswahl hochqualitativer Hallgeräte bereithält, aus. So wird von Engineer und Co-Produzent Tautorat ein umfangreiches Setup an Effekten vorbereitet, die in kürzester Zeit vom Pult aus beschickt, gepatcht und aufgenommen werden können. Für den Gesang fällt seine Wahl auf eine EMT 140-Platte, das Klavier bekommt ein AKG BX-20, für die Drums wird ein Lexicon 480 verwendet, und für die Akustik-Gitarre ein Lexicon 224. Darüber hinaus kommen ein Lexicon 224, ein Chorus Echo, ein AMS Delay, eine Space Station, ein kleines DynaComp Gitarren-Pedal sowie ein Eventide Harmonizer zum Einsatz. Für jeden Song können so die Instrumente mit den unterschiedlichen Send-Effekten kombiniert werden. »Das sind alles so Leckerlis«, erzählt der Produzent, »die wir natürlich auch gleich mit aufgenommen haben. Klar gibt es auch Plug-ins, aber wenn schon die Originale da sind, warum nicht die gleich nutzen? Insofern haben wir das Sound Design von der EP übernommen.« In Bezug auf die Drum-Aufnahmen spielt der Aufnahmeraum eine bedeutende Rolle. Das gesamte Schlagzeug wurde im Marmor-Raum der Hansa Studios aufgenommen, der in seiner Bauweise einer der ganz wenigen seiner Art weltweit ist, wie Taurorat schildert: »Trotz seiner relativ geringen Größe entwickelt er durch einen kompletten Marmor-Belag an Wänden, Decke und entsprechender Winkelung aller begrenzenden Flächen ein extrem dichtes und helles Reflexionsmuster, das uns die Möglichkeit gibt, durch geschickte Positionierung von Raummikrofonen beeindruckende räumliche Effekte zu erzielen.« Diese zu nutzen, aber trotzdem die Möglichkeit zu haben, je nach Klangvorstellung auf ein trockenes, reduziertes Setup zurückgreifen zu können, war die Grundidee der Drum-Mikrofonie von Tautorat und Schneider. Auf Basis dieser Überlegung arbeiten sie wenig mit Kondensator-Mikrofonen und nutzen hingegen größtenteils dynamische Mikrofone − sodass lediglich ein reines MonoOverhead und ein relativ kleiner Satz an Close-Mics zum Einsatz kommt. Zusätzlich stellen die Produzenten in den SchlagzeugAufnahmeraum noch einen Bassverstärker, durch den während der Drum-Recordings Bassdrum, Snaredrum und extra Toms aus – gesteuert werden. Den Raum zusätzlich mit mehr Drums aufzufüllen, ist eine Maßnahme, um dem Schlagzeugraum möglichst viel Energie von den Trommeln im Verhältnis zu den Becken zuzuführen. Alle Signale der Produktion laufen früher oder später durch die 4000er-SSL und in ein 192er-Interface, ansonsten verbleibt die Kette wie auch die Mikrofonierung des Setups konventionell. Als Mic-Pres werden neben den SSL-Pres unter anderem Tautorats Siemens V76, Millennia HV3D und APIs verwendet. Das, was die Signale gemeinsam haben, ist dass sie alle »to tape« umfangreich mit EQ und Kompression bearbeitet sind. Tautorat als Co-Produzent ist es wichtig, bereits bei der Aufnahme jedes Songs dem finalen Sound schon sehr nahe zu kommen: »Mein Wunsch ist es, bei jeder Session den Song im Studio schon so fertig wie möglich klingen zu lassen. Bei den meisten Produktionen werden solche Entscheidungen in der Regel auf die Mischung verschoben. Somit wurde für jeden Song ein separater Soundcheck von Nöten, der nahezu Mischungs-Charakter hatte, aber dafür sorgte, dass sich die Musiker schon bei der Aufnahme inmitten der korrekten Klangwelt bewegen konnten, was der Performance extrem zuträglich ist. Das ist uns offensichtlich so gut gelungen, dass es sogar ein Studio-Rough-Mix ohne weitere Mischung auf das Album geschafft hat.« Beim Bass entscheiden sich Taurorat und Schneider für eine Auswahl an drei Effekten: Neben einer Röhren-DI und einem SansAmp RBI wird der Orange-Amp von Malte Huck mikrofoniert, um von einem cleanen DI- bis zu einem angezerrten Sound alle Varianten abdecken zu können − und jeweils dem Song entsprechend wurde dann nur noch das passende Instrument gewählt. Das Instrumentarium des Albums bleibt schlicht und überschaubar: Sänger Henning spielt auf dem Steinway-Flügel sowie auf dem Fender Rhodes des Studios, Schlagzeuger Severin sein C&C Drumkit mit einer Auswahl von Paiste-Becken, Gitarrist Christopher eine Tacoma Akustik-Gitarre sowie eine 360er-Rickenbacker von Tautorat, dessen Fender Precision-Bass auch meistens von Malte Huck genutzt wird. Zudem werden mit Posaune und Trompete zwei Blechbläser für ausgewählte Passagen aufgenommen, die für einen der wenigen Overdubs auf der Platte zuständig waren.

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Post-Production und Ergebnis

Für den Mix greift Schneider auf einen alten Freund zurück, mit dem er schon oft gemeinsame Produktionen durchgeführt hat: Peter Schmidt (u. a. Die Ärzte, Beatsteaks, Blumfeld). Bei der Übergabe an ihn gibt es vorher immer eine Mail von Schneider mit einem Vorschlag, was er sich grob vorstellen kann, insbesondere, was die Effekte anbelangt, also wo welche musikalische Stimme im Mix positioniert sein soll oder ob beispielsweise der Bass noch einmal re-amped werden soll. »Und dann kommt er meistens einen Tag frü- her ins Studio, stellt die Mikros noch einmal auf, wodurch das Arbeiten mit ihm sehr easy ist.« Auch Tautorat zeigt sich von der Arbeit im Mix und dem Ergebnis durch Schmidt begeistert: »Peter hat in der Mischung die klangliche Faktur des Albums zudem so einwandfrei zu optimieren gewusst, dass ich nicht wüsste, wie es besser hätte laufen sollen.« Gemastert wurde das Album anschlie- ßend in den Monoposto Studios, Düsseldorf, von Michael Schwabe (u. a. Die Toten Hosen, Tocotronic, Wir Sind Helden). Beim erneuten Hören des Albums bei der Abnahme der Vinyl-Testpressung stellt Schneider erneut die Qualität der gemeinsamen Arbeit fest: Ein sehr nachvollziehbares und auf seine Art auch sehr simples Werk, dem man gerne zuhört, ist es für ihn geworden: »Es besticht durch sehr viel Einfachheit und ist sehr geradeaus, es gibt keine Umwege, sondern ist sehr straight.«

Für Engineer und Co-Produzent Tautorat bestand bei diesem Album die Herausforderung darin, den Songs einerseits klanglich gerecht zu werden und sie so authentisch wie möglich zu präsentieren, aber zugleich ein klangliches Umfeld zu schaffen, in dem der besondere Sound, den man mit der EP von 2015 geprägt hatte, erhalten bleibt und weiterentwickelt wird. Wichtig ist für ihn, weiterhin spezielle Sounds und Effekte in den Bandsound einzufügen und diesen zu erweitern, ohne dass sie sich wie Fremdkörper anfühlen: »Wenn ich das Album höre, denke ich, dass uns das voll und ganz gelungen ist. Jeder Song hat seine speziellen Momente, seine Sounds und seine kleinen Effekt-Spielereien, die aber in jedem Moment nur das unterstützen, was die Platte eigentlich ist, und nie überdecken, wie die Band von sich aus klingt. Wenn dabei ein solches Maß an klassischen Band-Sounds bewahrt werden kann, und sich ein in keinem Moment überproduziertes Album trotzdem nie leer anfühlt, dann bin ich mit dem Ergebnis so zufrieden wie ich es jetzt bin«, so Tautorat. Und auch die Band zeigt sich äußerst zufrieden, da der Ansatz der Produzenten, die Aufnahme als Konzerterlebnis zu begreifen und somit eine musikalische Momentaufnahme zu kreieren, gelungen ist. Es handelt sich um ein Album, auf das die Band lange gewartet hat und an dem konsequent, auch durch das unermüdliche Touren, gearbeitet wurde. Henning May über das Debüt der Band: »Ich glaube, es ist ein Album geworden, was sehr gut beschreibt, was wir aktuell sind. Die Musik, die man darauf hören kann, ist sehr nahe an dem, wie man es auch live auf den Konzerten hören können wird. Dann ist es ein Album, das uns sehr glücklich macht, weil wir viel von dem festhalten konnten, was lange in der Schwebe stand.« Laut Schneider entfalten die Aufnahmen zu Alles Nix Konkretes zudem eine emotionale Qualität der Songs, die eine ständige Gänsehaut erzeugen. Er geht davon aus, dass sie gemeinsam etwas geschaffen haben, an dem die Band sehr lange viel Freude haben wird. Schließ – lich beinhaltet das Album gereifte Songs, die teilweise bis zu 4 Jahre alt sind. Es ist der Luxus eines Debüt-Albums, ein »Best of« der bislang besten Songs zu veröffentlichen, wie er weiß: »Ein Debüt darf so klingen, wie es will, es darf sich alles leisten. Es rumpelt, klingt gleichzeitig unfassbar gut und warm − so eine Platte haben wir gemacht.«

Im Hansa Studio in Hamburg, wo Größen wie David Bowie, Depeche Mode, U2, R.E.M., Peter Maffay, Nina Hagen oder auch Udo Jürgens aufgenommen haben, können die Jungs typischen 70s-Recording-Studio-Charme erleben. (Bild: MARTIN LAMBERTY, FABIEN J. RACLET)

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