Studiotipps Kniffe: die die Welt verbessern

Wann ist ein Plug-in gut genug?

(Bild: MATTHIAS ZERRES)

Heute können wir mit einem Mausklick legendäre Mischpulte im Rechner simulieren, die es vor wenigen Jahren niemals in ein mittelgroßes Studio geschafft hätten. Virtuelle Synthesizer versprechen uns, genauso analog zu klingen wie das Hardware-Vorbild. Es gibt für jeden Einsatzzweck in – zwischen jede Menge Auswahl und unterschiedlichste Hersteller, die alle für sich behaupten, eine bestimmte legendäre Nuance ins Plug-in-Universum zu retten. Aber selbst, wenn es stimmt: Bringt uns das wirklich was?

Im Laufe der Jahre hat sich mein Plug-in- Ordner immer mehr gefüllt. Neben vielen Freeware-Plug-ins sind nach und nach auch die üblichen Standards hinzugekommen, wie wahrscheinlich bei jedem von uns. Und selbst wenn du gerade erst anfängst, deine ersten Tracks aufzunehmen, vermute ich, dass dein Plug-in-Ordner in einem Jahr auch wesentlich umfangreicher ausfallen wird. In meinem Ordner finden sich unter anderem mehrere SSL-Plug-ins, wobei jedes Plug-in für sich beansprucht, eine große Packung legendärer Mixtricks auf Knopfdruck in mein virtuelles Studio zu kippen. Am besten müsste wahrscheinlich die SSL-Duende-Simulation sein, die kommt schließlich direkt vom Hersteller! Die nutze ich auch wirklich sehr häufig, aber greife beinahe genauso oft zu Waves E-Channel. Sagt die Tatsache, dass ich mal die eine oder die andere Simulation benutze, überhaupt etwas über die Qualität der Plug-ins aus? Und sowieso liest man doch immer wieder, dass es beispielsweise bei digitalen EQs doch gar nicht so viele Unterschiede gibt, oder doch? Wozu überhaupt so ein spezielles Plug-in, vielleicht schaffen die Bordmittel im Audiosequenzer ja genau die gleichen Sounds?

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ACCESS VIRUS A ALS PLUG-IN

Neulich wollte ich ein paar Sounds, die ich vor vielen Jahren mit den Synths Access Virus A und B gebastelt hatte, irgendwie ins Software-Universum bekommen, um die Songs ohne Hardware einfach zwischen zwei Studios per E-Mail hin und herschicken zu können. Multisamples wären da natürlich eine Lösung, aber im Grunde müsste man so etwas doch heute problemlos mit einem guten Software-Synthesizer nachbauen können, oder? Ich hatte mich als ersten Software-Kandidaten für Synapse Audio Dune entschieden, weil mich die Filterschaltungen des Plug-ins in Kombination mit der Verzerrung bisweilen öfter an den Virus erinnert haben, auch wenn das Plug-in sicherlich keine authentische Virus-Simulation sein möchte! Erstaunlicherweise gingen die ersten Schritte des Experiments relativ schnell: Ein einfacher Bass-Sound mit Verzerrung, dessen Filterfrequenz über einen LFO leicht moduliert wird, bekomme ich mit dem Plug-in in Kürze nachgestellt und bin überrascht. Klingt doch gar nicht so schlecht?! Im Direktvergleich spielt mir nun die Lautstärke oft einen Streich − das Thema hatten wir auch schon häufig in den Studiotipps! Wenn man die ganze Zeit konzentriert zwischen zwei Sounds umschaltet und immer den gleichen Tastaturbereich spielt, dann glaubt man irgendwann, dass das Ergebnis nun sehr dicht dran sei. Sobald sich die Lautstärke aber ändert oder der Ton wesentlich höher oder tiefer gespielt wird, passt es doch wieder nicht. Am Ende habe ich mit diversen Verknüpfungen in der Modulationsmatrix rumgetrickst und war nach knapp 10 Minuten endlich da, wo ich auf dem Virus in weniger als einer Minute war.

LOHNT SICH DAS?

Wenn ich im Song nun zwischen der Hardware und dem Plug-in umschalte, höre ich bei diesem Sound keinen Unterschied, der wirklich relevant für den Mix wäre. Im Bassbereich und generellen Klangcharakter gibt es winzige Unterschiede, auch der Attack der Hardware passt etwas besser in den Kontext. Hätte ich diesen Vergleich aber nicht und wüsste den Hintergrund des Experiments nicht, hätte ich im Ergebnis immer auf einen Access Virus als Klangerzeuger getippt. Das Ergebnis ist auch deshalb dicht dran, weil die benutzten Bereiche des Virus in diesem speziellen Fall ganz gut mit der Klangstruktur und den Möglichkeiten des Plug-ins zu simulieren sind. Betrachten wir den Zeitfaktor: Der Sound ist auf dem Virus »mal eben« so eingestellt und dann im Laufe des Songs angepasst worden. Das Nachprogrammieren per Software dauerte in diesem Fall aber beinahe so lange wie das Absampeln des Originals …


Sound&Recording – Drum Recording Special

sr_0716_1Die Sommer-Ausgabe 07-08/16 von Sound&Recording steht ganz im Zeichen der Königsdisziplin im Studio – denSchlagzeug-Aufnahmen. In unserem Drum Special haben wir über 100 Mikrofone an den Drums miteinander verglichen. Udo Masshoff gibt euch Tipps, zum Stimmen des Schlagzeugs für eure Recordings. Außerdem beschäftigen wir uns mit den Themen Drum Editing in Studio One 3mobilen Drum Recordings und damit, wie ihr mit NI Massive einen Layer für die Kick Drum basteln könnt.

 

Weitere Themen:
  • UAD Fender `55 Tweed – Software-AMP
  • iZotope VocalSynth – Vocal Effekte aus dem Rechner
  • Zu Besuch bei Boutique-Hersteller Royer Labs
  • Mixpraxis: Rik Simpson mischt Coldplay – Hymn For The Weekend uvm.

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DER VERGLEICH IST UNFAIR

Natürlich wird jetzt der eine oder andere einwerfen: Das ist doch alles Quatsch! Man darf doch nicht einfach eine beliebige Einstellung eines Synthesizers in einem völlig anderen Plug-in nachprogrammieren und daraus irgendwelche Erkenntnisse ableiten? Zumal selbst der Access Virus A viele Funktionen bietet, die mit dem Dune-Plug-in nicht einmal ansatzweise umzusetzen sind. Da ist es doch logisch, dass auch der Zeitaufwand höher ist! Und hätte ich den Ausgangssound nicht mit einem Access Virus, sondern mit dem Plug-in erzeugt, wäre das Ganze vielleicht genau andersherum ausgegangen! Worum es mir geht, ist das Ergebnis: Als ich die Sounds nun im anderen Studio geöffnet habe, kam dort natürlich sofort die Frage auf, wie dicht das Plug-in denn am Original dran war: schon sehr dicht! Hätte ich keinen Direktvergleich, würde ich wahrscheinlich auf die Hardware als Ausgangssignal tippen. Die – se Aussage ist korrekt − ungefähr genauso, wie eine SSL-Simulation bei bestimmten Signalen eventuell kaum vom Original zu unterscheiden sein mag! Und dennoch ist das alles eben nur eine Seite der Medaille und hat im Alltag weitaus weniger Aussagekraft, als uns die Werbung suggerieren will. Wenn ich die Sounds nämlich direkt mit dem Plug-in erstellt hätte, wäre ich niemals bei den Sounds gelandet, die ich auf dem Virus erstellt habe! Das Plug-in kann vielleicht bei manchen Sounds recht ähnlich klingen, aber ohne den Direktvergleich verleitet es vielmehr dazu, die eigene Klangerzeugung auszunutzen und Klänge mit einem völlig anderen Charakter zu er stellen. Was uns beim Vergleich zwischen Virus und Dune noch einleuchtet, weil die Klangstrukturen und Möglichkeiten andere sind, will uns bei einem Plug-in mit exakt den gleichen Knöpfen und fotorealistischen Oberflächen nicht mehr ganz so einfach scheinen.

Ein Virus-Sound nachgebaut im Software-Synthesizer Dune. Um dem Klangcharakter des Originals wirklich nahe zu kommen, muss man aber ein wenig tricksen und beispielsweise statt der normalen Wellenform auf eine Dune-Wavetable ausweichen oder in der Modulationsmatrix einige Details anpassen. (Bild: MATTHIAS ZERRES)

GRENZEN AUSLOTEN

Diese Vergleiche habe ich in den letzten Jahren häufig versucht. Beispielsweise habe ich vor einigen Jahren Toneboosters CompressorPlug-in genutzt, um damit genau die Einstellung zu simulieren, die ich in einem Mix mit einem zumeist sehr viel teureren Plug-in oder einem Hardware-Kompressor umgesetzt hatte. Schließlich ist das Plug-in ja angeblich sehr flexibel − und dieses Wort aus der Werbung muss doch mal mit Inhalten gefüllt werden! Bei manchen Spuren gab es tatsächlich Bearbeitungen, die waren so dicht dran, dass ich im Blindvergleich nicht sagen konnte, welche Variante es war! Aber auch dort muss man den Prozess einbeziehen, wie die Bearbeitung entstanden ist. Die Ausgangslage ist ja eine Bearbeitung mit einem völlig anderen Kompressor. Hätte ich diese spezielle Einstellung jemals gewählt, wenn ich nur und ausschließ – lich Toneboosters Compressor gehabt hätte? Wohl eher nicht …

DER WEG DAHIN

Der eigentliche Clou besteht darin, das Plugin so zu gestalten, dass jede mögliche Bearbeitung sich genauso anhört wie das Original. Ein paar Presets so zu simulieren, dass sie vom Original kaum zu unterscheiden sind, gelingt oft auch den eher einfachen Simulationen. Aber im Idealfall sollte ein Plug-in uns bereits beim Erstellen auf den gleichen Weg führen wie das Schrauben an der echten Hardware! Nur dadurch ist es überhaupt möglich, zu einem identischen oder vergleichbaren Ergebnis zu kommen. Natürlich könnte man manche Einstellung vielleicht auch mit einem anderen Plug-in nachbauen, aber dies klappt dann nur im speziellen Direktvergleich und dauert eventuell auch viel zu lange. Niemand braucht so etwas im Alltag! Das erklärt auch, warum eine gute Simulation beispielsweise von einem SSL-Kanalzug durchaus auch dann noch Sinn ergibt, wenn wir im Rechner bereits viele gute Kompressoren und EQs in der Bordausstattung unseres Sequenzers haben. Ob das Plug-in das letzte bisschen Detailreichtum einer legendären Mischpultkonsole dann wirklich in den Rechner holt, wird beinahe nebensächlich, sofern die Interaktion zwischen den einzelnen Elementen so ausgeklügelt und optimiert daherkommt wie beim Original. Es kann je nach Hardware-Vorbild bisweilen sehr komplex sein, wie sich selbst eine einfachere Schaltung verhält. Eine kleine analoge Schaltung ist mit den bekannten Code-Beispielen aus Fachbüchern und Foren relativ schnell nachgebaut, verhält sich aber ohne jede Menge Feinarbeit nie so wie das Original.

FAZIT

Kaufen wir mit einer guten Simulation wirklich das virtuelle Gegenstück zur Hardware? Betrachtet man viele Klänge einzeln im Direktvergleich zum Original; wird das bei den besseren Plug-ins sicher stimmen. Aber ob das Plug-in uns wirklich zu dem gleichen Ergebnis führt, ohne das Original im Zugriff zu ha – ben, das ist eigentlich die interessante Frage. Vielleicht brauchen wir bei der Betrachtung bestimmter Bearbeitung wirklich keine neuen Plug-ins mehr, es gibt ja auch jede Menge Auswahl auf dem Markt. Aber eine gute Simulation kann uns gezielt dahin führen, einen bestimmten Stil zu kreieren, anders zu mischen und den Gesamtmix zu gestalten. Und da gibt es auf jeden Fall noch jede Menge Potenzial! Ich kann solche Nachbau-Experimente übrigens nur weiterempfehlen, sofern dafür mal etwas Zeit im Studio ist. Denn ganz nebenbei lernen wir dabei eine Menge über die Möglichkeiten und Grenzen unserer Plug-ins. Viel Spaß dabei!

 

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